Flurförderzeuge
Sicherheit wird elektronisch
Elektronische Assistenzsysteme verbessern die Sicherheit von Flurförderzeugen. Die Staplerhersteller sind hier sehr innovativ, aber auch unabhängige Anbieter entwickeln interessante Lösungen. ABS, EPS, Bremsassistent: Wer beim Auto von aktiver Sicherheit spricht, meint zumeist elektronische Assistenzsysteme.
Das ist beim Stapler nicht anders. Zwar gibt es ganz wichtige Grundvoraussetzungen für Sicherheit, die ganz ohne Elektronik zu realisieren sind - zum Beispiel eine möglichst ungehinderte Sicht des Fahrers in alle Richtungen und eine hohe Kippstabilität des Fahrzeugs. Aber erst mit der zunehmenden „Elektronifizierung“ der Flurförderzeuge lassen sich komplexe Sicherheitsfunktionen in die konstruktive Praxis umsetzen, die proaktiv agieren und Unfälle vermeiden können.
Ein Beispiel dafür ist das von Atlet entwickelte Sicherheitssystem S3 der neuen UNS-Tergo-Stapler. Das System erfasst die Hubhöhe der Gabel, das Gewicht der Last, den Ausfahrzustand des Schubmastes und die Lenkbewegungen. Anhand dieser Parameter wird die Kurvengeschwindigkeit sowie die Beschleunigung entsprechend begrenzt.
Damit werden die gefährlichen Kippunfälle vermieden. Auch das Ansprechen des Lenkrads auf Lenkbewegungen wird in Analogie zur Geschwindigkeit verändert. Diese Zusatzfunktion verhindert, dass der Fahrer z.B. in engen Kurven den Stapler durch schnelle Lenkbewegungen in eine instabile Situation bringen kann.
Toyota darf im Bereich elektronischer Fahrerassistenzsysteme als Pionier gelten, und das 1999 erstmals eingeführte „System für aktive Stabilität“ (SAS) hat sich inzwischen in verschiedenen Baureihen bewährt. Kern des Systems ist ein Verriegelungszylinder, der die Pendelbewegung der Hinterachse blockiert. Insgesamt zehn Sensoren, drei Aktoren und eine Steuereinheit überwachen Geschwindigkeit, Lenkbewegung, Mastneigung und weitere Parameter, die von einer zentralen Elektronik ausgewertet werden.

Damit erhöht man die dynamische Seitenstabilität und verhindert ein Umkippen des Staplers. Sichtbar wird diese Funktion bei Testfahrten dadurch, dass auch bei sehr schneller Kurvenfahrt das vordere Innenrad den Bodenkontakt behält. Zusätzlich wird nicht nur der Stapler selbst, sondern auch die Last stabilisiert - z. B. durch eine Neigewinkelbegrenzung des Mastes nach vorn.
Das unabhängige Institut „Union Technique de l´Automobile, du Motocycle et du Cycle (UTAC) hat kürzlich die Wirksamkeit dieses Systems unter Praxisbedingungen erprobt. Im Auftrag von Toyota Material Handling wurde von vier verschiedene Gegengewichtsstaplern ein Testparcours mit engen Kurven bei hoher Geschwindigkeit durchfahren. Dabei erreichte der beteiligte Toyota-Teststapler - ein Toyota Tonero mit 2,5 t Tragfähigkeit - bei allen Anforderungen die höchste Bewertung.
Zur CeMAT: Erster E-Stapler mit serienmäßiger Traktionskontrolle Linde wird zur CeMAT 2011 eine neue Elektrostapler-Baureihe mit Tragkräften von 2 bis 5 t vorstellen, die serienmäßig mit einer Traktionskontrolle ausgestattet sind: Der Zwei-Motoren-Frontantrieb mit jeweils 9 bzw. 11,9 kW wird so gesteuert, dass sich die Antriebskraft individuell und in Abhängigkeit von der Traktion auf beide Motoren verteilt. Auf diese Weise steht auch dann Zugkraft zur Verfügung, wenn ein Rad durchdrehen sollte.
Für sicheres Halten an Rampen und Steigungen sorgt die automatische Handbremse, die auch beim Absteigen des Fahrers schnell und sicher einfällt. Zusätzliche Sicherheit bietet der Linde Drive Assistant, der automatisch die Geschwindigkeit reduziert, wenn der Bediener zu schnell in die Kurve geht.

Eine ähnliche Funktion bietet Nissan in seinen Geräten. Ein weiteres Sicherheitsmerkmal ist die selbsttätige Lenksynchronisierung. Sie sorgt dafür, dass die Endposition des Lenkradknaufs nach einem Lenkmanöver immer mit der Ausgangsposition vor dem Lenkvorgang übereinstimmt.
Still hat beim neuen RC 40 mit der „Move Control“ eine nach eigenen Angaben einzigartgige Sicherheitsfunktion realisiert. Basis dieser Funktion ist die Zwillingspedalsteuerung. Drückt der Fuß des Fahrers in die Mitte zwischen den beiden Pedalen, erhöht der Dieselmotor je nach Pedalstellung seine Drehzahl, ohne dabei vor- oder rückwärts loszufahren. Damit vermeidet man das sonst übliche Kriechen: Der RC 40 fährt erst los, wenn der Fahrtrichtungsschalter auf Vorwärts- oder Rückwärtsfahrt steht und das Gaspedal betätigt wird.
Sicherheit im Schmalgang mit RFID Die RFID-Technik trägt ebenfalls dazu bei, dass neue Sicherheitsfunktionen realisiert werden können - darauf weist Atlet hin. Abschnittsweise kann z.B. die Geschwindigkeit im Schmalgang reduziert oder die Hubhöhe begrenzt werden. Das Lesegerät befindet sich am Stapler und kommuniziert mit der Steuerung, die „Tags“ werden an den Lagergassen angebracht und geben der Staplersteuerung Signale.
Jungheinrich verwendet RFID für die halbautomatische Navigation von Schmalgangfahrzeugen im Lager. Durch die Kombination mit einer Wegmessung ist eine exakte Standortbestimmung des Fahrzeugs in der jeweiligen Lagergasse möglich. Das schafft die Voraussetzung dafür, Zusatzfunktionen wie das Abbremsen vor Quergassen oder am Ende einer Lagergasse zu realisieren.
Konecranes hat für seine Großstapler ebenfalls ein neues Sicherheitssystem auf der Basis von RFID-Technologie realisiert. Ausgangspunkt war ein Kundenwunsch: Bei einem Staplerbetreiber fahren die Geräte häufig unter Gurtförderbändern hindurch, und um Kollisionen zu vermeiden, sollte sichergestellt werden, dass dabei der Mast abgesenkt ist.
Konecranes entwickelte daraufhin das „NearGuard“-System, das aus zwei RFID-Sensoren am Hubmast und RFID-Tags an den Gurtförderern besteht. Der Abstand zwischen Sensor und Tag wird auf einem Bildschirm angezeigt; bei einem definierten Mindestabstand ertönt ein Warnsignal, das den Fahrer auf eine gefahrbringende Situation hinweist.
Nach Angaben von Konecranes kann man dieses System auch zum Schutz von Personen verwenden, indem man die RFID-Tags an deren Arbeitskleidung anbringt. Natürlich sind nicht nur die Flurförderzeug-Hersteller selbst bemüht, neue und wirksame Sicherheitssysteme vorzustellen. Auch Zulieferer sind in diesem Feld aktiv.
Die tbm hightech control GmbH hat zum Beispiel ein berührungslos wirkendes Sensorsystem für den innerbetrieblichen Warentransport entwickelt, das zum Ziel hat, Unfälle und Sachbeschädigungen an Fahrzeugen und Einrichtungen zu verhindern.

Beim Einsatz des Kollisionsschutz-Systems mit der Bezeichnung „NoColl“ werden Gefahrenstellen und die entsprechenden Fahrzeuge mit kompakten Sensoren ausgestattet. Die Sensoren stellen eine Kommunikation zwischen dem mobilen Fahrzeug (Gefahrerzeuger) und dem Baukörper her. Innerhalb der markierten Gefahrenbereiche kann der Stapler dann z.B. nur noch so schnell fahren, wie es vorher durch Parametrierung der NoColl-Steuerungselektronik am Fahrzeug festgelegt wurde.
Ganz wichtig ist die Bremsfunktion, die rechtzeitig dann eingeleitet wird, wenn eine Kollision zu erwarten ist. Der optische Interaktionsbereich (Keule) eines NoColl-Sensors ist ca. 12 Meter lang und hat ein Durchmesser von 6 Metern.
Diese „Vorausschau“ ist ausreichend, um die Fahrzeuge abzubremsen, wenn sie sich auf Kollisionskurs befinden. Und damit ist die Entwicklung der Assistenzsysteme noch nicht am Ende angekommen: Die CeMAT wird in wenigen Wochen sicherlich auch Neuheiten auf dem Gebiet der Staplersicherheit zeigen.
Rund 60 Unfälle pro Tag Nach Angaben von tbm hightech control - ein Unternehmen, das Personenschutzsysteme für Flurförderzeuge herstellt - kommt es täglich zu rund 60 meldepflichtigen Unfällen mit Gabelstaplern in Deutschlands Betrieben. Dass Unfälle mit Flurförderzeugen vergleichweise schwere Folgen haben, zeigt die Tatsache, dass sie 1 % aller Arbeitsunfälle ausmachen, aber 2 % aller durch Rentenzahlung entschädigten Unfälle. Zudem sinkt ihre Zahl im langjährigen Mittel nicht so stark wie die Gesamtheit der Arbeitsunfälle.

Atlet Flurförderzeuge GmbH, E-Mail: [email protected], www.atlet.de Jungheinrich AG, E-Mail: [email protected], www.jungheinrich.de Konecranes GmbH, E-Mail: [email protected], www.konecranes.de Linde Material Handling GmbH & Co. KG, E-Mail: [email protected], www.linde-mh.de Nissan Forklift, E-Mail: [email protected], www.nissanforklift.de Still GmbH, E-Mail: [email protected], www.still.de tbm hightech control GmbH, E-Mail: [email protected], www.tbm.biz Toyota Material Handling Deutschland GmbH, E-Mail: [email protected]









