Gastbeitrag

Prof. Dr. Michael ­Schreckenberg,

Welche Welt darf es 2023 sein?

Michael Schreckenberg lehrt an der Universität Duisburg-Essen als Professor für Physik von Transport und Verkehr. Einmal im Jahr richtet er sich an die Leser von materialfluss, früher von LT-manager, mit einem kritisch-humorvollen Expertenbeitrag über die Verkehrs- und Umweltpolitik.

Klug, kritisch, gut gelaunt: Prof. Dr. Michael Schreckenberg. © Privat

Wie hieß doch so schön der Titel eines der letzten Bond-Filme: „Die Welt ist nicht genug“. Nach dem Motto scheinen heutzutage nicht wenige zu verfahren und nähern sich merklich irrealem Größenwahn. Dabei bezieht sich das keineswegs nur mehr auf physikalische Realitäten um uns herum, sondern längst sind diese Ideen im digital erweiterten Pseudouniversum mit Macht angekommen.

Von „Welt“ darf man dabei eigentlich gar nicht mehr reden, handelt es sich doch vielmehr um „Plattformen“, um die sich letztendlich alles dreht wie die Erde um die Sonne. Startpunkt ist eigentlich immer die Unzulänglichkeit und Unvollkommenheit der uns als Lebensraum lediglich (bisher jedenfalls) zur Verfügung stehenden Mutter Erde.

Spätestens seit 2017 hat der Journalist David Wallace-Wells mit dem in der 52-jährigen Geschichte des wöchentlich erscheinenden „New York Magazine“ meistgelesenen Artikel „Die unbewohnbare Erde“ und dem zwei Jahre später veröffentlichten gleichnamigen Bestseller-Buch die Klima-Apokalypse mit Wucht ins Schaufenster der Zukunftsvisionen gerückt. So sprach UN-Generalsekretär António Guterres bei der Weltklimakonferenz in Ägypten sogar von einem „Highway to Climate Hell“ (in Anspielung auf einen bekannten AC/DC-Hardrock-Song). Herr Guterres hat dabei aber offensichtlich nicht das deutsche Autobahnnetz oder gar die A45 im Sinn gehabt, denn dann müssten wir uns eigentlich keine Gedanken machen! Oder vielleicht doch, es wäre dann der Weg das Ziel …

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Jetzt aber ist Wallace-Wells plötzlich zurückgerudert und meinte unlängst in einem Nachfolgeartikel („Jenseits der Katastrophe: Eine neue Klimawirklichkeit kommt in den Blick“), es würde alles nicht (ganz) so schlimm werden. Vom bösen Wort „Hölle“ will man jetzt eigentlich eh nichts mehr hören, ebenso wie seinerzeit schon Kopernikus und Nietzsche ihre Existenz überhaupt verneinten (sogar mal Papst Franziskus, der Vatikan sammelte das aber umgehend ein). Die Diskussionen zu dem Thema bleiben jedenfalls en vogue in 2023.

Derweil Klimaaktivisten („Letzte Generation“) auf sich mit ihrem eigenen klebrigen „Doppel-Wumms“ unrühmlich aufmerksam machen. Tomatensuppe und Kartoffelbrei auf teure Gemälde mit gleichzeitiger „Verklebung“ ihrer Hänge gegen Abtransport sollen zeigen, wie ernst die Lage ist. Zunehmend wird auch der fließende Verkehr durch Klebeblockaden attackiert. Ein wachsender Markt an Protesten: Tendenz steigend.

Wem das alles zu viel wird, kann sich einfach aus der Thematik herausstehlen, wie Facebook-Gründer Mark Zuckerberg kürzlich ins Spiel gebracht hat. Die aktuelle Idee des Vor standsvorsitzenden des Unternehmens „Meta Platforms“ ist eine neue Art Parallelwelt, diesmal eine digitale, „Metaverse“ (oder Metaversum) genannt. Diese soll aber ganz eng verzahnt sein mit der realen Welt und irgendwo darüber („meta“) angesiedelt sein. Man soll sich dann nahtlos zwischen den Welten hin und her bewegen können. Das Konstrukt stellt letztendlich eine Steigerung der Virtuellen Realität (VR) dar, nur mit viel mehr Möglichkeiten.

Beispielsweise reist man dann als Avatar durch die ganze Welt und kann sich dort unterwegs mit Freunden treffen, Dates wahrnehmen oder sogar richtig (Krypto-)Geld verdienen. Die Avatare muss man sich tatsächlich als künstliche, selbst geschaffene Personen oder einfach graphische Figuren vorstellen. In Computerspielen ist so etwas ja schon gang und gäbe.

Die Idee mit den Computer-Avataren und dem Metaversum stammt eigentlich aus dem Science-Fiction-Roman „Snow Crash“ des amerikanischen Schriftstellers Neal Stephenson von 1992. In dieser tiefdunklen Endzeitprosa wird eine Welt präsentiert, in der sich der Staat vollständig aus dem öffentlichen Leben zurückzieht und alles, auch Polizei und Justiz, ja sogar Regierungen und damit Staaten, privatisiert ist. Aus dieser furchtbaren „anarchokapitalistischen Dystopie“ (was für ein toller Ausdruck!) kann man nur als Avatar in ein Metaversum fliehen. Das Wort „Avatar“ stammt übrigens vom altindischen Sanskrit (Avatara) ab, und bedeutet so viel wie Abstieg. Damit ist im Hinduismus das Herabsteigen einer Gottheit in irdische Gefilde gemeint.

Abgestiegen ist aber kein Gott, sondern lediglich der Aktienkurs von Zuckerbergs Konzern Meta. Denn der Börsenwert sank innerhalb weniger Stunden um nicht weniger als 67 Milliarden Dollar, das entspricht 25 Prozent des Marktwertes, seit Jahresbeginn sind es sogar über 70 Prozent. Ein Grund ist das Metaversum, das jede Menge Entwicklungskosten für neue virtuelle Welten verschlingt, der Umsatz ist aber vergleichsweise gering. Dass das Projekt irgendwann doch zum Erfolg werden könnte, ähnelt einer Wette mit ungewissem Ausgang. Zuckerberg agiert nach der Poker-Regel „All-In“. Er hat ja noch einiges in der Hinterhand. Zudem kann er dann doch auch ins Metaversum fliehen, um dort die Welt zu retten. Das können die 11.000 Mitarbeiter, die jetzt entlassen werden sollen, wohl eher nicht.

Bei all dem Durcheinander taucht dann auch noch, von den meisten fast unbemerkt, die VUKA-Welt auf. Damit ist eigentlich die Kapitulation des menschlichen Geistes vor dem gemeint, was gerade dieser anrichtet. Klingt furchtbar, ist es auch. VUKA steht einfach für volatil, unsicher, komplex und ambivalent. Aus den vier Zutaten kann man sich ein schön scharfes Chaos-Süppchen rühren. In dieser Welt fällt es Unternehmen immer schwerer, am Markt erfolgreich zu bleiben. Dieser wird geprägt durch sich schnell ändernde Rahmenbedingungen, fehlende Planungssicherheit, komplexe Netzwerke sowie mehrdeutige und widersprüchliche Informationen. Der Hauptdruck kommt durch die Geschwindigkeit, mit der alles geschieht. Ursprünglich kommt der Begriff vom amerikanischen Militär und beschreibt die Zustände in Kriegsgebieten. Traurige Realität und hochaktuell, insbesondere im Jahr 2023.

Bei all den Beschädigungen rückt der Begriff der Resilienz immer mehr in den Fokus. Eigentlich der Psychologie entlehnt, beschreibt er die Robustheit eines Systems beim Auftreten von Störungen. Davon haben wir genug, nicht nur mit Blick auf die maroden Brückenbauwerke. Das gezielte Durchtrennen von Leitungen, wie bei der Bahn geschehen und gesehen, kann ganze Landstriche lahmlegen. Verhindern kann man die Angriffe wohl so einfach nicht, man sollte sich mehr mit den möglichen Folgen beschäftigen.

Aber dann bleibt ja immer noch das Metaversum, falls Zuck (so sein Name bei Instagram) das Ruder noch rumreißen sollte. Er scheint die VUKA-Welt überholen zu wollen, doch dazu sind seine Avatare offensichtlich nicht schnell genug. Auf jeden Fall gibt es 2023 in unserer (schönen neuen?) Welt genug zu tun.

Über den Autor: Prof. Dr. Michael ­Schreckenberg, geboren 1956, studierte Theoretische Physik an der Universität zu Köln, an der er 1985 in Statistischer Physik promovierte. 1994 wechselte er zur Universität Duisburg-Essen, wo er 1997 die erste deutsche Professur für die Physik von Transport und Verkehr erhielt.

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