WMS-Transformation

ah/mm,

"Viele Unternehmen digitalisieren ihre Ineffizienz"

Für die erfolgreiche Umsetzung eines WMS-Projekts ist eine Vielzahl an Aspekten zu beachten. © Funtap/stock.adobe.com

Automatisierung boomt – doch viele Lager werden durch ihr WMS ausgebremst. Warum moderne Technik ohne saubere Prozesse und flexible Softwarearchitektur ihr Potenzial verfehlt, erklärt Benjamin Hölzle, Director SCM & Logistik und Partner bei TMG Consultants, im Interview.

Herr Hölzle, TMG Consultants hat kürzlich eine Studie zur WMS-Transformation veröffentlicht, die sich teilweise wie eine Warnschrift liest. Warum ist das so? Übertreiben Sie bewusst?

Benjamin Hölzle, Director SCM & Logistik und Partner bei TMG Consultants © TMG Consultants

Benjamin Hölzle: Nein, ganz im Gegenteil. Die Ergebnisse unserer Studie sind sehr nüchtern erhoben. Die Konsequenzen, die sich daraus ergeben, sind allerdings erheblich. Wir wollten herausfinden, wie gut Unternehmen der produzierenden Industrie für eine Automatisierung ihrer Lager aufgestellt sind. Der Zeitpunkt dafür ist bewusst gewählt: Viele Betriebe stehen mit dem Wartungsende des weit verbreiteten SAP-WM-Moduls vor einer der größten logistischen Weichenstellungen der letzten Jahre. Die meisten Unternehmen behandeln das aber wie ein technisches Pflichtprogramm. Genau damit beginnen die Probleme.

Was bedeutet das genau, was ist Ihre Botschaft?

Hölzle: In der Intralogistik erleben wir aktuell einen massiven Investitionsschub in Automatisierung, Robotik und Fördertechnik. Gleichzeitig zeigen unsere Daten sehr klar: Die softwareseitige Basis hält mit dieser Entwicklung nicht Schritt. Die produzierende Industrie hat jetzt eine Once-in-a-Lifetime-Chance, Prozesse und Automatisierung neu zu denken und sich dadurch einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen, der auf Jahre hinauswirkt. Die eigentliche Frage, die man sich stellen sollte, lautet: Nutzen wir die Situation, um unsere Logistik strategisch neu aufzustellen, oder kopieren wir unsere gewohnten Prozesse in ein neues System? Unsere Studie zeigt leider sehr deutlich: Ein Großteil der Unternehmen entscheidet sich für Letzteres.

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Wo sehen Sie den größten Bruch zwischen Anspruch und Realität?

Hölzle: Es ist das Zusammenspiel von WMS, Materialflusssteuerung und Automatisierung. Fast alle Unternehmen planen den Ausbau automatisierter Lagertechnik oder den Einsatz von AGVs, AMRs oder Shuttle-Systemen. Gleichzeitig richten sie ihren Blick bei der WMS-Auswahl vor allem auf einen schnellen, möglichst einfachen Rollout. Das ist ein ganz klarer Zielkonflikt – und der wird in vielen Projekten ignoriert.

Warum ist das so problematisch?

Eine durchdachte Automatisierungsstrategie braucht Flexibilität und offene, standardisierte Schnittstellen. Das können viele Warehouse-Management-Systeme nicht leisten oder sie sind dafür einfach nicht ausgelegt. Die Folge ist, dass leistungsfähige Technik weit unter ihrem Potenzial bleibt oder bei veränderten Anforderungen immer wieder teure Anpassungskosten anfallen.

Schaut man Ihre Studie an, sind es vor alle die Prozesse, die massive Defizite aufweisen. Wo liegt genau hier das Problem?

Hölzle: Man muss die Zahlen für sich sprechen lassen. Es sind nicht nur einzelne Unternehmen, die Lücken in ihrer Prozessdokumentation haben, es sind 82 Prozent. Das bedeutet, dass vier von fünf Unternehmen überhaupt keine belastbare Grundlage für eine erfolgreiche Transformation haben. Für manuelle Lager ist das schon kritisch, für automatisierte Lager ist das fatal. Laut unserer Studie plant mit 95 Prozent nahezu jedes Unternehmen in den kommenden Jahren, Prozesse zu automatisieren. Ineffiziente Prozesse werden durch Automatisierung aber nicht besser. Im Gegenteil: Bleibt der Ist-Zustand unverändert, digitalisieren viele Unternehmen schlichtweg ihre Ineffizienz.

Trotzdem setzen viele Unternehmen weiterhin auf bekannte Systeme und Anbieter. Warum ist das so problematisch?

Hölzle: Sie tun dies vermutlich aus einem Gefühl der vermeintlichen Sicherheit heraus. Auch das sieht man an den Ergebnissen: Über 60 Prozent der Befragten kennen neben SAP maximal drei WMS-Anbieter. Aus technischer und strategischer Sicht ist das gefährlich. Wer seinen Markt nicht kennt, kann keine fundierten Entscheidungen über seine IT-Architektur treffen und landet oft unbemerkt in einer starken Abhängigkeit von einzelnen Anbietern.

Auch das Projektmanagement kommt in Ihrer Erhebung nicht so gut weg

Hölzle: Genauso ist es. Drei Viertel der Projekte werden klassisch im Wasserfall gemanagt, fast 80 Prozent kommen ohne wirklich passende Projektmanagement-Tools aus. Für hochkomplexe WMS- und Automatisierungsprojekte ist das ehrlich gesagt fahrlässig. Klassische Methoden sind hier einfach zu starr, und mit Excel & Co. lassen sich die zahlreichen Stakeholder und Projekt-Streams nicht ausreichend managen und synchronisieren.

Wird Automatisierung dadurch zum Risiko?

Hölzle: Nicht die Automatisierung wird zum Risiko, sondern die fehlende Gesamtarchitektur. Wir sehen häufig, dass Techniklieferanten kritisiert werden, obwohl das WMS der eigentliche Engpass ist. Wenn das führende System keine saubere Auftrags- und Ressourcenlogik beherrscht, kann auch die beste Fördertechnik nicht glänzen oder ihr volles Leistungspotenzial entfalten.

Was ist aus Ihrer Sicht der größte Denkfehler?

Hölzle: Dass das WMS primär als IT-System betrachtet wird. In Wahrheit ist es das Herz der Intralogistik. Es entscheidet, ob Automatisierung skalierbar ist, ob Erweiterungen möglich sind und ob neue Technologien integriert werden können – oder eben nicht.

Ihr Rat an alle Planer und Entscheider?

Hölzle: Immer erst die Prozesse, dann die Architektur, dann die Technik. Ein WMS ist kein IT-Tool, sondern das operative Nervensystem. Wer das falsch aufsetzt, baut sich ein hochmodernes Lager – und stellt oft schon nach wenigen Jahren fest, dass sich dieses Lager nicht mehr sinnvoll weiterentwickeln lässt.

Die Studie: Transformation Warehouse-Management-System

TMG Consultants analysierte Erfolgsfaktoren, Risiken und Fehlentscheidungen bei der Erneuerung von Warehouse-Management-Systemen in der produzierenden Industrie – vor dem Hintergrund des SAP-WM-Wartungsendes und steigender Automatisierungsanforderungen. Die Methodik: quantitative und qualitative Online-Befragung von Entscheidern sowie Fachverantwortlichen aus Logistik, IT und Management. Eine Auswahl der zentralen Ergebnisse:

  • 82 Prozent der Unternehmen weisen Lücken in der Prozessdokumentation auf – ineffiziente Abläufe werden häufig ins neue WMS übernommen
  • 36 Prozent erneuern ihr WMS primär zwangsgetrieben durch das Ende von SAP WM – statt aus strategischen Gründen
  • Über 60 Prozent kennen maximal drei WMS-Anbieter außerhalb von SAP – eingeschränkte Marktkenntnis begünstigt strategische Abhängigkeiten
  • 77 Prozent streben eine möglichst standardnahe WMS-Einführung an, unterschätzen jedoch oft die reale Prozesskomplexität
  • 75 Prozent der Projekte werden klassisch im Wasserfallmodell gesteuert, 78 Prozent ohne dedizierte PM-Tools
  • 95 Prozent planen in den nächsten fünf Jahren Automatisierungs- oder Modernisierungsprojekte, aber nur 60 Prozent priorisieren eine flexible, integrationsfähige Systemarchitektur

Das Fazit: Ein WMS-Projekt ist kein IT-Upgrade, sondern eine unternehmerische Transformation. Fehlende Prozesstransparenz, eingeschränkte Marktkenntnis und kurzfristige Architekturentscheidungen gefährden die Automatisierungs- und Zukunftsfähigkeit der Intralogistik.

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