Lager- & Kommissioniertechnik
Moderne Frischelogistik in den Niederlanden
Seit Mitte 2024 betreibt der zweitgrößte niederländische Lebensmitteleinzelhändler Jumbo ein hochautomatisiertes Frische-Logistikzentrum. Dieses bestimmt, den Anforderungen entsprechend, den Takt der gesamten Supply Chain mit, ohne dabei die Führungsposition einzunehmen.
Jumbo und Witron präsentieren im National Distribution Center im niederländischen Nieuwegein ein Konzept, das moderne Logistikzentren neu definiert. Die 40.000 Quadratmeter große Anlage versorgt über 725 Filialen in den Niederlanden und Belgien mit fast 3.000 verschiedenen Frische- und Ultrafrische-Artikeln. Täglich können dort bei einer Umgebungstemperatur von +2 °C mit den Modulen OPM (30 COM-Maschinen), All-in-One Order Fulfillment System (AIO) und Case-Picking-System (CPS) über eine Million Einheiten kommissioniert werden. Darüber hinaus optimiert ein vollautomatischer Warenausgangspuffer den Versand der filialgerecht geschlichteten Rollcontainer in die Märkte.
Das Frische-Verteilzentrum ist bereits das zweite Projekt, das Jumbo mit Witron erfolgreich umgesetzt hat. Vorausgegangen war ein Trockensortiments-Verteilzentrum, in dem mit OPM, DPS und CPS aus einem Sortiment von 14.300 Artikeln an einem Spitzentag bis zu 565.000 Handelseinheiten kommissioniert werden können.
Mechanik und IT – alles aus einer Hand
Das Zentrallager für Frischwaren (CDC) ist für eine tägliche Spitzenkapazität von mehr als 1,06 Millionen Kommissioniereinheiten ausgelegt. Gemäß Gesamtkonzept ist eine modulare Erweiterung vorgesehen. Alle Logistikbereiche sind durch ein Fördertechniknetzwerk verbunden. Dieses umfasst mehr als 670.000 Paletten-, Tray- und Behälterstellplätze sowie 120 Regal- bediengeräte. Gesteuert wird alles durch ein Witron-Lagerverwaltungssystem. Die IT- und Mechanik-Komponenten wurden von Witron entwickelt, hergestellt und in Betrieb genommen.
Herausfordernder Arbeitsmarkt, breites Sortiment
Als Jumbo vor einigen Jahren die Zukunft seiner Lieferkette plante, wurde deutlich, dass die bestehenden Strukturen den zukünftigen Anforderungen nicht gerecht werden würden. "Wir erwarteten, auf dem Arbeitsmarkt auf Herausforderungen zu stoßen, erwarteten mehr Artikel und wollten unsere Frischelogistik mit dem Fokus auf maximalen Kunden-Service, maximale Frische der Produkte und Nachhaltigkeit konsequent umbauen", erinnert sich Karel de Jong, Supply Chain Direktor im Management von Jumbo. Das Unternehmen plante eine Erweiterung der Stock Keeping Units (SKUs), eine stärkere Differenzierung im Sortiment und eine agilere Frischelogistik. Gleichzeitig verloren regionale Lagerflächen durch wachsende Artikelvielfalt Spielraum. Die erarbeitete Lösung umfasste die Zentralisierung, Automatisierung und Verdichtung der Prozesse. Insbesondere im Ultra-Fresh-Bereich ist eine genaue Zeitplanung entscheidend. Temperatur, Tagesgeschäft und Wettereffekte sind Faktoren, die unmittelbar das Volumen beeinflussen.
Neue Rolle des Warehouse: vom Lager zum integralen Organ
Das Projekt stellte für Witron eine bedeutende Veränderung in der unternehmensinternen Vorgehensweise dar. Das Warehouse ist heute kein autarker Block mehr, sondern ein verbundenes Organ im Supply-Chain-"Orchester". Johannes Meißner, technischer Geschäftsführer von Witron, beschreibt die Entwicklung wie folgt: "Das DC ist kein separates System mehr, sondern ein integraler Bestandteil des Organismus unserer Kunden. Nur so lassen sich Supply Chains wirklich optimieren." Dadurch wandelt sich die Funktion des Lagers von der reinen Verdichtung und Pufferung hin zu einem maßgebenden Steuerungsinstrument. Karel de Jong ergänzt in diesem Zusammenhang: "Das DC ist aber nicht der Dirigent. Der Dirigent ist der Kunde."
Die Logistik-Drehscheibe Nieuwegein ist mit dem Trocken- und Frische-Verteilzentrum in Summe eines der größten Witron-Projekte. Sie verfügt über mehr als 60 COM-Maschinen, über 1,1 Millionen Stellplätze für Paletten, Trays und Behälter, rund 200 Regalbediengeräte und eine maximale Auslegung von 1,6 Millionen Picks pro Tag. Die Oberpfälzer setzen mit OPM, AIO, CPS und dem Warenausgangspuffer auf bewährte Technologie. Darüber hinaus kümmert sich ein Witron-Service-Team vor Ort um den reibungslosen Ablauf aller IT- und Mechanik-Prozesse.
Das Ergebnis im Store
Die Effekte durch die Mechanisierung für die Filialen sind messbar:
- mehr SKUs – Tendenz steigend
- automatisches Schlichten der Waren auf Rollcontainer optimiert nach Regalabschnitt in der Filiale
- Konsolidierung von Cases (kommissioniert im OPM und CPS) mit Pieces in Behältern (kommissioniert im AIO)
- effizientere und tourengerechte Lkw-Befüllung durch Optimierungsprozesse des automatisierten Warenausgangspuffers
In Konsequenz werden im Store die Regale direkter, schneller und mit weniger Handlingsaufwand befüllt. Hinzu kommt: Prozesse, die früher per Direktlieferung liefen – etwa Frischfisch – werden heute über Nieuwegein gebündelt.
Lieferanten: Verpackung wird zur Schlüsselkompetenz
Automatisierte Prozesse erfordern eine Standardisierung. Dies zeigt sich unter anderem im Handling von Verpackungen unterschiedlicher Art. "Daher haben wir Kollegen ausgebildet, die sich hier ein großes Know-how angeeignet haben", sagt de Jong. Kartonagen, die Klebekraft, die Wickelfolie sowie die Karton- und Paletten-Qualität sind entscheidend für Materialfluss- und Stabilitätswerte. Witron und Jumbo haben frühzeitig Unterstützung geleistet, kritische Verpackungen identifiziert und für Lieferanten Transparenz geschaffen. Die Konsequenz ist eine verbesserte Eingangskontrolle und stabilere Prozesse im DC. In Abstimmung mit Witron war es möglich, sich zukünftige Tätigkeiten in von Witron realisierten Anlagen im Detail anzuschauen und sich mit Anwendern auszutauschen. "Aufgrund der Vielzahl in Europa, Nordamerika und Australien realisierten Projekte können wir unsere Kunden bei dem wichtigen Thema ‚Change-Management‘ mit unserer Erfahrung umfangreich unterstützen", ergänzt Witron-CEO Meißner.
Der größte Wandel ist nicht die Technik, sondern der Mensch
Technik lässt sich kaufen – Kultur nicht. Jumbo führte mit dem Jumbo Production System Lean-Prinzipien ein, darunter Shopfloor-Transparenz, Schicht-Stand-ups und die weitestgehend eigenständige Problemlösung durch die Mitarbeiter. Täglich findet im Zentrum des DCs ein Steuerungsmeeting statt – nicht im Büro, sondern auf der Fläche. "Hier analysieren die Kollegen den vergangenen Tag und besprechen nochmal die Aufgaben und Ziele der kommenden Schicht. Wenn diese halbe Stunde gut läuft, wird es ein guter Tag", sagt de Jong mit einem Schmunzeln.
Jumbo sieht in der Supply Chain eine End-to-End-Netzwerkstruktur statt einer Sammlung einzelner Lager. Die Integration von Filialen, die Vernetzung mit Lieferanten, die Optimierung der Transportwege sowie die Automatisierung – auch im E-Commerce – sind wesentlich für die zukünftige strategische Ausrichtung.











