Interview mit TUP
Warehouse Management im Umbruch
Im Gespräch mit materialfluss erläutert Günther Pfisterer, Vorsitzender des VDI-Ausschusses ,Logistikprozesse und IT`und COO von TUP, was die VDI-Richtlinie 3601 für die Logistik bedeutet, welche Schlüsselfähigkeiten ein WMS-Anbieter mitbringen sollte und wie die digitale Transformation auf der Logistikebene erfolgreich umgesetzt werden kann.
Herr Pfisterer, welches Ziel verfolgt die Arbeit des VDI-Ausschusses ,Logistikprozesse und IT`?
Günther Pfisterer: Die Arbeit des VDI in seinen Fachausschüssen verfolgt das Ziel, praxisnahe Richtlinien und Handlungsempfehlungen zu entwickeln. Im Ausschuss ,Logistikprozesse und IT` konzentrieren wir uns insbesondere auf die Intralogistik und die damit verbundenen Prozesse. Ein Beispiel ist die VDI-Richtlinie 3601, die Anforderungen an Warehouse-Management-Systeme definiert. Darin formulieren wir Kriterien, ab wann ein WMS als solches gilt und welche Funktionalitäten zwingend erforderlich sind. Diese Richtlinien dienen als strukturierte Hilfestellung für Kunden bei der Erstellung von Lastenheften und gewährleisten, dass sowohl technische Anforderungen als auch aktuelle Entwicklungen in der Logistik berücksichtigt werden.
Das Umfeld der Intralogistik ist stets im Wandel. Wie wirkt sich das auf die Arbeit des VDI und auf Unternehmen aus?
Pfisterer: Dieser Wandel spiegelt sich auch in der Arbeit des VDI wider. Richtlinien und Handlungsempfehlungen müssen regelmäßig überprüft und aktualisiert werden, um mit den aktuellen Entwicklungen Schritt zu halten. Bei Unternehmen hängt es immer stark vom Anwendungsfall und den individuellen Bedürfnissen ab: Große Logistikdienstleister, die bereits viele Prozesse optimiert haben, legen den Fokus auf die Reduzierung ihrer Logistikkosten und die Verbesserung bestehender Abläufe. Mittelständische Unternehmen dagegen sind oft in einer früheren Phase, in der sie über die Einführung erster Automatisierungslösungen nachdenken. Wenn die Notwendigkeit entsteht, Durchlaufzeiten zu verbessern, Transparenz zu erhöhen oder aufgrund des Fachkräftemangels automatisieren zu müssen, ziehen Unternehmen häufig in Betracht, spezialisierte Warehouse-Management-Systeme einzuführen, die genau auf ihre Anforderungen zugeschnitten sind.
Welches sind die Schlüsselfähigkeiten, die ein WMS-Anbieter mitbringen muss, um digitale Transformation in Logistikprozessen zu ermöglichen?
Pfisterer: Zunächst ist ein tiefes Verständnis der Logistikprozesse unerlässlich. Der WMS-Anbieter sollte in der Lage sein, dieses Verständnis in enger Zusammenarbeit mit dem Kunden zu entwickeln, egal ob sie manuell oder automatisiert sind. Die größte Kunst besteht darin, die Soll-Prozesse präzise und ohne Ballast für beide Seiten eindeutig zu beschreiben. Je klarer der Prozess definiert ist, desto einfacher lassen sich auch Testszenarien entwickeln, um die neuen Funktionalitäten zu validieren.
Ein weiterer kritischer Aspekt ist die Definition von Schnittstellen und Verantwortlichkeiten. Der WMS-Anbieter muss sicherstellen, dass klar festgelegt ist, welches System welche Verantwortung trägt und welche Informationen in welcher Form ausgetauscht werden. Diese Aspekte sollten im Voraus durchdacht und dokumentiert werden, bevor es in die technische Umsetzung geht. Zudem muss der Anbieter sowohl eine fundierte Prozesskenntnis als auch die Fähigkeit zur sorgfältigen Spezifikation und Planung besitzen, um den Transformationsprozess erfolgreich gestalten zu können. Dabei sind auch Bedienbarkeit und User Experience entscheidende Schnittstellen zwischen der Software und den logistischen Prozessen. Die Transformation erfolgt nicht nur technisch, sondern auch prozess-seitig. Wenn sich logistische Prozesse ändern, verändern sich auch die Arbeitsabläufe im Lager und die Arbeitsplatzbeschreibungen. Dies hat direkte Auswirkungen auf den Dialog, den der Bediener mit dem System führt. Wir streben daher an, Arbeitsprozesse so einfach, transparent und fehlertolerant wie möglich zu gestalten.
Wie werden Schnittstellen in der Praxis bei TUP erarbeitet?
Pfisterer: Die Entwicklung von Schnittstellen bei TUP beginnt damit, dass die beteiligten Partner sich an einen Tisch setzen, um die Aufgaben- und Verantwortungsaufteilung festzulegen. Dabei wird präzise bestimmt, welche Informationen übertragen werden müssen – etwa Größe, Gewicht und andere relevante Daten. Die detaillierte Spezifikation wird im Pflichtenheft dokumentiert und von beiden Parteien abgenommen, was die Grundlage für die weitere Softwareentwicklung bildet. Im Testing-Prozesses durchlaufen wir mehrere Phasen: Zunächst simulieren wir den Austausch von Antwort-Telegrammen, um die eigene Funktionalität zu überprüfen. Danach finden erste Kommunikationstests statt, bei denen zwei Systeme miteinander verbunden werden. Anschließend werden die ersten funktionalen Telegramme ausgetauscht, und es wird verifiziert, ob die Daten gemäß den festgelegten Spezifikationen korrekt übertragen wurden. Zusätzlich implementieren wir ein transparentes Telegramm-Tracking, das es den Kunden ermöglicht, nachzuvollziehen, ob und wo Fehler in der Schnittstelle aufgetreten sind. So stellen wir sicher, dass die Schnittstellen effizient und fehlerfrei entwickelt werden.
Wie würden Sie eine Transformation beschreiben?
Pfisterer: Sie ist für jeden Logistiker ein ständiger Optimierungsprozess. Es gilt, alles effizienter zu gestalten. Es gibt zwei zentrale Treiber dafür: erstens die Kostenreduktion, die in Konzepten wie ROI (Return of Invest) oder TCO (Total Cost of Ownership) durchaus auch eine längerfristige Perspektive verfolgen kann. Zweitens die Einhaltung gesetzlicher Vorgaben, beispielsweise für Gefahrgut, die auf die sonstigen Kundenbedürfnisse angepasst werden müssen. Letztlich ist die Logistik eine essenzielle Funktion, die zwar Kosten verursacht, ohne die aber kein Unternehmen seine Produkte an den Kunden bringen kann. Daher ist es für Logistikbetreiber unerlässlich, schnell, effizient und transparent mit ihren Waren umzugehen, um im Wettbewerb erfolgreich zu sein.
Welchen Rat würden Sie Unternehmen geben, die sich auf eine digitale Transformation vorbereiten?
Pfisterer: Mein wichtigster Rat wäre, die kaufmännische, also die ERP-Welt, von der Logistikebene abzugrenzen. ERPs sind in erster Linie kaufmännische Systeme. Wenn die Logistik jedoch anspruchsvoller wird, da sie sich ständig wandelt und schnell anpassbar sein muss, empfiehlt es sich, ein separates Warehouse-Management-System (WMS) mit leistungsfähigen Schnittstellen zum ERP-System zu nutzen. Das ermöglicht es, deutlich flexibler auf Veränderungen und Optimierungen zu reagieren, als es in einem großen Softwarepaket der Fall ist, das zwar Logistikfunktionen bietet, aber seine Kernkompetenzen woanders hat. Vor der Aufteilung in diese Instanzen oder Rollen sollte man keine Angst haben. Die wenigen Schnittstellen sind in den Richtlinien gut erkennbar und transparent dokumentiert.
Wie geht TUP bei der Einführung eines WMS für einen Kunden vor?
Pfisterer: Wir beginnen immer mit einer gründlichen Analyse der individuellen Anforderungen unserer Kunden. Jedes WMS-Projekt wird durch unsere langjährige Erfahrung geprägt. Obwohl die logistischen Herausforderungen oft ähnlich sind, sind die spezifischen Anforderungen der Kunden immer einzigartig. Wir unterstützen unsere Kunden gezielt dabei, die angestrebten Funktionalitäten zu definieren und eine saubere Architektur für ihre IT-Systeme und Schnittstellenpartner zu entwickeln. Unser Fokus liegt darauf, elegante und transparente Lösungen zu finden, die den individuellen Randbedingungen jedes Kunden gerecht werden, insbesondere wenn bestehende Systeme angepasst oder erweitert werden müssen. Für ein erfolgreiches Zusammenspiel im Gesamtkonzept muss es Elemente geben, die sich anpassen können. Genau das liefern wir mit unserer WMS-Software. Damit ermöglichen wir unseren Kunden, spezifische Anpassungen vorzunehmen und auch anerkannte Standard-Schnittstellen zu adaptieren. In ihrer Transformation sind ihnen damit keine Grenzen gesetzt.










