Linde Material Handlings Stefan Prokosch im Interview
„Synergien, die den Konzern leistungsfähiger aufstellen“
Vor gut einem Jahr rückte Linde Material Handlings Chef Andreas Krinninger in den Vorstand der KION-Mutter auf, die Zuständigkeiten bei den Marken wurden neu organisiert. Stefan Prokosch ist seitdem als Senior Vice President Brand Management Linde Material Handling für die Aschaffenburger verantwortlich. In materialfluss berichtet Prokosch über den Hintergedanken der Umstrukturierung und neue Produkte.
materialfluss: Herr Prokosch, im Frühjahr dieses Jahres gab es einige richtungsweisende Umstrukturierungen im KION-Konzern (siehe materialfluss 6/21). Sie selbst sind dabei zum Senior Vice President Brand Management bei Linde Material Handling (MH) aufgestiegen. Wie sehen Sie Ihre neuen Aufgaben?
Stefan Prokosch: Das lässt sich ganz einfach beantworten: Ich bin jetzt derjenige, der die Marke Linde nach innen lenkt und nach außen repräsentiert. Also eine Art „Marketing Officer“, wenn Sie wollen.
mfl: Wenn ich die neue Ausrichtung des KION-Konzerns richtig verstanden habe, werden die drei Staplerhersteller im Konzern – also Still, Linde MH und Baoli – eigenständig und autonom bleiben. Wo liegt denn dann der eigentliche Nutzen der im Frühjahr erfolgten Umstrukturierung?
Prokosch: Der Nutzen, aber auch die Veränderungen liegen in den internen Abläufen, die wir durch die neuen Strukturen optimieren können. Es macht keinen Sinn, wenn die drei Hersteller in den Bereichen Finanzen, im Bereich der IT oder im Einkauf getrennt voneinander vorgehen. In diesen Sparten ergeben sich
Synergien und Möglichkeiten der Zusammenarbeit, die den Konzern insgesamt deutlich leistungsfähiger aufstellen. Beispielsweise dadurch, dass wir im Hintergrund noch mehr als bisher einheitliche Systeme entwickeln und nutzen. Ganz wichtig ist aber, dass wir uns in Richtung unserer Kunden – also im operativen Geschäft – stringent als eigenständige Unternehmen präsentieren, mit eigenen Produkten und Innovationen, mit eigenen Serviceleistungen und Vertriebsstrukturen. Dort werden wir auch weiterhin ganz bewusst als Wettbewerber auftreten.
mfl: Ist denn dieser Wettbewerb unter den drei Staplerherstellern seit dem Frühjahr größer oder doch eher geringer geworden?
Prokosch: Der Wettbewerb zwischen den Marken war groß, ist groß und wird groß bleiben. Wir wollen und werden auch in Zukunft im Markt mit unterschiedlichem Produktportfolio und mit unterschiedlichen Schwerpunkten für die jeweiligen Marken auftreten und werben. Entsprechend möchten wir als Linde MH natürlich möglichst viele Anwender für unsere Produkte gewinnen. Der Vertrieb erhält alle Mittel, die er für eine erfolgreiche Vermarktung braucht.
mfl: Nun ist der Unterschied zwischen den Marken nicht so leicht erkennbar. Wenn wir die beiden „Hauptmarken“ betrachten: Wofür steht Still und wofür Linde MH?
Prokosch: Ich kann Ihnen auf jeden Fall eindeutig sagen, wofür Linde MH steht – Innovation und Performance. Zudem steht Linde MH für große Vielseitigkeit mit einem sehr breiten Produktportfolio und vielfältigen Sonderlösungen. Den größten Unterschied zu unserer Schwester Still und allen übrigen Mitbewerbern sehe ich aber beim Thema Robustheit. Linde-Fahrzeuge werden von unseren Kunden häufig in härteren Anwendungen eingesetzt. Ferner übertragen wir viele Entwicklungen aus dem klassischen Hydrostaten auf den Elektrostapler, wie zum Beispiel seit Anbeginn die Doppelpedalsteuerung und jetzt auch die Elastomer-Ringlager als Stoßdämpfer an der Vorderachse. Dies wird von unseren Kunden sehr positiv bewertet. Ein weiteres Beispiel sind die Schubmaststapler. Mit dem Linde R-X-Modell, bei dem sich die Batterie unter dem Sitz befindet, haben wir für den Fahrer einen großzügigen Arbeitsplatz geschaffen. Und auch bei den Orderpickern tragen wir den unterschiedlichen Kommissionierkonzepten unserer Kunden mit zwei unterschiedlichen Lösungen Rechnung.
mfl: Ich möchte gerne noch ein anderes Thema ansprechen, das momentan in aller Munde ist: den Umweltschutz. Demnach stehen Verbrennungsstapler derzeit nicht sehr hoch in der Gunst der Anwender. Traut sich Linde MH in den kommenden Jahren überhaupt noch, einen neuen V-Stapler auf den Markt zu bringen?
Prokosch: Erst 2019 haben wir in Berlin mit der Baureihe 1202 einen neuen Verbrennungsstapler gelauncht. Mit großem Erfolg. In diesem Jahr werden wir voraussichtlich rund 11.000 Fahrzeuge dieser Baureihe verkaufen. Das sind viel mehr, als wir ursprünglich prognostiziert hatten. Ein Grund ist, dass es einfach noch zu viele Anwendungen gibt, bei denen der von einem Verbrennungsmotor angetriebene Stapler Sinn macht oder sogar nötig ist. Nicht alle Betriebe haben heute beispielsweise die Infrastruktur, um elektrisch laden zu können. Zudem mögen Batterien keine kalten Temperaturen und nicht alle haben die Möglichkeit, ihre Stapler im Winter drinnen zu parken. Last but not least gibt es sehr harte Einsätze, beispielsweise Dauereinsätze an der Traglastgrenze, bei denen der Diesel- oder Gasantrieb seine Stärken ausspielt.
Dennoch – mit unseren besonders leistungsstarken Elektro- staplern Linde X20-X35 haben wir erstmals Fahrzeuge auf den Markt gebracht, die den Elektroantrieb auf das Leistungsniveau eines verbrennungsmotorischen Antriebs heben. Und ich bin mir ganz sicher, dass wir mit unseren neuen Staplern vielen Kunden den Umstieg ermöglichen. Dabei wollen wir sie bei der Wahl der Antriebsenergie nicht bevormunden, sondern ihnen die richtige Energieart für den individuellen Einsatz anbieten. Deshalb gehe ich – auch wenn immer mehr echte Alternativen zum V-Antrieb auf den Markt kommen werden – davon aus, dass es ganz sicher noch viele Jahre viele Anwendungsfälle für Verbrenner geben wird.
mfl: Also traut sich Linde, in den nächsten Jahren einen weiteren verbrennungsmotorischen Stapler zu bringen?
Prokosch: Tatsächlich wird es auch für die Traglastklasse von 3,5 bis 5 Tonnen noch eine neue verbrennungsmotorische Baureihe geben. Seien Sie gespannt, was wir im Laufe des nächsten Jahres präsentieren werden.
mfl: Und um auf alle Eventualitäten gut vorbereitet zu sein, setzen Sie neuerdings Ihr „Mix-Montageband“ ein und wollen noch ein weiteres in Betrieb nehmen?
Prokosch: Das ist richtig. Aber lassen Sie mich zur Beantwortung dieser Frage etwas weiter ausholen: Wir haben vor einigen Jahren unseren Markt sehr genau analysiert. Dabei haben wir vor allem untersucht, wie sich unsere Auftragseingänge verändern und welche Herausforderungen sich daraus für uns ergeben. Als wichtigstes Ergebnis haben wir ermittelt, dass sich innerhalb einer Tonnage die Volumina deutlich geringer ändern als zwischen den Antriebsarten. Also es kann sein, dass wir in unterschiedlichen Jahren eine stärkere Verschiebung haben vom Verbrenner hin zum Elektrostapler. Wenn Sie auf die Tonnage schauen, dann ist die Verschiebung viel geringer. Hinzu kommt, dass der Trend in den nächsten Jahren weiter in Richtung Elektrostapler geht. Und da ist es nur konsequent, dass wir uns in der Fabrik davon unabhängig machen, für welche Antriebsart sich unsere Kunden entscheiden.
mfl: Und wie haben Sie diese Strategie konkret umgesetzt?
Prokosch: Grundlage war die bereits vor sechs Jahren getroffene Entscheidung für eine gemeinsame Plattform für alle zukünftigen Linde-Gegengewichtstapler im Traglastbereich von 1,4 bis 5 Tonnen. In diesem Zusammenhang haben wir zum Beispiel den Mast zwischen E- und V-Stapler standardisiert, die Achskonzepte und den Fahrerarbeitsplatz. Selbst eine neue Kombi-Schraube haben wir entwickelt, mit der wir 65 Prozent aller Schraubverbindungen abdecken und so die Zahl der Schraubenvarianten deutlich reduziert haben. Mit der Mix-Montage gleichen wir Produktionsschwankungen aus, müssen nicht mehr umtakten und können die Bänder kontinuierlich mit einer Schlagzahl laufen lassen. Ziel ist es am Ende, zwei Bänder mit fünf Baureihen zu haben, wovon wir eine auf beiden Bändern montieren können. Dadurch machen wir uns sehr unabhängig und können flexibel auf jegliche Schwankungen im Produktmix reagieren. Gleichzeitig erhalten wir eine relativ gleichbleibende Auslastung auf diesen beiden Bändern mit dem Ergebnis einer sehr stabilen Auslastung in unserer Fabrik.
Der Beitrag erschien in materialfluss 1-2/22.










