Topmeldungen

Der Ingenieur 4.0 muss sich vernetzen

Industrie 4.0 birgt mit Sicherheit auch einige Risiken. Doch nicht mit dabei zu sein, ist mit Sicherheit das größte Risiko. Dabei geht es nicht nur um Technik, sondern um den Menschen und die Fähigkeiten, die er braucht, um den gesellschaftlichen Wandel zu gestalten. Industrie 4.0 ist in aller Munde. Selbst die Bundesregierung sieht das Thema als so wichtig an, dass Maßnahmen und Initiativen gestartet werden, die sicherstellen sollen, dass Deutschland nicht den Zug verpasst. Dabei haben wir eigentlich beste Chancen im Rennen der vierten industriellen Revolution auf den vorderen Plätzen dabei zu sein.

Dr. Johannes Fottner
Dr. Johannes Fottner, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der VDI-Gesellschaft Produktion und Logistik (GPL)

Erinnern wir uns: Die eigentliche Keimzelle von Industrie 4.0 war das „Internet der Dinge“ und damit die Logistik. Prof. Michael ten Hompel, einer der bekanntesten Vertreter der deutschen Forschungswelt der Logistik, hat es in einem im Juni veröffentlichten Interview so zusammengefasst: „Der Begriff „Industrie 4.0“ stand ursprünglich für die Autonomisierung der Logistik (nach Mechanisierung, Elektrifizierung und Automatisierung) im Sinne eines „Internet der Dinge“.

Inzwischen ist die vierte industrielle Revolution zum Synonym der allgemeinen Digitalisierung geworden. In diesem Sinne sind wir zu Getriebenen geworden. Wer heute nicht über die Digitalisierung seiner Supply Chain nachdenkt, riskiert seine Existenz.“ Industrie 4.0 birgt mit Sicherheit eine Vielzahl von Risiken. Nicht dabei zu sein und abgehängt zu werden, ist mit Sicherheit das größte Risiko. Die Logistik wird eine der spannendsten Herausforderungen von Industrie 4.0 sein. Unternehmensinterne und -externe logistische Netzwerke so engmaschig zu gestalten, dass Informationen in Echtzeit an allen Knotenpunkten zur Verfügung stehen, ist die Basis für eine effiziente Nutzung der Möglichkeiten von Industrie 4.0. Wenn die geforderten autonomen Systeme umgesetzt sind und einen hohen Grad von Individualisierung in einem globalen, vernetzten Umfeld aufweisen, sind sie von vor allem geprägt von Selbstoptimierung, Selbstkonfiguration, Selbstdiagnose und Kognition.

Anzeige

Es geht bei der Frage eines erfolgreichen Umgangs mit Industrie 4.0 nicht nur darum, neue Technologien zu entwickeln und einzusetzen, sondern vielmehr ganzheitlich bestehende Ansätze zu hinterfragen und neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Eine industrielle Revolution eben! Wie bereits bei den letzten industriellen Revolutionen geht dies einher mit einem gesellschaftlichen Wandel. Dieser bedingt neue, andere Qualifikationen, ein verändertes Denken von Unternehmen und Mitarbeitern.

Dringend notwendig ist folglich, neben all den neuen Technologien der Digitalisierung, gerade im Bereich der Logistik, die Weiterentwicklung des Ingenieurs zum „Ingenieur 4.0“. Damit ist nicht nur der speziell in seinen Fachkenntnissen auf Industrie 4.0 ausgerichtete Ingenieur gemeint, wie ihn z. B. die Universität des Saarlandes als Studiengang „Systems Engineering“ gerade ins Lehrkonzept aufgenommen hat.

Die Ausbildung zum Ingenieur hat sich generell über die letzten Jahrzehnte enorm verändert. Die Zeiten des genialen Konstrukteurs und Erfinders – in der Vorstellung Daniel Düsentrieb nicht unähnlich – sind bereits seit langer Zeit vorbei. Waren beim Ingenieur 1.0 noch mathematisch-naturwissenschaftliche und technische Fächer ausschließlich prägend für die Ausbildung, kamen schon in den 80er und 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts die informationstechnischen Fächer hinzu. Der Ingenieur 2.0 konnte nicht mehr so klar wie in der Vergangenheit zwischen mechanischem Konstrukteur und elektrotechnischem Entwickler unterschieden werden.

Betriebswirtschaftliche Inhalte kamen in den 1990er Jahren als wichtiger Pflichtteil der Ausbildung zukünftiger Ingenieure hinzu. Ohne eine fundierte Kenntnis der Kostenrechnung könnte heute keine Konstruktion oder Entwicklung erfolgreich durchgeführt werden. Der Ingenieur ist nicht mehr der natürliche Feind des Kaufmanns, sondern hat in hohem Maße kaufmännische Grundkenntnisse vorzuweisen.

Foto: BLG Logistics
Foto: BLG Logistics

Für die Entwicklung, Auslegung und Nutzung von autonomen Systemen in Sinne der Industrie 4.0 ist eine hohe Verfügbarkeit der mechanischen und elektrischen Systeme ebenso wichtig, wie robuste Steuerungsarchitekturen und intelligente Algorithmen. Ingenieure müssen hier interdisziplinär denken und agieren können.

Im Zuge von Globalisierung als wichtigem Teilfaktor von Industrie 4.0 sind aber auch Softskills von enormer Bedeutung, die in die Ausbildung einbezogen werden müssen. Ein entscheidender Erfolgsfaktor für den Ingenieur 4.0 ist die Fähigkeit, nicht nur international orientiert zu sein, sondern tatsächlich „interkulturell“ agieren zu können. Dafür reicht es von Seiten der Hochschulen nicht, die eine oder andere Lehrveranstaltung in englischer Sprache anzubieten. Vorteilhaft ist es, dass heute an nahezu allen Hochschulen eine multikulturelle, internationale Studentenschaft lernt und lebt. Dies muss proaktiv gefördert werden. Unterschiedliche Kulturen fördern auch unterschiedliche Talente. Es ist enorm spannend, diesen Umstand nicht nur in Unternehmen anzuerkennen und zu nutzen, sondern bereits in der Ausbildung Studentengruppen zu motivieren, sowie gezielt diese Erfahrungen zu teilen.

Wissensaustausch in Studentenclubs

So hat es sich das als Kooperation von Technischer Universität München (TUM) und Deutsch-Chinesischer Wirtschaftsvereinigung e. V. (DCW) gegründete Erich Paulun Institut zur Aufgabe gemacht, speziell chinesische und deutsche Studenten in sogenannten Studentenclubs zusammen zu holen – natürlich sind auch alle anderen Nationalitäten eingeladen. Im regen Austausch soll interkulturelles Denken und Verstehen, als Grundlage auch für erfolgreiche wirtschaftliche Beziehungen gefördert werden.

Ein ähnliches Anliegen hat die „Cross Cultural Group“ des Verein Deutscher Ingenieure e. V. (VDI) in München: Internationale Studenten und fertige Ingenieure sollen zusammengebracht werden, Erfahrungen im interkulturellen Miteinander ausgetauscht und diskutiert werden. Ziel ist es, Berührungsängste zu nehmen und gezielt ein interkulturelles Denken zu vermitteln.

© highwaystarz – Fotolia.com
© highwaystarz – Fotolia.com

Der Ingenieur 4.0 speziell im Bereich der Logistik wird lernen müssen, neben technologischen Grenzen, auch kulturelle Grenzen zu sprengen. Erst dann wird Industrie 4.0 in voller Blüte möglich sein, erst dann werden alle Chancen nutzbar werden. Es reicht nicht aus, Maschinen zu vernetzen. Menschen müssen ebenso vernetzt und ganzheitlich denken.

Die Ingenieurausbildung – nicht nur, aber auch in Deutschland – wird hier die Revolution miterleben, Professoren werden noch stärker als heute international aktiv sein. Der Erfolg oder Misserfolg von Industrie 4.0 wird schlussendlich von einem Faktor maßgeblich abhängen: vom Menschen!

  • Xing Icon
  • LinkedIn Icon
Anzeige
Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige

Stapler & Komponenten

Service macht den Unterschied

Eine außerordentliche Serviceleistung ist für die Hamburger Still GmbH viel mehr als ein unternehmerisches Markenzeichen. Sie ist ein wichtiger Differenzierungsfaktor, mit dem sich Still als einer der führenden Anbieter maßgefertigter...

mehr...
Jetzt Newsletter abonnieren