Regalbediengeräte / Shuttle
Materialfluss Round Table: So geht’s am besten ins Regal
Wo die Vor- und Nachteile von Regalbediengerät und Shuttle liegen und wie sich deren Einsätze in Zukunft ändern werden, das waren die Themen eines Round-Table-Gespräches, das Materialfluss mit namhaften Vertretern der Branche exklusiv in München führte.
Shuttlesysteme haben eine Menge Vorteile, wenn es um hohe Durchsätze geht, aber wenn keine zu hohe Komplexität gefordert ist, wird“, so Jörg Marx, „das RBG immer von Interesse bleiben.“ Dass es kein grundsätzliches Entweder-Oder für den Einsatz von Shuttle und RBG geben kann, bedingt laut Dr. Max Winkler die gestellte logistische Aufgabe. „Es geht um das Verhältnis von Lagerplätzen, die ich habe, und den Durchsatz. Liegt der Schwerpunkt mehr bei den Lagerplätzen und weniger beim Durchsatz, ist das RBG immer noch nahezu unschlagbar und nach wie vor das Arbeitspferd schlechthin.“
Auch für Willi Weiden steht die Anforderung an die Erfüllung der gestellten Aufgaben im Vordergrund. „Gäbe es die eierlegende Wollmilchsau, also wäre das beispielsweise das Shuttlesystem, würde der Markt die Entscheidung extrem schnell selber herbeiführen, weil es so Klasse wäre. Ich denke, wir werden wirklich Systeme nebeneinander haben mit den jeweiligen Vorund Nachteilen und, weil das Shuttle keine eierlegende Wollmilchsau ist, werden Unternehmen breiter aufgestellt sein müssen.“

Holger Cremer: „Der Kunde will eine Aufgabe gelöst haben, besonders, wenn er diverse Systeme kauft und dann selbst integriert. Dann richtet sich das danach, was geschickder Kunde bekommt, also wenn es eher um Lagerung geht und geringeren Durchsatz, dann sind RBG das Maß der Dinge momentan, und wenn es um hohen Durchsatz geht, reicht die Leistung von RBGs nicht aus, dann greift man auf Shuttlesysteme zu.“
Willi Weiden: „Wenn mehrere Anbieter den gleichen Kunden bedienen wollen, wird man zu vollkommen unterschiedlichen Lösungen kommen. Bei allen Bemühungen seitens der Anbieter sehe ich in der Praxis, dass der Kunde immer auch nach seiner eigenen geliebten Welt entscheidet. Der schöne Begriff technikaffin spielt einfach eine Rolle. Es gibt nach meiner Erfahrung eine Art zufällige oder gar nicht so zufällige Konstellation in der Art der Lösungsanbietung, in der Art der Technik, die verwendet wird zwischen Kunde und möglichen Lieferanten. Ich glaube auch, die Shuttles werden ein gutes Segment finden, sicherlich mit einer Tendenz, wo Highspeed gefragt ist.“ Cremer: „Manchmal wird ein Shuttlesystem nur deshalb eingesetzt, weil der Kunde eine neue Technik haben will. Es gibt für die gleiche Aufgabe im Moment mehrere Lösungen.“
Nicht branchenspeziefisch Die Frage, ob es spezielle Branchen gibt, die besonders auf die Shuttletechnik fokussieren, verneint die Runde einstimmig. Dr. Winkler: „Nein, ganz klar, das ist nicht branchenspezifisch. Der eine oder andere hat jetzt gelernt, dass es, wie in jedem technischen System, Begrenzungen gibt. Ein RBG kann man zwar rein theoretisch auf hohe Leistung trimmen, aber wenn man jenseits der 4 m/s² Beschleunigung unterwegs ist, ist der Verschleiß und der Energieverbrauch groß, weil man auch bei einer Nutzlast von 50 oder 100 kg ein bis zwei Tonnen durch die Gegend fährt.
Genauso hat man sich beim Shuttlesystem inzwischen klar gemacht, dass die Aussage nicht stimmt, dass, wenn es steht, steht halt nur ein Shuttle. Den Menschen habe ich bisher noch nicht gesehen, der es geschafft hat, sich genau in einer Shuttleebene zu bewegen. Um da ran zu kommen, müssen dann halt doch drei, vier Shuttle angehalten werden. Beim RBG, je nach Bauform und Lastaufnahme hat man fünf bis sieben Antriebe. Wenn ich jetzt eine Gasse mit 15 Shuttles nehme, kann man ausrechnen, wie viele Antriebe ich da drinnen habe. Also den Stein der Weisen, den gibt es nicht, jedes System hat seine Vor- und Nachteile und es liegt eben in der Verantwortung des jeweiligen Anbieters, dort auch ein bisschen zu führen und zu beraten.“

Holger Cremer: „Die Verfügbarkeit des Shuttle beträgt 97 bis 99 %, aber wir clustern natürlich, das heißt, wir haben bestimmte Wartungsebenen, zwischen drei und sechs, teilweise acht Shuttle, also wenn etwas ausfällt, dann steht die gesamte Zone, das ist schon richtig. Der Vorteil ist, wenn etwas darauf hinweist, dass es ein längerfristiger Schaden ist, dann kann man es einfach ersetzen, das geht innerhalb von zehn Minuten. Man setzt ein Reserveshuttle ein und dann funktioniert die Anlage wieder wie vorher auch.
Ein Shuttlesystem wird ja sehr häufig im Zusammenhang mit Pickingsystemen eingesetzt und da müssen die Ladungsträger in einer Sequenz angeliefert werden. Diese Sequenz muss über mehrere Ebenen, oft auch über mehrere Gassen hinweg, produziert werden. Das steuert bei uns die IT. Da kann es natürlich schon vorkommen, dass beim Ausfall von einem Gerät, wenn man keine geschickten Lösungen hat, das ganze Lager steht. Das hängt dann ganz davon ab, wie die IT und die Auftragstrukturen des Kunden sind.“
Dynamische Entwicklung bei RBGs Wie Jörg Marx erläuterte, haben die hohen Anforderungen an die Kinematik bei RBGs die Regalbediengerätehersteller vorangetrieben. Marx: „Wir fahren derzeit mit Palettenmaschinen 20 m hoch und beschleunigen auf 2 m/s. Das bedeutet, dass wir bei der Gesamtgewichtsreduzierung sehr viel tun und damit einhergehend immer wieder die verwendeten Materialien kritisch unter die Lupe nehmen mussten. Um die Beschleunigung überhaupt umsetzen zu können, wurde sehr viel investiert und im Bereich der Lastaufnahmemittel sehr viel entwickelt. Energieeffizienz ist ein weiteres, ganz großes Thema, schon aus dem Grund der Massereduzierung.
Es ist schon etwas verwunderlich, wenn man wegen einer Tonne Europalette ein 30-, 35-Tonnen-RBG in Bewegung setzen muss, aber das ist nun mal so und da macht sich natürlich, ich will nicht sagen jedes Gramm, aber jedes Kilo, das wir an Masse reduzieren, auch beim Energieverbrauch bemerkbar. Ganz klar, RBGs sind noch nicht ausgereift, es gibt noch ein für uns wirklich sehr großes Potenzial, um noch besser zu werden, es gibt bestimmte Materialkombinationen, die wir testen auch im Hinblick auf die hohe Beschleunigung, es gibt halt physikalische Grenzen bei hohohen Geräten und da muss man auch mal die bekannten Wege verlassen und ganz neue gehen.“
Auch Holger Cremer bezweifelt, dass es gut ist, mit einem Gerät, das mehrere Tonnen wiegt, 50 kg zu bewegen und verspricht: „da wird es in Zukunft garantiert eine Revolution geben.“ Möglicherweise, so Willi Weiden, werden wir zu einem ganz anderen Materialmix kommen, für mich gibt es so Analogien, aus dem Fotobereich. „Wenn man sich zum Beispiel Stative anschaut, haben viele ähnliche Grundprobleme und konstruieren etwas in Aluminium, in Kevlar, in allem Möglichen, alle haben Probleme mit Schwingungen, mehr oder weniger. Und dann gibt es halt einen alteingesessenen Hersteller, der nimmt Eschenholz, alle lachen sich einen krummen Bauch und beim Messen stellen sie fest, Eschenholz ist das Beste, um Schwingungen zu dämpfen. Also insofern glaube ich, es wird immer wieder auch aus Analogien heraus, was die reine Technik angeht, irgend etwas entstehen, das wir hier heute am Tisch noch nicht mal richtig vermuten können.“

Intelligente Konzepte sind gefragt Dr. Winkler: „Da ist die Forderung der Kunden nach Flexibilität klar zu spüren und der berühmte Chinakarton, der eben mal ballähnliche Konturen hat und nur entfernt an ein rechteckiges Gebinde erinnert, stellt die Herausforderungen an uns verbunden mit der Forderung nach hoher Zuverlässigkeit und gleichzeitig hohem Durchsatz. Ich denke, es geht in Zukunft mehr um intelligente Konzepte auch über die Anbindung des RBGs. Es gibt mehr als nur die Vorderseite der Gasse. Das werden wir auch noch bei den Shuttlesystemen erleben, denn die haben im Moment ja eine Achillesferse, das ist der Heber, die Y-Achse, und dort, ich denke schon, dass der eine oder andere Hersteller noch mit guten Ideen kommt.“
Kunden haben ein immer weniger planbares Geschäft und wissen oft nicht genau, wohin sie wollen. Das zu akzeptieren, sei eine Herausforderung, der sich die Anbieter stellen müssten, und gefordert seien, eine vernünftige Antwort zu finden, die die Vorteile der Automatisierung, sprich der Kostenreduktion, der Verbesserung der Qualität, der Beschleunigung der Prozesse mit hoher Flexibilität verbindet.“
Cremer: „Unsere Kunden sind wie sie sind, die können wir uns nicht malen, die brauchen Systeme, die skalier- und erweiterbar sind. Die Kunden von Jörg Marx sind nicht die Endkunden, sondern die Systemintegratoren. Anfragen von dieser Klientel seien schon auf ein gewisses Lösungsschema ausgerichtet. Marx: „Unser Einfluss, da noch an der Lösung zu drehen, ist sehr beengt. Wir versuchen natürlich immer wieder, unsere Kunden und Partner da zu unterstützen soweit es geht, deshalb haben wir alle drei Produktlinien, manuell, semi automatisch und vollautomatisch.“
Trend zur Vollautomatisierung In den letzten Jahren sei, wenn man aus Sicht der Regalbediengerätehersteller den nordamerikanischen Markt betrachtet, der Trend ganz klar in Richtung Vollautomatisierung gegangen. Diesen Trend, dass jetzt zunehmend auch die Amerikaner und Osteuropäer verstärkt auf Automatisierung setzten, spürten alle Marktteilnehmer.
Willi Weiden: „Die Geschwindigkeit, mit der sich der amerikanische Kontinent in diese Richtung spürbar verändert, ist richtig messbar.“ Holger Cremer: „War früher der Trend in Nordamerika eher viel Fördertechnik einzusetzen, geht es jetzt darum, auch komplexe Lösungen anzubieten, anstatt nur geradeaus zu fahren.“ Dass nicht nur hohe Arbeitskosten ein Anreiz zur Automatisierung sind, hat Dr. Max Winkler festgestellt:
„Es gibt auch noch ganz andere Treiber für das Thema Automatisierung, und zwar auch in Ländern, wo man es gar nicht vermutet, die relativ geringe Lohnniveaus haben und man doch technisch sehr anspruchsvolle Anlagen installieren darf. Wenn der Kunde komplexe Prozesse hat, kann er sie teilweise in einer gewissen Geschwindigkeit nur mit Automatisierung abbilden. Das berühmte Chinesenprinzip funktioniert eben bei bestimmten Aufgabenstellungen nicht. Wenn innerhalb von 20 Minuten nach Auftragseingang die Kommission im Versandbereich stehen muss, kriegt man das auch mit 1 000 Chinesen nicht mehr hin. Was wir auch sehr stark spüren ist der Trend nach höherer Qualität. Je höher automatisiert der Prozess ist, desto höher ist die Qualität der kommissionierten Aufträge.“
Fazit ist, dass, wo heute noch manuell gearbeitet wird, es in Zukunft wesentlich mehr automatisierte Bereiche in der Logistik geben wird, aber auch das lässt sich nicht an bestimmten Branchen festmachen, sondern sei immer ein Mix aus Branchen und Regionen. Holger Cremer glaubt, dass es eher Regionen als Märkte sind, Regionen, die heute noch nicht betreut, jetzt aber langsam kommen würden. Ein starker Trend sei auch das Kartonhandling, also dass man ohne Behälter oder Trays auskommt, dem er für Deutschland einen starken Boom prognostiziert.
Green Logistics und Green Thinking Dr. Winkler ist felsenfest davon überzeugt, dass die Innovation der Zukunft nicht über irgendeine Technik in einem Gerät, sondern über die Systeme und aus den Systemen kommen werden, aus denen sich dann entsprechende Gerätelösungen ableiten. Sowohl bei den Investitionskosten als auch bei den Betriebskosten wird der Aspekt der Energiekosten eine Rolle spielen. Man kann beispielsweise bei einem Förderer, der nur geradeaus fährt, einen Antrieb optimieren und fünf oder zehn Prozent Energieersparnis herausholen, oder man macht sich pfiffige Gedanken, wie man diesen Förderer einfach ab und zu mal abschaltet. Dr. Winkler: „Ein stehender Förderer ist in seinem Stromverbrauch unschlagbar.“
Es seien, so Jörg Marx, ja oft auch die Entwicklungen im Kleinen. Ein klassisches RBG wird immer aus dem Fahrwerk, dem Mast und dem Hubwagen bestehen, es wird sich da wahrscheinlich nicht ändern können, dennoch wird die Entwicklung im Detail weitergehen. Wenn man sich Geräte vor etwa fünf, sechs Jahren anschaue, wurden vielleicht fünf bis zehn Prozent mit Energierückspeisung ausgerüstet, mittlerweile seien es sicher über 80 Prozent.
Jörg Marx: „Zum Einen zählt sicher der wirtschaftliche Aspekt, aber wirklich auch Green Thinking, ein Gedanke, den wir immer mehr verspüren. Kunden, die direkt an uns herantreten und sagen, wir haben im Unternehmen ökologische Grundsätze und wie könnt ihr das mit eurem Produkt vereinbaren. Dann geht es ganz klar auch um die Energierechnung bis hin zu Schmiermitteln, die ökologisch abbaubar sein müssen.
Cremer: „Wir spüren den Trend natürlich auch. „Ich will nicht sagen, dass es der alles entscheidende Faktor ist, aber es ist ein wichtiger Faktor geworden, die Betriebskosten zu senken. Die Zeit ist reif, über unkonventionelle Lösungen nachzudenken, denn die Zeit des Standard-RBG ist längst vorbei, allein schon durch den Konkurrenzdruck, den wir haben.“

Dr. Winkler meint, dass der eigentliche Hebel nicht im Material und nicht im Produkt liegt, sondern in der Anwendung. Es werde auch derjenige Erfolg haben, der das zusammen mit dem Kunden realisiert. Es gehe nur zusammen, wenn man sich die Prozesse anschaut und indem man dann auch die Ingenieurs und logistische Kompetenz habe, so etwas zu entwickeln. Dr. Winkler: „Die Kombination Prozesssicht- Kunde und technische Lösung Systemanbieter, das wird der große Hebel sein.“
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