Digitalisierung

Marvin Meyke,

Eine Einladung zu Open Source

Vier große Namen, ein großes Vorhaben: Open Source weltweit in der Logistik zu verankern. Dachser, DB Schenker, duisport und Rhenus haben gemeinsam die Open Logistics Foundation gegründet, um das nächste Kapitel der Digitalisierung in der Logistik aufzuschlagen.

© Impact Media Projects

Doch das soll nur der Anfang sein. Ein Gespräch mit den Gründern und dem, der sie zusammengebracht hat, über ihre Beweggründe, dicke Bretter, die gebohrt werden müssen und was Open Source mit der Logistikweltmeisterschaft zu tun haben könnte.

materialfluss: Die Open Logistics Foundation reiht sich ein in die Riege der großen gemeinnützigen Open-Source-Stiftungen. Open Source bedeutet, dass der Quellcode einer Software offen zugänglich ist. Das ist nicht neu; viele erfolgreiche Geschäftsmodelle basieren auf diesem Prinzip. Open Source ist überall, nur nicht in der Logistik, wie es scheint. Warum?

Markus Bangen: Michael ten Hompel hat mit Open Source ein Thema in der Logistik platziert, von dem alle wissen, dass es überfällig ist. Wir alle wissen doch, dass wir Commodities zusammen entwickeln müssen. Wir kamen bisher nur nicht über die Schwelle des Wettbewerbsdenkens hinweg. Es fanden sich einfach immer zu viele Abers. Die Bündelung von Ressourcen und Themen bietet uns die einmalige Chance, De-facto-Standards zu setzen, anstatt weitere Monolithen zu erschaffen.

Christian Bockelt: Um wirklich disruptive Innovationen aktiv voranzutreiben, braucht es die richtigen Weggefährten und einen ernsthaften Anstoß. Das Fraunhofer IML hat erkannt, dass diese Konstellation etwas bewegen kann und uns zusammengebracht.

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Stefan Hohm: Die Aufgaben der Digitalisierung sind zu groß, als dass sie ein Unternehmen allein lösen könnte. Das geht nur gemeinsam. Open Source hat einen ganz entscheidenden Vorteil: Es erleichtert den Einstieg in die Digitalisierung und ist damit ein wichtiger Erfolgsfaktor für die gesamte Logistikbranche. Zugleich ist Open Source ein Treiber für eine einheitliche Prozesslandschaft in digitalen Wertschöpfungsketten.

Stephan Peters: Es ist doch häufig so, dass es ein Momentum braucht. Gerade in den Wochen vor der Gründung ist uns klargeworden, dass in der Foundation genau die zusammengekommen sind, die im Innovationsumfeld in Dortmund und in den Fraunhofer Labs seit Jahren an Innovationen forschen. Wir haben das zusammengefügt, was zusammenpasst und woran wir seit Jahren entwickeln. Durch diese Innovationsforschung ist ein Vertrauen und eine natürliche Nähe da. Als die kritische Phase der Stiftungsgründung mit den Juristen begann, hat man das deutlich gespürt.

mfl: Die richtigen Menschen, zur richtigen Zeit, mit dem richtigen Mindset am richtigen Ort. Klingt vernünftig. Eine eigene IT-Entwicklung ist aber so etwas wie der heilige Gral der Logistik. Ist die Branche reif für Open Source?

Bockelt: Ein Großteil unserer Software entsteht heute schon mit Open Source. Jetzt geht es darum, Open Source mit Logistikaspekten anzureichern und Standards zu schaffen. Das ist ein sehr spannender Aspekt …

Peters: … und das Logistikwissen in einem Repository, in eine Open-Source-Community zusammenzubringen, ist ein entscheidendes Argument. Der Open-Source-Ansatz garantiert einen offenen Standard für die Digitalisierung logistischer Prozesse und bietet gleichzeitig ein hohes Maß an Flexibilität für individuelle Anpassungen.

Hohm: Intelligente Logistik basiert auf leistungsfähigen IT-Systemen. Dieser Grundsatz gilt bei Dachser schon seit vielen Jahrzehnten und wird auch weiterhin Bestand haben. Deshalb ist Dachser auch für die eigene IT-Entwicklung bekannt. Es macht allerdings wenig Sinn, jede Codezeile in einer Standardapplikation selbst zu programmieren. Das ist weder wirtschaftlich noch bietet es einen Wettbewerbsvorteil. Im Gegenteil: Es verhindert nicht selten sogar die pragmatische Vernetzung von Partnern und Kunden. Deshalb ist es für alle Beteiligten der Supply Chain von Vorteil, wenn ausgewählte Softwarekomponenten künftig als Open-Source-Elemente jedem kostenfrei zur Verfügung stehen und über eine neutrale Instanz weiterentwickelt werden.

Michael ten Hompel: Die Logistikbranche muss deutlich softwarelastiger werden, wenn sie in der kommenden Plattformökonomie eine Rolle spielen und ihre Zukunft auf der Basis europäischer Rechtsnormen und Werte selbstbestimmt gestalten will. Digitalisierung ist das Ziel, Open Source der Schlüssel, um alle Unternehmen, gleich welcher Größe und Branche, auf diesem Weg mitzunehmen.

mfl: Der Anfang ist gemacht. Jetzt gilt es ein paar dicke Bretter zu bohren, damit Open Source in der Logistik viral geht. Mitmachen, am liebsten alle – lautet die Devise. Warum sollten sie das tun? Worin liegt der Mehrwert?

Bockelt: Dieser Ansatz wird individuelle Investitionen in die Digitalisierung von Commodities ersetzen. Davon wird jedes beteiligte Unternehmen profitieren.

Bangen: In einem klassischen Hafen wie duisport wäre es vor wenigen Jahren noch „Waste of Time and Money“ gewesen, über ein gemeinsames Slot-System aller Terminals zu reden. Heute machen wir es. Der Leidensdruck ist jetzt da. Wir haben einfach erkannt, das geht nur gemeinsam, mit Insellösungen erreichen wir nichts.

Hohm: Die Akzeptanz in der Logistikbranche wird ganz stark davon abhängen, welchen Use Case wir als erstes platzieren. Nehmen wir die Fahrer-App, da haben wir ja schon ein, zwei davon (alle lachen). Das ist das beste Beispiel für Verschwendung von Ressourcen. Jedes Unternehmen baut seine eigene App und jeder Fahrer hat wiederum unzählige Apps auf seinem mobile Device. Hier wird ein enormer Aufwand betrieben, aber kein Unternehmen generiert einen Mehrwert damit. Aufbauend auf solchen einfachen, aber stark verbreiteten Use Cases wird sich die Erkenntnis relativ schnell durchsetzen.

Peters: Die Use Cases, über die wir sprechen, sind offensichtlich: E-Palettenschein, E-Lieferschein, Fahrer-App, ETA und einige andere mehr. Das dickste Brett wird aber sein, die Logistik- und die Softwarebranche dafür zu begeistern, das Open-Source-Repository zu nutzen und daran mitzuarbeiten. Wir könnten Komplexität reduzieren und so viel innovativer, schneller und besser sein, wenn es nicht mehr 100 völlig inkompatible Einzellösungen für solche Probleme gibt, sondern einen gemeinsamen Standard.

ten Hompel: Genauso ist es, und diese gemeinsame Basis zu schaffen, ist das Kernziel der Foundation. Man neigt immer dazu, die Foundation und Open Source an einzelnen Applikationen festzumachen. Hier geht es auch nicht darum, dass vier Wettbewerber etwas gemeinsam machen. Es geht darum, die Absprunghöhe in die Digitalisierung zu erhöhen, denn die Komplexität, die auf uns zu kommt mit KI und prädiktiven Algorithmen als Basis in datenbasierten Geschäftsmodellen, unterschätzen viele noch ganz erheblich. Dieser Wandel – und das ist wirklich wichtig – ist auch ein Kulturwandel. Viele Unternehmen haben längst verstanden, dass sie für sich einen Mehrwert generieren können, wenn sie sich nicht um jede Schnittstelle selber kümmern müssen, sondern wertschöpfende Software schaffen können.

mfl: Lassen Sie uns über Zeit und Geld sprechen. Wie viel Entwicklungszeit und -kosten kann man durch Open Source einsparen?

Peters: Bei uns ist es stark von der Applikation abhängig, aber die Erwartungshaltung ist deutlich zweistellig. Digitalisierung ist kein Selbstzweck. Sie überwindet Schnittstellen und zahlt auf übergeordnete Ziele wie Transparenz, Effizienz und Nachhaltigkeit ein. Sie muss aber vor allem auch wirtschaftlich praktikabel und am Markt erfolgreich sein.

Hohm: Der Fokus von Dachser liegt auf dem Business Case. Uns geht es darum, dass die Anwendungen vor Ort schlanker und einheitlicher werden. Die IT ist für uns ein Orchestrator. Sie bedient sich aus verschiedenen Baukästen. Es gibt Anwendungen, die geradezu danach schreien, von einem Repository heruntergeladen zu werden und einer großen Community zur Verfügung zu stehen. Und wenn mehr Menschen über das gleiche Thema nachdenken, kommt in der Regeln auch etwas Besseres dabei heraus.

Bockelt: Es gibt Themen, die können wir nur gemeinsam lösen und es gibt differenzierende Themen, für die man eigene Software baut. Und es wird Algorithmen geben, die wir dem Repository und damit der Allgemeinheit spenden. Uns ist es wichtig, allen Akteuren in der Branche einen Zugang zu geben.

Peters: Das schaffen wir nur durch Transparenz und die Basis dafür ist Vertrauen. Das müssen wir transportieren, neben dem, was wir als erstes ins Repository einstellen.

mfl: Digitalisierung zu fordern ist einfach, sie umzusetzen ändert alles. Wir schreiben das Jahr 2031: Was soll man rückblickend über den heutigen Tag und über die Open Logistics Foundation sagen?

Peters: Mir würde die Headline gefallen: „Deutschland Logistikweltmeister dank Open Source“ oder „Vom Logistikweltmeister zum Open-Source-Weltmeister“.

Bangen: Wir sind endlich über die Schwelle von Transparenz und Vertrauen gekommen, über die seit 20 Jahren jeder redet, aber bisher keiner überwunden hat. Wir haben gerade noch die Kurve bekommen.

Bockelt: Die Open Logistics Foundation hat eine Welle der Transformation ausgelöst. Der mutige Schritt in Richtung Open Source hat sich dabei sowohl für die Logistikindustrie selbst als auch ihre Kunden ausgezahlt.

Hohm: Ich würde mir wünschen, dass wir dann sagen: Am 22. Oktober 2021 war der Tag, an dem wir es geschafft haben, die Logistik auf ein neues Niveau zu heben und Collaboration zu ermöglichen – über Open Source.

ten Hompel: Ich hoffe, dass ich in drei Jahren schon sagen kann: Wer hätte damals gedacht, dass die Open-Source-Community exponentiell wächst. Und am besten fände ich, wenn wir uns in zehn Jahren gar nicht mehr daran erinnern, wie es vor Open Source war.

mfl: Michael ten Hompel, Sie haben die Stifter zusammengebracht. Was geben Sie der Logistikbranche mit auf den Weg?

ten Hompel: Alle Unternehmen sollten sich eine Frage stellen: Was machen wir eigentlich mit Open Source? Denn die Logistik-Community muss sich über eines im Klaren sein: In der Plattformökonomie wird das Geld mit KI verdient. Der Softwareeinsatz wird in kurzer Zeit exponentiell ansteigen und das geht nur mit Open Source. Dachser, DB Schenker, duisport und Rhenus haben mit der Gründung der gemeinnützigen Open Logistics Foundation das Fundament für eine Open-Source-Community gelegt. Jetzt kommt es darauf an, dass sich die Logistik als Branche neu positioniert und ihre Kräfte bündelt. Mein Rat? Never walk alone.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 3/2022.

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