Aus materialfluss 10/2019

Martin Schrüfer,

Produktivität mehr als verdoppelt

Bei der Erweiterung seines europäischen Distributionszentrums setzt Haustier-Versorger Fressnapf auf ein nachhaltiges Anlagenkonzept und die Intralogistik-Kompetenz von SSI Schäfer. Mit der ganzheitlichen Automationslösung hat Fressnapf Kapazitäten sowie Dynamik und Produktivität bei der Auftragsabwicklung mehr als verdoppelt.

© SSI Schäfer

Wenn es um das Wohl der Haustiere geht, gehört Fressnapf zur ersten Adresse. Das Unter­nehmen mit Sitz in Krefeld ist Europas ­Nummer Eins im Heimtierbedarf. Es sind rund 13.000 Artikel vom Tierfutter über Zu­behör, Pflegeartikel und Spielsachen bis hin zu Katzenstreu und Vogelhaus im Angebot. Der Vertrieb erfolgt europaweit über mehr als 1.500 stationäre Märkte, davon gut 900 in Deutschland, sowie über den 2009 eingerichteten Online-Shop. Insgesamt arbeiten mehr als 12.000 Menschen bei der Unternehmens­gruppe. 800 von ihnen verantworten die professionelle ­Ab­wicklung der europaweiten Logistik und Supply Chain.

Steigende Automatisierung im Distributionszentrum
Neben einem Importlager in Duisburg Logport, zwei Regionallagern im süddeutschen Raum und einem ausschließlich zur Bedienung des E-Commerce-Kanals eingerichteten Lager im Osten der Republik steht das im Jahre 2000 eingerichtete und kontinuierlich ausgebaute europäische Distributionszentrum (EDZ) am Unternehmensstandort in Krefeld im Mittelpunkt. „Mit der Versorgung der nachgelagerten Lagerstandorte, der layoutgerechten Kommissionierung für die Belieferung der ­Filialen und dem wachsenden Artikelspektrum sind die ­Auf­gaben in den vergangenen Jahren kontinuierlich gewachsen“, erklärt Christian Buschmann, Leiter Inbound Logistik & ­Technik bei Fressnapf. „Inzwischen sind in unserem EDZ rund 10.000 verschiedene Artikel gelagert. Vor diesem Hintergrund haben wir 2013 mit dem jüngsten Erweiterungs- und Automatisierungsprojekt für das Logistikzentrum begonnen, um Kapazitäten und Effizienz bei der Auftragsabwicklung zu steigern.“

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Intelligent verknüpfte Systeme
Den Zuschlag für Materialfluss, Anlagenkonzept und Aus­stattung eines kompletten, 13.000 Quadratmeter großen An­lagenkomplexes mit einem zehngassigen Paletten-Schmalganglager, einem dreigassigen Automatisierten Kleinteilelager (AKL) für die Nachschubversorgung und einem viergassigen Kommissionier-AKL nebst Paletten- und Behälterfördertechnik, 38 Be­arbeitungsstationen, davon zwölf im Rüst- und 26 im Kom­missionierbereich und 60.000 Behältern erhielten als ­Generalunternehmer die Intralogistik-Spezialisten von SSI Schäfer. „Das Lösungskonzept mit den intelligent verknüpften Systemen zur Zusammenführung und Pufferung der mehr­stufigen Auftragskommissionierung setzte die Aufgabenstellung unter Berücksichtigung von Strukturdaten, Wachstumszielen, Prozesseffizienz und Erweiterungsoptionen optimal um und ­sichert uns höchste Verfügbarkeit“, begründet Buschmann die Auftragsvergabe nach Ideenwettbewerb und Ausschreibung. „Wir wurden vom Ergebnis nicht enttäuscht: Mit 100.000 Kolli pro Tag haben wir unsere Produktivität nach Inbetriebnahme des neuen Lagerkomplexes deutlich gesteigert und bei gleicher Arbeitszeit unsere Ausbringung mehr als verdoppelt.“

© SSI Schäfer

Optimale Abläufe besonders für Kleinteile
Mitte 2017 übergab SSI Schäfer eine Anlage für weitgehend automatisierte Logistikprozesse mit filialgerechter Kommissionierung und Bereitstellung. Im Fokus: Die Steigerung von ­Kapazität und Effizienz vor allem im Kleinteilesegment. „Klein­teile sind ausschließlich in Krefeld bevorratet und machen rund 50 Prozent des vorrätigen Sortiments aus“, sagt Buschmann und verweist auf die Artikelstruktur von Fressnapf: „Sie ist wenig homogen, besteht im Non-Food-Segment beispielsweise aus Zubehör wie Leinen, Spielzeug oder nestbaren Futternäpfen. Darüber hinaus gehören im Food-Bereich unter anderem Snacks und Spezialfutter in diversen Varianten und Gebindegrößen zu unserem Produktangebot.“ Entsprechend wurde das Anlagenkonzept von SSI Schäfer auf eine optimale Lagerung und effiziente Kommissionierprozesse sowohl für Sackware als auch Kleinteile zugeschnitten. „Wo es wirtschaftlich sinnvoll ist, haben wir die Prozesse automatisiert, um unsere Mitarbeiter zu entlasten“, so Buschmann. „Dabei ist das Konzept von SSI ­Schäfer mit den verschiedenen Kommissionierbereichen für unterschiedliche Auftragsanforderungen ideal auf die variierenden Umschlagshäufigkeiten des diversifizierten Artikel­spektrums in unserem EDZ ausgelegt.“

Komplexe Vorgänge ganzheitlich eingebettet
Mittels Fördertechnik direkt an den bestehenden Lagerbereich angebunden, richtete SSI Schäfer einen multiuserfähigen Lagerkomplex ein. „Parallel dazu wurden die komplexen Abläufe in einen ganzheitlichen Materialfluss eingebettet“, erläutert ­Matthias Häußler, Projektleiter bei SSI Schäfer. So wurde etwa der Wareneingangsbereich mit einer doppelstöckigen Stahl­bühnenkonstruktion überbaut. Auf Ebene Null werden die ­palettiert angelieferten Wareneingänge bearbeitet, erfasst und nach Vorgabe des Lagerverwaltungssystems (LVS) zur Ein­lagerung verbracht. Nach der Vereinnahmung bringen Stapler die Waren­eingänge zunächst in ein zehngassiges manuelles Schmalgang­lager. Dort sind 5.840 Palettenstellplätze für die Zwischen­lagerung ein­gerichtet. Es dient der Nachschubversorgung für das AKL und der Bereitstellung von Ganzpaletten. Für die ­direkte Ver­sorgung mit Aktionsware ist überdies eine Regal­anlage mit rund 300 Palettenstellplätzen eingerichtet.

Stapler übergeben die Paletten
Für die automatisierten Prozesse zur Bereitstellung der Paletten an den Rüstarbeitsplätzen übergeben Stapler die Paletten an die Palettenfördertechnik auf der unteren Ebene der Waren­eingangsbühne. Sie führt die Paletten auf der Bühnenkonstruktion über dem Wareneingangsbereich zu zwei Verschiebewagen. Diese bedienen Übergabestiche, die wiederum 24 Heber be­stücken. Diese ver- und entsorgen die zwölf auf der oberen Ebene der Wareneingangsbühne eingerichteten Depalettierplätze, wobei jeder Arbeitsplatz von zwei Hebern bedient wird. An den Depalettierstationen werden die Gebinde vereinzelt. Dazu sind die Stationen mit einer dreistöckigen Fördertechnik ausgestattet: Auf der mittleren Ebene werden Leerbehälter ­herangeführt und auf der unteren die Zielbehälter ab­gezogen. Über die oberste Fördertechnik erfolgt über einen Gurtförderer die Entsorgung von Altkartons. Die Fördertechnik transportiert die Zielbehälter mit den vereinzelten Artikeln ­beziehungsweise Gebinden schließlich in das AKL oder direkt in die acht Schäfer Carousel Systeme (SCS) zur ­Kommissionierung.

AKL nach Funktionsbereichen unterteilt
Das AKL ist nach Funktionsbereichen in zwei Lagerblöcke ­unterteilt: Drei Gassen mit knapp 35.000 Behälterstellplätzen dienen als Vorratslager. Aus ihm werden die vier Gassen des Kommissionier-AKL versorgt, wo mehr als 22.300 Behälterstellplätze für die Schnelldreher installiert sind. Die Ein- und Aus­lagerungen übernehmen insgesamt sieben Regalbediengeräte vom Typ Schäfer Miniload Crane (SMC). In die Gassen des Kommissionier-AKL sind auf der untersten Ebene Kommissionierstationen mit Durchlaufkanälen eingerichtet, die rückseitig direkt aus dem AKL bestückt werden. Die Stationen sind in einzelne Bahnhöfe unterteilt und mit einem Pick-by-Light-­System (PBL) ausgestattet. „Diese Unterteilung ermöglicht ­eine Kommissionierung mit kurzen Laufwegen“, erläutert ­Projektleiter Häußler. Ein automatischer Kartonaufrichter stellt die Kartons bereit, die bei Auftragsstart auf zwei Seiten jeweils ein Routing-Label erhalten.

Die Zielkartons mit den Labels gelangen über einen Senkrechtförderer auf die umlaufende Fördertechnik. Integrierte Scan-Technik sorgt im Zusammenspiel mit dem LVS dafür, dass die Kartons an den für die ­Auftragskommissionierung zuständigen Bahnhöfen stoppen. Dort informieren die Pick-Faces der PBL-Anlage die Mit­arbeiter über Zugriffsfach und Anzahl der zu entnehmenden Artikel. Nach Quittierung der Entnahme führt die Förder­strecke die Kartons zum nächsten Bahnhof. Schließlich werden die Versandkartons nach erfolgter Kommissionierung ab­gezogen, von einem automatischen Kartonverschließer in der Höhe volumenreduziert verschlossen und nach Gewichts­kontrolle von einem Applikator mit dem Paketlabel versehen. Die Fördertechnik führt die Kartons dann direkt auf die Ge­fällerollenbahnen im Versandbereich oder zur Zwischen­lagerung in eines der beiden, speziell zum Handling von ­Kartons ausgelegten Versand-SCS. Dort werden bei Bedarf die Versandkartons aus den unterschiedlichen Kommissionierbereichen ­zusammengeführt und zwischengelagert.

Anlage auch für E-Commerce nutzbar
Neben dem Kommissionier-AKL stehen Fressnapf mehr als 10.000 weitere Stellplätze für mittel- bis langsamdrehende ­Artikel in acht weiteren Kommissionier-SCS zur Verfügung. Diese sind auf zwei Etagen verteilt und pro Ebene mit jeweils einem Pick-to-Tote-Arbeitsplatz (PTT) für dynamische Kommissionierprozesse ausgestattet. Dort werden den Mitarbeitern die Quellbehälter sequenziert angedient und parallel bis zu ­sieben Aufträge direkt in die Versandkartons kommissioniert. Mit Abschluss der Kommissionierung werden auch dort die Versandkartons automatisch abgezogen, volumenreduziert verschlossen und mit dem Paketlabel versehen. Optional kann die Anlage auch für den E-Commerce genutzt werden und bietet hierzu unter anderem die Möglichkeit, Versandkartons für direkt nach der Fertigstellung an einem der dafür vorgesehenen sechs KEP-Arbeitsplätzen über einen Spiralförderer direkt auf die eigens dafür vorgesehene Gefällerollenbahn im Warenausgangsbereich auszuschleusen. Auftragspositionen für die Filialbelieferung transportiert die Fördertechnik zur Auftragskonsolidierung in einen nachgelagerten Konso­­li­dierungspuffer. Dieser hält mehr als 8.700 Stellplätze für die kurzfristige Zwischenlagerung und Bereitstellung zur touren- und filial­gerechten Palettierung vor. Parallel dazu können die Auftrags­kartons zur manuellen Palettierung direkt auf die 50 Versandbahnen im Warenausgangsbereich ausgeschleust werden. Dort erfolgt die Auftragskonsolidierung mit den palettierten großvolumigeren Artikeln aus den übrigen Lagerbereichen.

Mehr Effizienz, Produktivität und Kundenservice
„Die Anlage von SSI Schäfer sorgt für die erforderliche Verfügbarkeit und eine hohe Taktrate bei der Auftragskommissionierung“, fasst Fressnapf-Logistikleiter Christian Buschmann zusammen. „In der Folge ­haben wir Effizienz, Produktivität und Kundenservice deutlich ge­steigert und mit Features wie einen volumenoptimierten Versand unsere Kostenstruktur nachhaltig verbessern können. Besonders freut uns, dass das Arbeitsumfeld durch die ergonomisch gestalteten Arbeitsstationen für unsere Mitarbeiter nun deutlich komfortabler geworden ist.“

Der Logistikdienstleister SSI Schäfer
Die SSI Schäfer Gruppe ist Lösungsanbieter modularer Lager- und Logistiksysteme. Das Unternehmen beschäftigt am internationalen Hauptsitz in ­Neun­kirchen sowie weltweit in rund 70 operativ ­tätigen Gesellschaften und an mehr als acht ­Produktionsstätten im In- und Ausland rund 10.500 Mitarbeiter. Verteilt auf sechs Kontinente entwickelt SSI Schäfer Konzepte und Lösungen in den Branchen seiner Kunden. Das Unternehmen plant, konzeptioniert und produziert Systeme zur Einrichtung von Lagern, Betrieben, Werkstätten und Büros, manuelle und automatische Lager-, Förder-, Kommissionier- und Sortiersysteme sowie Lösungen für Abfalltechnik und Recycling. SSI Schäfer hat sich zu einem der größten Anbieter für releasefähige Software für den innerbetrieblichen Materialfluss entwickelt. Mehr als 1.100 IT-Experten entwickeln hochperformante Anwendungen. Das Softwareportfolio mit Wamas und SAP deckt alle Vorgänge von der Lager- bis zur Material­flussverwaltung ab. Gleichzeitig optimiert SSI Schäfer mit eigenen Lösungen die Produktivität und Arbeitsleistung der Kunden und schafft zudem die ­Möglichkeit, durch Messung und Bewertung mit Hilfe von KPIs das Lager aktiv zu bewirtschaften.

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