Statement – E-Commerce
Herausforderungen in Zeiten von Logistik 4.0
Vor gut 20 Jahren begann eine Entwicklung im Handel, die bis heute nicht nur den Handel selbst, sondern die Gesellschaft, das Konsumverhalten und auch die Technik nachhaltig beeinflusst und verändert hat. Wenn man heute die Herausforderungen der Industrie 4.0 oder der Digitalen Transformation näher betrachtet, so fällt auf, dass viele der Entwicklungen entweder durch den E-Commerce notwendig wurden oder aber E-Commerce wiederum erst durch diese Entwicklungen möglich war. Zumindest war der elektronische Handel (im B2B wie im B2C) weitgehend das Rollenmodell für Industrie 4.0.
Beim Start des „Einkaufens im Internet“ stand zwar offensichtlich eine bis dahin unvorstellbare zeitliche Flexibilität als Hauptargument im Raum. Das nicht mehr unmittelbare in-Augenschein-nehmen der Ware allerdings war auch verbunden mit einer gewissen Unsicherheit.
Zur Etablierung und Ausdehnung des E-Commerce außerhalb des bereits erfolgreichen Buchhandels hinein in die Bereiche Mode, Konsumgüter, etc. war ein entscheidender Schritt für die erfolgreiche Umsetzung nötig: Die Gewährung eines weitreichenden Rückgaberechts.
Verbunden damit werden aber wiederum nicht nur die Warenströme vervielfacht. Sondern auch die Warenverteilsysteme müssen mit intelligenten Prozessen und flexibler, reaktionsschneller Technik die Unternehmen in die Lage versetzen, dies zu bewältigen – und das auf wirtschaftliche Art und Weise.
Bei der schnellen Auslieferung müssen Verteilzentren heute Beachtliches leisten. Die Qualität muss sichergestellt sein, denn falsche, fehlende oder zu spät ausgelieferte Artikel zerstören das Vertrauen der Kunden in Windeseile und nachhaltig – der Wettbewerb wartet bereits. So sind heute Systeme im Einsatz, in denen Menschen und Technik gemeinsam nicht nur für bis vor Kurzem unvorstellbare Durchsatzleistungen sorgen, sondern dabei auch nahezu 100 % Lieferqualität erreichen müssen.
Im Bereich der Artikelkommissionierung wurden nicht nur durch vollautomatisierte Systeme, sondern auch durch Pick by light, Pick by Voice, Pick by Vision immer neue Hilfsmittel entwickelt, die Mensch-Maschine-Anlagen höchst effizient und nahezu fehlerfrei machen.
Bestimmte Sortimente erlauben den Einsatz vollautomatisierter Systeme. Um diese skalier- und vor allem anpassbar zu machen, wurden autonome Robots, Shuttle-Systeme und Fahrerlose Transportsysteme zu hochflexiblen, intelligenten Teilsystemen weiterentwickelt. Volatilität, Kostenoptimierung, Flexibilität und Effizienz sind heute keine widersprüchlichen Kriterien mehr, sondern Zielgrößen, die es zu vereinen gilt.
Von herausragender Bedeutung sind dabei naturgemäß die ERP- und Steuerungssysteme und deren reaktionsschnelle Umsetzung neuer Anforderungen. Dass hier zur Auswahl des optimalen Systems für den optimalen Einsatzfall eben nicht mehr nur die statischen Planwerte als Grundlage dienen können, sondern die Marktdynamik der Zukunftsentwicklung, aber auch die im Verlauf eines Geschäftsjahres ist klar.
Ebenso werden heute nichtplanbare Änderungen im Geschäftsverlauf, teilweise im Geschäftsmodell abzubilden sein. Im Sinne einer nachhaltigen Anlagentechnik darf dadurch nicht die Nutzungsdauer zu kurz werden.
Handel, Wirtschaft, Entwickler, Wissenschaft und Lehre haben hier in den vergangenen Jahren Enormes geleistet und werden in den kommenden Jahren weiter Großes schaffen müssen. Logistik 4.0 kommt nicht morgen, sondern ist seit Jahren Stand der Technik.
Prof. Dr.-Ing. Johannes Fottner lehrt als Professor für Technische Logistik an der Technischen Universität München und dort am fml – Lehrstuhl für Fördertechnik Materialfluss Logistik. Der Lehrstuhl hat seinen Sitz in Garching bei München.











