Regalbediengeräte / Shuttle
Gebhardt modernisiert Logistik für Medizinprodukte
Weil die Lagerkapazitäten der Paul Hartmann AG an ihre Grenzen stießen, suchte der Hersteller von Medizin- und Pflegeprodukten nach neuen Lösungen. Im Logistikzentrum Süd in Herbrechtingen entwickelte Gebhardt daher für das Traditionsunternehmen ein neues, hoch-dynamisches Shuttlelager.

Die Paul Hartmann AG aus dem württembergischen Heidenheim blickt als international führender Anbieter von Medizin-, Pflege- und Hygieneartikeln auf eine 200-jährige Erfolgsgeschichte zurück. Was 1818 als mechanische Spinnerei in Heidenheim begann, ist heute ein weltweit agierender Konzern mit rund 10.400 Mitarbeitern, der in fast 40 Ländern vertreten ist. Das Traditionsunternehmen versorgt Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen und den Fachhandel mit High-Tech-Produkten.
Das Logistikzentrum Süd (LZS) in Herbrechtingen ist die Logistikdrehscheibe des Unternehmens. Mit 65.000 Palettenplätzen und rund 130 Mitarbeitern ist es das größte vollautomatisierte Hochregallager der Hartmann-Gruppe. Das LZS ist Teil des Werksgeländes, auf dem sich auch eine hochautomatisierte Produktion und ein Material- und Rohstofflager befinden. Ein neues Automatisches Kleinteilelager (AKL) wurde wegen des konstanten Wachstums des Unternehmens notwendig und sollte auf dem Gelände entstehen.
Den Auftrag erhielt die Gebhardt Fördertechnik GmbH im Juli 2012. Nach einer Planungsphase folgte der Baubeginn im Januar 2013 und das Go-Live bereits im Oktober darauf. Geplant, geliefert, installiert und in Betrieb genommen hat Gebhardt in dieser Zeit ein dreigassiges, von 39 One Level Shuttles (OLS) bedientes AKL mit vier Kommissionierarbeitsplätzen, getrennte Förderstrecken für Versandkartons und Quelltablare, einem zentralen Auftragsstart mit automatischer Kartonaufrichtung und Etikettierung, die Anbindung der Fördertechnik an manuelle Kommissionierbereiche und sieben Versandarbeitsplätze. Ergänzend zur Hardware des Lagers lieferte Gebhardt auch Software wie das Gebhardt Storeware MFS, das Gebhardt Storeware LVS sowie die Anlagensteuerung. Zum Projekt gehörte auch die Modernisierung des alten, aus zwei Gassen bestehenden Bestandslagers (AKL). Im Zuge des Retrofits wurde das Lager an die neue Fördertechnik und die Kommissionierung angebunden.
Das neue Lager als OLS-Lager zu konzipieren, war für Projektleiter Thomas Engelhard von Gebhardt die optimale Lösung: „Das Shuttlesystem bietet gegenüber den klassischen AKL-Lösungen eine höhere Ein - und Auslagerleistung und einen effektiven, dynamischen Zugriff auf ein- und auszulagernde Ware nach dem Ware zur Person-Prinzip. Die modulare Bauweise der einzelnen Kanalfahrstrecken ermöglicht es außerdem das Lagersystem nach Bedarf flexibel zu erweitern. Auch die gute Raumnutzung, der geringe Wartungs- und Instandhaltungsaufwand, eine schnelle Montage sowie niedrige Investitions- und Betriebskosten sprachen für diese Lösung.
Hochdynamischer Materialfluss
Im Wareneingang werden die aus der Produktion oder dem Palettenlager angelieferten Waren in Kartons von einem Mitarbeiter von der Palette auf Quelltablare umgepackt, die anschließend über Fördertechnik in das OLS-Lager gelangen. Alle drei Gassen des Shuttlelagers sind in der Vorzone mit jeweils einem Ein-/Auslagerheber ausgestattet, der zwei Behälter gleichzeitig aufnehmen und abgeben kann. So kann jeder einzelne Heber 528 Tablare pro Stunde ein beziehungsweise auslagern. Zusammen leisten sie also etwa 1.500 Doppelspiele pro Stunde. Das Lager verfügt über ca. 4.500 Stellplätze für Tablare und bietet zusätzlich Raum als Puffer für Versandkartons.

Im Shuttlelager selbst kommen pro Gasse 13 Gebhardt Storebiter 300 OLS zum Einsatz, die die Tablare zunächst einlagern. Die Shuttles mit einer maximalen Nutzlast von 2 x 50 kg beziehen dabei Energie über ein Stromschienensystem. Das Lager ist allseitig umschlossen und wird stetig mit Luft gefüllt, um die Artikel staubarm und entsprechend der Normen für das Qualitätsmanagement von Medizinprodukten zu lagern.
Mit einem Auftragsstart beginnt dann der Prozess: Nach der automatischen Kartonaufrichtung werden die Versandkartons mit einem Barcode-Etikett versehen. Sie fahren dann zur Einschleusung in den separaten Fördertechnik-Loop für Versandkartons, der rund 800 Kartons pro Stunde bewältigt. Im WMS entscheidet sich, zu welchem der vier Kommissionierarbeitsplätze ein Karton fährt. Jeweils vier dieser Versandkartons werden pro Arbeitsplatz gleichzeitig bearbeitet.
Parallel dazu starten die Quelltablare mit den Artikeln aus dem Shuttlelager zu den Kommissionierarbeitsplätzen. Sie sind nach dem 1-zu-Endverteilung-Prinzip organisiert: Aus einem Quelltablar kann der Kommissionierer an seinem Arbeitsplatz in die vier Versandkartons die Ware kommissionieren. Um die Arbeitsplätze auftragsgerecht mit den richtigen Artikeln in der richtigen Sequenz zu versorgen, befindet sich an jedem Platz ein Turmspeicher mit 22 Stellplätzen, der ein Doppelspiel von 200 pro Stunde leisten kann. Der Gebhardt LVS-Kommissionierdialog leitet den Mitarbeiter durch den Kommissionierprozess: Entnimmt er Ware dem Quelltablar, wird über ein Put-to-Light-Verfahren der entsprechende Zielkarton mittels einer blauen Leuchte markiert. Der Kommissionierer weiß dann, in welchen Versandkarton er die Artikel legen muss. Pro Arbeitsplatz werden so im Schnitt 250 Quelltablare bearbeitet.
Um ergonomisches Greifen zu ermöglichen, sind automatisch verstellbare Hubplattformen installiert, so dass der Kommissionierer möglichst auf einer idealen Höhe zur Fördertechnik steht. Ebenfalls aus ergonomischen Gründen werden die Quelltablare und Zielkartons um 15° zum Kommissionierer geneigt. Außerdem signalisiert die Kippstellung dem Mitarbeiter, dass der Versandkarton noch nicht vollständig kommissioniert ist. Erst wenn die Kippvorrichtung nach unten klappt weiß er, dass der Karton versandfertig ist.
Viele Verbesserungen und Modernisierungen
Die Versandkartons laufen anschließend über einen NERAK-S-Förderer zu den einzelnen Versandbahnen und zu einem der sieben Versandarbeitsplätze. Hier erhalten die Kartons ein Etikett, werden umreift und auf die jeweiligen Tourenpaletten umgeschichtet und verschickt. Sind sie hingegen noch nicht für den Versand vorgesehen, laufen die Kartons zunächst ins Shuttlelager und werden dort in Lagerfächern zwischengepuffert. Währenddessen gelangen auch die Quelltablare aus der Kommissionierung über den Tablar-Fördertechnik-Loop zurück ins Shuttlelager.
Das alte AKL-Bestandslager – mit zwei Gassen samt Regalbediengeräten – wurde von Gebhardt modernisiert und an die neue Fördertechnik und den Kommissionierprozess des neuen Lagers angebunden. Weil in diesem Lager größere Tablare eingesetzt werden, die mit der neuen Anlage nicht kompatibel sind, musste dafür eine eigene Fördertechnik installiert werden.










