Kolumne: Was Würmser wurmt

Anita Würmser,

ICE und andere Chefsachen

Frühling, Sommer, Herbst und Winter sind die größten Feinde der Deutschen Bahn. Dass das auch so bleibt, dafür sorgt jetzt ein deutscher Technologiekonzern. Ausgerechnet Siemens kann seit fast einem Jahr die als Winterreserve bestellten ICE wegen Softwareproblemen nicht liefern. Jetzt ist das Thema Chefsache.

Anita Würmser schrieb bis Ende 2020 exklusiv in LT-manager die Kolumne „Was Würmser wurmt“. Die Agenturinhaberin und Chefin des IFOY Awards und der Logistics Hall Of Fame hat viel zu sagen – und das nun in materialfluss. © privat

Die deutschen Vorzeigeunternehmen scheitern bei Infrastruktur- und Technologieprojekten seit Jahren regelmäßig an ihren Kernkompetenzen - gerne auch mal spektakulärer, wenn (die) Politik im Spiel ist.

Alles versprochen, nichts geliefert. So war das schon bei der LKW-Maut, als die Politik es nicht erwarten konnte, an die Mautmilliarden zu kommen, und dem Betreiber-Konsortium aus Daimler-Chrysler und Telekom ein schnödes Pickerl nicht gut genug war. Nein, man wollte es den Österreichern so richtig zeigen und zum Mautstart, in für IT-Verhältnisse aberwitzig kurzen 11 Monaten, ein Hochtechnologiesystem zaubern, das zum Exportschlager für die Mautstraßen dieser Welt werden sollte. Es wurde ein Riesenblamage, ein Ladenhüter obendrein und als die Mauterfassung nach unzähligen Softwareproblemen, zwei Geschäftsführerwechseln und mit zweieinhalb Jahren Verspätung endlich lief, hatte man keine Peinlichkeit ausgelassen. Schaden: sieben Milliarden Euro. Die Karikaturisten spitzen schon die Stifte für die anstehende Neuausschreibung des Systems im nächsten Jahr.

Noch entfesselter rasen Infrastrukturprojekte nur an die Wand, wenn die Neigung der Politik ins Spiel kommt, sich Denkmäler zu setzen. Ein so sinnfreier Raumbahnhof in der Stuttgarter Pampa 21 wurde 2012 sogar noch getoppt von drei Buchstaben: BER. Dort übertraf spätestens dann Realität jedes Vorurteil, als die Verwaltung mit dem OB an der Spitze Planung, Bau und Betrieb von "Europas modernstem Flughafen" zur Chefsache erklärte und es aus dem Stand besser und billiger machen wollte, als alle Bauexperten zusammen. Der Rest der lustigen Geschichte ist bekannt.

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Wie groß der Realitätsverlust oft ist, zeigt sich, wenn ein Projekt in der Stunde des Scheitern zur Chefsache wird, als könne ein Vorstandsvorsitzender Softwareprobleme durch Handauflegen heilen oder ein Politiker einen Flughafen durch Fingerschnippen starten. Zu viele Manager, zu wenig Macher. Zu viel Politik, zu wenig Sachverstand. Umgekehrt muss es sein, sonst bestellt Herr Grube bald seinen ersten ICE in China.

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