Interview zum Digitalen Produktpass
Regulatorischer Druck trifft strategische Chance
Vor dem Hintergrund europäischer Vorgaben sind Unternehmen dazu verpflichtet, produktbezogene Daten entlang ihrer innerbetrieblichen Materialflüsse bereitzustellen. Der Digitale Produktpass (DPP) stellt dabei eine zentrale regulatorische Anforderung für die Intralogistik dar. Im Interview erläutert Kimberly Karambis von Arvato Systems die Bedeutung des DPP für die Intralogistik.
Wie bewerten Sie die tatsächliche Relevanz des DPP für die Intralogistik – regulatorische Pflicht oder strategische Chance?
Kimberly Karambis: Der Digitale Produktpass (DPP) ist für die Intralogistik zunächst eine regulatorische Pflicht im Rahmen der EU-Ökodesign-Verordnung. Unternehmen müssen künftig Produktdaten wie Materialzusammensetzung, Herkunft, Reparierbarkeit oder CO2-Fußabdruck erfassen und entlang der innerbetrieblichen Materialflüsse verfügbar machen. Dafür sind Anpassungen in IT-Systemen wie WMS und ERP sowie in Identifikationstechnologien wie QR oder RFID erforderlich. Bei frühzeitiger Integration bietet der DPP jedoch strategische Chancen: Standardisierte, maschinenlesbare Daten ermöglichen automatisierte Identifikation, optimierte Lagerstrategien, effizientere Kreislaufprozesse und bessere Rückverfolgbarkeit. Gleichzeitig schaffen sie die Grundlage für KI-Anwendungen und datenbasierte Prozessoptimierung in der Intralogistik.
Welchen Einfluss wird der DPP auf Einlagerungsstrategien oder Seriennummerntracking haben? Müssen Scan- und Identifikationsprozesse angepasst werden?
Karambis: Der Einfluss des DPP hängt stark von der Granularität der Datenführung ab. Regulatorisch ist nicht zwingend eine Seriennummer erforderlich; viele Anforderungen lassen sich zunächst auf Produktmodell- oder Chargenebene erfüllen. Unternehmen müssen daher nicht jedes einzelne Objekt individuell tracken.
Das größte Potenzial entsteht jedoch auf Seriennummernebene: Sie ermöglicht präzise Lebenszyklusverfolgung, zustandsabhängige Lagerstrategien sowie effizientere Retouren- und Refurbishment-Prozesse. Technologien wie QR, RFID oder NFC bleiben grundsätzlich geeignet, müssen jedoch hinsichtlich Datenstruktur, Interoperabilität und Systemintegration weiterentwickelt werden. Entscheidend ist die eindeutige Verknüpfung des DPP mit dem physischen Produkt und dessen Integration in WMS- und ERP-Systeme.
Wie gehen Unternehmen bei der Integration externer DPP-Datenquellen in ihre Systemlandschaft vor?
Karambis: Unternehmen integrieren externe DPP-Daten meist schrittweise auf Basis einer klaren IT-Zielarchitektur. Dabei wird festgelegt, wo Daten gespeichert werden, welche Systeme wie ERP, WMS oder PLM darauf zugreifen und ob die Anbindung direkt oder über Plattformen und APIs erfolgt. Häufig setzen Unternehmen auf plattformbasierte, API-gesteuerte Ansätze.
Zentral sind technische und semantische Standards, etwa interoperable Identifikationssysteme wie GS1 sowie standardisierte Datenmodelle. Da der DPP unternehmensübergreifend funktioniert, ist Interoperabilität entscheidend. Gleichzeitig steigen Anforderungen an Sicherheit und Governance, etwa bei Authentifizierung, Zugriffsrechten, Verschlüsselung und der Sicherstellung von Datenintegrität.
Wie gehen Unternehmen mit Produkten ohne DPP um?
Karambis: In der Übergangsphase ist vor allem der Zeitpunkt des Inverkehrbringens entscheidend – also die erstmalige Bereitstellung eines Produkts auf dem EU-Markt beziehungsweise dessen Inbetriebnahme, nicht das bloße Bereitstellen vorhandener Lagerbestände. Zwischen Erlass der Regelungen und ihrem Geltungsbeginn bestehen meist Übergangsfristen von rund 18 Monaten. Diese Zeit dient der technischen und organisatorischen Vorbereitung. Unternehmen sollten jedoch nicht auf konkrete delegierte Rechtsakte warten, sondern bereits heute ihre IT-Infrastruktur, Datenarchitektur und Schnittstellen prüfen und anpassen. Die Integration neuer Datenstrukturen sowie die Einbindung von Lieferanten benötigt Vorlauf und reduziert späteren Umsetzungsdruck.
Besteht die Gefahr, dass der operative Aufwand die ökologischen Vorteile übersteigt?
Karambis: Kurzfristig kann der operative Aufwand durch IT-Anpassungen, Datenerhebung und Prozessumstellungen hoch erscheinen. In der Einführungsphase entstehen zusätzliche Aufwände beim Aufbau von Dateninfrastrukturen, der Sicherstellung von Datenqualität und der Abstimmung entlang der Lieferkette. Diese Phase ist jedoch als Transformations- und Investitionsphase zu verstehen.
Sobald der DPP in die operativen Abläufe integriert ist, sinkt der laufende Aufwand deutlich. Standardisierte Datenmodelle und automatisierte Schnittstellen reduzieren manuelle Prozesse. Gleichzeitig entsteht der ökologische Nutzen langfristig: Transparente Lebenszyklusdaten erleichtern Reparatur, Wiederverwendung und Recycling und verbessern die Ressourceneffizienz.










