Software

Daniel Schilling,

Lagerverwaltungssysteme zusammenführen

Jahrzehntelang hat das Schweizer Industrieunternehmen Georg Fischer (GF) an seinen Standorten der Division GF Piping Systems in Schaffhausen mit drei verschiedenen Systemen zur Lagerverwaltung gearbeitet. Mit dem Ziel einer zukunftsfähigen All-in-one-Lösung beauftragte GF den deutschen Automatisierungsexperten Unitechnik. Die Herausforderung: Das neue Lagerverwaltungssystem musste einen hochoptimierten Stand ablösen sowie sehr komplexe Logistikprozesse abbilden – und der Wechsel musste sich ohne Anlagenstillstände gestalten lassen.

Georg Fischer Piping Systems produziert Rohrleitungssysteme und Systemlösungen für ein breites Anwendungsspektrum in den unterschiedlichsten Branchen © Georg Fischer

Georg Fischer ist ein internationales Industrieunternehmen mit Hauptsitz in Schaffhausen, Schweiz. Rund 14.000 Mitarbeiter in 34 Ländern arbeiten in drei Divisionen: GF Piping Systems für Rohrleitungssysteme, GF Casting Solutions für Gusskomponenten in der Automobilindustrie sowie GF Machining Solutions für Werkzeugmaschinen. Bei GF Piping Systems lagern an drei Standorten in Schaffhausen rund 25.000 Artikel – vom kleinen O-Ring bis zur Schweißmaschine. Das Distributionszentrum umfasst 80 Prozent des Hauptgeschäfts. Als Überlauflager und für spezielle Sortimente, vor allem Langsamdreher, dient das MF5. Lang- und Sperrgut lagert im Logistikzentrum Herblinger Tal (LZH). Alle Lager sind in verschiedene Unterlager je nach Produktart aufgeteilt.

Komplexe Logistikprozesse in Schaffhausen

Das Handling der unterschiedlichen Produkte an mehreren Standorten sorgt für komplexe Logistikprozesse. Aus weiteren Werken in der Schweiz und von externen Lieferanten gehen kontinuierlich neue Waren ein. Aufträge werden unter Berücksichtigung länder- und kundenspezifischer Anforderungen weltweit versendet. Auch das Kommissionieren des Vormaterials für die eigene Produktion findet dort statt, ebenso der Nachschub für extern betriebene Distributionszentren in anderen Ländern. Da sich oftmals Teile unterschiedlicher Dimensionen in einer Sendung befinden, sind gegebenenfalls viele Lagerbereiche aus den verschiedenen Standorten beteiligt. Der Lkw muss dann an mehreren Ladestellen Ware für die gleiche Sendung abholen. Besondere Anforderungen bestehen zudem durch die MHD-Verwaltung von Gefahrgutartikeln und das Handling von Sperrgut in manuellen Bereichen.

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Bedingt durch die Lagerstruktur war auch die Lagerverwaltung aus IT-Sicht stark gegliedert. Im Distributionszentrum Schaffhausen war ein Lagerverwaltungssystem (LVS) als führendes System im Einsatz; die Außenlager MF5 und LZH wurden von einem separaten System verwaltet. Zusätzlich sorgte ein sogenannter Wrapper für die Umsetzung der IDoc-basierten SAP-Schnittstelle in das Schnittstellenformat des alten LVS.

Mit der Zeit stellte das alte Haupt-LVS ein Risiko dar, da der Vorlieferant es nicht mehr adäquat supporten konnte. Zudem beherrschte nur noch ein Mitarbeiter das System. Deshalb suchte GF nach einem neuen LVS, das alle drei Systeme ersetzt und die Prozesse im Distributionszentrum sowie in seinen Nebenlagern durchgängig abdeckt. Die Herausforderung dabei: Seit 1990 hat GF kontinuierlich seine Abläufe optimiert und auch selbst Weiterentwicklungen im LVS betrieben. Daher musste ein neuer Anbieter einen hochoptimierten Stand ablösen, der direkt nach dem Go-live wieder verfügbar sein musste.

Aus fünf Bewerbern hat GF den Anbieter Unitechnik mit seinem LVS UniWare gewählt. „Für uns waren mehrere Gründe ausschlaggebend“, sagt Tobias Auer, Head of Global Logistics Projects bei GF Piping Systems. „UniWare ist die technologisch führende Lösung und konnte genau auf uns zugeschnitten werden. Zudem ist sie im Vergleich langfristig am günstigsten. Besonders überzeugt hat uns jedoch der Einsatz einer Emulation für Tests mit einer virtuellen Nachbildung der Anlage.“

So konnten die Prozesse ohne Störung des laufenden Betriebs bereits weitgehend getestet werden. Dazu exportiert Unitechnik Daten, zum Beispiel zu den Paletten- und Behälterbeständen, aus dem Altsystem. Es entsteht ein komplettes Datenbankabbild. Anschließend wird ein Tagesbatch an Aufträgen von SAP auf Basis der Bestandsdaten in das LVS transferiert. Das System simuliert die Auftragsabarbeitung in der Anlage inklusive sämtlicher Bedieneraktionen. Das Ergebnis: Das Beobachten eines ganzen Produktionstags in der Anlage und der Durchsatzleistung liefert schon vorab die Grundlage für Optimierungen.

Von der Beauftragung bis zum Go-live

Nach der Auftragserteilung erfolgte zunächst die Pflichtenheftphase. „Wir mussten zunächst klären: Welche Funktion wird nicht mehr benötigt, welche darf nicht vergessen werden? Ist das System tatsächlich so stabil, dass wir mit gutem Gewissen eine Umstellung ohne Rückkehrmöglichkeit durchführen können?“, so Harri Wehrli, LVS-Systembetreuer bei GF Piping Systems. „Es ging immerhin um die Ablösung eines über 30  Jahre gewachsenen Systems mit tausenden Spezialeinstellungen, verteilt über mehrere Tools. Unitechnik hat jedoch zu jedem abzusehenden Problem schnell eine gute Lösung präsentiert.“

Aufgrund der Reisebeschränkungen zwischen Deutschland und der Schweiz im Zuge der Corona-Pandemie konnten die Tests mit der Anlage vor Ort erst ab Juni 2020 stattfinden. Durch den verkürzten Testzeitraum entstand ein erhöhtes Risiko für den Go-live im Dezember 2020. Ein neuer Termin wäre jedoch erst im Dezember 2021 möglich gewesen. Daher wurde das Risiko in Kauf genommen und die Unitechnik-Mannschaft mit sieben Personen vor Ort entsprechend breit aufgestellt. „Die Auftragslast zwischen Weihnachten und Neujahr war zum Glück sehr gering“, sagt Auer. „Der Go-live lief ohne Stillstände und Lieferengpässe ab.“ Im Detail wurde bis Freitagabend mit dem alten LVS gearbeitet; dann erfolgte die Datenübernahme in UniWare. Am Samstag fanden Einzeltests statt und am Sonntag lief der Echtbetrieb langsam an. Ab Montag erfolgte der reguläre Produktivbetrieb. Danach begleitete Unitechnik den Produktivbetrieb bis Februar 2021 vor Ort.

LVS bindet sämtliche Lagerbereiche ein

Insgesamt umfasst UniWare rund 150 angebundene Terminals und 110 Drucker, mit denen rund 170 aktive Benutzer arbeiten. Die Lösung ist an das automatische Palettenlager (HRL) und das automatische Behälterlager (KTL), jeweils mit Fördertechnik sowie an die Kartonförderanlage im Distributionszentrum angebunden. Das automatische Palettenlager (LMA) mit Fördertechnik am Standort MF5 ist ebenfalls inkludiert. Die Software verwaltet die manuellen Bereiche im Sperrgut-, Gefahrgut, Paletten- und Blocklager. Sie organisiert die Versandzonen und Lkw-Tore an insgesamt fünf Ladestellen, inklusive der Anmeldung von Lkw, Zuordnung von Touren und Durchführung der Verladung. Auch die Wareneingangserfassung an den externen Produktionsstandorten Subingen und Seewis, die nach Schaffhausen liefern, erfolgt über UniWare. Zudem sind die Versanddienstleister direkt angebunden. Das ermöglicht das Drucken spezieller Labels und das Tracking der Pakete.

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 3/23

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