Premiere der neuen MAN-Modelle

Oliver Willms,

Stars der Manege

MAN schickt die neuen Löwen-Trucks in die Manege. Mit runderneuerten Fahrerhäusern für alle Baureihen, einem innovativen Innenraumkonzept und modernen Assistenzsystemen bieten die Münchner viel Neues auf der Weltpremiere der Lkw-Familie.

© MAN, Oliver Willms

Lange – fast zu lange haben ­Kunden und Kenner auf die ­erneuerte MAN-Generation ­warten müssen. Anfang Februar ließ die Traton-Tochter MAN die neuen ­Löwen endlich von der Leine: Stark überarbeitete Fahrerhäuser mit neuen inneren Werten und die weiter auf ­Euro 6D hin optimierten Antriebs­stränge sollen MAN zurück zu alter Stärke bringen. Um der Konkurrenz die Zähne zu zeigen haben die MAN-Designer, allen voran Gestaltungs-Chef Holger Koos tief in die Design-Trickkiste gegriffen. So vermittelt die Optik mit dem grimmigen Augenaufschlag aus den neuen LED-Scheinwerfern, der straffen gespannten Linienführung von dem großen Kühlergrill bis hinein in die vollständig neu gestalteten Flanken tatsächlich eine Ähnlichkeit mit einem Löwen. Die dynamische Linienführung lässt den im Kern erhaltenen Rohbau des Fahrerhauses nicht nur modisch elegant, sondern auch aerodynamisch effizient auf die Kundschaft los.

Der große Kühler ist dem erhöhten Kühlungsbedarf der modernen Euro-6-Triebweke geschuldet und reicht weit heruntergezogen bis in die mit aero­dynamischen Feinschliff durchgestylte Stoßstangenebene, die sich gefällig und windschlüpfig um die Fahrerhausecke zur Seitenpartie der neuen Trucks schwingt. Hier fallen die neuen Türen mit bis zur zweiten Einstiegsstufe ­heruntergezogenen Türblatt, drei­eckigen Türgriffschalen und einer ­anderen Fensterumrandung ins Auge. Das Seiten­fenster fließt optisch ­un­­­ge­brochen in die hintere Partie ­weiter, an der drei horizontale Blech­falten ­charakteristisches Markenimage signalisieren. Als Kampfspuren einer scharfen Kralle am König der Löwen interpretieren die Designer dieses für MAN typische Designelement, das der Vorgänger TGA bereits zu seinem ­Debüt im Jahr 2000 trug.

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Kabine neu gestaltet
Soviel zu den ­äußeren Werten der ­neuen Fahrerhausgeneration, die ­klassenübergreifend in acht verschiedenen Varianten vom TGX über TGS und TGM bis zum kleinen TGL ein­geführt wird. Mit viel Spannung ist der Einstieg in die so lange ­erwartetete ­Kabinenrevolution von MAN verbunden. Ist den Münchner wirklich der große Wurf gelungen, den man sich so lange erwartet hat? Der ­erste Eindruck überzeugt: Viel Platz, ein ­niedriger ­Motorkasten und der endlich freien Durchgang zur ­Beifahrerseite ­signalisieren neue Größe und statt­lichen Wohnraum in der kubischen ­Kabine. Der Gangwahlhebel und die neue elektrische Feststellbremse ­sitzen nicht mehr auf dem Schalthebelbock neben dem Fahrer, sondern an der Lenksäule und im Armaturenbrett. Der Platz kommt dem Fahrer direkt zugute.

Zum Beispiel mit den breiteren Komfortsesseln mit robuster Teillederbespannung, die vielfältig verstellbar, wahlweise auch klimatisier- und heizbar die zu schmalen Stühle des Vor­gängers ablösen. Vor allem der faltbare ­Beifahrersessel bietet dank des neu ­gestalteten Armaturenbretts endlich genug Raum für lange Beine.
Am Arbeitsplatz ist ebenfalls alles neu: Das 45 Zentimeter Durchmesser große Lenkrad lässt sich mit einem Knickgelenk weit oben in der Lenk­säule für alle Fahrerstaturen – wahl­weise auch sehr steil – einstellen. Neu sind auch die Multifunktions­felder: kleine Taster und Bedienwippen, die nun fehlbedienungssicher in den Speichen­armen des Ledervolants ­sitzen. Links sitzt die Steuerung für die Fahrdynamik mit Tempomat, Brems­omat und Radarführung, rechts steuert man Radio und Telefon sowie die Menüführung durch die logisch auf­gebauten Untermenüstrukturen, die auf dem voll digitalisierten Display ­teilweise in 3D-Klargrafik im Hauptsichtfeld angezeigt werden.

Digitale Kommandobrücke: Das neue Multimedialenkrad kommuniziert mit dem volldigitalen Zentralanzeigendisplay. © MAN, Oliver Willms

Der neue Arbeitsplatz kann also auf Anhieb gefallen. Und dazu gibt es noch ein echtes Highlight in dem dem Fahrer zugeneigten Armaturenbrett: Ein zen­traler Dreh/Drück-Steller mit zwei Verstellringen und einem mittig sitzenden Bedienknubbel übernimmt die Steuerung auf der Reise durch die umfangreichen Menüs. So etwas ist in der Lkw-Branche bislang neu und kennt man nur aus Oberklasse-Pkw. MAN nennt das griffsympatische Bedienteil, das an eine Computermaus erinnert, in seiner eigenen Denglisch-Sprache „SmartSelect“. Tatsächlich haben die Gestalter einiges an Hirnschmalz in das kom­pakte Eingabegerät investiert. Die ­Fahrerhand ruht bei der Bedienung auf einer ausklappbaren Handauflage, mit der man mit ruhigem Dreh an dem wertigen Metallring durch die Menü­ebenen wandert. Mit Tastendrücker und Miniatur-Touchpadoberfläche gelangt man in logisch aufgebaute weitere Untermenüs, die in Klargrafik auf dem etwas zu kompakten LCD-Schirm rechts neben dem Lenkrad darüber angezeigt wird. Man gewöhnt sich erstaunlich schnell an das intuitiv aufgebaute Bedien­konzept. Besonderes Plus: Der Blick von der Fahrbahn muss sich beim schnellen Wechsel auf das etwas zu kleine Display nicht komplett neu ­fokussieren. Man hat so im Gegensatz zu weiter seitlich sitzenden Touch-Pads immer das Verkehrsgeschehen im Augen­winkel. Leider spielt MAN aber auch hier im wieder die Aufpreiskarte aus: das größerer 12 Zoll-Display kostet wie auch die digitalisierten Anzeigen im Zentralinstrument Aufpreis. So ­werden die Kabinen in der preis­sensibleren Verteiler-Lkw-Klasse wohl eher als schlank ausgestattete ­Varianten an den Start gehen und die Ausstattungsfülle den schweren TGX vorbehalten ­bleiben.

Effektiv navigieren
Ein Highlight gibt es aber kostenfrei mit: Mit spitzen Fingern kann man auf der kompakten Touch Pad-Oberfläche beispielsweise Buchstaben für die Navigation zeichnen, die der ­kluge Bordrechner in der Eingabe von ­Anfangsbuchstaben für die Navi-­Suche auch erkennt und umsetzt. ­Damit ­erspart man sich wiederum den ­Scroll-Weg durch komplette Alphabetanzeigen.
Das neu gestaltete Armaturenbrett mit seinen zahlreichen Ablagen, Steckdosen und Getränkehaltern überzeugt mit allem, was man an einem ­modernen Arbeitsplatz erwarten kann. Praxisbezogene Details wie das aus­faltbare Tablett im Handschuhfach zeugen davon, dass man sich mit den Bedürfnissen der Fahrer auseinandergesetzt hat. ­Dazu gehört auch der zusammenklappbare Beifahrersitz, auf dem man eine Platte als Essens- oder Arbeitstisch überschwenken kann.

Mit der Innenausstattung wie der gut zugänglichen Kühlschrank­schublade unter der Liege, herausnehmbarer Müllbox, auch von innen gut zugänglichen Außenstaufächern oder den Komfortliegen mit Mehr­zonenmatratzen und Lattenrost punktet die neue Kabine klar bei der Fahrergunst. Ein Extra bei der unteren Liege: Sie lässt sich über fünf Aufstellrasten als Ruheliege zum Lesen oder TV-Schauen aufrichten. Von der Ruhe- oder Schlafposition aus kann der ­Fahrer die wichtigsten Funktionen wie Licht, Klima, Türschloss oder Audio entweder über ein Mobilteil mit ­Farbanzeige oder per eigener App über das Mobiltelefon steuern.

Bewährte Kraftquelle: In dem neuen MAN kommen die bereits 2019 erfolgreich eingeführten Euro-6D-Triebwerke zum Einsatz. © MAN, Oliver Willms

Den üblichen Stauraum gibt es im Hochdachfahrerhaus in ausreichendem Volumen in zwei Deckel-Fächern sowie einem mittigen Behältnis, das mit einem praktischen Rollo die ­Stehfreiheit unter der Dachglasluke nicht einschränkt. Zusätzlich bieten ihm ­offene Ablagen über den Türen und rund ums untere Bett viel Platz für das täglich genutzte Kleinzeug. So aus­staffiert wird der MAN seinem Image als Kumpel der Fahrer gerecht. Und ­genau darauf haben die Entwickler das Fahrzeugkonzept auch ausgerichtet: Wertschätzung der Fahrer, damit die einen guten Job machen oder sich im Zeitalter des aktuellen Fahrermangels überhaupt erst wieder ins Lkw-Cockpit locken lassen.

Verbrauch einsparen
Mehr Pflichtübung als Kür stellt die heute übliche Digitalisierung vieler Anwendungen in Apps, die Uptime-Wartungskontrolle in Echtzeit dar, mit der Servicehefte obsolet und ­bedarfsabhängige Wartung realisiert werden. Klar im Pflichtenheft der ­neuen TG-Generation steht auch ­Verbrauchseinsparung. Mit Hilfe der ­neuen Euro 6D-Triebwerke und ­aus­gefeilter Aerodynamik soll der Durchschnittsverbrauch vornehmlich im Lang­streckenverkehr um bis zu acht Prozent gegenüber der vorherigen ­Motorenbaureihe gekappt werden. ­
Abgesehen von der Umstellung auf die aktuellste Euro 6D-Norm ­bleiben die Triebwerke unter dem neuen Fahrer­haus weiter im Programm. Die ­Motorisierung für den TGX reicht vom Einstiegsantrieb D15 mit 330 bis 400 PS über den ­gängigen D26 im populären ­Leistungsspektrum 430 bis 510 PS bis hin zum Spitzen­motor D38, der bis zu 640 PS mobilisiert. Der TGS für ­­Bau- und Bauzuliefer­einsätze oder als ­nationaler Langstrecken-Lkw lässt sich wie auch der TGX in den nicht ­allrad­getriebenen Varianten auch mit dem Hydrodrive-Vorderachsantrieb ­ergänzen. Als Antrieb stehen beim TGS mit dem um 20 Zentimeter schlankeren, 2,24 ­Meter breiten, Fahrerhaus der D26 und der neun Liter große D15 im Bereich von 330 bis 510 PS zur Wahl. Ein ­kurzes NN-Fahrerhaus für den Bau oder das flache FN-Fahrerhaus für Auto­transporter ergänzen die Fahrerhausauswahl. Die Achsformeln reichen von der klassischen 4x2-­Sattelzug­maschine über 6 x 2, 6 x 4, 4 x 4, 6 x 6, 8 x 6 bis zum schweren 8x8-Vierachser. Der TGS lässt sich wie auch der TGX in den nicht allradgetriebenen Varianten auch mit dem Hydrodrive-Vorderachsantrieb ­ergänzen.

Für leichte und mittelschwere ­Einsätze schickt MAN den TGL als zweiachsigen 7,5- bis 12-Tonner und den TGM mit zwei oder drei Achsen im Bereich von 12 bis 26 Tonnen ins ­Rennen. Der TGS wird von einem ­modernen Vierzylinder mit bis zu 220 PS­ mobilisiert. Wahlweise steht auch ein Sechszylinder mit 250 PS bereit, der auch im TGM mit Leistungen bis zu ­320 PS eingesetzt wird. Bei der Motorenordnung bleibt somit vorerst einmal alles beim Bekannten.

Dafür hat MAN bei den Assistenzsystemen nachgelegt. Spur­führungs­assistenten leiten den Truck ­automatisch zurück auf den Weg, ­Stauassistenten erleichtern den ­Fahreralltag, ein neuer ­Abbiege­assistent und die neueste Generation von ­Notbremssystemen sorgen für ­Sicherheit. Im ersten Fahrtest überzeugt auch der satellitengestützte ­Tempomat, der dem Fahrer gerade auf ­Langstrecken zu­nehmend die Verantwortung für den passenden Leistungseinsatz und ­daraus folgend den Verbrauch ­abnimmt.

Mit diesen modernen Systemen zieht MAN gegenüber der Konkurrenz ­wieder auf Augenhöhe. Bei dem neuen modular aufgebauten Fahrerhaus­konzept kann man den Entwicklern ­einen wirklich gelungenen Wurf ­attestieren. Aus dem etwas angejahrten TGX-Vorgänger ist wieder ein ­hoch­modernes und in seiner Technik von der Konzernschwester Scania ­erfrischend unabhängiges und eigenständiges Fahrzeug entstanden, das den Mitbewerbern durchaus die ­Krallen zeigen kann.

Über den Autor:
Der Experte und Fachjournalist Oliver Willms schreibt seit 2010 für LT-manager über den Bereich Nutzfahrzeuge.

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