Gastkommentar
Rein und (G)raus
Zum Jahresende stellt Michael Schreckenberg, Professor für Physik von Transport und Verkehr an der Universität Duisburg-Essen, einen erstaunlichen Trend im fast verflossenen Jahr 2023 fest – und das nicht nur bei der Logistik, sondern auch in der trendigen KI-Branche. Ein Trend, der auch 2024 weitergehen könnte.
Es scheint heute nichts so wahr zu sein wie der Ausspruch des altweisen Griechen Heraklit: "Nichts ist so beständig wie der Wandel". Kaum hat man sich an eine Situation gewöhnt und mit ihr sogar angefreundet, so wird einem postwendend der sowieso schon rutschige Boden unter den Füßen weggezogen. Was gestern noch galt, ist morgen schon im Nebel der Geschichte verblasst. Und das bezieht sich bei Weitem nicht nur auf die Politik, obwohl natürlich dort in besonderem Maße mit dieser Schockmethode gearbeitet wird. Zunehmend muten die Mitteilungen aus dem Epizentrum der Regierungstroika wie militärische Kommandos an. In der Tat hat der bekannte Spruch "Rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln" einen militärischen Hintergrund. Da wurden im 19. Jahrhundert Soldaten im Manöver von einem Offizier gegen einen imaginären Feind in einen Kartoffelacker beordert, ein anderer machte diese Order dann rückgängig aus Sorge um die Kartoffeln und aus Angst vor einer Klage des Bauern. Auch dort war also schon der Umweltgedanke im Umlauf, ging es doch um ein Grundnahrungsmittel der Deutschen.
Heute sind die Kartoffelacker eher Heizungsgesetze, Klimafonds, Energiepreisbremse oder Spritpreisbeschleuniger. Heute dies, morgen das. Und das Ergebnis ist, ohne große Forschungsaktivitäten bemühen zu müssen: Verunsicherung. Selten sind Informationen so "volatil" verbreitet worden wie in 2023. Besonders für die Mobilitäts- und Transportbranche ist höchste Aufmerksamkeit gefordert. Kleinste politische Andeutungen lassen drastische Veränderungen befürchten.
Der Verkehr auf unseren Straßen hat sich nach Corona "erholt", will heißen, ist auf das Niveau davor und auch darüber gestiegen. Die Hoffnungen auf "Nachhaltigkeit" beim Rückgang über Corona hinaus werden nicht erfüllt. Die flexiblere Arbeitswelt mit variablen Arbeitszeiten vor Ort stellt den öffentlichen Verkehr vor ein fast unlösbares Dilemma. Die Rushhour ist für viele nicht mehr morgens oder abends, da fährt man auch mittags hin oder her. Das Ergebnis lässt sich an den Pendlerstatistiken ablesen. Das Auto gewinnt wieder deutlich an Bedeutung.
Die lokale Lieferbranche boomt zudem. Wer nicht täglich mehrere Fahrzeuge von verschiedensten Zulieferern bei sich vorbeifahren sieht, wohnt halt im Niemandsland und sollte sich Gedanken machen. Denn auch die Bestellfreudigkeit online hat Corona selbstbewusst überdauert. Der Einzelhandel ächzt unter all den – versandkostenfreien! – Angeboten. Und wird die Gastronomie mit 19 Prozent Mehrwertsteuer ab 2024 bei Verzehr vor Ort bedacht, wird sie das nicht so einfach verdauen können, es ist einfach zu schwere Kost.
Wie ein roter Faden zieht sich die Aneinanderreihung der Krisenlagen durch die jüngere Geschichte. Meistens geht es dann drunter und drüber, was aber ja nur nicht nach außen dringen soll. Doch das gelingt häufig nur bedingt, denn nichts sorgt für mehr journalistische Durchlässigkeit als die absolute Vertraulichkeit! Das dies zum Teil gezielt geschieht, um die potenzielle Reaktion (den Aufschrei!) der Bevölkerung auszutesten, ist durchaus legitim. Trotzdem wohnt dem Verfahren eine gewisse, oder besser, deutliche Unsicherheit inne und zeugt nicht von Souveränität. Davon wird es in 2024 bestimmt mehrere Vorstöße geben.
Der Gradmesser der Zufriedenheit mit einer Regierung ist schon immer an die Preise gebunden gewesen, die im öffentliche Raum am sichtbarsten sind: die Kraftstoffpreise. Dort findet momentan die Auseinandersetzung zwischen den Elektrofahrzeugen und den Verbrennern statt. Mit satten Aufschlägen, insbesondere auf die Dieselpreise, wird die "eine" Verkehrswende herbeigesehnt. Wie weit die dafür Zuständigen noch ein Gespür für die Gefühlswelt der Menschen entwickeln, ist eigentlich schon immer ein Rätsel gewesen. Es scheint jedenfalls, um es ganz diplomatisch auszudrücken, ein sehr schwieriges Unterfangen zu sein, dem viele einfach nicht gewachsen sind. Anders sind etliche Entscheidungen nicht erklärbar. Leider wiegen ideologische Vorgaben häufig mehr als einfache nachvollziehbare Argumente.
Gerade für die Transportbranche ist der Dieselpreis ein entscheidender Faktor. Bei den Begehrlichkeiten in Bezug auf zusätzliche Einnahmen gerät natürlich auch das steuerbefreite Kerosin ins Visier. Doch müsste natürlich eine europäische Lösung her, um die deutschen Flughäfen nicht zu sehr zu benachteiligen. Oder um es etwas abgewandelt mit Reinhard Mey zu singen: "Nur über den Wolken ist die Freiheit noch grenzenlos".
Darunter knubbelt es sich eher im Stau vor maroden Brücken und anderen Baustellen. Ein Problem, das durch Finanzknappheit nicht gerade schneller gelöst wird. Die Zeiträume, in denen dort gedacht wird, sind in der Tat atemberaubend. So werden für die Sanierung des wohl komplexesten deutschen Autobahnkreuzes Kaiserberg (A3/A40) bei Duisburg, besser bekannt als "Spaghettiknoten", stolze acht Jahre eingeplant. Wer solche Unternehmungen kennt, ahnt, dass dies lediglich eine untere Grenze darstellt. Denn was dabei noch alles passieren und auftauchen kann, weiß ja letztendlich noch keiner.
Ein Vulkanausbruch ist in der Region aber eher unwahrscheinlich, obwohl momentan an verschiedenen Orten in Europa mit Ausbrüchen gerechnet wird. Ob dies die drei italienischen Ascheschleudern sind (Ätna, Vesuv, Phlegräische Felder) oder der isländische Fagradalsfjall (toller Name, aber unvergesslich "Eyjafjallajökull" in 2010) beziehungsweise die Gegend um den Fischerort Grindavik (dt. "Gitterbucht"), auf jeden Fall schaut die Flugbranche mit bangen Blicken gen Himmel, ob sich außer den Wolken dort noch andere dunkle Schwebeteilchen aufhalten, die eine Einstellung des Betriebes zumindest lokal zur Folge hätten.
In solchen Fällen wird heutzutage immer mehr der Ruf nach Künstlicher Intelligenz (KI) laut. So manche böse Stimme raunzt, man solle sich doch erstmal mit Künstlicher Dummheit befassen, da sie die Realität meist besser abbilden könne. Nun denn, die mit irren Datenmengen gefütterten Chatbots, allen voran ChatGPT, führen tatsächlich zu erstaunlichen, ja sprachlich auf den ersten Blick nicht unvernünftigen Ergebnissen, obwohl die dahinter liegenden Verfahren am Ende rein statistischer Natur sind. Dies legt wiederum den Umkehrschluss nahe, dass wir im normalen Leben zumindest auch nur zu sprachlichen Zufallsprodukten fähig sind ...
Allerdings führt eine Diskussion dazu, ob diese Systeme ein "Bewusstsein" entwickeln könnten, regelmäßig zu sehr kontroversen Diskussionen. Die gesamte Menschheit könnte schließlich dadurch bedroht sein. Dies führte angeblich sogar fast zur Selbstzerstörung des führenden Unternehmens Open AI, da man sich mit Q* schon nahe am künstlichen Verstandesabgrund wähnte. Der Chef Sam Altman wurde erst entlassen, aber postwendend wieder eingestellt. Wahrscheinlich sind diese Algorithmen schon heute, mehr als wir uns träumen lassen, für das ganze Hin und Her verantwortlich!
Über den Autor: Prof. Dr. Michael Schreckenberg, geboren 1956, studierte Theoretische Physik an der Universität zu Köln, an der er 1985 in Statistischer Physik promovierte. 1994 wechselte er zur Universität Duisburg-Essen, wo er 1997 die erste deutsche Professur für die Physik von Transport und Verkehr erhielt.










