2 Blickwinkel

Akquisewellen – macht‘s die Größe allein?

In der Rubrik „2 Blickwinkel“ werden Themen, die Industrie und Intralogistik gleichermaßen beschäftigen, kommentiert. Diesmal mit dabei: Andrea Gillhuber, von Chefredakteurin SCOPE.

Diesmal kommentieren in 2 Blickwinkel Andrea Gillhuber, Chef­redakteurin SCOPE und Martin Schrüfer, Chefredakteur materialfluss zum Thema Akquisen. © materialfluss

Andrea Gillhuber, Chefredakteurin SCOPE:
Die Industrie wächst seit Jahren stetig. Die ­gute Auftragslage sorgt für volle Bücher und Konten. Allerdings zwingen Megatrends Unternehmen zum Umdenken: Längst kann man sich nicht mehr auf den Lorbeeren ausruhen; es gilt, die Kernkompetenz zu erweitern und neue Technologien zu adaptieren. Die Rede ist selbst­verständlich von der digitalen Transformation. Wer auf Dauer erfolgreich sein möchte, kann sich ihr nicht entziehen. Die Digitalisierung und die damit einhergehende Vernetzung zieht sich wie ein roter Faden durch alle Branchen. Plötzlich sieht sich ein Werkzeughersteller mit Software konfrontiert und ein Software-Hersteller muss sich mit Prozesstechnik auseinandersetzen, um neue Marktsegmente zu erschließen und so für sich und seine Mitarbeiter zukunftsfähig zu bleiben. Natürlich könnte sich jedes Unternehmen Know-how in den eigenen Reihen aufbauen. Doch das ist kosten- und zeitintensiv. Vor allem sind aufgrund des allgegenwärtigen Fachkräftemangels die gesuchten Spezialisten Mangelware. Was also tun? Entweder man geht Partnerschaften ein oder man ­sichert sich das Know-how über Akquisitionen und den Kauf von Anteilen an auf­strebenden Unternehmen.

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Der Zukauf von Know-how durch Akquisition bietet einige Vorteile: Man gewinnt schnell bereits gut aus­ge­bildete Fachkräfte, das eigene Produktportfolio lässt sich gewinnbringend ergänzen und man sichert sich den ­exklusiven Zugriff auf das Know-how der gekauften Firma. Der Kauf von Unternehmensanteilen oder gar einer Sperrminorität kann ebenfalls sehr vorteilhaft sein und wird am Markt gerne praktiziert. Als Teilhaber sichert man sich zuerst einmal den Zugriff auf die Technologie und hat ­aufgrund der Sperrminorität Mitspracherecht – zumindest im gewissen Umfang. Außerdem bietet es dem Anteilseigner die Möglichkeit, durch weitere Partnerschaften der Firma neuen technischen Input zu erlangen. Und sollte es nicht funktionieren, lassen sich Anteile schneller abstoßen als eine komplette Firma.

Martin Schrüfer, Chefredakteur materialfluss:
Die Intralogistikbranche erlebt seit längerem eine große Akquisewelle, die im wesentlichen zwei Gründe hat: Der Umsatzboom der Branche und die zunehmende Komplexität dessen, was „halt so im Lager stattfindet“, wie man salopp sagen könnte. Zunächst zum Umsatzboom. Durch den Siegeszug des E-Commerce ist für viele Unternehmen die Frage nach dem „rein“ und „raus“ im ­Lager existenziell geworden, agressive Marktgrößen wie Amazon geben den Takt rücksichtslos vor und bestimmen vor allem die Umschlagzahlen der internen wie externen Logistik. Wer hier die Effizenz steigert, und damit sind wir bei den innovativen Intralogistikunternehmen hierzulande, garantiert den Kunden Vorteile, die sich in barer Münze zählen lassen. Das führt auf der Seite der Intralogistiker zu vollen Auftragsbüchern und dicken Gewinnen. Auf diese Gewinne wird auch branchenfremdes Kapital aufmerksam und so soll es durchaus vorkommen, dass ein Konzern wie Körber, der bislang unter anderem in Automaten machte, in wenigen Jahren ein eigenes Logistikgeschäftsfeld zusammen­akquiriert. Weitere werden folgen, das ist sicher.

Was dagegen die zunehmende Komplexität angeht, zeigt sich immer mehr, dass der Neubau von Lagern oder deren Modernisierung nicht mehr in getrennten Gewerken (beispielsweise Regale und Fördertechnik) vor sich geht, sondern mehr und mehr ein Fall für Integratoren ist, die nicht nur alles aus einer Hand, sondern auch alles aus eigener Fertigung liefern. Unter anderem Flurförderzeughersteller wie Toyota Material Handling, Jungheinrich und die Kion Gruppe sind hier sehr taktgebend. Dennoch muss auch den „Kleinen“ nicht bange sein: Durch die an­gesprochene Komplexität im Lager wird auch der Spezialist für bestimmte Segmente reichlich Marktpotenzial vorfinden. Das eine Unternehmen, das alle knechtet und die Aufträge an sich bindet, wird es nie geben. Letztlich ist das im Sinne der Branche, denn Innovation und Branchengröße gehen selten einher; auch hier macht die In­tralogistik keine Ausnahme.

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