Interview
„Die Corona-Phase wird uns nicht aus der Bahn werfen”
Dr. Christoph Beumer, Chairman und CEO der Beumer Gruppe, gehört in der Intralogistik-Branche zu den Unaufgeregten und Zurückhaltenden: Interviews mit dem Firmenchef des Intralogistik-Spezialisten sind seltene Ereignisse. Wenn es klappt, hat der Unternehmer aber immer etwas zu sagen, so auch im Web-Interview mit Chefredakteur Martin Schrüfer.
materialfluss: Herr Beumer, in diesem Jahr ist alles anders – wie geht es Ihnen und Ihrem Unternehmen im sechsten Monat der Corona-Pandemie?
Christoph Beumer: Ich fange mal mit mir persönlich an. Für mich ist die Situation nicht so schlimm, im Gegenteil. Familiär habe ich sehr viel Positives erfahren, weil ich einfach mal zuhause bin und nicht ständig im Flieger. Insofern ist das für mich eine schöne Zeit, in der ich zwar viel arbeite, aber der gefühlte Druck ist ein ganz anderer als vor Corona. Ich denke, dass es vielen Menschen so geht, und sie wie ich die Entschleunigung als sehr positiv wahrnehmen. Gleichzeitig ist die Lage für die Wirtschaft und die Unternehmen eine Herausforderung, um nicht gleich das Wort Katastrophe in den Mund zu nehmen. Alles hängt davon ab, in welchen Branchen und Industrien man unterwegs ist. Wir haben als Maschinen- und Anlagenbauer das Glück, mit langen Projektphasen zu arbeiten, so dass wir unter Corona viele Aufträge aus dem Bestand abarbeiten konnten. Darüber hinaus sind wir in der Logistik unterwegs und E-Commerce- und KEP-Unternehmen verfolgen auch in diesen Zeiten ihre Projekte weiter. In der Intralogistik ist das Geschäft nach wie vor da. Im Flughafenbereich haben viele Flughäfen ihre Baggage-Handling-Projekte zumindest gestoppt. Für das Gesamtunternehmen kann ich sagen, dass unser Zahlenwerk in Ordnung ist. Wir haben durch Corona einige Einsparungen, auf der anderen Seite Einbußen. Die Anbahnung von neuen Aufträgen ist unter Corona in der Tat schwierig.
mfl: Die Beumer Group ist also noch näher an dem Wort Herausforderung als an dem Wort Katastrophe?
Beumer: Definitiv. Unsere Supply Chains haben gehalten, auf der Seite der Reisetätigkeit läuft aber einiges anders. Man kann über Videokonferenzen vieles regeln und muss nicht immer eine Gruppe von sechs Menschen in den Flieger setzen. Ich denke, wir haben unseren Job gut gemacht und sind auch finanziell gut aufgestellt. Das ist das Ergebnis, und das sage ich mit etwas Stolz, der konservativen Politik eines Familienunternehmens. Wir werden die Corona-Phase durchstehen, sie wird uns nicht aus der Kurve werfen.
mfl: Ist die in ihren Worten schwierigere Neuanbahnung von Projekten der allgemeinen Skepsis geschuldet oder auch den doch mitunter beschränkten Möglichkeiten eines Video-Calls?
Beumer: In der Abwicklung lassen sich die Herausforderungen recht gut bewältigen. Ein Beispiel: Wir hatten unlängst die Aufgabe, eine Verpackungslinie in Aserbaidschan in Betrieb zu nehmen und konnten nicht dort hinreisen. Unterstützt durch die Beumer Smart-Glasses konnten wir via Internet die Mitarbeiter unseres Kunden betreuen und erstmals eine komplette Anlage ohne Anwesenheit eines Beumer-Technikers vor Ort in Betrieb nehmen. Da steckt auch in Corona eine echte Chance, Projekte, die wir bereits auf dem Schirm hatten, zu pushen. Denn es ging ja nicht anders in der Situation! Etwas anders stellt sich die Situation bei der Akquisition von Neuaufträgen dar: Viele Kunden haben ihre Investitionen einfach ausgesetzt. Das macht das Füllen des Backlogs zur Herausforderung. Ich gehe davon aus, dass in Q3 und Q4 viele Unternehmen sehen, dass sich die Welt doch weiterdreht und dass diese wieder investieren. Die Delle ist aber da. Es wird keine Katastrophe bei uns geben, aber: Schön ist was anderes.
mfl: Wie lange ist der Backlog noch gefüllt?
Beumer: Der reicht für dieses Jahr noch gut aus. Wir können vieles glätten oder vorziehen, auch vorfertigen, da lässt sich einiges tun.
mfl: Eines Ihrer Lieblingsthemen ist die Digitale Transformation, die Sie ja vor Jahren schon zur Chefsache erklärt haben. Erzählen Sie mir mehr davon …
Beumer: Die digitale Transformation ist eine coole Sache. Sie macht mir viel Spaß und ich bin begeistert über die Zusammenarbeit mit den jungen Teams, die sich damit beschäftigen. Das ist für mich als 57-jährigen jedesmal wie ein Jungbrunnen (lacht). Wir haben in Berlin formal bereits drei Start-ups ausgegründet. Eins beschäftigt sich mit dem Pooling von Ersatzteilen, ein weiteres mit einer Schnittstelle zwischen Logistikdienstleistern und Händlern und das dritte mit der Optimierung der Connection für Passagiere, die Anschlussflüge außerhalb der Airlinenetzwerke buchen.
Weitere werden folgen!
mfl: Ziel der Start-Ups sollte nach Ihren Aussagen auch sein, dass diese das Geschäftsmodell der Beumer Group angreifen dürfen. Was ist daraus geworden?
Beumer: Das Projekt zum Thema Ersatzteilmanagement – hier wurde eine herstelleroffene Plattform aufgesetzt – hat unsere Organisation zunächst aufgeschreckt, da sie dachte, dass Geschäft entzogen würde. Stattdessen war Beumer der erste Kunde dieser Plattform. Wenn Menschen sich offen mit Themen auseinandersetzen, entstehen Projekte, die sonst blockiert worden wären.
mfl: Welches Zeugnis bei der Digitalisierung stellen Sie sich selbst aus?
Beumer: Nachdem ich dafür verantwortlich bin, natürlich ein hervorragendes. Spaß beiseite: Wir haben seit drei Jahren Geld in diese Themen gesteckt und den Mindset der Mitarbeiter und Kunden an einigen Stellen geändert. Das ist uns gelungen.
mfl: Herr Beumer, haben Sie vielen Dank für das Gespräch und die zahlreichen spannenden Gedanken.










