Christoph Beumer im Interview

Martin Schrüfer,

„Nachhaltigkeit ist nicht nervig, sondern ein echtes Asset“

Dr. Christoph Beumer, CEO und Eigentümer des Systemintegrators Beumer Group, ist einer der profundesten Kenner der deutschen Intralogistikbranche. Das Rampenlicht meidet er weitestgehend, was nachvollziehbar, aber schade ist, denn seine Gedanken haben Hand und Fuß. Dies zeigt auch das aktuelle Interview mit materialfluss – diesmal zum Thema Nachhaltigkeit und Start-up-Kultur.

© Beumer

materialfluss: Zunächst soll es um Nachhaltigkeit gehen. Ist das immer noch so das große Ding für die Kunden oder ist der Begriff nicht ein wenig abgenutzt?

Dr. Christoph Beumer: Nein, der Begriff ist alles andere als abgenutzt, im Gegenteil!

mfl: Na, dann bin ich ja mal gespannt …

Beumer: Es gibt für uns als Menschheit kein Thema, das wichtiger ist. Das, was wir jeden Tag da draußen sehen, und mittlerweile versteht es fast jeder, ist ein Klimawandel, sind Veränderungen in globalem Zusammenhang. Die Menschheit sollte verstanden haben, dass auch für sie Schwarmintelligenz möglich ist und dass wir alle gemeinsam Dinge korrigieren können. Dann hätten wir noch eine Chance. Aber das, was heute passiert, bedeutet in meinen Augen, mit Anlauf gegen die Wand zu fahren. Warum ändert niemand was? Weil wir dann Einschränkungen in Kauf nehmen müssen. Ohne wird es nicht gehen, der Lebensstandard kann nicht weiter wachsen. An der Stelle sind viele Leute gedanklich noch nicht. In Papier statt in Plastik Sachen zu verpacken, reicht nicht. Deswegen hat die Beumer Group Nachhaltigkeit vor vielen Jahren als Grundwert aufgenommen. Wir haben daran gearbeitet und tun das auch heute noch. Ich bin da ehrlich: Ich hätte mir da in der Vergangenheit noch ein bisschen mehr erhofft. Insofern bin ich sehr froh, dass das Thema Nachhaltigkeit inzwischen einen Stellenwert in der Gesellschaft bekommt, dass keiner mehr daran vorbeikommt. Greenwashing, ein paar tolle Überschriften – ja, das gibt es natürlich auch in vielen Unternehmen. Wir als Beumer, sowohl als Unternehmen als auch als Familie, nehmen das Thema jedoch sehr ernst. Inzwischen treiben uns auch unsere Kunden an, was ich ausdrücklich gut finde. Die machen das meisten zwar, weil sie Nachhaltigkeit vorweisen müssen, aber letztlich ist es egal, aus welcher Motivation heraus wir das Richtige tun. Diese Veränderung in der öffentlichen Wahrnehmung gibt dem Thema eine Bedeutung, die es im Tagesgeschäft ankommen lässt. Wir können digitalisieren, wie wir wollen, aber wenn es uns in 50 Jahren nicht mehr gibt, hat es auch nichts genützt.

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mfl:Werden wir konkreter, die Frage hat sich ja bestens zum Warmlaufen geeignet. Was macht Beumer, um den eigenen Zielen gerecht zu werden?

Beumer: Wir haben vor Jahren den Beumer Sustainability Index als Selbstverpflichtung und Selbstzertifizierung aufgesetzt, um uns selbst vom Entwicklungsprozess an zu messen. Wir wollen ökologische wie ökonomische Lösungen anbieten und unserer sozialen Verantwortung nachkommen. Ein Beispiel: In einer Mine gibt es viele Transporte von Erz per Lkw. Den können Überland-Förderbänder ersetzen. Natürlich verbauen wir dort Stahl und Gummigurte, aber die Ökobilanz fällt im Vergleich zu den Schwerlastwagen sehr positiv aus. Unsere Produkte sind in Industrien im Einsatz, die in der Regel als nicht nachhaltig gelten. Wir wollen diese mit unseren Systemen und Lösungen nachhaltiger machen.

mfl: Welche limitierenden Faktoren gab es denn in der Vergangenheit? Sie können als Chef doch die bestimmende Funktion ausüben …

Beumer: Das Thema Nachhaltigkeit war ein Thema, das eher auf Folien und bei Präsentationen stattfand. Zudem war das Thema bei den Kunden nicht gerade im Vordergrund. Nehmen wir Antriebe: Es gibt normale und energiesparende Antriebe, die aber mehr kosten. Das kriegen sie bei keinem Einkäufer der Welt umgesetzt, da diese anders incentiviert waren. Mittlerweile ist das anders, auch in der Vergabepraxis. Nachhaltigkeit ist kein nerviges Thema, sondern ein echtes Asset, das die Unternehmen auch selbst auf der Agenda haben. Die Don-Quijote-Zeiten sind vorbei.

mfl: Sie haben im Interview mit materialfluss im September 2020 weitere Start-ups angekündigt. Was ist aus den Plänen geworden?

Beumer: In Berlin haben wir mittlerweile sechs Start-ups ausgegründet. Es ist faszinierend zu sehen, dass alle dieser Unternehmen am Markt funktionieren. Diese Quote ist außerordentlich. Es kommen sogar Kunden zu uns, die sich an den Start-ups beteiligen oder sie ganz übernehmen wollen. Wir sind nicht als Investor, sondern als strategischer Gründer angetreten, der gute Ideen fördert. Software spielt in Zukunft eine große Rolle, und ich glaube, dass unser Unternehmen sein Software-Portfolio erweitern muss. Ich sage ausdrücklich nicht, dass sich Beumer zu einer Software-Company entwickelt, nein, aber wir erweitern unser Portfolio. Ein Megatrend derzeit ist die Entwicklung, dass die klassischen „Softwarebuden“ Wettbewerb bekommen von den Intralogistikern, die sich in den Bereich hineinbewegen. Software anzubieten, wird auch mehr und mehr ein Geschäftsmodell von Beumer werden – wir werden nicht nur Maschinen und Systeme, sondern auch Tools zur Überwachung und Auswertung der Daten anbieten.

mfl: Sprich, Sie behalten die Start-ups bei sich und gruppieren sie eines Tages in eine Art Beumer-Software-Sparte ein?

Beumer: Das ist im Moment noch nicht final beantwortet. Das Ziel vor fünf Jahren mit der Gründung von BEAM in Berlin war, Lösungen jenseits unseres Portfolios zu finden, die unser Portfolio ergänzen oder disruptiv sind. An den kerngeschäftsrelevanten Start-ups beteiligen wir uns und finanzieren die auch durch, um sie eines Tages in unsere Gruppe zu übernehmen. Nehmen wir das Start-up Airsiders, das sich mit Gepäckservices für Fluggäste beschäftigt: So eine Idee wäre in unserem Unternehmen natürlich nicht entstanden und wir hätten das auch gar nicht umsetzen können. Umgekehrt öffnen wir den Jungs natürlich die Türen zu den Flughäfen und können helfen. Vielleicht wird die Software in fünf oder zehn Jahren dennoch Teil des Beumer-Angebots sein, zusammen mit weiteren Angeboten, die Beumer hat. Das gibt uns die Gewissheit, dass wir mehr als eins von zehn Start-ups durchbringen.

mfl: Sie wollen sich noch nicht von Ihren Unternehmenskindern trennen?

Beumer: Wir investieren nicht Venture Capital, um Profit zu erzielen, sondern, um das Portfolio zu erweitern. Bisher haben wir kein Start-up verkauft und auch noch keine externe Beteiligung zugelassen. Wir schließen aber nicht aus, mal ein Angebot für ein Thema anzunehmen, das wir nicht ablehnen können …

mfl: BEAM wird also weiter wachsen?

Beumer: Ja, aber sowas von! (lacht)

mfl: Und Software eine größere Rolle spielen in Ihrem Unternehmen?

Beumer: Nicht nur bei uns. Wir bleiben dennoch ein Intralogistik-Anbieter. Zu jeder Software gehört ein Stück Hardware.

mfl: Was halten Sie von einer zeitgleich mit der LogiMAT stattfindenden Hannover Messe? Sie waren ja lange ein starker Kämper für die CeMAT …

Beumer (schweigt lange): Die Terminkollision kann ich nur mit einem „quod erat demonstrandum“ beantworten. Ich war damals Präsidiumsvorsitzender der CeMAT, und wir haben festgestellt, dass die CeMAT ihr Potential nicht ausgeschöpft hat. Daraufhin hatten wir einen längerfristigen Strategieprozess eingeleitet, und ich war schon recht überrascht, zwei Wochen vor der CeMAT zu erfahren, dass die folgende CeMAT innerhalb der Hannover Messe stattfinden würde. Ich habe seinerzeit deutlich gemacht, dass ich diesen Schritt nicht für langfristig tragfähig halte, und mich zurückgezogen.

mfl: Die Diskussion über die neue Entwicklung ist in der Branche in vollem Gange …

Beumer: Früher war die CeMAT Teil der Hannover Messe; ein Jahr Antriebsmesse, ein Jahr CeMAT im Wechsel. Anfang der 2000er wollten die Staplerhersteller dann einen dreijährigen Rhythmus und haben durchgesetzt, dass die CeMAT aus der Hannover Messe herausgelöst wird. So eine Messe bekommt man aber nicht alle drei Jahre in Gang, das ist ein zu langer Zyklus. Wir haben versucht, die Messe dennoch erfolgreich zu machen, und dann haben wieder die Staplerfirmen die Reintegration in die Hannover Messe betrieben. Damit war die CeMAT tot. Wir bei Beumer haben den Wahlspruch „Langfristiger Erfolg vor kurzfristigem Gewinn“. Aus meiner Sicht wäre es gut gewesen, bei der Entwicklung der CeMAT diesem Wahlspruch zu folgen.

mfl: Sind Messen allgemein noch zeitgemäß oder haben Unternehmen wie auch Beumer längst andere Wege gefunden, ihre Kunden zu erreichen?

Beumer: Die deutsche Industrie hat die Corona-Krise relativ gut überstanden. Die einen haben dank Kurzarbeitsregelungen und Staatshilfen gut wirtschaften können, die anderen, und dazu zähle ich unser Unternehmen, konnten durch die geringeren Reisekosten einen großen Kostenblock einsparen. Ich gehe davon aus, dass die Reiseaktivität nach Corona wieder steigen wird, aber vielleiht können wir ja dauerhaft zum Beispiel die Hälfte der Reisen einsparen. Die gleiche Frage gilt es sich für Messen zu stellen: Müssen wir da wirklich bei jeder dabei sein? Ich habe in den 30 Jahren meiner Karriere Messestände aller Größen erlebt und bin nicht mehr davon überzeugt, dass man auf Messen das große Geld ausgeben muss. Ein Mittelding tut es auch. Wenn es also nach mir ginge, würde ich die Messeaktivitäten ein Stück zurückfahren. Mit virtuellen Events kann man einiges kompensieren, einen vollständigen Ersatz stellen sie nicht dar.

mfl: Herr Beumer, haben Sie vielen Dank für das Gespräch und die zahlreichen spannenden Gedanken.

Mit Christoph Beumer sprach Martin Schrüfer, Chefredakteur materialfluss, Ende Januar per Videotelefonat. Das Interview erschien in materialfluss 3/22.

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