Stapler & Komponenten
Der Trend geht zum „Customizing“
Aufprallschutz, Fernsteuerung, besondere Gabellänge oder Joystick zur Steuerung – Firmen verlangen zunehmend Stapler, die genau an ihre Bedürfnisse angepasst sind. Die Redaktion befragte eine Reihe von Flurförderzeug-Herstellern nach ihren Erfahrungen mit „Customizing“. So viel sei vorweggenommen – das Thema beschäftigt alle Hersteller in zunehmendem Maße.

In welchem Umfang fertigt Ihr Unternehmen kundenspezifische Gegengewichts-Gabelstapler und Hubwagen? So lautete die erste Frage der Redaktion an Flurförderzeughersteller.
„Unter einer kundenspezifischen Lösung – Customized Option, kurz CO – versteht Linde Material Handling eine maßgeschneiderte Lösung oder Produktanpassung, die nicht durch ein Serienprodukt bzw. eine serienmäßig erhältliche Ausstattungsoption erfüllt werden kann“, so Klaus Müller, Manager Applications Consulting & CO Processing Linde Material Handling. Der Anteil an kundenspezifischen Flurförderzeugen liegt bei Linde Material Handling mittlerweile „bei durchschnittlich rund 30 Prozent“.

Wie Christian Baerwolff, Leiter Internationales Produktmanagement bei Still, betont, „wird durch die heutige Konfigurierbarkeit der Fahrzeuge fast jedes kundespezifisch gefertigt. Dazu kommen dann noch die Sonderbauten, die speziell für unsere Kunden entwickelt werden“. „Bei uns werden so gut wie alle Geräte kundenspezifisch gefertigt. Circa 40 Prozent unserer Geräte werden allerdings mit speziellen Optionen produziert, Tendenz steigend“, so Richard Schmitt, Technisches Produktmanagement Lagertechnik Toyota Material Handling Deutschland.
„Das Customizing unserer Flurförderzeuge für spezifische Kundenanwendungen bleibt ein bedeutender Bestandteil unseres Serviceangebots“, sagt Ken Dufford, Vice President Europe bei Crown. „Da wir uns jedoch laufend bemühen, die Bedürfnisse unserer Kunden zu verstehen und ihre Geschäftsprozesse zu verbessern, beginnt unsere Produktentwicklung grundsätzlich dort, wo unsere Fahrzeuge zum Einsatz kommen. Wir nutzen die große Bandbreite der Anwendungsmöglichkeiten unserer Produkte, um aus einer ursprünglich kundenspezifischen Lösung ein Serienprodukt zu entwickeln. Dies gelingt nur, wenn wir genau hinhören, was im Idealfall gewünscht und in Zukunft benötigt wird.“
Sonderbau in Serienqualität
„Individuelle Kundenlösungen anzubieten ist für Jungheinrich ein sehr wichtiges Thema“, so Oliver Hiekel, Leiter Produktmanagement Kleinserie / Sonderbau, Jungheinrich: „Aus unserem Sonderbauwerk in Lüneburg bieten wir als einziger großer Hersteller Sonderbaugeräte von der Kleinserie bis zum Einzelfahrzeug aus einem speziell dafür ausgelegten Werk an. Hier werden spezielle Lastteile kundenspezifisch realisiert und an gegebene Antriebskomponenten angepasst. Auch komplett neue Fahrzeuge werden entsprechend der Kundenanforderungen entwickelt und gebaut. Grundlage hierfür bilden eine komplette Dokumentation sowie auch die hohen Jungheinrich-Sicherheitsstandards (CE-Standards) – das bedeutet Sonderbau in Serienqualität. Schmalganggeräte und Frontstapler werden gemäß der spezifischen Kundenanforderung von eigenen Teams am Standort Moosburg gefertigt.“

Wie Frank Ulbricht, Vice President Sales Europe, Middle East and Africa, NACCO Materials Handling Limited, ausführt, „verfügt Hyster-Yale über spezielle SPED-Teams an seinen Produktionsstandorten in Nordirland, Holland und Italien, wo kundenspezifische Anpassungen vorgenommen werden.“ SPED steht für „Special Products Engineering Division“.
„Bei den Gegengewichtsstaplern im Bereich zwischen 1,5 bis 8 t werden etwa 45 % angepasst, im Bereich 9 bis 53 t sind es etwa 65 %. Diese Zahlen nehmen kontinuierlich zu, denn wir arbeiten heute noch enger mit den Kunden zusammen, um ihnen die beste Lösung für ihren Flurförderbedarf zu liefern. Unsere Fachleute für die jeweiligen Anwendungen besuchen Kunden vor Ort und analysieren mit ihnen zusammen die Abläufe und Herausforderungen.“
Die Antworten auf die Frage „Welche Spezifikationen werden von den Kunden vor allem verlangt?“ zeigen unter anderem auf, welche unterschiedlichen und vielfältigen Detail-Anforderungen die Hersteller realisieren.
Für Linde geht es „bei vielen geforderten Spezifikationen um zusätzlichen Schutz des Bedieners bzw. des Flurförderzeuges. Beispiele hierfür sind der Kollisions- und Aufprallschutz aber auch Modifikationen für den Einsatz auf Flughäfen oder in Gießereien. Hinzu kommen speziell angepasste oder zusätzliche Bedienvorrichtungen, wie etwa eine Fernsteuerung, mit welcher der Bediener das Gerät oder Anbaugerät von außerhalb des Gerätes bewegen kann. Andere Modifikationen, wie beispielsweise Ausführungen in Edelstahl, werden für die Lebensmittel-, Pharma- und chemische Industrie gefertigt. Neuerdings werden kundenspezifische Fahrzeuglösungen zudem immer öfter genutzt, um die Materialflusskosten weiter zu senken.“
Bei Still „gehören Fahrerassistenzsysteme heute fast standardmäßig zu den Fahrzeugen dazu. So haben wir in unseren Flurförderzeugen bis zu fünf unterschiedliche Fahrprogramme, die je nach Kundenwunsch individuell parametrierbar sind. Der Fahrerarbeitsplatz ist wohl das variantenreichste Modul an unseren Staplern. Es gibt zahlreiche, individuell wählbare Bedienelemente, wie die Fahrzeugsteuerung durch Joystick, Fingertipp, Mehrfachoder Minihebel. Bei den Hubgerüsten gibt es bereits serienmäßig drei Varianten, die in 30 Millimeter-Sprüngen in diversen Höhen zur Auswahl stehen.“
Bei Toyota werden „kundenindividuelle Veränderungen vor allem im Bereich der Dimensionen und Abmessung sowie bei Masten angefragt. Dabei handelt es sich um Überlappungen und Anpassungen an Regalhöhen des Kunden. Auch Sonderanfertigungen am Fahrerarbeitsplatz, etwa für Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen, haben wir bereits durchgeführt.“
Integrierbar in die IT

Im Hinblick auf Customizing spielt bei Crown „vor allem die Schnittstelle zwischen Stapler und Ladung eine wichtige Rolle. Um die Kundenanforderungen für ein müheloses Handling spezifischer Ladungen zu erfüllen, bedarf es häufig unterschiedlicher Gabellängen und -spreizungen, besonderer Gabelhöhen oder auch spezieller Anbaugeräte.
Zudem erwarten die Kunden, dass unsere Produkte in ihre IT-Systeme bzw. Logistikprozesse integrierbar sind“, so Ken Dufford. „Dies hat uns dazu veranlasst, unterschiedliche technologiebasierte Produkte, wie unsere „Quick- Pick Remote“ Hub- und Kommissioniertechnologien und unser „InfoLink“ Flottenmanagementsystem, zu entwickeln.
Hyster „nimmt Anpassungen für spezifische Einsatzgebiete vor, die häufig sehr gezielte Modifikationen benötigen. Beispielsweise benötigt man in der Metallindustrie Magnete zum Anheben von Metallblöcken oder in der Papierbranche Klammern für den Transport von Papierrollen.“ Zudem werden vorhandene Funktionen an Standardstapler angepasst, beispielsweise Geschwindigkeitsregler für lagerspezifische Limits.
Der Grundtenor der Antworten auf die Frage „Wird Ihrer Erfahrung nach der Anteil an kundenspezifisch modifizierten Staplern weiter zunehmen?“ weist eindeutig in Richtung starke Zuwächse:
„Verließen im Jahr 2004 weniger als 20 Prozent aller Linde-Flurförderzeuge die Produktionswerke mit technischen Modifikationen, kletterte der Prozentsatz im letzten Jahr auf rund ein Drittel“, so Klaus Müller.
„Bereits heute ist ein großer Anteil unserer Fahrzeuge kundenspezifisch, daher gibt es heute auch so eine beträchtliche Variantenvielfalt“, betont Christian Baerwolff. „Die Auswahlmöglichkeiten werden unsere Kunden sicher weiterhin haben wollen, allerdings wird es hier eher auf werksinterne Standards bei den Kunden hinauslaufen. Bedingt durch die wachsende Flexibilität wird so eine Wandlungsfähigkeit innerhalb der Unternehmen durch definierte Standards erreicht.

Großkunden können sich also auf beispielsweise drei bis vier Fahrzeugkonfigurationen festlegen. So können sie gewährleisten, dass diese Fahrzeuge individuell zwischen den Standorten verschoben werden und trotzdem für den Einsatz geeignet sind. Dazu wiederum benötigen die Unternehmen aber eine größere Auswahl an Varianten, um die optimalen Fahrzeuge für die unterschiedlichen Einsätze konfigurieren zu können.“
Nachfrage wächst
„Bedingt durch die komplexe Anwendung innerhalb von Unternehmen und steigender Ansprüche wird der Trend nach modifizierten Staplern steigen“, so Richard Schmitt, Toyota MHD. „So unterscheiden sich etwa die Waren und der Warentransport innerhalb der Unternehmen, die individuelle Lösungen und Anpassungen des Arbeitsgerätes fordern. Ziel ist es, ‚Muda‘ zu vermeiden – also die Verschwendung in den Prozessen des Kunden – und die Effizienz direkt im Wertschöpfungsprozess zu erhöhen.“
„Wir gehen davon aus, dass Customizing auch in Zukunft gefragt ist“, betont Ken Dufford: „‘Lean thinking‘ ist beispielsweise ein ausschlaggebender Faktor für unsere Kunden, Ressourcen effizient zu nutzen und Paletten an die spezifischen Anforderungen der Ladung anzupassen. Das bedeutet, dass die Schnittstelle zwischen Flurförderzeug und Ladung auch in Zukunft immer wieder modifiziert werden muss. Auch die Erforschung alternativer Energiequellen sowie der Trend zur vollständigen Integration der Gabelstapler in die Logistikkette werden voraussichtlich für einen steigenden Bedarf an Sonderlösungen sorgen.“
Hin zur Kleinserie
„Der Anteil an kundenspezifisch modifizierten Flurförderzeugen wird zunehmen“, so Oliver Hiekel, „und aus kundenindividuellen Anforderungen können auch Branchenanforderungen und Kleinserien entstehen. Zudem merkt im Service der Kunde keinen Unterschied zu Serienfahrzeugen, denn die Servicetechniker haben einen kompletten Zugriff auf die Fahrzeugdokumentation.“
„Wir beobachten, dass die Erwartungen unserer Kunden an ihre eigene Produktivität und Unternehmensergebnisse steigt“, so Frank Ulbricht. „Dem begegnen wir mit den gewünschten Produktanpassungen und haben deshalb Anwendungsteams für verschiedene Branchen ins Leben gerufen. Dort arbeiten Ingenieure und Produktmanager eng zusammen und entwickeln neue Funktionen für unsere Stapler oder Modifikationen bestehender Stapler. Mit dieser Organisation stellen wir sicher, dass wir für unsere Kunden den entscheidenden Mehrwert schaffen.
Wie und wann spezifische Modifikationen in die Serienproduktion aufgenommen werden „Sind einmal entwickelte ‚Customised Options‘ für weitere Kundengruppen interessant, finden sie Einzug in die Serienfertigung“, betont Klaus Müller von Linde Material Handling. „Ein Beispiel ist der kompakte Gegengewichts-Hochhubwagen Linde L06 AC AP mit 600 kg Tragkraft. Das freitragende Fahrzeug mit Fahrerstandplattform wurde für einen der weltweit größten Möbelkonzerne entwickelt. Dieser wechselte, um nachhaltiger zu wirtschaften und Kosten zu sparen, auf Paletten aus Wellkarton, die im Vergleich zur üblichen Holzpalette zehn Zentimeter flacher sind. Ein Standard- Hochhubwagen war deshalb ungeeignet, der Gegengewichts-Hochhubwagen die Lösung.“ „Wir stehen im ständigen Austausch mit unseren Kunden, die auch Quelle für neue Produktideen sind, von denen sich einige auch für einen breiten Markt durchsetzen“, so Richard Schmitt von Toyota MHD. „Beispiel: Ein Kunde wünschte sich ein Fernsteuerungskonzept für das Kommissionieren, das die Produktivität deutlich erhöhte. Mittlerweile haben wir die Technologie weiterentwickelt. So schaltet sich das Gerät automatisch in den Fernsteuerungsmodus, wenn der Bediener die Fahrerplattform verlässt, und in den manuellen Modus, wenn er die Plattform wieder betritt.“ Und bei Crown gilt: „Wenn wir bei einem Customizing-Prozess feststellen, dass eine Anwendung für den gesamten Markt interessant sein könnte, prüfen wir die Funktionen mit weiteren Kunden und integrieren sie gegebenenfalls in unsere Serienproduktion.“
„Was bedeutet die steigende Nachfrage nach kundenspezifischen Staplern für Ihre Fertigung und Ihre Serviceleistungen?“, so eine weitere Frage an die Hersteller.
Linde hat, um die große Zahl von jährlich tausenden kundenspezifischen Lösungen zu bewältigen, die Herstellung so weit wie möglich in den Serienprozess integriert. Unabhängig vom Herstellerwerk begleiten CO-Spezialisten den Prozess von der Auftragsabwicklung über die Konstruktion und Entwicklung, Beschaffung, Fertigung und Montage bis hin zur Dokumentation. Für jede CO-Lösung sind technische Informationen und eine Ersatzteildokumentation hinterlegt, damit der Servicetechniker genau weiß, wie das Fahrzeug zu warten ist.
Vorbild: „Mixed model lines“ der Automobilindustrie

Um „ohne riesigen Nacharbeitungsaufwand kundenspezifische Fahrzeuge anbieten zu können, fertigt Still bereits heute nur nach Auftrag. Die Fahrzeugproduktion muss aber noch flexibler werden und Varianten müssen erst zu einem möglichst späten Zeitpunkt im Produktionsprozess einfließen. „Mixed model lines“, wie wir sie aus der Automobilindustrie kennen, werden hier wegweisend sein, in die Richtung wird es gehen“, so Baerwolff. „Doch nicht nur der Herstellungsprozess an sich muss flexibler sein, auch der Beschaffungsprozess spielt hier schon eine große Rolle, wie auch die Fahrzeuggestaltung selbst.
Für den Service bedeutet dies, dass wir einen noch höheren Anspruch an die Dokumentation in der IT haben. Die Ersatzteilverfügbarkeit muss durch definierte Standards gewährleistet werden, und die Servicetechniker müssen durch kontinuierliche Schulungen auf die unterschiedlichen Fahrzeugkonfigurationen vorbereitet sein.“
„Wir stellen uns bei der Fertigung unserer Produkte die Frage, wie wir Standards modularisieren können, um in der Produktion auf die Spezifika der Kunden eingehen zu können“, so Schmitt. „Durch einen gewissen Standard in den Modulen stellen wir sicher, dass unsere Servicetechniker jedes Gerät warten können, ohne eine Spezialausbildung zu benötigen.“
Augenmerk auf den Service
Wie Ken Dufford ausführt, ist „die Bewältigung einer hohen Variantenvielfalt ist für jede industrielle Fertigung eine Herausforderung. Die Hauptaufgabe liegt darin, mit minimalen Zusatzkosten eine größere Vielfalt und Flexibilität zu erreichen. Die Eigenfertigung zahlreicher Teile bietet einen unvergleichlichen Vorteil, wenn es um Wartung und Reparatur dieser Sonderlösungen geht.“
Hyster bietet für einen modifizierten Stapler die gleichen Serviceleistungen wie für einen Standardstapler.
Oliver Hiekel betont die Wichtigkeit der Kommunikation zwischen dem Jungheinrich Direktvertrieb und dem Sonderbauwerk sowie dem Verständnis für die Anforderungen der Kunden. „Sonderbau und Customizing erfolgen ab Stückzahl 1“.
Reinhard Irrgang
Kontakt:
Crown Gabelstapler GmbH & Co. KG
Hyster www.hyster.com
Jungheinrich AG www.jungheinrich.de
Linde Material Handling GmbH www.linde-mh.de
Still GmbH www.still.de
Toyota Material Handling Deutschland GmbH www.toyota-forklifts.de









