Software
Materialfluss Round Table: Es gibt noch Potenzial
Um zu diskutieren, wie sich die Anforderungen an die Logistik-Software verändert haben und wie Anbindungen an andere Unternehmensbereiche aussehen müssen, trafen sich in München namhafte Experten zu einem exklusiven Round-Table-Gespräch mit Materialfluss.
Wenn man einen Zeitraum von zehn Jahren betrachtet, lässt sich nach den Worten von Wolfgang Rüth, Geschäftsbereichsleiter der Salt Solutions GmbH, unschwer erkennen, dass SAP im Bereich Logistik-Software mächtig aufgeholt hat. Habe das Unternehmen bis zum Jahr 2000 zum Thema Logistik noch müde gelächelt, habe sich das in den Folgejahren gravierend geändert. Heute bietet das Unternehmen ein echtes Logistiksystem an und rollt den Markt ein Stück weit mit auf.
Diesen Trend bestätigt Wolfgang Albrecht, Geschäftsführer der PSI Logistics GmbH: „War früher die Software stark steuerungsfokussiert, hat sie sich in den letzten Jahren mehr in Richtung Standardprodukte, aber auch Standardtechnologien entwickelt. SAP ist ein ernst zu nehmender Anbieter von Logistik-Software geworden, allerdings hat die Software einen solchen Umfang, eine solche Breite, dass es schwer wird, das Ganze auch zu beherrschen. Ich glaube, dass es in Zukunft so sein wird, dass der Kunde ein System als Informationsplattform hat und dort werden dann temporär oder dauerhaft Module von anderen Herstellern integriert, die dann detaillierte Aufgaben übernehmen.“
„Die Systeme sind immer komplexer geworden,“ so Johann Klug, Managing Director der Klug GmbH. „Es werden ständig neue Technologien erfunden, die die Software wieder optimal abdecken muss. Es gibt keine Software mehr, die nur spezielle Funktionen hat, sondern heutzutage sind Logistikinformationssysteme als Allrounder gefragt.“
Dass Standardsoftware sehr mächtig geworden ist, bestätigt Dr. Dickersbach, Leiter Produktmanagement bei der Wassermann AG. Ein anderer Aspekt in diesem Zusammenhang sei aber die Komplexität der Systeme, bei der die Beherrschbarkeit und Bedienbarkeit auch ein immer stärker zu betrachtender Faktor werde und damit ein Differenzierungsmerkmal der Anbieter. Dr. Dickersbach: „Funktional lässt sich das Meiste mit Standardmitteln abbilden, was ich aber sehe, ist, dass häufig der Anwender und leider auch der Implementierer mit der Komplexität der Software überfordert ist.“

Wolfgang Albrecht will die Beherrschbarkeit und Bedienbarkeit der Software ergänzt wissen mit der Beherrschbarkeit im Sinne von Flexibilität. Wolfgang Albrecht: „Man muss sich ja auch den geänderten Anforderungen des Kunden anpassen, und da muss eben die Software auf lange Sicht vom Kunden, speziell von der IT-Abteilung des Kunden, aber eben auch vom Softwarehersteller selbst langfristig beherrscht werden können, um dann auch günstige Preise garantieren zu können.“
Hauptaugenmerk gilt der Software Vor 15 Jahren noch war Software ein Anhängsel, das der Stahlanbieter mit ausgeliefert hat. Heute ist die Mechanik ziemlich egal, es ist also nicht entscheidend, ob man den besten Stahl, die beste Technologie oder das modernste HRL eingekauft hat, sondern welche Software die Prozesse am optimalsten unterstützt.
Wolfgang Rüth: „Sie ist das Kriterium für einen Erfolg oder Misserfolg eines Projektes.“ Ein richtiger Megatrend, den man erkennen kann, ist außerdem die Einsicht der ganzheitlichen Prozessbetrachtung, da sind sich alle Gesprächsteilnehmer einig, da sich durch die ganzheitliche Betrachtung auch Einsparpotenziale ergeben.
Andererseits, so Wolfgang Albrecht, sei es eben gerade die Komplexität, nicht die Komplexität der IT-Systeme in der Logistik, sondern die Komplexität der Logistikprozesse, die es Kunden schwer machten, den Dingen auch zu folgen.
Johann Klug: „Der Kunde wird ja auch immer mehr zum Dienstleister seines Kunden und bekommt zunehmend Funktionen aufgedrückt, die früher der Endkunde gemacht hat. Zum Beispiel Added Value Services, die in den Lägern oder am Rande der Läger stattfinden, und Cross Docking, weil die Materialflüsse heute so sind, dass man ein optimales Cross Docking organisieren muss. Das bedingt, dass man auch die rollenden Bestände kennt, um die Materialflüsse optimal darzustellen.“
Bei dem Thema ganzheitliche Betrachtung ist nach Dr. Dickersbach noch immer viel Musik drin: „Es ist ja auch so, dass nicht jeden der gesamte Prozess interessieren muss. Wenn man anfängt, Unternehmenssoftware zu implementieren, sollten zumindest einige Leute im Unternehmen Augenmerk drauf haben.“
Visualisierung immer wichtiger Ein weiterer Aspekt, den Johann Klug ausgemacht hat, ist die Visualisierung der Software-Funktionalitäten, der immer wichtiger geworden sei. Das, was man vorher über Tabellen schulen musste, müsse heute einfach grafisch passieren, weil heute praktisch jeder mit PCs umgehen könne. Dabei geht es nicht mehr nur darum, Daten visuell optimal darzustellen, sondern darum, die Prozesse herauszuarbeiten und zu visualisieren, damit nicht jeder Mitarbeiter, der sich in der Logistik beschäftigt, das komplette Umfeld beherrschen muss.
Nach Meinung von Wolfgang Albrecht könnte man beim Thema Visualisierung noch viel mehr tun: „Wir müssen aber immer sehen, dass wir Standards verwenden oder Standards kreieren, weil, es darf ja nichts kosten.“ Die Softwaretechnologien wären vorhanden, aber man könne aus Kostengründen für ein individuelles Projekt keine großartige individuelle Oberfläche machen, und zum anderen änderte sich die Technologie, getrieben durch die Spielecomputer, Spielesoftware usw. im Moment wahnsinnig schnell. Ein ganz wichtiger Trend in diesem Zusammenhang seien dreidimensionale Bedienkonzepte, wo Programmierer aus der Welt der Telespiele profitieren könnten.
Albrecht spart auch nicht an Eigenkritik in der Weise, dass die Branche das Kunden-Feedback vielfach nicht systematisch organisiert habe und gerade erst anfange, Usergroups zu bilden, um dieses Feedback in die Entwicklungen einfließen zu lassen. Albrecht: „Wir reden ja nicht nur über die Oberfläche der Software, sondern wir müssen ja auch über die Oberfläche und die Bedienelemente des Gesamtsystems reden und da spielen z. B. solche Dinge eine Rolle wie Scanner, wie Kommissionierverfahren, wo ein Datenfunkterminal idealerweise befestigt ist, usw. Hier haben wir jede Menge Entwicklungspotenzial, durch das man unglaubliche Produktivitätsschübe erzielen kann.“
Hier befindet sich die Branche nach Meinung von Wolfgang Rüth in einem Dilemma, das bei der Standardsoftware darin bestehe, dass die IT-Anbieter in der Regel in dieses Korsett erst mal reingezwungen sind. Sie haben über Jahrzehnte Software entwickelt, die natürlich auch die ganzen Oberflächen, die Visualisierungelemente für den Standardmarkt enthält, das aber sei genau das, was dem Kunden an der Stelle vom Maßanzug nicht passt. Was die Oberflächen angeht, möchte er die Benutzerbedienung gerne so individualisiert haben, so modern, wie das klassische IPhone, aber im Hintergrund standardisierte Funktionalitäten.
Hier müssten sich die IT-Dienstleister in Richtung Fokus auf bestimmte Branchen entwickeln, denn eine Anwenderschnittstelle beispielsweise in der Pharmaindustrie sehe anders aus als in der Stahlindustrie. Außerdem findet ein Generationenwechsel statt, jetzt kommt die nächste, die IPhones und Black Berry perfekt bedienen kann und auch gewohnt ist, solche Funktionalitäten im täglichen Alltag zu bedienen. Rüth: „Es wäre ein Leichtes, solche Oberflächen anzubieten, die so gestaltet sind.“
Johann Klug: “Die Technologien sind meiner Meinung schon da, aber die Anwendung werden nicht in dem Maße bezahlt oder man bekommt die Zeit gar nicht, sie zu entwickeln. Die Technologien der grafischen Oberflächen, die jetzt auf den Markt kommen, haben noch lange nicht die Qualität wie sie heutige End- User Produkte haben.“
Chancen für den Mittelstand? In Deutschland und Europa gibt es ein sehr hydrogenes Gefüge im Markt mit sehr vielen mittelständisch geprägte Softwareanbietern und Softwareprodukten, die 10, 15 Jahre gewachsen sind, immer modernisiert und mit Oberflächen versehen wurden, aber im Kern eben immer noch Software aus diesen Zeiten sind.
Wolfgang Albrecht: „Es ist auch nicht nur ein Generationswechsel bei den Anwendern zu spüren, sondern ich gehe davon aus, dass wir auch einen Paradigmenwechsel in der ganzen IT-Welt der Software erleben werden mit ganz neuen Aufgabenstellungen und eben auch dem Thema der Breite des Funktionsspektrums. Wie soll ein mittelständischer Softwarehersteller es schaffen, eine Produktentwicklung zu visualisieren? Für solche Firmen werden das große Herausforderungen sein, da ein Softwareprodukt definiert und im Kern losgelöst von allen Projekten entwickelt werden muss. Ich glaube daher schon, dass wir eine gewisse Marktbereinigung erleben werden.“
Was ein Trend werden könnte nach Meinung von Wolfgang Rüth ist, dass Mittelständler, die früher ihre eigenen Produkte angeboten haben, vermehrt dahin gehen, entweder zweigleisig zu fahren, oder sogar ihr eigenes Produkt wegzuschmeißen und dann auf der SAP-Plattform zusätzliche Dienste anzubieten. Kein Thema für die Gesprächsrunde ist Open Source und „My Warehouse“ wird als klassische Totgeburt bezeichnet, denn erst wenn ein professioneller Anbieter das System verkaufs- und marktfähig mache, könne es ein Wettbewerber werden.
Serviceorientierte Architektur Für die Zukunft prognostiziert Wolfgang Rüth die Hölle, durch die Kunden und IT-Anbieter gehen werden. Was die Kunden am allermeisten bewegt, sei, wie sie es schaffen, bei ihren Prozessen, die sehr flexibel gehalten werden, die IT mitlaufen zu lassen. Es sei eben genau nicht damit getan, eine Schnittstelle zu bauen und die dann zehn Jahre lang laufen zu lassen, sondern die Prozesse müssen im Monats-, oder sogar im Tages- oder Schichttakt verändert werden.
Wolfgang Rüth: Jetzt hat man praktisch so den ersten Hub gemacht und hat versucht, mit SOA (serviceorientierte Architektur) das Thema zu erschlagen, indem man den Dienstleistern sagt, macht alles SOA fähig. SOA ist noch nicht so angekommen, wie es die IT-Branche gern gehabt hätte. Eine gegensätzliche Meinung dazu vertritt Wolfgang Albrecht, denn der Trugschluss bei SOA sei, man könne ein bestehendes Softwaresystem nehmen und es einfach modifizieren, das funktioniere nicht.
Albrecht: „SOA ist ein Ansatz, den muss man eigentlich schon von unten berücksichtigen. Die ganzen Möglichkeiten der serviceorientierten Architektur kriege ich nur dann, wenn ich das schon in den Fundamenten des Projekts berücksichtigt habe. Wir stehen vor einem Paradigmenwechsel. Für die ITBranche ist es die Hölle, was jetzt in den nächsten Jahren kommen wird, das sind Investitionen, die da anstehen, wo man eben sehen muss, wie die Softwarehersteller das meistern. Die mittelständische IT-Industrie hat keine Zukunftschance. Sie wird weiterhin Motor sein für viele Bereiche, aber sie wird nicht so weitermachen können, wie bisher und hier sind Kooperationen ein ganz, ganz wesentlicher Lösungsansatz.

„Ja“, so Johann Klug, „der Mittelstand muss sich nach der Decke strecken und wir versuchen, bei Neuentwicklungen den SOA-Ansatz zu berücksichtigen, aber man kann es nicht so wissenschaftlich machen, wie das heute so vertreten wird, weil wir dann ja jedes Jahr die gesamte Software neu entwickeln müssten und das geht nicht.“ Warum die Wassermann AG diesen Ansatz nicht berücksichtigt, begründet Dr. Dickersbach damit, dass es keine Standards gibt, d. h, wenn man SOA mache, habe der Softwareanbieter seine und SAP andere und wenn man sich da zusammenraufen wolle, brauche man doch noch jemanden, der dazwischen eine Schnittstelle baut. Man könne aber auch mit einer ganz konventionellen Schnittstelle flexibel sein, wenn man sich überlege, wo sind Punkte, wo man Input haben oder Output liefern möchte.
Was die Kunden betrifft, sei es zu 50 Prozent so, dass nach dem Investitionsvolumen, das einem Projekt gegenüber steht, entschieden wird, anstatt darauf zu schauen, welche Ziele wurden definiert und werden diese durch dieses Projekt erreicht. Hier wäre eine Amortisationsrechnung hilfreich, die belegt, dass sich das Eine rechnet, was teurer war und das Andere sich gar nicht rechnet.
Rüth: „ Da hat man vielleicht 50 000 Euro investiert, aber an den 50 000 Euro bleibt man kleben, weil es sich nie rechnen wird. Im Gegenteil, in zwei Jahren wird dieser Kunde das ganze wegschmeißen und sich für eine vernünftige Lösung entscheiden.“ Johann Klug kennt aus eigener Erfahrung, dass sich Kunden sehr wohl mit der angebotenen Software beschäftigen und schon wissen wollen, ob das, was empfohlen wurde, auch in der Software enthalten ist.
Wolfgang Albrecht stimmt dem zu, wenn es um Funktionen geht, aber wenn es um das Thema nachhaltige Flexibilität und Konfigurierbarkeit gehe, hapere es mit der kritischen Hinterfragung seitens der Kunden. Wünschenswert wäre es hier, wenn Logistiksoftware von IT und Logistikfachleuten als Team beschafft würde, was nicht immer der Fall sei.
Johann Klug: „Der Kunde muss ja nicht nur glauben, was man auf der Homepage oder auf der Folie hat, sondern man hat ja auch eine Geschichte, die der Kunde sehr wohl weiß, zu hinterfragen. Es ist schon so, dass der Kunde entsprechende Referenzen sehen will. Die dürfen dann keine 20 Jahre alt sein, sondern müssen aus der näheren Vergangenheit stammen, wo er sich ein Bild machen und wiederum den Kunden oder die IT-Abteilung des Kunden hinterfragen kann, was steckt denn da wirklich dahinter.“
Blick in die Zukunft Als wesentliche Themen für die Zukunft sieht Dr. Jörg Dickersbach die Nutzbarkeit, Bedienbarkeit und Komplexität nach Außen hin einfach zu gestalten. Die Frage sei, wie man Kunden dazu bringen kann, dass sie sich intensiv mit der Software befassen oder ob sich nicht die Software eher dahin bewegen müsse, sich auf dem silbernen Tablett zu präsentieren.
Klug: „Als Softwarehersteller habe ich immer den Anspruch, das, was bezahlt wird, zu liefern und dem Kunden oder dem Bediener die Daten und Informationen am optimalsten zur Verfügung zu stellen. Heute ist ein Flachbildschirm Standard und morgen wird es der Touch-Screen sein. „Die Maus wird verschwinden. Die Festtasten wird sich keiner mehr antun, sondern der Bediener drückt auf Icons oder Bildchen. Ich denke, das ist jetzt noch eine Frage von ein- oder zwei Jahren, dann können wir dem Kunden endlich das bieten, was wir immer schon wollten.“
Als Zukunftstrend sieht Wolfgang Albrecht das Thema Mensch-Maschine als sehr wichtig an neben dem Thema Prozess mit all den Prozessphilosophien, die da dranhängen. Ein ganz wichtiger Punkt sei die Flexibilität, die nachhaltig in der Architektur begründet sein müsse. Trend sei auch das Ressourcenmanagement, wobei eine Ressource eben nicht alleine Energie sei, sondern auch das Thema Mitarbeiter.

Wolfgang Rüth sieht das ähnlich. Die EDV-Systeme müssten zukünftig so gestrickt sein, dass sie den Benutzer unterstützen, ohne dass er merkt, dass er EDV verwendet, und er ist der Meinung, dass sich die großen Plattformhersteller durchsetzen werden, weil diese in der Lage seien, solche großen Produktmoloche und auch das Partnermanagement zu stemmen. Mittelständler würden auch am Leben bleiben, allerdings werde eine große Zahl verschwinden, wenn sie versuchten, allein zu bleiben. „Innovation“, so Wolfgang Rüth, „ist quasi eine Kernfunktionalität, um sich letztendlich den Markt zu organisieren, das gilt auch für die IT. Wer nicht jedes oder alle zwei Jahre ein neues Produkt auf den Markt trägt, der wird sich dann selber obsolet gemacht haben.“
Klug GmbH integrierte Systeme, E-Mail: [email protected], www.klug-is.de PSI Logistics GmbH, E-Mail: [email protected], www.psilogistics.com Salt Solutions GmbH, E-Mail: [email protected], www.salt-solutions.de Wassermann AG, E-Mail: [email protected], www.wassermann.de









