Nachhaltigkeitsherausforderung „Halbleiter“

Hanka Smiejczak, Jan Oppermann, mm,

Wenn ein Produkt mehrfach die Welt umfliegt

Bevor ein Halbleiter, beispielsweise als Teil eines Smartphones, beim Endkunden landet, umrundet er bis zu zweimal die Welt im Flugzeug. Dies stellt die Halbleiterindustrie vor große Herausforderungen – sowohl logistisch als auch hinsichtlich der Einhaltung klarer Nachhaltigkeitsziele. Lösungen dafür zeigen Hanka Smiejczak (Vice President, 4flow) und Jan Oppermann (Head of Sustainability Practice, 4flow) auf.

© 4flow

Bereits während der Produktion eines Halbleiters entstehen erhebliche Mengen an Treibhausgasen. Dennoch stellen die indirekten Scope-3-Emissionen rund 90 % des CO2-Ausstoßes in der Halbleiterindustrie dar. Auf einen signifikanten Anteil davon können Supply-Chain-Verantwortliche wesentlichen Einfluss nehmen: die freigesetzten Treibhausgase durch Transport- und Distributionsdienstleistungen von Waren und Endprodukten in eigener Verantwortung (Scope 3.4).

Ein Beispiel: Der interne und externe Transport im Rahmen der Wertschöpfungskette von 1,5 Tonnen Halbleitern verursacht mehr als sieben Tonnen CO2-Emissionen. Die Scope-3.4-Emissionen für einen etwa gleich schweren VW Golf entsprechen hingegen weniger als einer halben Tonne Treibhausgas. Einen erheblichen Anteil daran hat die hohe Bedeutung der Luftfracht für die Halbleiterbranche, auf die über 95 % der Transportemissionen entfallen. Wie können Unternehmen aber Emissionen in ihrem Transportnetzwerk reduzieren und gleichzeitig wettbewerbsfähig bleiben?

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Nachhaltigere Luftfracht als Lösungsansatz?

Ein radikaler Wechsel von der Luftfracht auf andere, klimafreundlichere Transportmittel ist kurzfristig nicht zu erwarten. Dagegen sprechen zum einen die Anforderungen an die Supply Chain von kleinen, leichten Hightech-Produkten mit sehr hoher Wertigkeit: kurze Lieferzeiten, hohe Flexibilität, geringe Bestände; zum anderen der globale Charakter der Wertschöpfung: Aus Kosten- und teils Kompetenzgründen wird meist zentralisiert in Asien produziert, während sich die Endkunden oftmals in Europa und den USA befinden.

Anders als im Bereich der Landfracht können Supply-Chain-Verantwortliche zudem kaum Einfluss auf die Auslastung der Frachtflugzeuge und operative Prozesse nehmen, für die in der Regel das Luftfrachtunternehmen verantwortlich ist. Auch alternative Flugkraftstoffe (SAF) bieten, trotz ihres großen Potenzials, aufgrund der aktuell begrenzten Verfügbarkeit noch keine skalierbare Alternative zu Kerosin.

Eine Option zur Reduktion der CO2-Emissionen, die bereits heute umsetzbar ist, ist die bewusste Wahl des Transportunternehmens anhand geeigneter Kriterien, beispielsweise der Beimischungsquote von SAF oder dem Flottenalter. Neue Flugzeugmodelle stoßen durch effizientere Antriebe, bessere Aerodynamik und geringeres Gewicht bis zu 15 - 20 % weniger CO2 aus als ihre Vorgänger.  Zur Veranschaulichung: In einem Vergleich verschiedener Luftfrachtanbieter konnte auf der Beispielstrecke Singapur-Frankfurt im Durchschnitt ein Einsparpotenzial von 22 % Treibhausgasemissionen aufgezeigt werden bei einer im Mittel rund halb so alten Flotte (12 vs. 22 Jahre).

Der größte Hebel liegt im Netzwerk

Die Prüfung und Überarbeitung der Netzwerkstrategie bietet den größten – und auch wirksamsten – direkt beeinflussbaren Hebel zur Verbesserung der Klimabilanz. Die günstige Wahl eines oder mehrerer Flughafenstandorte kann die Distanzen der Luftfrachthauptläufe signifikant reduzieren, Luftfrachtnachläufe vermeiden und bis zu 90 % der Emissionen pro Tonnenkilometer im Inlandsnachlauf einsparen. Zudem ist ein längerer Flug für die Treibhausgasbilanz besser als zwei Mittelstreckenflüge. Aufgrund der energieintensiven Start- und Landevorgänge werden bei Kurz- und Mittelstreckenflügen ca. 22 % mehr CO2-Emissionen pro Tonnenkilometer ausgestoßen als bei Langstreckenflügen. Darüber hinaus lohnt ein Blick auf die Verteilung und Anzahl der Distributionszentren im globalen Netzwerk, um die Lagerhaltung von Produkten mit kurzfristigen Bedarfen in Kundennähe zu gewährleisten. So können Gesamttransportentfernungen minimiert und zur Luftfracht alternative Transportmittel eingesetzt werden, um Treibhausgasemissionen zu reduzieren. Geeignete Tools zur Nachfrageprognose sowie eine durchdachte Supply-Chain-Segmentierung und Kompetenzen im technologieunterstützten Supply Chain Planning helfen dabei Überbestände zu vermeiden.

Den größten Hebel zur CO2-Reduktion stellt die Regionalisierung von Supply Chains dar, auch wenn diese in der Halbleiterbranche durch hohe Investitionen in Anlagen, das große, vor allem in Taiwan aufgebaute und schwer zu transferierende Wissen sowie die Verfügbarkeit der Rohstoffe erschwert wird. Die CO2-Potenziale sind jedoch immens: Der Umstieg von 12.000km Luftfracht auf 1.000km Landfracht reduziert die CO2-Emissionen für jede Tonne transportiertes Material um 99 %. Der geopolitische Drang zu mehr Regionalisierung in der Halbleiterbranche und entsprechende Investitionsprogramme in Europa und den USA spielen der Nachhaltigkeit hier in die Karten und eröffnen neue logistische Möglichkeiten für die Zukunft.

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