Flurförderzeuge
Mehr Roboter im Lager für mehr Freiheit bei der Gestaltung der Lagerabläufe
Hat die traditionelle Lagerautomatisierung ausgedient? Exotec will das Prinzip der Robotik auf die gesamte automatische Lagerlogistik anwenden. Was bringt das?
Ein typisches Szenario der traditionellen Lagerautomatisierung: hier das klassische Regalbediengerät, das unentwegt Kleinladungsträger (KLT) ein- und auslagert. Dort auf den Gängen wuselt das fahrerlose Transportsystem, das den Kommissionierplatz ansteuert, wo Menschen die Ware in Versandkartons verteilen. Alles seit Jahren eingespielt und bewährt.
Trotzdem hat Markus Schlotter etwas an der traditionellen Lagerautomatisierung auszusetzen. „Uns ist das zu unflexibel“, sagt der Managing Director Exotec Central Europe. Was ihm vorschwebt: mehr Robotik im Lager und damit mehr Freiheit für die flexible Gestaltung der Lagerabläufe. „Die Prozesse der Lagerlogistik müssen skalierbar sein. Genauso wichtig ist es, dass die Unternehmen ihre Intralogistik schnell neu ausrichten können.“ Etwa dann, wenn ein Händler Liefer- und Nachfrageschwankungen bewältigen muss, sein Produktportfolio grundlegend verändert oder wenn ein B2B-Händler sein Angebot in Richtung B2C erweitert.
Regalbediengerät und Transportsystem in einem
Das Robotik-Lager ist längst keine Vision mehr, bei Exotec-Kunden hat es konkrete Züge angenommen. Dreh- und Angelpunkt sind Skypods – Lagerroboter, deren Name für das Gesamtsystem steht. Dazu gehören standardisierte Komponenten wie Regale, Behälter, Fördersystem, Kommissionierstationen für Mensch und Roboter sowie die Steuerungssoftware Deepsky.
An den 65 x 65 Zentimeter großen Skypod-Robotern zeigt sich am deutlichsten, was Markus Schlotter mit Flexibilität meint. Die Autonomen Mobilen Roboter (AMR) sind gewissermaßen Regalbediengerät und Transportsystem in einem. Sie klettern die Regale bis zu 12 Meter hoch, holen sich dort einen KLT und machen sich auf den Weg zur Kommissionierstation. Ihre Navigation kommt ohne Schienen oder Induktionsschleifen aus. Lasertechnik macht‘s möglich. Ihre Aufträge erhalten die Roboter über die Lagersoftware Deepsky. Die Exotec-Eigenproduktion lässt sich in die geläufigen Warehouse Management Systeme und Warehouse Control Systeme integrieren. Die Roboter haben Zugriff auf jeden erfassten Artikel.
Mehr Regalfläche im laufenden Betrieb
Wenn es die Lagerhalle hergibt, ist eine Vergrößerung der Regalfläche jederzeit möglich – ohne Betriebsunterbrechung. Während auf der einen Seite Regalblock über Regalblock montiert wird, geht an anderer Stelle das Ein- und Auslagern per Skypod munter weiter. Sobald die Erweiterung fertig ist, klettern die bereits eingesetzten Skypod-Roboter auch im neuen Sektor die Regale rauf. Sofern es nötig ist, ihre Anzahl zu vergrößern, lässt sich die Flotte kurzfristig aufstocken. Für den schnellen Ausbau der Kapazitäten in Peak-Zeiten vermietet Exotec die Roboter. Diese „Leiharbeiter“ können genauso viel wie die Roboter-Stammbelegschaft und integrieren sich in den laufenden Betrieb.
Weil sich nicht jeder Transport durchs Lager mit AMR wirtschaftlich realisieren lässt, gehört auch die Fördertechnik zum Skypod-System. Sie unterscheidet sich deutlich von Ausführungen der traditionellen Lagerautomatisierung. Bei der 2023 ins Programm genommenen Skypath-Fördertechnik läuft alles per Plug-and-Play und somit ganz und gar nicht „traditionell“: keine aufwendige Installation mit Verkabelungsteam, kein Aufspielen oder Programmieren von Steuerungssoftware. Stattdessen bietet Exotec den Lagerbetreibern eine mit Sensoren und Lichtschranken vorkonfigurierte Fördertechnik an. Der Aufbau von Kurven, Geraden und Schrägen erinnert an die Eisenbahn, die man früher an langen Winterabenden zusammengesteckt hat.
Robotereinsatz ohne Customizing
Für den Kommissionierplatz hält die Skypod-Systematik zwei Optionen bereit. Die eine kennt man aus der traditionellen Lagerautomatisierung, bei der ein Mensch die vom Skypod herbeigeschaffte Ware aus dem KLT nimmt und dem Versandkarton zuordnet. Bei der zweiten Option kommt wieder die Robotik ins Spiel. Mit dem Skypicker bietet Exotec einen Gelenkarmroboter an, der Waren von bis zu zwei Kilogramm aufnimmt und ablegt.
Das Besondere am Skypicker ist, dass man ihm „Schwächen“ zugesteht. Aber nur vermeintliche Schwächen! Weil Exotec auf jedes Customizing verzichtet, kann der Roboter mit seinem Sauger nicht alles picken, was die Skypod-Roboter herbeibringen. Aber gerade der Verzicht auf zeitraubende individuelle Anpassungen macht den Skypicker interessant für Lager, die den Weg in Richtung Robotik einschlagen. Der Gelenkarmroboter ist sofort einsatzfähig. Und sofort heißt sofort: Plug-and-Play in Reinkultur.
„Unsere Skypicker leisten Semi-Finishing“, erklärt Schlotter. Der eiserne Arm macht die Vorarbeit, den Rest erledigt ein humaner Mitarbeiter. Auf diese Weise nimmt der Roboter dem Menschen einen Großteil der Kommissionierarbeit ab, ersetzt ihn aber nicht vollständig.
80 Prozent der Pickaufträge per Kommissionierroboter
Ein Roboter darf was liegen lassen. Für viele ist diese Denkweise neu. Doch Markus Schlotter ermuntert seine Kunden, ihre Perspektive zu wechseln: „Was der Pick-and-Place-Roboter in die Kartons legt, ist erledigt. Je nach Lager können das 50 bis 80 Prozent der Pickaufträge sein.“ Dem Argument, dass Kommissionierroboter zu teuer seien, hält Schlotter ein „Was es zu beweisen gilt“ entgegen. Mal abgesehen davon, dass man Mitarbeiter erst einmal finden muss, dass die Lohnkosten steigen und kein Mensch im Drei-Schicht-Betrieb arbeitet: Der Roboter trägt eine gewisse Genügsamkeit in sich. Tätigkeiten, die sich stur wiederholen und denen ein gewisser Monotonie-Makel anhaftet, sind bei Arbeitssuchenden selten gefragt und schon gar nicht, wenn das Ganze mit körperlicher Anstrengung verbunden ist.
Ob Einlagern, Auslagern, Transport oder Kommissionieren. Wenn es heute heißt „Die Roboter kommen“, denkt niemand mehr an den unsäglichen Horrorfilm aus den 80er-Jahren. Stattdessen geht es mehr darum, dem Horror des Fachkräftemangels etwas Wirkungsvolles entgegenzusetzen und dafür der Robotik die Türen zu öffnen. Das Wort „roboten“ für hartes Arbeiten gebrauchen wir kaum noch im Zusammenhang mit menschlicher Tätigkeit. Ein Roboter dagegen, der robotet den lieben langen Tag nach unserem Kommando. Und wenn es gefordert ist, auch 24 Stunden ohne Pause. Das ebnet ihm den Weg in die Intralogistik.
Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 3/23













