Flurförderzeuge

materialfluss Round Table: Lösungen für komplexe Fälle (mit Videos)

Flurförderzeuge steuern in eine spannende Zukunft mit anspruchsvollen Herausforderungen. Beim materialfluss Round Table diskutierten Vertreter führender Hersteller lebhaft über deren Aufgaben als Produzenten und Systemanbieter sowie über die Antriebstechnik der Zukunft: Stapler mit Verbrennungsmotor und mit Blei-Säure-Batterien fahren noch nicht auf das Abstellgleis – und Logistikprojekte werden zunehmend komplexer.

Round Table
Trafen sich im Hotel Bader zum Round Table Gespräch (v.l.n.r.): Die Flurförderzeugexperten Mats Lindell, Hanno Froese, Stefan Prokosch, Ruedi Wenk und Eike Wibrow mit Klaus Hiemer und Martin Schrüfer (beide materialfluss). Fotos: Thilo Härdtlein

Am runden Tisch im Hotel Bader in Vaterstetten nahe München saßen Stefan Prokosch, Senior Vice President Product Management Industrial Trucks – Counterbalance bei Linde Material Handling, Eike Wibrow, Senior Director Advanced Applications bei Still, Mats Lindell, Director Logistics Solutions bei Toyota Material Handling, Hanno Froese, Geschäftsleitung der Jungheinrich Moosburg AG & Co. KG, sowie Ruedi Wenk, Leiter Technik und Entwicklung, Geschäftsbereich Flurförderzeuge, bei der Stöcklin Logistik AG im Schweizer Aesch sowie materialfluss-Chefredakteur Martin Schrüfer.

Mats Lindell
„Wenn man nicht in der Applikation beraten kann, hat man auf dem Markt keine Chance.“ Mats Lindell, Toyota Material Handling

Zunächst berichteten die Teilnehmer über ihre Erfahrungen auf der LogiMAT 2018 in Stuttgart. Über „ein tolles Feedback und sehr regen Zulauf in Bezug auf unseren neuen Elektrostapler RX 20“ freute sich Eike Wibrow, der mit diesem Ergebnis ebenso zufrieden war wie Hanno Froese über die positiven Reaktionen auf den gezeigten neuen Schubmaststapler. Den Fokus auf schnelle und wendige fahrerlose Transportsysteme legte Stöcklin – und stieß ebenfalls auf große Resonanz. Jungheinrich nutzte die LogiMAT, um sich nach den Worten von Hanno Froese als Lösungsanbieter zu präsentieren. Eine „hervorragende Besucherqualität und intensive Gespräche über die Themen Flottenmanagement und Leitsysteme“ nahm Mats Lindell als Resümee aus Stuttgart mit.

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„Gibt es bei den Logistik-Unternehmen ein neues Selbstbewusstsein, nicht nur als Hersteller, sondern verstärkt auch als Systemanbieter aufzutreten?“ wollte Chefredakteur Martin Schrüfer zu Beginn der Diskussion wissen. Für Stefan Prokosch eine klare Sache: „Die Zeit reiner Produktlösungen ist vorbei. Wir werden immer mehr zum Berater.“ Die Kunden verlangten die volle Transparenz über Produkte und Prozesse. Generalunternehmer hätten gelegentlich Probleme, dies aus einem Guss mit allen technischen Möglichkeiten abzubilden. „Wir Hersteller sind gut positioniert, um schnell anbieten zu können. Dies ist ein echter Mehrwert für den Anwender, der heute ein hohes Maß an Standardisierung und Sicherheit möchte“, so Stefan Prokosch. Nach seiner Einschätzung ist die Komplexität von Logistikprojekten deutlich angestiegen. „Deswegen wird es immer mehr Spezialisten geben, die über das reine Produkt hinaus handeln können.“

„Die Prozesse sind komplexer geworden“

Eike Wibrow
„Wir müssen Sonderprozesse abbilden und kostengünstig anbieten können.“ Eike Wibrow, Still

In eine ähnliche Richtung argumentierte auch Eike Wibrow. „Die Branche entwickelt sich schnell weiter, die Prozesse sind komplexer geworden.“ Kunden verhielten sich professioneller und nähmen verstärkt das Thema Total Cost of Ownership unter die Lupe. „Welche Verfügbarkeit brauche ich, und wie effizient kann ich meine Logistik betreiben? Das sind Fragen, mit denen sich unsere Kunden intensiv auseinandersetzen“, beschrieb Eike Wibrow. „Es geht nicht mehr um einzelne Aspekte. Der Projektpartner will genau wissen, wie hoch die Kosten pro Warenbewegung sind.“ Und Wibrow definierte die Aufgabe der Logistikunternehmen: „Wir müssen dem Kunden helfen und ihm profunde Beratung in Sachen Prozessoptimierung und Lagerplanung bieten.“ Dies gelte ebenso für spezielle Aufgaben. „Auch Sonderprojekte müssen wir abbilden und kostengünstig umsetzen können. Dabei spielen selbst weiche Faktoren wie die Sicherheit und der Informationsgrad von Anlagen eine wichtige Rolle.“

Auch Hanno Froese sieht veränderte Rollenbilder. „Der Anwender sucht nach Lösungen, das reine Produkt tritt in den Hintergrund.“ Logistikunternehmen dürften sich deswegen nicht mehr ausschließlich auf die Hardware konzentrieren. „Sie müssen als Berater Gesamtsysteme abwickeln. Wenn sie diesen Schritt nicht machen, werden sie nicht mehr lange als erfolgreiche Premiumhersteller unterwegs sein“, meinte Froese. Die Unternehmen stünden unter Zugzwang. „Wenn sie dieses Feld nicht bespielen können, werden schnell andere Anbieter zur Stelle sein.“ Die Anforderung bestehe darin, Produkte und Lösungen intelligent zu kombinieren. Dies mache eine intensive Beratung über Themen wie Automatisierung, Vernetzungsgrad oder Sicherheit erforderlich. „Die Kunden brauchen die Gewissheit, dass Systeme in der Praxis reibungslos funktionieren.“ Eine wichtige Rolle spiele auch die Flexibilität. „Es bleibt unsere Herausforderung, modulare Lösungen anzubieten, die die verschiedenen Anforderungen erfüllen“, skizzierte Hanno Froese.

Heute spielen nach Einschätzung von Mats Lindell Themen wie Flottenmanagement und Leitsysteme eine wichtige Rolle. „Wenn wir nicht in der Applikation beraten können, haben wir am Markt keine Chance.“ Die Entwicklung im Logistik-Sektor verlaufe rasant und verlange hohe Beratungskompetenz. Einkäufer bei den Kunden orderten nicht mehr über die Preise, sondern betrachteten verstärkt die Total Cost of Ownership. „Es geht darum, was eine Anlage über die gesamte Lebensdauer kostet“, sagte er. Dabei beobachtet er eine interessante Entwicklung am Arbeitsmarkt. Durch die anhaltende Automatisierungswelle würden die Menschen vernünftiger eingesetzt. „Dadurch entsteht mehr Beschäftigung, und nicht weniger. Der Arbeitsmarkt boomt“, meinte er. Es gelte, Projekte in der Logistik über einen längeren Zeitraum zu betrachten. Dabei müsse aber die Architektur stehen. „Es macht keinen Sinn, die Rohre zu verlegen, bevor das Haus gebaut ist.“

Ruedi Wenk
„Der Kunde will ein Rundum-Sorglos-Paket.“ Ruedi Wenk, Stöcklin

Auch aus Sicht von Ruedi Wenk ist die Komplexität von Logistikprojekten in den vergangenen Jahren deutlich angestiegen. Deswegen sei auch der Personalaufwand bei der Umsetzung größer geworden. „Heute sind mehrere Personen an Entscheidungsprozessen beteiligt, um Vorhaben adäquat umzusetzen.“ Der Kunde verlange dabei umfassende Lösungen. „Er will ein Rundum-Sorglos-Paket, und von uns komplett bedient werden. Dies betrifft sowohl die Hard- wie auch die Software“, führte er an. Trotz der gestiegenen Komplexität seien die Logistiker gefordert, die Prozesse möglichst einfach zu gestalten.

Fachkräftemangel allerorten

Weitgehend einig waren sich die Teilnehmer beim Thema Fachkräftemangel. In der Logistik sind qualifizierte Leute gefragt – und schwer zu finden. „Das ist auch in der Schweiz ein großes Problem. Der Bedarf an Mitarbeitern ist in der Logistikbranche gegeben, aber wir brauchen speziell ausgebildete, die rar sind“, skizzierte Ruedi Wenk. Durch die gestiegene Komplexität von Logistikprojekten entstehen laut Eike Wibrow intensive Kundenbeziehungen. Um diese auch über einen längeren Zeitraum entsprechend zu pflegen, sei geschultes Personal notwendig. Aus Sicht von Hanno Froese und Mats Lindell werden die Aufgaben für Logistik-Mitarbeiter immer anspruchsvoller. „Einfachere Tätigkeiten werden zunehmend automatisiert, und die Leute sinnvoller eingesetzt“, meinte Lindell. „In Zukunft wird es immer mehr Spezialisten geben“, ist Hanno Froese überzeugt.

Wie sieht die Antriebstechnik der Zukunft aus?

Stefan Prokosch
„Wir Hersteller sind gut aufgestellt, um schnell anbieten zu können. Dies ist ein echter Mehrwert für den Kunden.“ Stefan Prokosch, Linde Material Handling

materialfluss-Chefredakteur Martin Schrüfer lenkte das Augenmerk auf ein weiteres aktuelles Thema: Wie sieht der Antrieb der Zukunft aus, wohin fährt die Lithium-Ionen-Batterie und wo bleibt die Brennstoffzelle? Für Stefan Prokosch ist das Lithium-Ionen-Thema „hoch spannend“. Allerdings werde die Blei-Säure-Batterie nach wie vor ihre Bedeutung haben. „In vielen Anwendungen ist sie noch wirtschaftlicher. Unsere Aufgabe besteht darin, den Kunden perfekt zu beraten, welche Technologie zu welcher Applikation passt“, sagte er. Der Lithium-Ionen-Antrieb punktet, weil keine Batteriewechsel mehr erforderlich sind und das Nachladen sehr schnell gehe. Bei der Brennstoffzelle spiele die Verfügbarkeit von Wasserstoff eine wichtige Rolle. „Wenn die Bereitstellung der Energie effizienter wird, besitzt auch die Brennstoffzelle Chancen, Marktanteile zu gewinnen.“

Hanno Froese
„Wir wickeln als Berater Gesamtsysteme ab.“ Hanno Froese, Jungheinrich

Auch für Ruedi Wenk steht die Forderung im Raum, gründlich zu beraten, welcher Antrieb zur jeweiligen Applikation passt. Ein schnelles Verschwinden der Blei-Säure Batterie sieht er unterdessen nicht. „Die Lithium-Ionen-Batterie ist noch relativ teuer, und der Preis dürfte nicht so schnell sinken“, prognostizierte er. Dennoch werde der Marktanteil dieser Antriebstechnik in Zukunft stetig ansteigen. Vor allem bei Schichtbetrieb und dort, wo Säuregasung nachteilig ist. Hanno Froese wies auf die große Bandbreite von Logistik-Anwendungen hin. „Wir werden vermutlich auch in zehn Jahren noch Verbrenner und Blei-Säure-Antriebe sehen. Da sind Flotten am Markt, die noch eine Weile laufen werden“, meinte er. Es sei aber nur eine Frage der Zeit, bis die Lithium-Ionen-Batterie durch ihre effiziente Leistung die verbrennungsmotorischen Stapler sukzessive ersetzen werde.

Auf die große Bedeutung einer fundierten Beratung wies auch Eike Wibrow hin. „Man muss die Wahl des Antriebs an die Abläufe bei den Kunden anpassen und die Prozesse so gestalten, dass Schritt für Schritt geplant werden kann.“ Nach seiner Einschätzung rechnet sich der Einsatz von Lithium-Ionen-Batterien in vielen Applikationen. „Allerdings ist die komplette Umstellung eine große organisatorische und infrastrukturelle Herausforderung.“ Außerdem gibt es noch weitere alternative Antriebsarten, die man nicht außer Acht lassen sollte, wie zum Beispiel die Brennstoffzelle. Wichtig in Zusammenhang mit dem Einsatz von Brennstoffzellen sei die Rohstoff-Sicherung. Eike Wibrow: „In zehn bis fünfzehn Jahren werden wir hier klarer sehen.“ Diesen Zeitraum hält auch Mats Lindell für relevant. Lithium-Ionen-Batterien könnten den Verbrenner jedoch erst dann in größerem Umfang ersetzen, wenn die Management-Ebene implementiere, den Gesamtstromverbrauch in Schach zu halten. Lindell warnte davor, die Forschung und Entwicklung an der Brennstoffzelle einzustellen. „Wir werden diese Aktivitäten konsequent ausbauen“, sagte er, verwies aber gleichzeitig auf die regional unterschiedliche Bedeutung des Wasserstoff-Antriebs. Während die Brennstoffzelle beispielsweise in den USA stark gefördert werde und auf große Akzeptanz stieße, hinke Europa hinterher. „Speziell auf dem deutschen Markt tut sich diesbezüglich nicht viel“, führte er an. Hier stünden zu wenige Fördergelder zur Verfügung, um dem Wasserstoffthema flächendeckend zum Erfolg zu verhelfen.

Ausreichend Platz in Hannover

Flurförderzeughersteller
Flurförderzeughersteller, die neue Geschäftsfelder der Intralogistik besetzen - ein Thema des Round Table Gesprächs.

Mit Spannung erwarten die ausstellenden Teilnehmer die CeMAT 2018, die im Rahmen der Hannover Messe stattfindet. Für Eike Wibrow bietet sich die Möglichkeit, auf dem weiträumigen Außengelände Fahrzeuge und Lösungen in Aktion zu präsentieren. „Wir haben hier ausreichend Platz, den Besuchern mehr live bieten zu können als auf der LogiMAT.“ In dasselbe Horn stößt Hanno Froese. Jungheinrich nutze die Gelegenheit, „um Fahrzeuge zu zeigen, die wir auf der LogiMAT aus Platzgründen nicht vorführen konnten.“ Auch Toyota Material Handling präsentiert sich auf der CeMAT. Nicht in Hannover vertreten ist Linde Material Handling. Stefan Prokosch begründet: „Die Zeit, die wir am Stand haben, reicht nicht mehr aus, um die Komplexität, der wir uns heute gegenüber sehen, sinnvoll zu klären.“ Stattdessen lade Linde Kunden separat ein, um gründlich zu beraten. Ebenfalls nicht auf der CeMAT vertreten ist die Stöcklin Logistik AG.

Klaus Hiemer

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