Verbände zum Koalitionsvertrag
Koalitionsvertrag: Hoffnungsschimmer mit angezogener Handbremse
Der neue Koalitionsvertrag sendet aus Sicht der Industrieverbände wichtige Signale für Bürokratieabbau und Investitionen – doch zentrale Entlastungen kommen zu spät. Zwischen Aufbruchsstimmung und ernüchterter Kritik bleibt die Umsetzung das entscheidende Nadelöhr.
Der neue Koalitionsvertrag bringt aus Sicht der Wirtschaft einige positive Ansätze, aber auch deutliche Kritikpunkte mit sich. Begrüßt wird der geplante Abbau von Bürokratie – insbesondere durch die Abschaffung des deutschen Lieferkettengesetzes zugunsten einer vereinfachten Umsetzung der EU-Richtlinie. Auch das Ziel, die Bürokratiekosten um 25 Prozent zu senken, stößt auf Zustimmung.
Für den industriellen Mittelstand ist auch die angekündigte beschleunigte Abschreibung von Ausrüstungsinvestitionen ein wichtiges Signal. „Die von der Wirtschaft dringend geforderte Unternehmenssteuerentlastung soll dagegen erst ab 2028 in kleinen Schritten stattfinden. Das ist gerade vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise in Deutschland spät und zu langsam", kommentiert VDMA-Hauptgeschäftsführer Thilo Brodtmann.
Auch der Industrieverband BDI spricht von Ansätzen für dringend notwendige, entschlossene Strukturreformen. Entscheidend sei nun eine rasche Umsetzung. „Mit dem zügigen Abschluss der Verhandlungen sind Union und SPD dem Ernst der Lage und den Erwartungen der Wirtschaft gerecht geworden“, sagt Hauptgeschäftsführerin Tanja Gönner. Der Koalitionsvertrag setze wichtige Signale für Investitionen und Wachstum. Die steuerliche Entlastung der Unternehmen komme allerdings deutlich später als es notwendig wäre.
„Der Anfang ist gemacht“
Ähnlich äußert sich DIHK-Präsident Peter Adrian: „Der Anfang ist gemacht, mehr Mut muss folgen.“ Die Parteien haben nach seinen Worten viele richtige Maßnahmen vereinbart, aber nicht konsequent die Stärkung der Wirtschaft zum Maßstab gemacht. Der Einstieg in die Unternehmenssteuerreform erst ab 2028 komme zu spät: „Insgesamt reicht das vorliegende Paket allein nicht, um eine echte Trendwende zu schaffen.“
Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger betont mit Blick auf die schnelle Einigung, „Deutschland ist wieder auf dem Platz“. Diese Geschwindigkeit sei auch im Regierungshandeln nötig. „Deutschland muss schneller, besser und wettbewerbsfähiger werden.“ Die Arbeit an der Wirtschaftswende dulde keinen Aufschub. „Wir brauchen eine Standortrenovierung mit Tempo“, fordert Dulger.
Wolfgang Weber, Vorsitzender der ZVEI-Geschäftsführung, bewertet positiv, dass die Koalitionsparteien Impulse für mehr Elektrifizierung und Digitalisierung setzen wollen. Beides sei entscheidend, um Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit zu sichern, Klimaschutz wirtschaftsfreundlich zu erreichen und unsere Zukunftsfähigkeit zu stärken. Sehr gut sei auch, dass Deutschland KI-Nation werden und die industrielle KI praxistauglich ausgestaltet sein solle. „Wir dürfen keine Technologie ausbremsen, die unsere Industrie und unseren Mittelstand digital und zukunftsfähig macht“, so Weber. Aber klar sei auch: „Wer Investitionen will, muss Unternehmen Luft zum Atmen lassen. Mit der Abschaffung des Lieferkettengesetzes ist hier ein wichtiges Zeichen gesetzt worden. Der Bürokratieabbau muss kraftvoll vorangehen.“
Wirtschaftsweise: Leider kein Wachstumsprogramm
Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher, beklagt dagegen, dass es dem Papier der drei Parteien an Ambitionen mangele. „Der Koalitionsvertrag von Union und SPD ist ein Kompromiss, der den Status quo weitgehend beibehält und zentrale Zukunftsfragen unzureichend adressiert.“
Auch nach Einschätzung der Wirtschaftsweisen Monika Schnitzer fällt die angekündigte Wirtschaftswende deutlich bescheidener aus als ursprünglich in den Wahlprogrammen dargestellt. „Das ist leider kein Wachstumsprogramm“, sagt Schnitzer der Funke Mediengruppe. Dies überrasche allerdings kaum, da die Koalitionsparteien einerseits Steuererhöhungen und andererseits Steuersenkungen forderten. (mit dpa)









