Interview mit Dr. Kerstin Dobers vom Fraunhofer IML

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"Der Scope wird breiter"

Wie ist die Wahrnehmung in Sachen Green Logistics? Welche Herausforderungen gibt es? Diese und weitere Fragen beantwortet Dr. Kerstin Dobers, Senior Scientist und stellvertretende Abteilungsleiterin am Fraunhofer IML, im Interview.

Dr. Kerstin Dobers ist Senior Scientist und stellvertretende Abteilungsleiterin „Umwelt und Ressourcenlogistik“ am Fraunhofer IML. © Fraunhofer IML

materialfluss: Wie ernst wird das Thema Green Logistics derzeit in Deutschland genommen?

Dr. Kerstin Dobers: Ich würde den Begriff Green Logistics gerne noch mal abgrenzen, denn da verstehen ja auch mitunter Personen Unterschiedliches. Wir sprechen an der Stelle davon, inwiefern Logistik umweltfreundlich, energieeffizient, circular, leise, schadstoffarm und dergleichen gestaltet ist. Green Logistics ist somit nur ein Teil der nachhaltigen Logistik. Darauf konzentriere ich mich. Ich nehme in Diskussionen und Projekten mit Unternehmen wahr, dass schon viele sehr differenziert mit dem Thema umgehen: Die Betrachtungsweise nimmt sehr an Tiefe zu. Auch der Scope selbst wird immer größer: Beim Thema grüne Logistik denkt man klassischerweise an die Themen Energie und Treibhausgasemissionen. Aber definitiv kommen jetzt auch immer mehr Fragen in Richtung Ressourcen und Kreislaufwirtschaft. Wir beobachten doch eine sehr differenzierte Herangehensweise und dass Unternehmen auch wirklich Projekte umsetzen wollen. Dass das Thema nur ein Hype ist, das ist nicht mehr der Fall. An manchen Stellen nehme ich wahr, dass es teilweise noch sehr pauschale Fragen gibt. Da brauchen wir noch ein bisschen mehr Tiefgang und Aufklärung. Das bieten wir ja auch letztendlich an.

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mfl: Was sind Ihrer Meinung nach die Hauptbeweggründe für Unternehmen, das Thema Green Logistics anzugehen?

Dobers: Ich glaube, das sind sehr verschiedene Motivationslagen, die da reinspielen. Es ist sicherlich ein Wettbewerbspunkt, dass man nicht den Anschluss verlieren darf, weil das Thema Green Logistics bei sehr vielen Waren eine Rolle spielt. Zudem wirken Klimaziele oder die CSRD-Berichtspflicht noch mal unterstützend. Etwas Druck von außen ist da sicherlich nicht verkehrt. Unternehmen oder Organisationseinheiten haben dadurch dann die Möglichkeit, das Thema wirklich anzugehen. Das soll nicht heißen, dass Unternehmen und Mitarbeitende Green Logistics nicht vorantreiben möchten. Viele sehen, dass wir da was ändern müssen. Wir dürfen Ressourcen nicht verschwenden und wir haben eine Verantwortung, was andere Lieferanten, andere Regionen, aber auch die eigenen Mitarbeitenden anbelangt. Zudem ist Energie heutzutage teuer.

mfl: Was sind die größten Herausforderungen für die Branche, das Thema Green Logistics dann auch wirklich umzusetzen?

Dobers: Lieferketten sind höchst komplex mit den sehr verschiedenen Strukturen und Akteuren. Eine Lieferkette einerseits grün zu organisieren, aber anderseits auch übergeordnet die beste Lösung für einen Akteur hinzubekommen, ist nicht einfach. Und die Dynamik des Marktes: Wir wollen umweltfreundlich sein, aber müssen weiterhin flexible und resiliente Lösungen hinbekommen. An manchen Stellen habe ich zudem wahrgenommen, dass die Verfügbarkeit von grünen Lösungen auch ein Problem darstellt. Dabei stellen sich dann Fragen wie: Sind denn Energieträger vorhanden, die das Unternehmen wirklich operativ einkaufen kann? Ist die benötigte Technologie vorhanden? Ich persönlich habe in der letzten Zeit viel im Bereich der Logistikimmobilien geforscht. Da sind Entscheidungen zu treffen, die eine zeitlich längere Reichweite haben.

mfl: Inwiefern können technologische Innovationen – wie zum Beispiel künstliche Intelligenz – dabei helfen, die Logistik und Intralogistik in Zukunft noch nachhaltiger zu gestalten?

Transparenz zu THG-Emissionen an Logistikstandorten – Anteile auf Basis der jährlichen GILA-Marktstudien. © Fraunhofer IML

Dobers: Die Digitalisierung hilft sicherlich dabei, Transparenz zu bekommen, um Dinge im Vorfeld planen, simulieren und optimieren zu können. Wenn es um das Thema KI geht, wird es dadurch möglich, mit großen Datenmengen schnell zu arbeiten, Prognosen, Trends und Zusammenhänge darzustellen und darauf aufbauend Handlungsempfehlungen und Roadmaps abzuleiten. Predictive Maintenance ist sicherlich ebenfalls ein Thema, auch im Bereich der Kreislaufwirtschaft: Hier kann man im Sinne der Verlängerung des Lebenszyklus arbeiten, indem man intelligent Dinge vorhersagt. Weitere Themen sind die Tourenoptimierung und Routenoptimierung. Egal, ob es nun im Lager oder auf der Straße ist.

mfl: Wie unterstützt das Fraunhofer IML Unternehmen dabei, das Thema Green Logistics voranzutreiben?

Dobers: Das hängt ganz stark davon ab, mit wem wir arbeiten. Wir beraten sehr unterschiedliche Unternehmen, sei es jetzt Verlader, die eigentlichen Hersteller oder Logistikdienstleister, aber auch Unternehmen aus dem Immobiliensektor. Wir versuchen die individuellen Handlungsfelder zu identifizieren. Das kann zum Beispiel technologischer Natur sein, dass man alternative Fertigungsverfahren und Produkte gemeinsam entwickelt. Wir diskutieren auch, was im Sinne der Kreislaufwirtschaft zirkulärer gestaltet werden kann. Wir unterstützen Unternehmen dabei, ihre Lieferketten zu optimieren und dass Mehrweg-Systeme dort, wo es sinnvoll ist, eingeführt werden. Was sehr stark in meinem Forschungsumfeld ist, ist die Methodik, Treibhausgasemissionen für Logistikketten zu bewerten. Da haben wir konkret bei der Erarbeitung der ISO 14083 unterstützt. Dort haben wir einen Fokus auf Logistikstandorte gesetzt, so dass diese nun neben dem eigentlichen Transport mit bewertet werden müssen. Schon 2019 haben wir mit dem REff-Tool (R) ein Online-Tool entwickelt, mit dem Unternehmen Energieverbrauch und THG-Emissionen von Logistikstandorten bewerten können, wenn sie diese selbst betreiben und damit Zugriff auf Primärdaten haben. Dieses Tool setzen wir bei unseren jährlichen Marktstudien ein und können die THG-Emissionen an Logistikstandorten transparent aufbereiten. Wir haben dort auch eine längere Liste an möglichen Maßnahmen hinterlegt, wie an Logistikstandorten Energieeffizienz gesteigert und THG-Emissionen reduziert werden können. Wir versuchen somit, Unternehmen dahingehend zu unterstützen, die ökologischen Auswirkungen zu quantifizieren. Aber auch in Sachen Arbeitsplatzgestaltung helfen wir am Fraunhofer IML, wenn es dann mehr in Richtung Gesundheit der Mitarbeitenden geht. Die Gestaltung von Kommissionierplätzen und der Einsatz von Exoskeletten sind hier zwei Schlagworte. Die Letzte Meile ist natürlich auch ein spannendes Thema für uns: Mobilitäts- und Packstationen mit der Möglichkeit, alternative Transportmittel bei der Zustellung einzusetzen, sind Teil unserer Forschungarbeiten. Dies hilft kommunalen Unternehmen wie auch Kommunen, in Sachen Nachhaltigkeit besser zu werden.

mfl: Welche Trends zeichnen sich in der Zukunft für Green Logistics ab?

Dobers: Also, erneuerbare Energien sind auf jeden Fall ein wichtiges Thema. Ob es da neue Technologien gibt, ist die eine Frage, aber auch bezüglich der Speicherungsmöglichkeiten ist noch Handlungsbedarf. Weil manches noch nicht direkt verfügbar ist, ist glaube ich das Schlagwort "book and claim" ein Trend, der sich zwischenzeitlich durchsetzt. Solange es zum Beispiel nicht genügend erneuerbare Kraftstoffe gibt, wäre es möglich, dass man da an anderer Stelle etwas beschafft und sich zuschreiben lässt. Open Source ist für die Digitalisierung der logistischen Prozesse ebenfalls sehr relevant. Im Kontext von Green Logistics kann man zum Beispiel den Datentransfer entlang der Supply Chain nennen, beispielsweise, um zu monitoren, welche Ressourcen ein Prozess oder ein Unternehmen verbraucht und welche Emissionen damit verbunden sind. Da arbeiten wir mit der Open Logistics Foundation auch erfolgreich zusammen. Ich könnte mir zudem vorstellen, dass die Resilienz von Lieferketten noch ein wichtiges Themenfeld sein wird. Gleichzeitig ist auch die Suffizienz-Forschung wichtig: Wir können Logistik grün und ressourceneffizient gestalten, aber eigentlich ist die beste Logistik die, die nicht stattfindet. Wir müssen maßvollen Konsum üben und maßvolle Produktionsstrategien entwickeln, damit wir unsere Bedürfnisse zwar befriedigen, aber trotzdem die ökologischen Grenzen unseres Planeten nicht überschreiten.

mfl: Vielen Dank für das Gespräch!

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