materialfluss ROUND TABLE

Das Rückgrat der Automatisierung

Regale sind wichtig im Lager. Soweit, so trivial. Doch was ist noch „drin“ bei Materialien, Technik und Konzepten? materialfluss bat Branchenexperten der Unternehmen Jungheinrich, META und viastore Systems sowie einen Verbands-Geschäftsführer zum Round Table. Im Gespräch mit Marvin Meyke und Martin Schrüfer war viel über die Bedeutung von Normen, speziellen Kundenwünschen und dem Image der Regale zu hören.

Freistoß und Andacht: Das Round Table Gespräch mit (v. l.) Martin Schrüfer (materialfluss), Maik Rümmler (viastore Systems), Carsten Brilka (META-Regalbau), Olaf Heptner (Verband für Lagertechnik), Marco Harder (Jungheinrich) und Marvin Meyke (materialfluss). © Thilo Härdtlein

An der Runde nahmen teil: Carsten Brilka, Bereichsleiter Vertrieb & Service National, META Regalbau, Marco Harder, Leiter Regale und Lagereinrichtung, Jungheinrich Moosburg, Olaf Heptner, Geschäftsführer Verband für Lagertechnik und Betriebseinrichtungen und Maik Rümmler, Consultant Systems, viastore Systems.

materialfluss: Unser Thema ist heute die Regaltechnik. Mitunter entsteht der Eindruck, diese würde neben der sehr präsenten Automation der Anlagen etwas untergehen trotz ihrer Wichtigkeit. Teilen Sie den Eindruck?

Marco Harder: Der Regalbau bekommt tatsächlich häufig nicht die Wahrnehmung, die er verdient hätte. Dabei sind Regale buchstäblich die tragende Kraft im Lager und werden nicht nur aus Stahl, sondern in erster Linie aus Wissen gebaut. Als die Schnittstelle zu den Bediengeräten erfordert guter Regalbau eine besonders saubere und gewissenhafte Planung. Das ist ein komplexer Prozess, der im Vorfeld vieler Projekte häufig nicht ausreichend bedacht wird. Da ist der ein oder andere dann plötzlich überrascht.

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Olaf Heptner: Normen und Regeln sind gerade in diesem Bereich sehr wichtig. Als Verband haben wir den Anspruch, hier Einfluss zu nehmen – immer im Sinne der Sicherheit im Lager und in Absprache mit unseren Mitgliedsunternehmen. Wir haben in Deutschland einen sehr hohen Sicherheitsstand, den wir halten und verteidigen wollen. Wie beobachten hier allerdings immer wieder Bestrebungen aus anderen Märkten, Standards zu verwässern. Dem stellen wir uns mit unserer Expertise entgegen und waren damit bisher erfolgreich. Gleichzeitig sind wir aber auch noch nach der Installation des Regalsystems aktiv. Mit unseren verbandsgeprüften Regalinspekteuren stellen wir sicher, dass die Regalsysteme sicher erhalten und für den täg­lichen Warentransfer ohne Einschränkungen nutzbar bleiben. Das ist wichtig und kommt am Ende den Kunden unserer Mitgliedsfirmen direkt zugute.

Carsten Brilka: Ich stimme Herrn Harder zu, im Zuge der zunehmenden Automatisierung führt die Regaltechnik eine Art Schattendasein und tritt zu wenig in Erscheinung. Zu vermitteln, dass der Regalbau das Rückgrat der Automatisierung bildet, ist schwer. Regal- und Stahlbau sowie das Engineering sind wichtige Bausteine, um überhaupt automatisieren zu können.

Maik Rümmler: Der Stahlbau spielt zwar eine wichtige Rolle, für den Kunden ist es jedoch eines von vielen Gewerken innerhalb der Gesamtlösungen, die wir ihm anbieten. Und diese steht für uns im Vordergrund.

© Thilo Härdtlein

Harder: Auf jeden Fall gilt, dass wenn man sich beim Regal verplant, man ein höheres Projektrisiko hat, als das in vielen anderen Bereichen der Fall ist. Allein das Jungheinrich-Palettenregal besteht aus einem Baukasten von rund 48.000 Teilen, die individuell kombiniert werden können. Da ist es wichtig, die Kunden frühzeitig mit auf die Reise zu nehmen, um sie von der Erstbeplanung an fit für die Zukunft zu halten. So haben wir die Chance, einen Kunden je nach seinem Bedarf vom manuellen zum halbautomatischen und dann zum automatischen Lager zu begleiten.

Brilka: Und dabei ist der Baukasten, den man vorhält, entscheidend. Er muss eine hohe Skalierbarkeit gewährleisten. Vom einfachen Regal bis zur mehrgeschossigen Fachboden­regalanlage.

materialfluss: Ist das allen Kunden in dieser Deutlichkeit auch klar?

Rümmler: Man muss den Kunden darüber klar informieren. Ich gebe Herrn Harder recht, es muss frühzeitig bedacht werden. Es gibt Regale, die man nicht oder nur mit enormem Aufwand erweitern kann.

Harder: Ein Kunde, der für das Projekt X ein Budget Y hat, neigt dazu, das Regal nur für diesen Lastfall auszulegen, für diese eine Bedienart. Wenn er mehr in Richtung Flexibilität tendiert, wird es komplexer. Das ist das Gesetz im Regalbau.

materialfluss: Wie gehen Sie mit der gewünschten Flexi­bilität um, Herr Brilka?

Brilka: META hat die Regaltechnik in ihrer Komplexität geclustert. Level 1 ist für uns das Kataloggeschäft mit einfachen standardisierten Regalen. Level 2 ist der Einstieg ins Projektgeschäft mit komplexeren Regalanlagen. Im Level 3 kommen die Großprojekte und mehrgeschossige Anlagen zum Tragen. Hier wollen wir die Basis für die Systemintegratoren bilden und unsere DNA beziehungsweise Kernkompetenz anbieten. Somit können wir besser auf die Kundenwünsche eingehen.

materialfluss: Werden die Zyklen vom ersten Regal bis zur Vollautomatisierung immer schneller?

Harder: Da hat jeder Kunde seinen eigenen Takt. Viele beginnen mit einem manuellen Schmalganglager. Da sind es noch die Flurförderzeuge, die die Technologie im Bauch haben. Im nächsten Schritt schalten wir dann ein Assistenzsystem mit Warehouse Navigation dazu, womit halbautomatisch die Lagerposition angefahren werden kann. Das gibt schon mal einen enormen Schub. Schließlich können vollautomatische Fahrzeuge eingesetzt werden – je nach Bedarf des Kunden.

materialfluss: Kunde ist ein gutes Stichwort, davon liefen ja bei der LogiMAT einige über ihre Wege. Was nehmen Sie heute, mit ein paar Wochen Abstand, mit von der Messe?

Rümmler: Die Messe war sehr gut besucht. Wir nehmen mit, dass immer weniger Produkte gezeigt werden. Dies spielt in unsere Richtung, da wir als Systemanbieter technologie- unabhängig sind. Die Kunden kommen mehr und mehr mit Lösungswünschen zu uns und nicht nur mit Intralogistik – sondern auch mit Fragen zu Arbeitsabläufen in der Produktion. Viele Kunden interessieren sich nicht unbedingt für die kleinen Details, sondern vertrauen uns, für sie sind die Prozesse und der Materialfluss viel wichtiger.

Brilka: Auch für uns ist die Messe sehr gut gelaufen, ich schließe mich der Meinung von Herrn Rümmler an, dass es mehr und mehr auf die Systemlösung ankommt. Daher haben wir in Stuttgart auch Lösungen für Verschieberegale oder mehrgeschossige Fachregalbodenanlage gezeigt und gerade deswegen viele Anfragen erhalten. Zudem stellten wir fest, dass die Messe internationaler geworden ist. Auch der Mehrwert für den Kunden, den wir durch Partnerschaften mit anderen Unternehmen, in diesem Jahr im Bereich Beleuchtung, bieten, fand reges Interesse bei den Besuchern.

materialfluss: Jungheinrich hatte dort, laut Pressemitteilung, den Größten …

Harder: Wie schon in den vergangenen Jahren war Jungheinrich auch 2019 wieder größter Aussteller der LogiMAT. Vom 19. bis 21. Februar haben wir dem internationalen Fachpublikum in Stuttgart innovative, sichere und effiziente Lösungen für die Herausforderungen der Intralogistik 4.0 vorgestellt. Auf einer Gesamtfläche von 1.164 Quadratmeter haben wir unser Portfolio an Fahrzeugen und Lösungen gezeigt und Besuchern aus der ganzen Welt intelligente Intralogistiklösungen aus einer Hand vor-gestellt. Es ist die Leidenschaft von Jungheinrich, nicht nur irgendeine, sondern die beste Lösung für unsere Kunden zu finden. Und das zahlt sich aus. Die LogiMAT 2019 war für uns ein voller Erfolg. Unsere hohen Erwartungen hinsichtlich Besucherzahlen und Kundenkontakte wurden sogar noch einmal übertroffen. Die LogiMAT ist für Jungheinrich zur Leitmesse der Intra­logistik geworden.

Heptner: Ich finde, dass bei einer derartigen Internationalität es noch wichtiger wird das Qualitätsniveau zu halten. Alles, was die Firmen hier anbieten, basiert auf den Normen und Regelungen, die teilweise leider auch immer komplizierter werden. Das will verteidigt werden.

materialfluss: Herr Brilka, war das schon immer so oder muss man auf die „Neuen“ nun besonders achten?

Brilka: Nein, das ist in der Tat neu. Hier muss man genau schauen, wie sich diese Anbieter halten und sich die Preise entwickeln. Wir haben hier einen Vorsprung beispiels­weise im Bereich Beratung und können uns damit, wie mit den Produkten und unserer Qualität, differenzieren.

Harder: Jungheinrich ist seit mehr als sechzig Jahren im Regalbau aktiv. Dabei setzen wir seit jeher auf Eigenentwicklungen, individuelle Lösungen und höchste Qualität. Uns geht es nicht darum, nur die Norm einzuhalten. Wir arbeiten nach dem Standard des internationalen Gütezeichens RAL, das ein Beleg für besonders geprüfte Qualität ist.

materialfluss: Das einstige Klassentreffen der Branche findet auf der heutigen LogiMAT nur noch auf sehr kleinen Inseln statt, die Zahl der Anbieter nimmt zu …

Rümmler: Neben der Qualität wollen wir uns auch mit der Beratung gegenüber neuen Anbietern abheben. Den Kunden frühzeitig an die Hand nehmen – bis hin zur sauberen Projektabwicklung. Das ist unseren Kunden sehr wichtig. Kein Kunde oder Lieferant will etwas von ein­gestürzten oder abgebauten Lagern hören. Der letzte Euro spielt nicht immer die entscheidende Rolle. Auch die Termintreue ist sehr wichtig, jeder Tag zählt.

Heptner: Ich betone es immer wieder, die Basisarbeit mit Normen und Regeln muss in den Vordergrund ­gestellt werden, sonst ist nachher auch die Beratung nichts wert.

Harder: Wir führen an unseren Regalen in unserem Inhouse-Testzentrum regelmäßig Tests bis an die Leistungsgrenze durch. So gewährleisten wir gleichbleibende Qualität. Das ist deutlich mehr als in der Branche üblich. Nach der DIN EN 15512 bzw. dem Versuchsanhang werden Tests beschrieben, aber dort steht nicht, wie oft man diese durchführen muss. Oft werden die Bau-teile einfach einmal zerstörerisch getestet und daraus dann statische Werte für die Systeme abgeleitet. Wir machen das hingegen regelmäßig und wiederholend. Das ist auch notwendig. Schließlich geht es hier um die Sicherheit im Lager.

materialfluss: Bekommen Sie diesen Aufwand kommuniziert gegenüber dem Kunden?

Heptner: Das Gütezeichen weckt, wie die Normen, keine spitzen Schreie der Begeisterung. Aber verbindliche Qualitätsregeln, technische Mindestvorgaben und vor Allem die Überwachung der Fertigung durch eine neutrale dritte Stelle ist enorm wichtig und muss immer und immer wieder transportiert werden.

Brilka: Wir haben Service und Reparatur komplett vom Verkauf getrennt, damit nicht der Eindruck entsteht, wir wollen verkaufen um zu verkaufen. Sondern um die Sicherheit zu gewährleisten.

materialfluss: Welche Möglich­keiten bietet der Werkstoff ­beziehungsweise der Fortschritt? Was ist noch „drin“?

Harder: Wir haben uns an Forschungsprojekten mit Holz beteiligt, aber das hat sich nicht durchgesetzt.

Brilka: Beim Material sehen wir kein großes Potenzial mehr. Eher im Baukasten, den man vorhält. Und im Engineering der Lösungen be-ziehungsweise im guten Projektmanagement. META ist Mitglied im Digital.Hub Logistics des Fraunhofer IML in Dortmund und wir können somit auf ein Netzwerk von Start-Ups und Kooperationspartnern zugreifen. Hier sind wir sehr aktiv und bieten unseren Kunden Mehrwerte.

materialfluss: Wie sieht es bei viastore aus? Dort hörte man unlängst, natürlich in einem anderen Zusammenhang, von „dummen Stahl und intelligenter Software“

Rümmler: Uns geht es um die Gesamtlösung für unsere Kunden. Ich will nicht vom „dummen“ Stahl sprechen, aber er ist für uns ein Gewerk unter mehreren. Wir haben als Gesamt­anbieter viele Gewerke. Fördertechnik ist wichtig, aber auch FTS und Routenzüge sind im Kommen. Die Intelligenz darüber ist unsere Software. Wir können dem Kunden vom Wareneingang bis in die Produktion und von dort wieder heraus bis zum Warenausgang den Materialfluss transparent machen und steuern. Der Kunde sieht in der Tat hier eher den Nutzen, als er ihn im Stahlbau sieht. Er sieht nicht den Nutzen von einer Traverse mehr oder weniger. Mit der Software arbeitet er, die bringt ihm die Leistung.

Harder: Man muss schon zugeben, dass sich die Branche mehr Mühe geben könnte, den Nutzen der Regaltechnik besser zu vermitteln. Normen und Normenauslegungen muss man leicht verständlich erklärbar machen. Allein die Norm einzuhalten, ist ja kein Verkaufsargument.

Heptner: Verbandsempfehlungen, die sich auf eine Seite reduzieren lassen und die Kerninformationen transportieren sind die besten (schmunzelt).

materialfluss: Wie sieht es im Bereich Service und Wartung aus? Kann man sich hier differenzieren?

Rümmler: Wartung und Service der kompletten Anlage sind die Lebensader des Kunden. Denn ein Automatiklager, das mehrere Stunden steht, wäre fatal für ihn. Insofern ist der Service eine eigene und wichtige Säule in unserem Unternehmen.

Brilka: Mit unserem Ausbildungsprogramm bieten wir Schulungen zur Regalsicherheit an mit dem Ziel Schäden an dem Regalsystem zu erkennen, zu bewerten und das weitere Vorgehen zu veranlassen. Des Weiteren gewährleisten wir die Nachlieferung von Ersatzteilen über mehrere Jahre hinweg.

Harder: Für Jungheinrich ist der Aftersales elementar. Wir waren Mitte der 2000er Jahre eine der treibenden Kräfte, damit im Regalbereich der Aftersales als Thema aufgenommen wurde. Wir haben zusammen mit Marktbegleitern und dem Verband das Konzept des verbandsgeprüften Regalinspekteurs aus der Taufe gehoben. Es darf nicht irgendwer nebenbei eine Regalinspektion betreiben. Im Gegenteil: Da gehört viel dazu.

materialfluss: Zum Ende ein Ausblick: Was können Ihre Kunden 2019 noch erwarten?

Brilka: Wir haben noch viel vor. Wir werden zum Beispiel im Sommer ein komplett neues Fachbodenregalsystem, META Multifloor, auf den Markt bringen. Es liegt in der Leistungsklasse oberhalb des META Clip und deckt wesentlich mehr Anwendungsgebiete ab.

Harder: Wir haben ein Riesenspektrum an Neuheiten auf der LogiMAT vorgestellt und müssen uns schließlich noch was für 2020 aufheben (schmunzelt).

Rümmler: Wir konzentrieren uns weniger auf die Technik, sondern mehr auf den Kundennutzen. Das haben wir bisher getan und werden dies auch fortsetzen. Wir beobachten den Markt auf neue Technik und wollen diese mit dem größtmöglichen Kundennutzen integrieren.

Heptner: Wir analysieren Fachthemen und werten diese aus. Wir nutzen hierzu auch Workshops. Hier werden wir Hilfestellungen geben. Zudem wird das System des verbandsgeprüften Regalinspekteurs weiter optimiert. Das ist unsere Kernaufgabe: Die Mitglieder mit Wissen auszustatten und fit zu machen für die Anforderungen des Markts.

materialfluss: Vielen Dank für das Gespräch!

Das Round Table fand bei WEKA in Haar statt. Mehr als 25 weitere Round Tables finden Sie auf www.materialfluss.de/thema/special-materialfluss-round-table.htm sowie mit Videos auf dem Youtube-Channel des Fachmediums der Intralogistik.

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