materialfluss ROUND TABLE

Martin Schrüfer,

Quo vadis CeMAT 2020?

Die Kritik am Konzept und Ablauf des Messeduos CeMAT/Hannover Messe im April diesen Jahres war zahlreich und deutlich. materialfluss lud Branchenexperten zur Diskussion mit der Deutschen Messe AG, um der Frage nachzugehen, wohin die Reise der CeMAT gehen soll – oder ob sie zu Ende ist. Mit einem spannenden Ergebnis: Durch das Gespräch zog sich ein ebenso roter wie gemeinsamer Faden, wie man die Intralogistik im Rahmen der Hannover Messe künftig wieder groß macht.

An der Diskussion nahmen teil: Stefan Schmidt, Kommunikation, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Fraunhofer IML, Boris Ringwald, Spartenmarketing Perfect Charging bei Fronius, Bernhard Müller, Senior Vice President Industry 4.0 der Sick AG und, als Vertreter der Deutschen Messe AG, Manfred ­Kutzinski, Projektleiter der CeMAT. Am runden Tisch im Restaurant Cosmopolitan auf dem Messegelände in Hannover galt das gesprochene Wort – Vorhang auf für ebenso ehrliche wie kluge Worte und spannende neue Ansätze.

Der Trend in der Männermode der Logistik geht zum schwarzen Anzug, wie auf dem Gruppenbild zu sehen ist – immer nach dem Motto „Lieber schwarz tragen als schwarz sehen“ (v. l.): Martin Schrüfer, materialfluss, Stefan Schmidt, Fraunhofer IML, Manfred Kutzinski, Deutsche Messe AG, Boris Ringwald, Fronius, und Bernhard Müller, Sick AG. © Deutsche Messe

materialfluss: Die Emotionen haben sich mittlerweile, einige Monate nach der Premiere des Duos CeMAT/Hannover Messe, gelegt. Wie fällt heute Ihr Fazit von der Messe aus?


Manfred Kutzinski: Unser Rückblick fällt durchwachsen aus. Wir hatten auf der CeMAT Aussteller, die erfolgreich waren, aber auch Aussteller, die nicht so zufrieden waren. Leider ­waren die Letzteren in der Überzahl. Das kann uns nicht gefallen. Hier müssen wir etwas ändern. Dementsprechend werden wir die kommenden Wochen und Monate nutzen und sehr schnell mit dem Markt, das heißt mit den Ausstellern und den Be­suchern, in eine Konzeptdiskussion einsteigen, um die CeMAT im Zusammenspiel mit der Hannover Messe erfolgreicher zu machen. Der Anfang ist gemacht. Produktion und Logistik wachsen zusammen, das ist überall sichtbar – was liegt also näher, als die beiden Messen noch enger zusammenzuführen und über Integration zu sprechen.

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Stefan Schmidt: Unsere Analyse hat ergeben: Es war keine gute Messe, um es mal auf den Punkt zu bringen. Wir gehören zu denjenigen, die zurückhaltend votieren für eine CeMAT in der ­bisherigen Form. Ich habe mir auf der Messe den Luxus erlaubt, mit rund 25 Ausstellern zu sprechen und der Durchschnitt der Bewertungen dieser Aussteller entspricht unserem Eindruck. Es gab eine virtuelle Trennung zwischen der CeMAT-Logistikwelt und der Industrie- und ­Produktionswelt der Hannover Messe. Das war beabsichtigt, um die Marke CeMAT zu halten, aber der integrative Aspekt kam mir viel zu kurz. Verglichen mit anderen Messen haben wir auf diesen in weniger Tagen rund ­70 Prozent mehr Leads generiert. Obwohl wir ein Forschungsin­stitut sind, brauchen wir den Zuspruch von den Unternehmen, die uns besuchen und die uns für ihre F&E-Bedarfe beauftragen. Dieser Zuspruch war nicht ­befriedigend. Die Messe muss was tun, so wie bisher kann es nicht weitergehen. Die Co-Location ist gut, kann aber nicht der letzte Schritt gewesen sein.

Boris Ringwald: Bei der CeMAT passen leider das Preis- und das Leistungsverhältnis nicht mehr zusammen. Durch das Zusammengehen mit der Hannover Messe stiegen Rahmenkosten wie die Preise für die Hotelübernachtungen, weshalb das Ergebnis entsprechend besser hätte sein müssen. Jetzt bilanzieren wir mehr Kosten und weniger Nutzen. Besonders schockiert hat uns die relativ kleine Zahl der Besucher aus Deutschland. Bisher hatten wir rund 60 Prozent Besucher aus Deutschland und 40 Prozent aus dem Ausland, diesmal war es andersrum. Das bedeutet, dass die Besucher aus einem für uns sehr wichtigen Markt offenbar woanders hingehen.

Bernhard Müller: Sick hat sozusagen beide Messen bespielt. Für uns waren es zwei getrennte Messen, die zufällig am gleichen Ort stattfanden. Die Rückmeldungen zur Hannover Messe waren sehr positiv, die zur CeMAT eher „da war ja niemand“. Das Thema CeMAT war, was die Besucheranzahl anging, stark unterbelichtet. Die Besucher der Hannover Messe sind mit ­einer Erwartungshaltung auf die CeMAT gegangen, die diese nicht erfüllen konnte. Ich denke, dass die Co-Location nicht falsch ist, aber dass in Zeiten von Industrie 4.0 keiner mehr die Trennung verstehen kann.

mfl: Wie kann also die Integration der CeMAT 2020 besser gelingen? Ist es damit getan, die Intralogistiker vom ­„linken oberen Eck“ des Messegeländes nach „rechts unten“ zu packen?

Müller: Das ist keine Frage der Räumlichkeiten, sondern der Inhalte. Ich habe die Vermutung, dass die CeMAT durch den zweijährigen Turnus aus dem Gedächtnis der Aussteller verschwindet. Dabei ändern sich die Technologien doch so schnell – nehmen Sie die Software, da sind zwei Jahre eine lange Zeit. Zweitens denke ich, dass man die Integration viel intensiver angehen muss.

Schmidt: Die Themen, die gespielt wurden, sind entscheidend. Es gab Themen, die in beiden Bereichen vorkamen, diese Dopplung war schwierig. Wenn wir schon eine Messe machen, dann muss die künstliche Trennung zwischen Produktion und Logistik weg. Wenn wir schon ein gemeinsames Thema wie beispielsweise Industrie 4.0 haben, muss das Thema zentral bespielt werden. Klar kann man das Messegelände nicht vollends umstrukturieren, aber dennoch muss an einem Kernthema ­alles weitere andocken. So kann sich der Besucher durch die dann vorhandenen Segmente orientieren. Nichts ist schlimmer als eine räumliche Abnabelung.

Ringwald: Die Idee war da, aber der Weg dahin nur zu 50 Prozent gegangen.

Kutzinski: Auch uns war klar, dass wir gleiche Themen zweimal bespielt haben. Warum sollte man diese also nicht zusammenlegen? Das wird nicht überall gehen, aber das ist ein Weg, über den wir nachdenken. Dazu gibt es viele Szenarien, diese werden aktuell von Arbeitskreisen diskutiert. Ein Szenario ist eine vollständige Integration analog zum Beispiel zur Energietechnologie, die auf der Hannover Messe eine große Rolle spielt und auch für die Intra­logistik wichtig ist.

Müller: Die Hannover Messe hat einen Benefit: Sie kann die gesamte Produktion zeigen. Das muss ­gespielt werden: Nicht die schnellere Maschine, sondern der ganzheit­liche Prozess.

mfl: Geht das so ohne weiteres, Herr Kutzinski – oder will nicht jeder in die Mitte?

Kutzinski: Wenn man sich auf Ziel geeinigt hat, wird man viele Gespräche führen müssen. Vielleicht wird es auch Zwischenstufen geben. Wir arbeiten mit den Ausstellern eng zusammen und werden als Deutsche Messe AG keine Richtung vorgeben.

Müller: Die komplette Kette zu zeigen, das ist der einzige Weg für einen Benefit. Wenn sich ein Aussteller in so einem Konzept dann nicht sieht, wird man damit leben können, dass er mal nicht auf der Messe ausstellt. Ich brauche ein Thema, für das ich dann Unternehmen begeistern kann.

Kutzinski: Die Themen in der Automation und der Digital Factory sind sehr ähnlich zu denen der Intralogistik, was für einen derartigen Weg spräche. Wir werden also Gespräche führen und dann hoffentlich noch in diesem Jahr gemeinsam mit unseren Partnern entscheiden, wie es weitergeht.

Schmidt: Die Wahrnehmung der CeMAT, die Sie, Herr Müller, erwähnt hatten, bringt uns in eine Diskussion über den Turnus der Messe. Das ist aber, historisch bedingt, ein belastetes Thema für die CeMAT. Es gibt auch andere Bereiche der Hannover Messe, die dort nur alle zwei Jahre bespielt werden. Ich rate zur Vorsicht, zu schnell zu einem Schluss zu kommen, die CeMAT in den Jahresrhythmus zu bringen in An­betracht der Konkurrenz, die es gibt.

Müller: Mein Thema war die komplette Kette – nehmen wir die Software als Teil dieser Kette. Was vor drei Jahren als Software geschrieben wurde, hat, Stand heute, keiner mehr auf seinem PC. Es mag sein, dass der Stapler immer noch der gleiche ist nach drei Jahren, aber er macht vielleicht etwas anderes oder ist anders in seine Umgebung integriert. Ich kann also die Software nicht in einem Jahr einfach mal weglassen.

Ringwald: Die Konsequenz eines Jahresturnus ist, dass wir kleinere Messeauftritte sehen werden, ­beispielsweise von den Flurförderzeugherstellern.

Müller: Genauso kann es aber auch sein, dass ihr Unternehmenswert in der Gesamtheit steckt und hier die Rolle des Unternehmens in der gesamten Kette gut dargestellt werden kann.

Kutzinski: Wenn die Rahmenbedingungen sich ändern, ­Produktion und Logistik weiter zusammenwachsen und vielleicht sogar eines Tages die gleichen Per­sonen über Investitionen in diesen beiden Bereichen entscheiden, sind Aussagen über Standgrößen schwierig vorherzusehen.

Müller: Wenn das Angebot attraktiv für die Besucher ist, werden auch die Unternehmen jährlich kommen. So wie die CeMAT in diesem Jahr war, kommt eher keiner mehr (schmunzelt).

mfl: Der jährliche Modus scheint hier in dieser Runde Zuspruch zu finden. Was denken Sie, Herr Ringwald?

Ringwald: Mit einem derartigen Konzept wäre es nicht machbar, in einem Jahr mal drei Kettenglieder wegzulassen. Das macht keinen Sinn.

Schmidt: Ich kann die Argumente nachvollziehen, die Realität könnte aber anders aussehen. Wir wissen alle, dass ein Messeauftritt viel Geld kostet, das ist eines der teuersten Marketinginstrumente, das wir uns leisten. In Deutschland gibt es eine Wettbewerbsmesse nur für die Logistik, die bereits weit aufgefächert ist. Ich kann mir vorstellen, dass es Vorbehalte gibt. Wenn es gelingt, den Unternehmen kleinere Stände als ausreichend schmackhaft zu machen, kann es aber ein Weg sein.

Müller: Ich muss andere Themen setzen als die LogiMAT und dann werden die Unternehmen unterschiedliche Themen ­spielen in Hannover und Stuttgart. Logistik ist mehr als nur das Gerät, sondern vor allem die Lösung eines Problems.

Kutzinski: Ein Großteil der Besucher kommt zur Hannover Messe, um sich über neue Trends zu informieren. Der berühmte Blick über den Tellerrand. Daraus würde sich ein Unterscheidungsmerkmal bei der Besucheransprache ergeben.

Müller: Zwei Messen müssen nicht automatisch Konkurrent sein. ­Nutzer und Entscheider sind zwei unterschiedliche Besuchergruppen!

mfl: Ist der Name CeMAT a) verbrannt b) immer noch notwendig oder c) längst Geschichte?

Schmidt: Man fühlt sich als Aus­steller zugehörig in einer CeMAT-Community. Diese wird es also weiter geben, aber ob das nach außen hin plakatiert und der Bereich ­gekennzeichnet wird? Nein, das würde ich aufgeben. Es gibt ja auch klassische Intralogistiker, die plötzlich im IT-Teil der Hannover Messe zu finden waren. Und die waren zufrieden. Die CeMAT muss man auflösen zugunsten einer Themenorientierung. Ob es den Namen noch geben wird, ist eine psychologische oder politische Frage.


Müller: Die Brand Hannover Messe ist stärker als die Brand CeMAT. Der Titel oder die Unterzeile muss auf die Gesamtheitlichkeit abzielen.


Ringwald: Um den zweiten Teil des eingeschlagenen Weges zu gehen, muss der Begriff CeMAT wohl sterben.


Kutzinski: Wir führen eine sehr offene Diskussion, die auch die Frage nach der Brand enthält. Die CeMAT-Messen im Ausland sind zum Beispiel sehr stark und bilden eine Markenfamilie, das muss berücksichtigt werden.

mfl: Kommuniziert die Messe Ihrer Meinung nach offen genug, wer in welchen Gremien welche Entscheidungen trifft? Wie wollen Sie die abgewanderten Unternehmen zurückgewinnen?

Kutzinski: Wir werden die Kontakte zu den Unternehmen intensivieren. Dass wir neue Gremien schaffen, das glaube ich nicht. Die Mitglieder der Gremien sind transparent und für jeden zu erreichen.

mfl: Eine Messe ist auch das, was die Unternehmen einbringen und draus machen. Können die Aussteller mehr machen? Viele waren sich einig, dass die CeMAT nicht funktioniert, aber Konstruktives war selten zu hören.
Schmidt: Die Kritik handelte oft ­genug auch von den Rahmen­­be­dingungen, beispielsweise der an­gespannten Situation bei den Hotelkapazitäten. Es ist doch absurd, dass Messebesucher in Berlin übernachten und quasi auf die Messe pendeln. Daran kann auch die Messe nichts ändern, sondern austarieren, was sie tun kann. Wir Aussteller ­leben von den Besuchern und ­müssen ein aktiveres Einladungs­management machen. Da haben auch wir Fehler gemacht.

mfl: Meine Herren, Sie haben das Schlusswort …


Ringwald: Das Wichtigste ist nun, dass die CeMAT ein Gesicht bekommt und ein eigenständiges Profil. Das heißt auch immer, dass man gegebenenfalls jemanden auf dem Weg verliert. Aber weiter eine gesichtslose Nummer zwei zu sein, das funktioniert in keiner Branche.

mfl: Sie schauen skeptisch, Herr Schmidt?


Schmidt: Nein, ich habe gerade über die Worte von Herrn Ringwald nachgedacht. Die CeMAT hat aktuell vielleicht kein hübsches Gesicht, aber nach der Integration wird sie gar keins mehr haben, das wird es gar nicht mehr geben. Das muss uns klar sein.


Ringwald: Dafür stände dann ein ganz neues Gesicht der Hannover Messe …


Schmidt: … das Produktion und Logistik zeigt.


Kutzinski: So könnte es sein. Die CeMAT-Community abzuholen, dennoch, das geht und das werden wir hinbekommen.


Müller: Mit der inhaltlichen Veränderung wird die Messe attraktiv bleiben. Mehr Trends, Ideen, Strukturen, Zukunft und Menschen - und ­weniger Details wie Datenblätter. Die kann ich auch im Internet herunterladen. Die Frage ist auch, wie Messen in Zukunft aussehen müssen. Nicht nur bei der Hannover Messe.


mfl: Vielen Dank für das Gespräch! Martin Schrüfer

Für das Round Table Gespräch war materialfluss zu Gast bei der Deutschen Messe AG. Wir bedanken uns für die organisatorische Unterstützung. Dieses Gespräch sowie mehr als 25 weitere Round Tables (neu: mit Videos) finden Sie auf www.materialfluss.de/thema/special-materialfluss-round-­table.htm sowie auf dem Youtube-Channel des Fachmediums der Intralogistik. Was denken Sie über das Thema?
Schreiben Sie uns eine E-Mail an redaktion@materialfluss.de.

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