Retrofit

Marvin Meyke,

Mit Weitblick nachrüsten

Sind Intralogistiksysteme über Jahrzehnte im Einsatz, stoßen Wartung und Reparatur irgendwann an Grenzen. Retrofit ist dann eine Möglichkeit, um den Betrieb beispielsweise eines Hochregallagers ­zu gewährleisten und es zugleich durch neue Funktionen und Technologien noch leistungsfähiger zu machen. Hier arbeiten Systemlieferanten wie Swisslog eng mit ihren Kunden zusammen.

Ein Blick ins europäische Warenverteilzentrum der B. Braun-Gruppe in Melsungen: Mit einem Retrofit hält Intralogistik-Spezialist Swisslog die Technik auf dem neuesten Stand und steigert die Leistungsfähigkeit des Systems. © Swisslog

Im Jahr 1991 nahm das Hochregallager der B. Braun-Gruppe in Melsungen seinen Betrieb auf – mit zunächst zwei Lagermodulen und insgesamt 20.000 Palettenplätzen. Das ­dynamische Wachstum des führenden Herstellers von ­Medizintechnik- und Pharma-Produkten machte noch im selben Jahr die Planung eines dritten Moduls mit weiteren 10.000 Palettenplätzen notwendig. Als Systemlieferant für die automatisierte Intralogistik der B. Braun-Gruppe kam damals OWL zum Einsatz, ein Vorläuferunternehmen der Swisslog AG. Swisslog war auch wieder der Systempartner, als der B. Braun-Konzern 1999, 2007 und 2014 weitere Kapazitäts­erweiterungen an seinen Hochregallägern vornahm. Heute verfügt das ­europäische Warenverteilzentrum der B. Braun-Gruppe über eine Kapazität von sieben Lagermodulen mit insgesamt 73.000 Palettenstellplätzen.

„Unser Warenverteilzentrum ist vor allem Distributions­zentrum für unser umfassendes Produktportfolio für den ­Gesundheitsmarkt“, erklärt Uwe Gasser, Team- und Projekt­leiter Materialfluss und Projekte Logistik der B. Braun-Gruppe. Das Unternehmen versorgt Kliniken, ambulante Zentren, Arzt­praxen, Apotheken, Pflege- oder Rettungsdienste mit einem Sortiment von über 5.000 Produkten. Sie stammen zu 95 ­Prozent aus eigener Fertigung – viele Werke stehen in Nähe des Warenverteilzentrums in Melsungen. Prozessual (und baulich) ist das Hochregallager direkt an den Waren­eingang und seine acht manuellen Lkw-Entladeplätze angebunden. An zwei ­weiteren vollautomatisierte Lkw-Entladesystemen kann zusätzlich rund um die Uhr vereinnahmt werden. Als wichtiger Player in der Gesundheitsversorgung ist eine ­leistungsfähige Lager- und Distribu­tionslogistik ein wesentliches Qualitätsmerkmal der B. Braun-Gruppe. Diesen Schwerpunkt sieht man dem ­Warenverteilzentrum schon anhand ­einiger Kennzahlen an: Mehr als 13.000 Quadratmeter Gesamtfläche, vier Kilometer Palettenfördersysteme, pro Tag werden 2.000 Paletten direkt vom Vorratslager in Verladezone oder ­direkt auf den Lkw verladen, weitere 1.000 Paletten werden täglich kommissioniert.

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Ein solcher Betrieb ist stark abhängig von der Verfügbarkeit der eingesetzten Gewerke, insbesondere der Regalbediengeräte (RBG). Die Anlagen laufen an sechs, manchmal sieben Tagen die Woche rund um die Uhr. Spätestens 15 bis 20 Jahre nach der Installation nimmt der Wartungs- und Reparaturbedarf zu. Ausfallzeiten von RBG sind Gift für die Logistikprozesse, da ein Gerät etwa 2.500 Palettenplätze eines Hochregallagers versorgt, die während eines Ausfalls nicht erreichbar sind. Um Ausfälle schnell beheben zu können, hält die B. Braun-Gruppe von allen ­relevanten Komponenten der RBG Ersatzteile vor. Doch auch dies wird nach einigen Jahrzehnten schwierig: „Die Ersatzteilversorgung wird irgendwann kritisch, wenn Komponenten­hersteller den Support für bestimmte Generationen ihrer ­Steuerungselektronik oder Frequenzumrichter herunterfahren oder ganz beenden“, erläutert Timo Brill, Leiter der Betriebstechnik Logistik bei der B. Braun-Gruppe.

Wenn die Verschleißanfälligkeit älterer Systeme zu- und zugleich die Verfügbarkeit von Ersatzteilen abnimmt, stellt sich die Modernisierungsfrage. Neben dem kompletten Austausch der RBG bietet sich auch die Teilmodernisierung vorhandener Anlagen an. Bei einem solchen Retrofit wird ein RBG quasi entkernt und mit neuester Technik für Antriebe und Steuerungselektronik ausgestattet. „Angesichts eines sehr guten ­mechanischen Gesamtzustands der Geräte wie auch der Regalanlagen fiel bei uns die Entscheidung für Retrofit“, so Gasser. Bereits Anfang der 2000er-Jahre erfolgte an den ältesten An­lagenteilen ein erster Modernisierungszyklus. Auch Systempartner Swisslog unterstützte dieses Retrofit: „Wir helfen, das ideale Timing für die Anlagenmodernisierung zu ermitteln, indem wir im Rahmen von Assessments die installierte Technik analysieren und dabei auch künftige Servicefähigkeit, Ersatzteilverfügbarkeit, Ausfallrisiken und die Upgrade-Fähigkeit beurteilen“, erklärt Michael Wagner, bei Swisslog als Head of Account ­Management für den B. Braun-Konzern verantwortlich.

Hohe Zuverlässigkeit und mehr Leistungsfähigkeit
Die Planung für die aktuell laufende Anlagenmodernisierung startete 2017. Vor der eigentlichen Umrüstung entwickelten die Partner ein Retrofit-Konzept, das Ziele und Eckpunkte der ­Modernisierung festzurrte. Technische Generationensprünge innerhalb der laufenden Modernisierung galt es dabei zu vermeiden. Folglich entwickelte das Team des B. Braun-Konzerns ein Lastenheft, das die Grundlage für die Modernisierung ­bildete und bis hinab zu den Betriebsmitteln konkretisiert ist. Die Komplexität des Warenverteilzentrums stellt die Teams der Betriebstechnik, der Lagerverwaltung und der Materialfluss­planung immer wieder vor große Herausforderungen, wenn es um die Aufgaben der einzelnen Modernisierungsschritte geht“, so Gasser: „Nur gemeinsam im Team können wir diese während des laufenden Betriebs bewältigen“.

Minutiöse Planung
Insgesamt modernisiert Swisslog gemeinsam mit dem B. Braun-Konzern ­­28 RBG im Hochregallager , 14 RBG im Kommissionierlager, vier weitere automatisierte RBG im benachbarten automatischen Kleinteilelagerbereich und weitere 20 Förder­anlagensteuerungen im gesamten Warenverteilzentrum. Die neu entstehende automatische Umlauf-Kommissionierung im Kleinteilelager­bereich, ergänzt um neueste Shuttle-Technik (zur Erweiterung der Behälterlagerkapazität), stellt die notwendigen Leistungssteigerungen für die Zukunft sicher. Bei der Erneuerung des Kleinteilelagers wird auch Videotechnik installiert, um künftig die Ur­sache von Störungen schneller zu erkennen und beseitigen zu können – auch dies ein Beispiel, wie sich im ­Rahmen eines Retrofits sowohl die technische Leistungsfähigkeit als auch die Prozesse zugleich modernisieren lassen.

Eine minutiöse Projektplanung ist eine wesentliche Voraussetzung, um die Retrofit-Aktivitäten mit dem laufenden Betrieb einer Hochleistungs-Logistik zu vereinbaren. Die konkrete Reihenfolge der Modernisierung legt der B. Braun-Konzern fest. Für Beschaffung, Planung und das vorbereitende „Aushungern“ oder Verlagern der betroffenen Gassen im Hochregal­lager müssen mehrere Wochen veranschlagt werden. Die eigentliche Umrüstung erfolgt dann getaktet an nur wenigen Tagen. Den Anfang machen Mechaniker und Elektro-Instal­lateure von Swisslog, die vor allem Motoren und Schaltschränke aus­tauschen oder mit neuen Komponenten bestücken und die Ver­kabelung inklusive Stromschienen und Kabelketten erneuern. Am Ende spielen Software-Ingenieure die Steuerungs­programme auf und überführen die Anlage gemeinsam mit den Verantwortlichen der B. Braun-Gruppe in den Regel­betrieb.

Die aktuellen Retrofit-Aktivitäten werden noch weitere zehn Jahre in Anspruch nehmen. Aktuell sind drei Hochregal­lager-Module komplett modernisiert, ebenso die vier RBG im Kleinteilelagerbereich. „Wenn wir bis Anfang 2030 das Ende vor Augen haben, können wir eigentlich mit den ersten Assessments für die nächste Modernisierungswelle starten“, so das ­Fazit von Uwe Gasser. Er sagt es mit einem Lächeln. Denn ­gerade dieses permanente Vorgehen bringt Vorteile: Es hält eine hochmoderne, leistungsfähige Intralogistik auf einem hohen Niveau und macht den Aufwand sowie die Investitionen über einen längeren Zeitraum planbar.

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