Förderanlagen

Anja Seemann,

Modulare Fördertechnik

Stationäre Fördertechnik ist das Rückgrat moderner Materialflusssysteme. Sie transportiert Kartons, Behälter, Koffer oder Paletten, dient als Puffer, teilt Materialströme und stellt sicher, dass Sendungen zur richtigen Zeit am richtigen Ort ankommen. Gerade dort, wo hohe Volumina unterschiedlichster Packstücke kontinuierlich bewegt und sortiert werden müssen, spielen Stetigförderer ihre Stärken aus: standardisierte Ladungsträger, klar definierte Strecken, robuste Mechanik, kalkulierbare Betriebskosten. Ohne solche Systeme wären heutige E-Commerce-Prozesse oder hoch getaktete Wareneingänge in der Industrie kaum denkbar.

Arvato setzt auf modulare, smarte Fördertechniksysteme, die im Zusammenspiel mit anderen Automatisierungstechnologien funktionieren und nahtlos in bestehende oder neue Prozesse integriert werden können. © Interroll

Gleichzeitig verändern E-Commerce-Peaks, kurze Produktlebenszyklen und Same-Day-Versand die Anforderungen an die Intralogistik. Layouts, die früher auf maximale Stabilität ausgelegt waren, müssen heute in kurzer Zeit an neue Prozesse angepasst werden. Kapazitäten sollen mitwachsen, ohne jedes Mal ein Großprojekt zu starten. Parallel steigt der Druck, Energie zu sparen, Wartung zu vereinfachen und Anlagen nahtlos an MFR, WMS und ERP anzubinden. Fördertechnik muss deshalb modularer, intelligenter und softwaredefiniert werden.

Modularisierung per Plattformansatz

An die Stelle starrer, einmal geplanter Layouts treten modulare Baukästen. Systemintegratoren setzen zunehmend auf standardisierte Module – Geraden, Kurven, Weichen, Heber – mit klar definiertem Funktionsumfang und Schnittstellen. Interroll adressiert diesen Trend mit der Modular Conveyor Platform (MCP): eine einheitliche Plattform, die unterschiedlichste Förder- und Ausschleusmodule zu individuellen Layouts kombiniert. So lassen sich Anlagen wie mit Lego planen – von einfachen U-Layouts bis hin zu komplexen Multi-Level-Systemen.

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Für Betreiber bedeutet das: schnelle Montage und Inbetriebnahme, einfache Erweiterungen und Umbauten bei Prozessänderungen sowie ein weltweit einheitlicher Technologiestandard. Der bislang hohe Aufwand für SPS-Programmierung bildet dabei jedoch eine natürliche Grenze klassischer Systeme. Genau hier setzt der nächste Entwicklungsschritt an.

Mit MCP Play bringt Interroll Intelligenz direkt in die Fördertechnik-Module. Antriebsrollen, Sensorik und dezentrale Steuerkarten bilden variable Förderstrecken, die sich per Software parametrieren statt aufwendig programmieren lassen. Geschwindigkeit, Beschleunigung, Zonenlängen oder Prioritäten werden nicht mehr "hart" codiert, sondern komfortabel konfiguriert. Zustandsdaten, Fehlerbilder und Performancekennzahlen stehen in Echtzeit zur Verfügung und können in Leitständen, Dashboards oder Apps visualisiert werden. Das Besondere an MCP Play: Planer und Betreiber erstellen Layouts digital, testen Varianten und definieren Zonenlogiken, bevor die reale Anlage in Betrieb geht. Änderungen im laufenden Betrieb – zusätzliche Puffer, neue Abzweige oder geänderte Versandprioritäten – lassen sich deutlich schneller umsetzen als mit klassischer SPS. Fördertechnik wird damit zum flexiblen, softwaredefinierten System, das sich neuen Anforderungen laufend anpasst.

Datenintegration und dezentrale Intelligenz

Moderne Fördertechnik ist in die IT-Infrastruktur des Lagers eingebunden und liefert Daten zu Auslastung, Störungen, Energieverbrauch und Durchsatz. Bei Interroll sorgen Sensorik und die dezentralen MultiControls auf Modulebene dafür, dass jedes Packstück jederzeit präzise lokalisiert werden kann. Die dezentrale Steuerung reduziert den Datenaustausch auf höherer Ebene, senkt Latenzzeiten und verbessert Überwachung, Reaktionsfähigkeit und Systemflexibilität. Layout und Funktion sind nicht mehr untrennbar miteinander verbunden: Förderlinien lassen sich zusammenführen, ohne Stopps und mit minimalen Abständen zwischen den Fördergütern. Das erhöht Durchsatz und Pufferkapazitäten und senkt gleichzeitig die Energiekosten.

MQTT- und VDA-5050-Kompatibilität

Mit der MQTT-Schnittstelle eröffnet Interroll Systemintegratoren und Anwendern eine flexible Integrationsebene. Controller können zentral (vor-)konfiguriert werden, während die dezentrale Materialflusssteuerung durch direkte Kommunikation zwischen den Controllern die IT-Strukturen entlastet. Warenwege und ziele lassen sich festlegen, Positionen überwachen und Flüsse über Prioritäten dynamisch steuern. Die Nutzung von MQTT als standardisiertem Übertragungsprotokoll – wie im VDA-5050-Standard definiert – erleichtert die Anbindung der kompletten Peripherie eines Fördersystems. Tracking-Funktionen von MCP Play ermöglichen eine weitreichende Systemindividualisierung und schaffen die Basis für datengetriebene Optimierungen bis hin zu Predictive Maintenance.

Praxisbeispiel Arvato: Skalierbarkeit mit MCP

Wie sich diese Ansätze in der Praxis bewähren, zeigt unter anderem Arvato als internationaler Logistik- und Supply-Chain-Dienstleister. An verschiedenen Standorten setzt das Unternehmen auf die modulare Fördertechnik-Plattform MCP von Interroll – eingebettet in eine ganzheitliche Automatisierungsstrategie mit Robotik, Ware-zur-Person-Systemen und intelligenter Software. In einem US-amerikanischen 3PL-Hub in Shepherdsville, Kentucky, kommt eine MCP-Anlage mit rund 2,2 Kilometern Hochleistungs-Fördertechnik, zwei Crossbelt-Sortern und integrierten Etikettierrobotern zum Einsatz. Die Steuerung erfolgt dezentral über MultiControls in einer Cloud-Lösung. In Deutschland wurde eine bestehende MCP-Anlage in Gütersloh bereits mehrfach erweitert – unter anderem um zusätzliche Kontroll- und Verpackungsmodule sowie eine zweite Förderebene mit rund 1.600 Packstücken pro Stunde. Dank modularer Bauweise konnten diese Umbauten teilweise im laufenden Betrieb realisiert werden. Für Arvato ist Skalierbarkeit ein entscheidendes Kriterium. Die MCP-Technologie von Interroll ermöglicht es, Leistung auf engem Raum zu steigern und Anlagen wiederholt zu erweitern, ohne von Grund auf neu zu planen. Mit MCP Play erwartet der Betreiber den nächsten Schritt: höherer Durchsatz ohne zusätzliche Hardware, der Wechsel zwischen energieeffizienten und leistungsorientierten Betriebsmodi sowie eine deutliche Vereinfachung bei Diagnose, Fehlerbearbeitung und Parametrierung.

Statt klassischem Stop-and-Go-Zonenbetrieb erlaubt ein kontinuierlicher Materialfluss mit dynamischem Gap-Management eine bessere Ausnutzung bestehender Anlagenlayouts. Alle Betriebs- und Zustandsdaten stehen gleichzeitig für vorausschauende Wartung zur Verfügung. Für Betreiber bedeutet das: höhere Verfügbarkeit, längere Lebensdauer der Anlage und damit ein wichtiger Beitrag zur Nachhaltigkeit.

Anja Seemann

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