Software und Identsysteme
Into the Dark: Das Lager der Zukunft
Automatisierte und digitale Prozesse in Dark Warehouses steigern die Produktivität und optimieren Ressourcen. Unternehmen profitieren von Kosteneinsparungen und höherer Wettbewerbsfähigkeit. Diese Erfahrung macht auch der Marktredwitzer Automobilzulieferer Scherdel an seinem Standort im tschechischen Bor. Gemeinsam mit Servus Intralogistics und Aimtec hat der Entwicklungspartner der Automobilindustrie ein Vollautomatiklager für die Materiallagerung und Produktionsversorgung implementiert. Automatisierungstechnologien greifen im Lager nahtlos ineinander.
Immer mehr Unternehmen entscheiden sich für die Einführung vollautomatischer Lager. Eine Studie des Beratungsunternehmens Logistics IQ bestätigt diesen Trend. Ihr zufolge steigt der Umsatz im Bereich automatischer Lager bis 2025 auf 27 Milliarden US-Dollar. Ein Grund dafür sind die immer komplexeren Herausforderungen an die Lagerhaltung. Insbesondere durch die Lieferkettenprobleme der letzten Jahre hat die Bedeutung von Lagern zugenommen, da sie Engpässen vorbeugen. Gleichzeitig fehlen Fachkräfte zur Skalierung von Lagern, während auf Kundenseite die Erwartungshaltung wächst, was Lieferzeiten angeht. Blitz-Lieferungen innerhalb von 24 Stunden werden immer mehr zum Standard. Ohne höchste Effizienz und standardisierte Prozesse sind diese nur schwer umzusetzen.
Dark Warehouses punkten in vielfacher Weise
Viele Unternehmen begegnen diesen Anforderungen mit iterativer Automatisierung ihrer Lagerhallen durch autonome Fahrzeuge, AKLs, intelligente Scanner und ausgefeilte KI-Systeme für die Warendisposition. Hochgradige Automation ohne menschlichen Arbeitseinsatz eignet sich vor allem in Produktionsbereichen mit repetitiven Aufgaben, wo absolute Präzision gefragt ist, beispielsweise in der Automobilbranche – außerdem in Unternehmen mit extremen Produktionsbedingungen, etwa in der Lebensmittel- und Chemiebranche. Da in den Hallen vollautomatisierter Lager keine Menschen arbeiten, ist dort keine Beleuchtung erforderlich. In diesen so genannten Dark Warehouses sind Prozesse bis auf gelegentliches Eingreifen durch Mitarbeiter bei etwas komplizierteren Vorgängen vollautomatisiert. Software-gesteuerte Geräte übernehmen sämtliche Aufgaben. Die Investition in ein Voll-Automatiklager bringt viele Vorteile mit sich. Dark Warehouses nutzen den Platz für den Warenumschlag optimal aus und erreichen maximale Packungsdichte. Das Lager läuft 24 Stunden am Tag ohne Schichtwechsel oder Pausenzeiten. Fachkräfte können sich Aufgaben mit größerer Wertschöpfung widmen.
Vollautomatische Lager erhöhen die Picking-Qualität und -Geschwindigkeit, senken die Fehlerrate sowie den "Schwund" von Waren und verbessern die Inventory-Daten-Qualität. Aufgrund der optimierten Bewegungen der Kräne und Roboterarme sowie des Verzichtes auf Beleuchtung haben Dark Warehouses zudem einen geringeren Stromverbrauch und damit einen niedrigeren CO2-Ausstoß.
Automobilzulieferer Scherdel rüstet um
Wie die Einführung eines Dark Warehouses erfolgreich gelingen kann, zeigt Technické pružiny Scherdel im tschechischen Bor bei Tachov. Der internationale Automobilzulieferer gehört zur Scherdel Gruppe, einem in Marktredwitz ansässigen Familienunternehmen mit 32 Niederlassungen und über 6.700 Mitarbeitenden weltweit. Mit davon rund 550 ist Technické pružiny der größte Auslandsstandort.
Ausschlaggebend für die Einführung war ein großvolumiger Auftrag im Bereich Elektromobilität mit 20 Bauteilen und einem hohen Bedarf an logistischer Abwicklung. "Uns war bewusst, dass die Logistik beim erfolgreichen Abwickeln des Auftrags der Dreh- und Angelpunkt war", erklärt Michael Kuhn, Head of Organization bei Scherdel. "Die logistischen Abläufe mussten reibungslos funktionieren, jedes Teil zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein." Insgesamt wollte Scherdel die Transportprozesse minimalisieren, die Prozesse der Vorratshaltung standardisieren und die Materialzuführung möglichst nahe an die Produktionsstätten bringen. Weitere Gründe für die Automatisierung: fehlende und nicht ausreichend qualifizierte Fachkräfte, hohe Anforderungen an technische Sauberkeit und der Schutz der Produktion vor Beschädigungen.
Das Projekt geht in die Startphase
Die Initialphase des Projekts begann im Jahr 2018. Im ersten Schritt veranstaltete Scherdel einen zweitägigen Workshop mit Servus als Hardware-Lieferant. Darin analysierten die Teilnehmer die Logistikprozesse: Welche Produkte werden wohin bewegt und wie viele Interaktionen finden zwischen welchen Positionen in der Produktion statt? Der Workshop ergab, dass der Standort ein WMS benötigte.
Anschließend musste das Scherdel-Projektteam in internen Meetings das Management von der Investition in eine vollautomatische Intralogistiklösung überzeugen. Nachdem von dort Grünes Licht kam, fand im Februar 2021 der Kick-off mit Servus und Aimtec als strategischen Digitalisierungs- und Integrationspartner statt. Aimtec arbeitet seit mehr als 25 Jahren mit Unternehmen der Automobilindustrie zusammen, um deren komplexe Integrations- und Transformationsprozesse rund um Lager, Logistik und Produktion mit Wissen, Best Practices sowie digitaler Expertise effizient voranzutreiben.
Die ersten Implementierungsschritte
Im ersten Schritt der Dark-Warehouse-Einführung implementierte Aimtec seine Digitalisierungsplattform DCIx zur Vernetzung des ERP-Systems mit den Prozessen und Technologien in der Fertigungsstätte. Die Plattform DCIx kann Logistik, Produktion, Qualität, Automatisierungstechnologien, Auslieferung, Maschinen und Menschen vernetzen und durch die horizontale und vertikale Integration einen sofortigen Überblick über den gesamten Unternehmensbetrieb verschaffen.
Es folgte die Integration von sieben autonomen Transportrobotern (ARC, Autonomous Robotic Carrier) von Servus und einem automatischen Kleinteilelager (AKL) bestehend aus einem Rack mit drei automatisierten Regalreihen und drei separaten Aufzügen für insgesamt 6.000 Speicherpositionen. Stand Mai 2023 nutzte Scherdel zwei Regalreihen mit 4.000 Speicherplätzen. Ende 2023 soll die dritte mit weiteren 2.000 Speicherplätzen aktiviert werden. Die sieben ARCs bedienen zwei Arbeitsstationen zum Be- und Entladen.
"Zu den besonderen Herausforderungen des Projekts zählten die termingerechte Einführung von DCIx und die zusätzliche Programmierarbeit aufgrund einer neuen Softwareversion von Servus mitten in den Komponententests", so Michael Kuhn. "Aimtec meisterte diese Hürden souverän. Mit Aimtec haben wir einen erfahrenen Partner mit Erfahrung und Expertise bei komplexen Digitalisierungsprojekten und fundierten Kenntnissen in der Automobilbranche an der Hand. Aimtec hat sofort verstanden, was wir brauchen, und wie die für uns perfekte Lösung aussehen sollte."
In Windeseile live gegangen
Die Umsetzung des Projekts erfolgte binnen kürzester Zeit: Zwischen Kick-off und Inbetriebnahme lagen nur zwölf Monate. Nach dem Go-Live ging das neue System in den Tagesbetrieb. An den Ein- und Ausgangsstellen scannen die Benutzer nun das in standardisierten KLT-Boxen gelagerte Material. Dabei entsteht ein Task Management. Gibt ein User ein, dass eine Box zum Regal gebracht oder von dort abgeholt werden soll, erstellt das System eine Entität zur Verwaltung der Aufgaben der betreffenden Technologie.
Die Zuführung und den Abtransport ins AKL gewährleisten die auf Schienen fahrenden autonomen Transportroboter. Sie sind batteriebetrieben. Eine Ladestation lädt sie beim Passieren regelmäßig auf. Am Regal angekommen, bringt ein eigenständiger Aufzug den Roboter in die entsprechende Etage. Anschließend legt er die Box in die gewünschte Regalposition oder entnimmt sie dieser. Die Mitarbeiter behalten zu jedem Zeitpunkt die Übersicht, welche Aufgabe die Technologie bearbeitet, in welcher Phase sie sich befindet und von wo und wohin sich der Roboter bewegt. Außerdem überblicken sie das gesamte Material und den Vorratsstand im Automatiklager. In Zukunft plant Scherdel dort nicht nur Materialien, sondern auch Fertigerzeugnisse und Leergut einzulagern.
Ein wichtiges Element der Lösung ist die Überwachung der aktuellen Arbeitsplatzkapazität und Roboterauslastung. DCIx steuert die Einlagerung unter Berücksichtigung der Anforderungen an die Auslagerung, was die Auslastung der einzelnen Transportroboter optimiert. Das System registriert außerdem Fehlerzustände. In diesem Fall markiert es eine Aufgabe als fehlerhaft und der Transportroboter mit dem Material fährt an einen speziellen Arbeitsplatz.
Schneller ROI, hohe Akzeptanz
Mit den neuen, zu einer Plattform vernetzten und durch DCIx gesteuerten Technologien verfügt Scherdel über eine flexible Lagerlösung, die für künftige Anforderungen bestens gerüstet ist. Alle Prozesse laufen autonom, also ohne menschliches Bedienen. Scherdel profitiert von beschleunigten Logistikprozessen und weniger Personalbedarf in der Produktionsbeschickung. Das Unternehmen rechnet mit einem ROI von fünf bis sieben Jahren. Für den Automobilzulieferer stehen Prozessoptimierung und Mitarbeiterschulung beständig im Fokus. Je besser beides gelingt, desto schneller stellt sich der ROI ein.
Den "Change of Mindset" bewältigte Scherdel auf erfolgreiche Art und Weise – und auch dank der intensiven Unterstützung durch seinen Digitalisierungspartner Aimtec. Das Unternehmen hat die Mitarbeitenden von Beginn an in alle Prozesse einbezogen, offen kommuniziert und sich für alle Fragen viel Zeit genommen. Aus technologischer Sicht jedenfalls sind die Weichen dank der flexiblen Plattform von Aimtec für die Zukunft auf Wachstum gestellt.












