Gastkommentar
Parallele Welt 2025
Michael Schreckenberg lehrt an der Universität Duisburg-Essen als Professor für Physik von Transport und Verkehr. Einmal im Jahr richtet er sich an die Leser von materialfluss: In einem kritischen, aber humorvollen Expertenbeitrag über die Verkehrspolitik lässt er das Jahr Revue passieren. Eine Tradition, die wir 2024 gern fortsetzen.
Schaut man sich das Geschehen um uns herum über die vergangenen zwölf Monate genauer an, so bekommt man zunehmend den Eindruck, dass wir alle nicht mehr in demselben Universum leben. Es entwickeln sich „Paralleluniversen“, die sogar die Wissenschaft (wieder) für sich entdeckt hat. Lange fremdelte man mit dieser Vorstellung, doch sie löst in der Tat viele theoretisch grundlegende Probleme, insbesondere der Quantenphysik.
Gleicher Input, unterschiedliche Wahrnehmung
Klar ist natürlich, dass jeder die Welt mit seinen eigenen Augen und Ohren sieht und hört. Rein physikalisch ist der Input für alle gleich, doch durch eine individuell entwickelte Transformation (oder besser: Filter) im Gehirn wird für jeden Einzelnen ein spezieller Cocktail daraus gemixt, der dann natürlich auch unterschiedlich schmeckt und Reaktionen auslöst.
So hat man gerade bei Politikern in der jüngeren Vergangenheit den Eindruck, dass sie einfach auf ein anderes „Programm“ umgeschaltet haben (obwohl das lineare Fernsehen bei jungen Leuten doch eigentlich komplett „out“ ist!). Ein untrügliches Anzeichen dafür ist auch, wie in (linearen) Talkshows genüsslich anzusehen, dass auf konkrete Fragen mit erratischen Antworten reagiert wird. Mit den parallelen Welten bekommt schließlich auch das „Wir reden ständig aneinander vorbei“ eine ganz andere Bedeutung.
KI und die Rettung von außen
Aber unsere heimelige Parallelwelt reicht uns offenbar nicht aus. Wir engagieren für uns Avatare in einer digitalen Scheinwelt, die uns dort vertreten sollen. Im täglichen Leben spielen (!) die Avatare aber noch keine so große Rolle. Allerdings holt man mittlerweile bei Problemen doch häufig lieber künstliche Intelligenzen zu Hilfe (in den einfacheren Ausführungen heißt das dann YouTube) als den (sowieso im Homeoffice befindlichen) Kollegen. Mit dem muss man dann ärgerlicherweise noch länger quatschen, die KI kann man (noch!) einfach abschalten. Doch auch da werden sich die Zeiten ändern.
Aber wenn uns schon die eigene und auch die (von uns erschaffene) künstliche Intelligenz nicht weiterhelfen, kommt dann die Rettung nicht vielleicht von außen, aus dem All von einer anderen hoch entwickelten Zivilisation? Aber in welchem Paralleluniversum könnte die leben? Besonders erschütternd argumentiert eine jüngere Arbeit der NASA dahingehend, dass zur Kontaktaufnahme fähige und damit technologisch hoch entwickelte Kulturen sich aufgrund eines strukturellen Fehlers der Intelligenz innerhalb von 500 Jahren selbst zerstören. Der Studie zufolge sind wir auf halbem Wege dorthin. So traurig das ist, aber den Eindruck kann man tatsächlich nicht ganz von der (realen) Hand weisen.
Für unsere Infrastruktur sind allerdings 250 Jahre fast eine Ewigkeit, so lange hält da eigentlich nichts. Da wären also Sanierung und Neubau angesagt, aber man bekommt dabei eher den Eindruck einer „Infra ohne Struktur“. Wie kann man über Antriebsarten philosophieren, wenn durch Baustellen und Verkehrsaufkommen der Verkehrsfluss sowieso vielerorts nicht mehr seinem Namen gerecht wird? Zum 1. Januar 2024 waren so viele Pkw in Deutschland gemeldet wie nie zuvor: 49,1 Millionen. Da kann die ganze Nation locker nur auf den Vordersitzen Platz nehmen, und es bleiben noch etliche Fahrzeuge leer.
Zu denken gibt einem allerdings die geringe Farbgebung der Flotte, kommen doch fast 80 Prozent in Weiß, Schwarz, Grau und Silber daher, wobei Grau mit Silber den größten und vor allem wachsenden Anteil mit beinahe einem Drittel belegen. Weit abgeschlagen folgen Blau und Rot. Vor zehn Jahren dominierte noch Schwarz, doch zusammen mit den Straßen präsentiert sich der Verkehr heute trist grau in grau. Bleibt noch die Farbe des Wetters, aber auch da geht es anscheinend in dieselbe Richtung.
Verbrenner und E-Autos: friedliche Coexistenz?
Auch parallel scheinen sich die Welten von Verbrennern und Elektros zu entwickeln. Man blendet bei den Perspektiven gewissenhaft die Konkurrenz aus. Dass es vielleicht ein friedliches Miteinander, oder besser Nebeneinander, geben könnte, ist als Variante eigentlich nicht vorgesehen. Auch die Herkunft der für alle Antriebsarten notwendigen Energie ist eher in Grautönen gefärbt. Besonders kritisch wird die Situation, wenn man dazu das Jevons-Paradoxon zu Rate zieht.
In den ganzen hitzigen Diskussionen ist davon bisher kaum etwas zu hören. Denn William Stanley Jevons fand heraus, oder besser behauptete, dass eine Effizienzsteigerung bei der Nutzung von Rohstoffen durch technischen Fortschritt zu einer noch viel größeren Nutzung dieses Rohstoffs führt. Beispiele dafür gibt es genug. Häufig gerne zitiert wird die Verkehrszunahme durch neue Straßen (als Ressource), was aber dann eben nicht zu weniger Stau führt. Die Einführung der Sommerzeit brachte auch nicht die erwartete Energieeinsparung, da man abends viel mehr unternehmen kann.
Energiedurst der KI
Besonders schmerzlich wird, und das wohl auch schon 2025, die erheblich größere Rechenleistung für KI-Anwendungen. Und das führt auch zu erheblich mehr Stromverbrauch. Nach Schätzungen könnten 2030 schon 10 Prozent des globalen Stromverbrauchs nur auf KI-Server entfallen. Auch da ist wieder so ein ominöses Gesetz im Spiel, nämlich das nach Niklaus Wirth. Sagte das Moore’sche Gesetz schon die Verdoppelung der Rechenleistung alle zwei Jahre voraus, so fügte Wirth hinzu, dass das aber nicht ausreicht, um die immer aufwändigere Software („Fatware“) wirklich schneller abarbeiten zu können. Ganz im Gegenteil, immer mehr unnötige Software führt trotz erhöhter Rechenleistung letztendlich zu einer Verlangsamung.
Es wird eine interessante Frage sein, ob die durch KI-Anwendungen effizienter gewordene Stromerzeugung und -speicherung nicht auch am Ende durch deren wachsenden Energiedurst runtergespült wird. Aber eines ist auf jeden Fall auch jetzt schon klar: Die Sache wird immer undurchsichtiger (was sie ja jetzt schon weitgehend ist). Und dafür holt man sich dann halt die nächste künstliche Intelligenz ins Haus!
Politische parallele Welten
Gerade in einem so planungsintensiven Gebiet wie das der Logistik wird sich eine Menge ändern. Die Auswirkungen sind noch nicht einmal annähernd abschätzbar. Die Entwicklungszyklen werden immer kürzer, die Konkurrenz immer größer, die Zeitfenster immer enger und die Kosten, auch die für Energie, immer höher. Die Automobilindustrie zeigt ja heute schon eindrucksvoll, wohin die Reise (nicht nur in 2025) gehen kann.
Umso erstaunlicher ist das absolute Novum für einen Politiker, unbedingt (den eigentlich unbeliebten) Posten des Verkehrsministers behalten zu wollen, auf Parteiaustritt komm raus. Ja nicht nur das, jetzt ist der parteilose Volker Wissing auch gleichzeitig im Justizressort als Minister maßgebend tätig. Das eröffnet ganz neue politisch parallele Welten, die er nun bis zu den Neuwahlen erschließen kann. Als Alternative bleibt in 2025 dann eigentlich nur noch das Eintauchen in die digital alternative Welt des Metaversums. Da darf dann nur keiner die Stromversorgung kappen!










