Kolumne: Was Würmser Wurmt

Anita Würmser,

Auf zum Schneckenrennen

Sammy ist zwar nicht der Schnellste, aber ein Weltmeister. Mit 2 ­Minuten und 38 Sekunden verwies er bei den 25. Weltmeisterschaften im Schneckenrennen 215 Konkurrenten auf die Plätze. In einem packenden Finish legte der Kleine nochmal den Turbo ein und schleimte auf der 33 Zentimeter langen Strecke im ­britischen Congham nicht nur als Sieger über die Ziellinie, er ist – hinter Archie – die zweitschnellste Schnecke der Welt seit Aufzeichnungsbeginn 1995.

Anita Würmser © privat

Blechlawine zur Rush Hour
Was Schnecke Sammy kann, das kann der amtierende Logistikweltmeister Deutschland schon lang. Auf sagenhaft 745.000 Autobahnstaus brachten wir es 2018. Die Menschen standen 459.000 Stunden auf einer Länge von 1.528.000 Kilometer im Stau – jeder im eigenen Wagen, versteht sich. Ein Allzeithoch. In den Städten sieht es nicht viel anders aus. Zur Rush Hour kriecht eine nicht enden wollende Blechlawine mit durchschnittlich 16 bis 17 km/h durch die Straßen, wie eine Studie von Here und der Bundesvereinigung Logistik jetzt herausgefunden hat. Mit Folgen für den Schadstoffausstoß, denn ­Kohlendioxid, Stickoxide und Feinstaub liegen beim Schnecken­tempo um einiges höher als im fließenden Verkehr bei einer Idealgeschwindigkeit von rund 50 km/h. Wäre die Durchschnittsgeschwindigkeit beispielsweise in Stuttgart nur gut 5 km/h schneller, so würden um zwölf Prozent weniger Schadstoffe emittiert.

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Der Verkehr ist eine Schnecke und so mancher Weltmeistertitel eben auch nur relativ. Eines vorweg: Stau kenne ich seit zehn Jahren nicht mehr. Ich muss nur vom Ost- in den Westflügel gehen, um mein Büro zu erreichen. ­Paradiesische Zustände, ich weiß. Andere haben da weniger Glück. Es macht etwas mit den Menschen, wenn sie dem Stillstand ausgeliefert sind und die ­Nerven regelmäßig blank liegen. Und was sich Lieferfahrer anhören müssen, die tagtäglich unseren Konsum mangels Ladezonen aus der zweiten Reihe in die umliegenden Häuser und ­Geschäfte schleppen, hat die Grenzen des guten Geschmacks längst überschritten. Ein Teufelskreis.

Alle reden von der Verkehrswende, von Rad, Bus, Bahn, Carsharing, ­E-Mobilität, nur der Lieferverkehr kommt in dieser Diskussion selten ernsthaft vor. Die Logistikdienstleister optimieren ihre Stopps bis in kleinste, aber was hilft´s, wenn sie dazwischen im Schneckentempo unterwegs sind und Ladezonen oder die Freigabe der Busspur für den Lieferverkehr – ­obwohl alternativlos – diskutiert werden, als ginge es um die Abschaffung der ­Demokratie.

An alle: Es lohnt sich, den Verkehr flüssig zu halten. Alles, was dazu ­beitragen könnte, ist keineswegs ein Geschenk für die Wirtschaft, sondern einen Versuch wert.

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