Gastbeitrag

Martin Schrüfer,

Der stationäre Handel schlägt zurück

E-Commerce und On-Demand-Lieferdienste haben in der Pandemie den Durchbruch geschafft. Doch der physische und stationäre Einzelhandel gibt sich kämpferisch: Futuristische Technologien sollenVerbrauchern ein neues Einkaufserlebnis bieten – was auch Auswirkungen auf die Logistikimmobilien haben wird. Ein Gastbeitrag von Sönke Kewitz, Geschäftsführer P3 Logistic Parks Deutschland.

© P3

Knapp zwei Jahre nach Beginn der Pandemie lässt sich eine umfassendere Bilanz für den Einzelhandel ziehen: In fast allen europäischen Ländern ist der Onlinehandel massiv angestiegen. In Deutschland boomt das digitale Einkaufen ebenfalls, knapp 90 Prozent der Bundesbürger kaufen auch online ein. Die Bundesrepublik befindet sich mit diesem Wert im europäischen Spitzenfeld. Ungewöhnlich ist die Entwicklung in der Schweiz und Schweden, denn in beiden Ländern nutzen besonders viele Menschen E-Commerce-Angebote und trotzdem sind die Wachstumsraten weiterhin hoch.

Supermärkte ohne physisch anwesende Kunden

Um eine zunehmend statische Kundschaft zu bedienen, sind sogenannte „Dark Stores“ entstanden. Dabei handelt es sich um Distributionszentren, die ausschließlich Online-Shopping anbieten und von App-basierten On-Demand-Lieferdiensten, wie beispielsweise den Start-ups Gorillas und Flink, geführt werden. Sie locken Kunden mit dem Versprechen, Bestellungen in städtischen Ballungsgebieten in weniger als 30 Minuten auszuliefern. Laut dem auf den Einzelhandel im Lebensmittelsektor spezialisierten Beratungsunternehmen IGD soll das Marktvolumen allein in Deutschland von ursprünglich 1,3 Milliarden Dollar im Jahr 2018 auf 3,8 Milliarden Dollar bis 2023 anwachsen.

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Der deutsche Lebensmittelmarkt ist umkämpft. Auch Rewe hat sich entschlossen, beim Lieferdienst Flink einzusteigen, um dem Konkurrenten Edeka, der mit den Minitransportern des niederländischen Start-ups Picnic unterwegs ist, die Stirn zu bieten. Der neue türkische Anbieter Getir, der bereits in Berlin aktiv ist, will noch in diesem Jahr seine Liefereinheit auf 1.000 Mitarbeiter in weiteren deutschen Großstädten aufstocken.

Nahtloses Multichannel-Shopping

Ein guter Wegweiser für die Entwicklung im virtuellen und nun auch physischen Einzelhandel sind die Innovationen von Amazon. Die erste wichtige Entwicklung war Amazons Einstieg in den stationären Handel und die Einführung der Just-walk-out-Technologie, die es den Kunden ermöglicht, den unangenehmsten Aspekt des Einkaufserlebnisses zu vermeiden – Schlangestehen, Waren auf das Band legen, Scannen und Bezahlen.

In den physischen Amazon-Stores soll dieser Vorgang so einfach wie möglich ablaufen. Kunden scannen dazu am Eingang einen QR-Code in der Amazon-App oder eine mit dem Amazon-Konto verknüpfte Kredit- oder Debitkarte. In den Regalen befinden sich Gewichtssensoren, die in Kombination mit Kameras dazu genutzt werden, die Aktivitäten der Kunden genau zu beobachten. Wenn sich ein Kunde für ein Produkt entscheidet und dieses aus dem Regal nimmt, landet es gleichzeitig im digitalen Einkaufswagen. Der Einkäufer kann den Laden anschließend einfach verlassen und der Artikel wird automatisch abgerechnet. Im März 2021 eröffnete Amazon in London den ersten dieser kassenlosen Supermärkte außerhalb der USA, unter dem Namen „Amazon Fresh“.

Die Idee eines kassenlosen Supermarktes hat andere Lebensmitteleinzelhändler dazu veranlasst, dem Beispiel zu folgen. Tesco eröffnete ebenfalls 2021 seinen ersten „GetGo“-Laden in London, während Albert Heijn auf dem europäischen Festland mit seinem kassenlosen Tap-and-Go-Konzept experimentierte. In diesem Jahr führte Amazon auch Amazon One ein, einen biometrischen Bezahldienst, der es den Käufern ermöglicht, Waren mit ihren bloßen Händen zu bezahlen. In Kombination mit der Just-walk-out-Technologie können Amazon-Prime-Mitglieder, die Amazon One abonniert haben, in jede Amazon-Filiale gehen und mit einer einfachen Handbewegung einkaufen.

Algorithmische Optimierung und Lieferroboter

Die Automatisierung von Dark Stores und die algorithmische Optimierung der lokalen Bestände werden von entscheidender Bedeutung sein. Einzelhändler werden sich auf maschinelles Lernen verlassen, um die Komplexität von Nachfrageschwankungen zu modellieren. Sie werden Regal-Scanning-Technologien einsetzen, um leere Regale und falsch platzierte Artikel zu erkennen. Ebenso werden die Händler in Logistikzentren, wie denen von P3 Logistic Parks, automatisierte Lagerlösungen einsetzen, um den Kommissionierungsprozess zu beschleunigen. Das kassenlose, berührungslose Einkaufserlebnis wird erheblich zunehmen, und viele Lebensmittelgeschäfte werden ihre Räumlichkeiten so umrüsten, dass Konsumenten das Just-walk-out nutzen können.

Auch in Deutschland sind Experimente und Pilotprojekte bereits angelaufen. In Heilbronn testet die Schwarz-Gruppe derzeit ein Modell, dessen Funktionsweise stark an die von Amazon Fresh erinnert: einen Convenience-Markt unter dem Namen „shop.box“. Einen vergleichbaren Service hat auch Edeka in Kooperation mit der Deutschen Bahn am Bahnhof in Renningen in Betrieb genommen. Auch Aldi eröffnete Anfang 2022 seine erste Filiale ohne Kasse, allerdings vorerst nur in London. Rewe geht einen eigenen Weg und bietet seit Ende 2021 als erster Anbieter seinen Kunden im deutschen Lebensmitteleinzelhandel ein hybrides Einkaufsmodell an: Klassisch an der Kasse bezahlen oder innovativ, ohne Kassenvorgang, mittels der Pick-&-Go-App, mit der sich Kunden an der neuartigen Eingangsschranke anmelden können. Die Rechnung wird später auf der App angezeigt und bezahlt.

Immer mehr Geschäfte werden als reine Logistikdistributionszentren fungieren, um Online-Lieferungen, Retouren und Click-and-Collect-Bestellungen abzuwickeln. Straßenroboter wie die Lieferroboter von Starship werden in den westeuropäischen Städten allmählich zu einem vertrauten Anblick auf den Bürgersteigen werden. Ende 2021 gab Starship bekannt, dass seine Roboter zwei Millionen Lieferungen durchgeführt haben, außerdem ging das Unternehmen eine Partnerschaft mit dem britischen Lebensmittelhändler Co-Op ein, um Waren an Kunden in ganz Großbritannien zu liefern.

All dies bietet nur einen Vorgeschmack auf das, was den europäischen Kunden ab 2022 und darüber hinaus bevorsteht. Ziel der Händler ist es, so viele Unannehmlichkeiten wie möglich für den Verbraucher zu beseitigen und gleichzeitig die digitale und physische Identität des Käufers in einem Kundenprofil zu vereinen.


Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 3/2022.

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