materialfluss ROUND TABLE

Martin Schrüfer,

Regalbediengerät oder Shuttle - Der Einsatzfall entscheidet

Welche Rolle spielen in Zeiten von Industrie 4.0 und boomendem E-Commerce die Intralogistik-Systeme Regalbediengerät (RBG) und Shuttle? Wie viel Innovationsbereitschaft ist heute gefordert und welche Rolle spielt eine leistungsfähige Software? Gemeinsam mit materialfluss-Chefredakteur Martin Schrüfer diskutierten in München fünf Experten am runden Tisch.

Diesmal eine Herrenrunde: Klaus Hiemer (materialfluss), Andreas Koch (SSI Schäfer), Martin Schrüfer (materialfluss), Christian Brauneis (Knapp), Walter Kennerknecht (MIAS), Dirk Haarscheidt (Stöcklin) und Christian Beer (Servus Intralogistics) vor dem Bader Hotel. © Thilo Härdtlein

Ein wichtiger Punkt war schnell herausgearbeitet: Der Verdrängungswettbewerb Shuttle vs. RBG mit einem eindeutigen Sieger hat nicht stattgefunden. Die Intralogistik bietet Platz für beide Systeme: Der Einsatzfall entscheidet, welche Technologie sich besser eignet.

„Das Shuttle hat dem Regalbediengerät durchaus Marktanteile abgenommen.“ Dirk Haarscheidt, Stöcklin

Die Teilnehmer am Round Table besitzen langjährige Branchenerfahrung und brachten ihre Standpunkte in die lebhafte Diskussion ein: Walter Kennerknecht, Leitung Vertrieb Regalbediengeräte der MIAS Group in München, Dirk Haarscheidt, Vertrieb Geschäftsbereich Anlagen der Stöcklin Logistik GmbH in Netphen, Christian Brauneis, Director Business Unit Industry Solutions bei Knapp in Dobl, Andreas Koch, Head of Product Management der SSI Schäfer Automation GmbH in Giebelstadt und Christian Beer, Inhaber und Geschäftsführer der Servus Intralogistics GmbH in Dornbirn.

Nach Auffassung von Andreas Koch hat es nie die Entwicklung gegeben, dass Shuttles Regalbediengeräte verdrängen. „Bei beiden Systemen steigen die Anforderungen an Geschwindigkeit und Dynamik. In vielen Anwendungen ist beispielsweise das Regalbediengerät State of the Art. Es gilt, die richtige Lösung für den jeweiligen Einsatzbereich zu finden“, argumentiert er. Ähnlich sieht es Walter Kennerknecht. Shuttles spielten ihre Stärken beispielsweise im Palettensektor aus. „Das Regalbediengerät ist nicht verdrängt worden, vielmehr hat sich die Situation eingependelt und beide Techniken besetzen ihre Positionen.“ Nach Einschätzung von Dirk Haarscheidt ist der Automatisierungsmarkt in den vergangenen Jahren stark gewachsen, die Entwicklung ist noch nicht zu Ende. „In diesem Kontext haben Shuttles den RBG Marktanteile abgenommen, sie aber keineswegs verdrängt. Regalbediengeräte punkten vor allem im Kleinteilebereich.“

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„Wir brauchen Lösungen, die schnell unterschiedliche Bedürfnisse erfüllen und mitwachsen können.“ Christian Brauneis, Knapp

In dieses Konzert stimmt auch Christian Brauneis ein. „Es gibt Platz für beide Technologien. Dennoch sind wir nach wie vor von der Shuttle-Technik überzeugt.“ Knapp sieht sich mit Kundenanforderungen nach mehr Dynamik, schnelleren Prozessen und besserer Skalierbarkeit von Shuttles konfrontiert. „Die Leistungsbedarfe wachsen, und das motiviert uns. Wir bleiben Technologie- und Innovationsführer in diesem Bereich“, sagt er und kündigt an, dass Knapp im ersten Quartal 2018 die neueste Generation von Shuttles am Markt vorstellen wird. „Wir werden das Rad weiterdrehen.“ Aus seiner Präferenz für die Shuttle-Technologie macht Christian Beer keinen Hehl. „Ich sehe gerade im Leichthubbereich eine Tendenz zum Shuttle. Dieser Markt entwickelt sich sehr gut und wir blicken zuversichtlich in die Zukunft“, skizziert er die Lage.

Zahnstangenantriebe für mehr Beschleunigung

„Regalbediengeräte verschwinden nicht, nur weil der E-Commerce wächst.“ Walter Kennerknecht, MIAS Group

„Der E-Commerce dürfte auch in Zukunft weiter wachsen und ist unverändert Markttreiber. Welche Innovationen können sich daraus ergeben – wohin geht die Reise?“, wollte Chefredakteur Martin Schrüfer wissen. Walter Kennerknecht stimmte der Einschätzung hinsichtlich des Online-Handels zu. Gestern Abend bestellt und heute erhalten sei bereits gängige Praxis. Die Unternehmen müssen extrem flexibel auf Kundenanforderungen reagieren. Deswegen ist eine schnelle Logistik mit innovativen Produkten wichtig, die solche Ansprüche erfüllt. „MIAS ist mehr im Palettenbereich unterwegs. Es gibt nach wie vor Branchen, in denen Massengüter gerbraucht werden, die auf Paletten lagern. Diese Lastenträger und Regalbediengeräte verschwinden nicht, nur weil der E-Commerce wächst“, prognostiziert er. Allerdings müssten Lastaufnahmemittel auch immer größere Beschleunigungen und Geschwindigkeiten fahren. Diese Werte hätten sich in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt. Eine Möglichkeit, die Anforderungen zu erfüllen, stellen beispielsweise innovative Zahnstangenantriebe dar, die für schnellere Beschleunigungen sorgen. „Die Herausforderungen für Regalbediengeräte wachsen, um Waren noch schneller an den Mann zu bringen.“

Zwei Königreiche – die Produktion und die Logistik

Ähnlich argumentiert Christian Brauneis. „Wir brauchen Systeme, die in der Lage sind, den Spitzenanforderungen zu folgen. Die statische Kommissionierung gibt es nicht mehr. Es sind in dem nach wie vor attraktiven Markt der Intralogistik Lösungen gefragt, die schnell unterschiedliche Bedürfnisse erfüllen und mitwachsen können“, beschreibt er. Brauneis plädiert für neue Denkansätze in der Shuttle-Technologie. Das Transportmittel sei nicht nur im Regal zu Hause, sondern als verlängerter Arm auch in autonomen Transportsystemen. Der zunehmende Trend zur Masseneinzelfertigung erzwingt darüber hinaus ein Zusammenrücken von Produktion und Logistik. Zustimmung kommt von Dirk Haarscheidt. „Der Intralogistik-Markt ist riesig und unverändert dynamisch. Es ist wichtig, dass Produktion und Logistik zusammenwachsen“, meint er. Um dies erfolgreich zu realisieren, müssen die IT-Anbindung und die Vernetzung sichergestellt sein. Eine Herausforderung sieht er in der praktischen Umsetzung. „Viele Kunden haben bereits eine funktionierende Produktion, die nicht so einfach umstrukturiert und an die Logistik angepasst werden kann“, sagt er.

„Über Industrie 4.0 sollten wir nur dann reden, wenn wir über eine funktionierende Logistik verfügen.“ Andreas Koch, SSI Schäfer Automation

Für mehr Nähe von Produktion und Logistik plädiert auch Christian Beer. „Es gibt zwei Königreiche – die Produktion und die Logistik. Diese zusammenzubringen, ist psychologisch eine große Herausforderung. Mit unserer Technik können wir das recht gut verknüpfen, und hier sehen wir ein enormes Potential für Shuttle-Lösungen“, beschreibt er. Servus Logistics habe sich in den vergangenen Jahren einen technologischen Vorsprung gegenüber dem Wettbewerb erarbeitet. Dieser könne nur durch ständige Innovationsbereitschaft gehalten werden. Dies gelte auch für die Digitale Fabrik: „Über Industrie 4.0 sollten wir nur dann reden, wenn wir über eine funktionierende Logistik verfügen.“ Sich ständig mit innovativen Lösungen für Lager und Lastmittel auseinanderzusetzen, ist für Andreas Koch allein wegen der immer größeren Teilevielfalt in der Produktion unabdingbar. „Die Stückzahlen werden kleiner, die Artikelanzahl immer größer. Früher mussten im Lager 100.000 Teile verfügbar sein, heute sind es mehrere Millionen, die innerhalb von 24 Stunden oder weniger zu liefern sind“, skizziert er. Für Koch ist der Materialfluss heute bereits hoch automatisiert – mit Ausnahme der Kommissionierung. „Hier fehlen aufgrund der demo-grafischen Entwicklung künftig Arbeitskräfte. Der Griff in die Kiste kann nicht mehr nur durch den Menschen erfolgen.“ Beträchtliche Potenziale sieht er in der verstärkten Mensch-Roboter-Kooperation. Körperlich anstrengende Tätigkeiten könnten zunehmend von Maschinen übernommen werden. Generell sieht Dirk Haarscheidt „Systeme konzeptionell in Bewegung“. So gebe es Kunden, die Güter verwalten und gelagerte Paletten bewegen. Dem stimmt Walter Kennerknecht zu. Aus Erfahrung weiß er: Betreiber bauen eine Halle, lagern die Ware des Kunden ein und liefern die Güter dann an den Bestimmungsort. „Dieser Ansatz gewinnt an Bedeutung.“

Modernisierung wichtig, wenn die Konjunktur boomt

Eine Möglichkeit, sich verändernden Gegebenheiten anzupassen, ist die Modernisierung bestehender Anlagen und Transportmittel. Chefredakteur Martin Schrüfer wollte wissen, welchen Stellenwert dieses Thema besitzt. „Modernisierung“, so die direkte Antwort von Walter Kennerknecht, „ist immer dann ein Thema, wenn die Konjunktur boomt. Lässt sie nach, sinkt auch die Bereitschaft zu Retrofit-Maßnahmen“, sagt er. Einen Bedarf an Modernisierungsmaßnahmen sieht Dirk Haarscheidt insbesondere dann, wenn Lager und Geräte in die Jahre gekommen sind und nicht mehr den aktuellen Sicherheitsstandards entsprechen. „Wir werden häufig von Kunden kontaktiert und arbeiten dann gemeinsam Umbaupläne aus, um beispielsweise aus einem großen Lager mehrere Kleinteilelager zu gestalten und die Prozesse entsprechend anzupassen.“ Dabei gehe es um die zentrale Frage, IT und Hardware fit für die Zukunft zu machen. Die Modernisierung ist laut Andreas Koch auch abhängig von Branche und Geschäftsverlauf. „Eine gewisse Modernisierung findet immer statt, sonst würden wir uns nicht weiterentwickeln“, stellt er fest.

Klaus Hiemer (Mitte, links) und Martin Schrüfer (Mitte, rechts) moderierten den Dialog zum Thema RBG und Shuttle.

Eine große Rolle für die Weiterentwicklung von Lagern und Transportmitteln spielt eine leistungsfähige Software. „Das Zusammenspiel von Lagerverwaltungs- und Materialfluss-Software ist enorm wichtig. Denn am Ende des Tages muss der Anwender seine Anlage mit den übergeordneten Programmen besser verstehen“, meint Koch. Materialfluss-Rechner könnten heute bereits gut vorhersagen, in welchem Maße Anlagenteile beansprucht werden. Im Zusammenspiel mit speziellen Sensoren, die melden, wenn beispielsweise ein Motor nicht mehr rund läuft, ist die vorausschauende Wartung ein wichtiges Werkzeug, teure Ausfälle zu vermeiden. Auch das Erheben von Daten aus dem Lagerbetrieb ist für Koch wichtig. „Wir sollten ruhig schon heute relevante Daten sammeln, auch wenn wir sie vielleicht erst in ein paar Jahren gezielt auswerten können. Das eröffnet Vergleichsmöglichkeiten.“ In dieselbe Richtung argumentiert Dirk Haarscheidt. Neben dem reinen Erfassen von Informationen gehe es darum, im zweiten Schritt punktgenauer zu klären, welche Daten aufschlussreich und für die Bewertung einer Anlage relevant sind.

„Uns fehlt die IT-Generation mit Uni-Abschluss und fünf Jahren Berufserfahrung.“ Christian Beer, Servus Logistics

Christian Beer legt seine Stirn in Falten, wenn es um das Thema IT und Fachkräfte geht. „Wir haben in Europa vieles verschlafen. Während wir speziell im Maschinenbau sehr gut aufgestellt sind, hinken wir in der IT hinterher“, glaubt er. Dies könne sich global nachteilig auswirken. „Wir suchen händeringend kompetente Software-Leute. Schließlich sind Industrie 4.0 und Vernetzung von Maschinen und Anlagen ein IT-Thema.“ Auf dem deutschen Markt gebe es zwar studierte IT-Experten, allerdings oftmals ohne Praxiskenntnisse. Christian Beer: „Uns fehlt die Generation mit Uni-Abschluss und fünf Jahren Berufserfahrung.“

Einig waren sich die Experten, dass die Intralogistik künftig an Dynamik zulegen wird. Hohe Innovationsbereitschaft, intensive Marktbeobachtung und Kundenkontakt sowie ein ausreichendes Potenzial an qualifizierten Fachkräften sind Voraussetzung dafür, dass deutsche Unternehmen auch künftig weltweit an der Spitze stehen.

Klaus Hiemer

Die Reihe materialfluss Round Table ist eines der Markenzeichen dieses Magazins. Zuletzt erschien in Ausgabe 8-9/17 ein Round Table zum Thema Krane und Komponenten. Die Reihe wird fortgesetzt in Ausgabe 1-12/18.
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