Strategie

Eckhard Boecker,

Umgang mit Macht – Killer oder strategischer Erfolgsfaktor!

Macht ist ambivalent, denn sie kann Fluch oder Segen bedeuten, was letztlich davon abhängig ist, wie das Logistikunternehmen mit Macht umgeht. Ein Beitrag von Eckhard Boecker.

© Adobe Stock

Zunächst einmal ist zu erläutern, was Macht bedeutet. Allgemein formuliert bedeutet Macht die Möglichkeit, auf das Verhalten von Mitarbeitern Einfluss zu nehmen, um bestimmte Ziele zu erreichen. Die Macht einer einzelnen Person ist begrenzt, dies gilt insbesondere für logistische Großunternehmen, in denen die Macht auf vielen Schultern verteilt ist. Anders ist die Situation in kleineren und mittelständischen Logistikbetrieben, wo sich die Macht auf eine Einzelperson beschränkt, zum Beispiel bei einer inhabergeführten Spedition auf den einzigen GmbH-Geschäftsführer oder auf wenige Personen.

Macht ist nicht gleich Führung

Macht empfinden viele Mitarbeiter negativ, als etwas „Ungutes“. Macht ist weder gut noch schlecht, jedoch eine zwingend erforderliche „Aufgabe“, die jemand übernehmen muss, damit erforderliche Entscheidungen getroffen werden. Letztlich kommt es für jeden Logistikbetrieb darauf an, dass die Person oder die Personengruppe die Aufgabe so löst, dass zum einen die Unternehmensziele erreicht werden und zum anderen ein Machtmissbrauch verhindert wird. Im Übrigen ist Führung nicht mit Macht gleichzusetzen. Macht und Führung ist weder das Gleiche noch dasselbe. Es gibt Mitarbeiter, die haben viel Einfluss auf das Klima im Logistikteam oder auf die Abläufe im Tagesgeschäft, jedoch führen sie gleichzeitig kein Team, also stehen nicht in einer Leitungsposition.

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Viele Mitarbeiter fragen sich, wie Macht entsteht. Letztlich verleiht das Unternehmen Macht ausgewählten Personen, zum Beispiel einem Vorstandsmitglied für Logistik. Macht kann man sich nicht nehmen, es sei denn, der Manager missbraucht seinen bestehenden Entscheidungsspielraum vorsätzlich, um Einfluss auf Unternehmensbereiche oder Projekte zu nehmen, die seinen Zuständigkeitsbereich überschreiten.

Es stellt sich die Frage, welche Formen zur Verfügung stehen, um die Machtfrage im Unternehmen zu regeln. Zwei Beispiele: zum einen über die Hierarchisierung – das heißt, bestimmte Mitarbeiter sind wiederum bestimmten Mitarbeitern übergeordnet, um die Entscheidungen zu treffen, die nur die Personen treffen können, die mit Macht ausgestattet wurden. Außerdem erfolgt die Machtausübung durch Normierung – also Regelungen, Vereinbarungen, Stellenbeschreibungen und dergleichen.

Wenn Meinungsführer und Heroes die Macht ergreifen

Neben einer hierarchischen Macht gibt es in vielen Logistikunternehmen eine informelle Macht, die sich organisationsspezifisch entwickelt hat. Dabei geht es um Meinungsführer. Meinungsführer sind die Personen, denen es gelingt, ihre Kompetenz unter Beweis zu stellen. Die Person legitimiert sich in Projekten mit ihrem Wissen, Erfahrungen, Zahlen und Fakten, die sie mit viel Geschick in Meetings einbringt. Dabei handelt es sich oft um dominante Personen, die selbstbewusst auftreten, jedoch auch oft zum Machtmissbrauch neigen, was sie billigend in Kauf nehmen, um beispielsweise persönliche Ziele – etwa mehr Macht im Zuge einer Beförderung – zu bekommen. Diese Personen verfügen oft über ein Netzwerk, das ihnen hilft, ihre persönlichen Ziele zu erreichen, und haben nur scheinbar die Interessen des Logistikunternehmens im Auge.

Darüber hinaus findet sich in der Logistik das „Heldentum“, das ebenso eine informelle Machtform darstellt. Dabei geht es um Einzelakteure oder auch um kleinere Teams in der Logistik, die begeistert neue Projekte annehmen sowie diese nach eigenem Ermessen, ohne auf die Interessen anderer Funktionen Rücksicht zu nehmen, realisieren wollen. Heroes sehen sich als unentbehrlich und sind schwierig oder gar nicht zu führen, was – strategisch betrachtet – schädlich für die Organisation ist.

Der Missbrauch von Macht ist ein Problem, das in jeder Branche zu finden ist. Manager, die ihre Macht missbrauchen, handeln gegen die Interessen des Logistikunternehmers – selbst dann, wenn der Machtmissbrauch nicht zu einem direkten persönlichen Vorteil führt, sondern zu mehr Gewinn, weil die Kunden vorsätzlich betrogen wurden.

Die Grenzen der Macht müssen bekannt sein

Führung auf „Augenhöhe“ schafft Vertrauen und reduziert das Risiko von Machtmissbrauch. Dem Manager, dem Macht verliehen wurde, müssen seine Grenzen bekannt sein. Dies gelingt dem Logistikbetrieb nur, wenn er transparent arbeitet, flankiert von klaren Rahmenbedingungen, die regelmäßigen internen Audits unterliegen, um etwaige Compliance-Verstöße durch Machtmissbrauch aufzudecken. Mitarbeiter, die den Machtmissbrauch eines Managers erkennen, sollten zügig handeln, denn letztlich geht es auch um die Sicherung des eigenen Arbeitsplatzes, der ziemlich schnell in Gefahr sein kann, wie beispielsweise die Riesenpleite von Wirecard zeigte. Dass der Mitarbeiter zügig handeln soll, ist alles andere als leicht umzusetzen, denn viele fürchten beispielsweise, vom Vorgesetzten sanktioniert zu werden, wenn sie der Geschäftsführung einen Compliance-Verstoß, der auf Machtmissbrauch zurückzuführen ist, melden.

Um der Belegschaft die Angst zu nehmen, haben viele Logistikunternehmen eine Hotline eingerichtet, über die sie Machtmissbrauch anzeigen können. Von entscheidender Bedeutung ist obendrein, dass das Logistikunternehmen eine Policy hat, die Folgen von Machtmissbrauch klar regelt. Der Machtmissbrauch zeigt sich in der täglichen Praxis beispielsweise darin, dass sich Manager auf der mittleren Ebene weigern, interne Richtlinien zu beachten, was das Top-Management abstellen muss. Darüber hinaus ist das Top-Management maßgeblich dafür verantwortlich, eine Unternehmenskultur zu entwickeln, so dass Machtmissbrauch keinen Platz im Logistikbetrieb hat. Dies ist eine niemals endende Herkulesaufgabe für das gesamte Logistikunternehmen.

Interessenkonflikte schaden den Unternehmenszielen

Viele Manager missbrauchen ihre Macht, weil sie die Perspektive des betreffenden Mitarbeiters nicht verstehen können oder, dies ist meistens der Fall, nicht verstehen wollen, weil sie andere Interessen vertreten. Dieser Interessenkonflikt schadet den übergeordneten Unternehmenszielen, weil zum Beispiel personelle Ressourcen in täglichen Machtkämpfen vergeudet werden, anstatt sie für Projekte zu nutzen, die dem Unternehmen einen Mehrwert bringen.

Ein weiteres Beispiel von Machtmissbrauch ist darin zu sehen, dass der Manager sich als Experte mit der Verbreitung von falschen Informationen und Behauptungen präsentiert, die nur ein Ziel haben: den eigentlichen Experten bloßzustellen, um die eigenen Interessen durchzusetzen. Derartige Machtinhaber sind eine Gefahr für den Unternehmenserfolg, denn sie ignorieren oder begreifen nicht, dass es letztlich um die übergeordneten Gesamtziele des Logistikunternehmens geht und nicht um die Ziele eines einzelnen Unternehmensbereichs.

Viele Manager missbrauchen ihre Macht, ohne dies wirklich so wahrzunehmen, denn sie haben einen Geltungsdrang, der beispielsweise darauf zurückzuführen ist, dass man im Elternhaus ein Mangel an Aufmerksamkeit erfuhr. Umso wichtiger ist eine Feedback-Kultur in der Logistik. Mit diesem Werkzeug bekommen die Mitarbeiter die Möglichkeit, ihren Vorgesetzten zu bewerten. Feedback zu geben muss damit einhergehen, darauf vertrauen zu dürfen, dass das Feedback nicht zum Nachteil des Mitarbeiters avanciert. Ansonsten funktioniert das Instrument Feedback nicht, weil das Team sich mit einem ehrlichen Feedback zurückhalten würde, sollten persönliche Nachteile möglich sein.

Wer Macht hat, muss für Vertrauen sorgen

Der vorstehende Punkt macht deutlich, wie wichtig Vertrauen ist. Macht darf keine Angst auslösen, was sie aber in der Praxis oft tut und sich auch nicht gänzlich beseitigen lässt, da dieses Ziel aufgrund seiner Komplexität unerreichbar ist. Den Weg, vertrauen zu können, muss der Vorgesetzte, der mit Macht ausgestattet wurde, seinem Team transportieren. Dies kann er durch eine kontinuierliche offene Kommunikation erreichen, indem er das Vertrauen schafft, ebenso für kritische Fragen offen zu sein. Allerdings ist dieser Kommunikationsweg keine Einbahnstraße zugunsten des Mitarbeiters. Alle Teammitglieder müssen ebenso offen für Sachkritik sein. Dies klingt selbstverständlich, jedoch sieht die Praxis oft gegenteilig aus, denn viele Damen und Herren haben Schwierigkeiten, Sachkritik von persönlicher Kritik zu unterscheiden.

Manager, die Macht ausüben, sollten lernen, mit negativem Feedback professionell umzugehen. Grundsätzlich ist dies eine Herausforderung, insbesondere für Jungmanager, die oft mit der ihr übertragenen Macht überfordert sind. Zwar ist nicht jedes negative Mitarbeiter-Feedback auch stets begründet, jedoch ist umgekehrt nicht jede negative Rückkoppelung des Mitarbeiters unbegründet. Der vorstehende Punkt untermauert einmal mehr, wie wichtig Transparenz, Offenheit, Vertrauen und der Dialog sind, um Machtmissbrauch soweit wie möglich zu verhindern.

Teamarbeit in der Matrix

Viele Logistikunternehmer haben sich auch deshalb für eine Matrixorganisation entschieden, um das Risiko des Machtmissbrauchs zu reduzieren. Bei der Matrix geht es um die Schnittstelle des Geschäftsfelds einerseits, zum Beispiel Kontraktlogistik (Hauptfunktion) und der Querschnittsfunktion, etwa das Risiko-Management, andererseits. Beide Funktionsbereiche stehen in der gleichberechtigten Verantwortung, die Aufgaben zu lösen. Dies führt dazu, dass die Macht nicht nur bei der Hauptfunktion, sondern auch in der Querschnittsfunktion liegt. Die Matrix zwingt zur Teamarbeit, was ein Vorteil ist, denn sie relativiert die Macht im Beziehungsnetz. Allerdings kann die Matrix zusätzliche Machtkämpfe durch Zuständigkeitskonflikte auslösen. Dies ist ein klarer Nachteil der Matrixorganisation.

Fazit: Entscheidungen sind ohne Macht nicht umsetzbar

Unternehmerische Macht ist eine zu erfüllende Aufgabe, ohne die kein Logistikunternehmer erfolgreich wäre. Denn ohne Macht sind notwendige Entscheidungen nicht umsetzbar. Allerdings kann Macht auch schädlich sein oder sogar das Aus für den Logistikbetrieb bedeuten, wenn die Machtinhaber ihre Macht missbrauchen. Zum Beispiel, um den Unternehmensgewinn – zu Lasten der Steuerzahler – rechtswidrig zu steigern.

Der Beitrag erschien in materialfluss SPEKTRUM 2022 (7/22).

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