Aus materialfluss 5/2020
Intra Logistik: Wie lange können Sie auf Blaubeeren aus Burundi verzichten?
In der Corona-Krise schlägt die Stunde der Logistik. Denn Versandhandel und KEP-Dienste fahren zur Hochform auf, Homeoffice und Hamstern bringt sogar Amazon in Lieferprobleme, und der DHL-Mann hält alle Hygiene-Vorschriften ein, indem er Dir dein Paket exakt zwei Meter entfernt vor die Füße stellt, Dir sein Handheld reicht, seinen Stift in die Hand drückt und um ein Autogramm bittet.
In der Corona-Krise zeigt sich jedoch vor allem das Versagen der Lieferketten. Ein Beispiel: Der Anbieter von Hygieneartikeln Franz Mensch im Allgäu verfügt über eine hervorragende Logistik, motivierte Mitarbeiter, das modernste Distributionszentrum – und konnte zu Beginn der Krise den Bedarf seiner Kunden nicht decken, weil der Gesundheitsminister nicht zuhörte und weil die Lieferketten irgendwo im Chinesischen Meer versickert sind. Das gleiche passierte den Auto-Fabrikanten, und selbst der hamsterndste Homeoffice-Held hätte eine Packung Mehl und zwei Rollen Dreilagiges gegeben für eine Webcam oder ein Headset mit weniger als drei Monaten Lieferzeit.
Auf Blaubeeren aus Burundi kann man ja noch eine gewisse Zeit verzichten. Aber am Beispiel der Versorgung mit Medikamenten, die in Indien oder China hergestellt werden, kapiert auch der leidenschaftlichste Globalisierer, dass Global Sourcing nicht immer der Gipfel ist und dass Tomaten aus China, die in Ostafrika angebaut und in Italien umgelabelt werden, nicht die Pizza bei „Da Enzo“ in Herne-Eickel exotischer machen.
Vielleicht sollten wir über was ganz Verrücktes nachdenken: Local Sourcing. Brauchen wir wirklich für alle Produkte ein weltumspannendes Liefernetzwerk? Oder tut es nicht auch der mittelständische Fertigungsbetrieb im Sauerland? Ist es nicht für den Wirtschafts- und für den Finanzminister eine Chance, nach der Krise in den Ausbau solcher Strukturen zu investieren, anstatt Geld zu verteilen, damit man wieder Billigeinkäufe in Fernost machen kann? Wie Local Sourcing neu definiert wird, sieht man an Online-Fertigungsplattformen wie Spanflug oder Laserhub. Oder daran, dass man seit Einführung der Maskenpflicht plötzlich überall Masken bekommt – im Zweifel handmade in Germany.
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