Aus materialfluss 8-9/2019

Martin Schrüfer,

materialfluss Round Table: „Die Hemmschwelle, in die Automatisierung zu gehen, sinkt“

Um nichts weniger als um die Zukunft der Fördertechnik ging es beim materialfluss ROUND TABLE Gespräch. Oder sagen wir: Um Trends und einen sich verändernden Markt. Vorhang auf für vier kluge Köpfe und einer Tour durch die moderne Intralogistik.

Vier Experten und ein Neugieriger (v.l.): Andreas Koch, SSI Schäfer Automation, Dr. Wilfried Kugler, Gebhardt Group, Victoria Stelzer, Knapp, Chefredakteur Martin Schrüfer und Peter Schmidt, Beumer Group. © Thilo Härdtlein

Am Round Table bei WEKA in Haar bei München nahmen teil: Andreas Koch, Head of Product ­Management bei SSI Schäfer Automation Giebelstadt, Dr. Wilfried Kugler, Head of Automation & Software bei der Gebhardt Group, Peter Schmidt, Head of Sales Tailor-Made Solutions bei der Beumer Group und Victoria Stelzer, Product Management bei Knapp.

materialfluss: Zu Beginn würde ich Sie gern fragen, womit Sie und das Unternehmen, für das Sie arbeiten, gerade beschäftigen. Fangen wir mit Herrn Schmidt an: Was kann ich unter Tailor-Made Solutions verstehen?


Peter Schmidt: Ich bin seit rund zehn Jahren bei Beumer beschäftigt, zunächst als Gebietsvertriebsleiter, dann in der Zentrale in Beckum als Leiter des Center of Competence Palettierung und Verpackungstechnik. Seit rund einem Jahr betreue ich die Tailor Made Solutions, womit wir darauf reagieren, dass unsere Kunden zunehmend ­Systemlösungen anfragen. Beumer kommt aus dem klassischen ­Produktgeschäft. Wir sind mittlerweile anders aufgestellt und können nicht nur Palettier- oder Verpackungsgeräte anbieten, sondern auch komplette Verpackungslinien. Sprich, wir können als Generalunternehmer auftreten, aber auch speziellere Applikationen mit hohem Engineering anbieten.

Anzeige


Wilfried Kugler: Ich arbeite seit drei Jahren bei der Gebhardt Group und verantworte dort den Bereich Software und Automatisierungstechnik. Gebhardt war lange Zeit ein Komponentenlieferant und macht seit rund zehn Jahren auch Systemgeschäft. Das macht ­mittlerweile 60 bis 70 Prozent unseres Umsatzes aus. Wir haben eine hohe Fertigungstiefe in den Anlagen und werden in einem nächsten Schritt diese mit zusätzlichen Software-Services anreichern.


Andreas Koch: Ich arbeite seit acht Jahren bei SSI Schäfer Auto­mation und bin zuständig für das Produktmanagement. SSI Schäfer versteht sich als Lösungsanbieter, der von modularen Logistiksystemen bis zur Logistiksoftware alles anbietet, auf Wunsch als GU. Im Bereich Fördern haben wir in den vergangenen zwei Jahren den Schwerpunkt auf die AGVs gelegt und die Kombination aus Stetigförderern und den AGVs. Zudem haben wir im Bereich der hoch­dynamischen Systeme unser Shuttleportfolio erweitert und setzen dies fort.


Victoria Stelzer: Ich bin seit knapp sieben Jahren bei Knapp beschäftigt und im Produktmanagement zuständig für den Bereich Fördertechnik, aktuell für Behälter- und Kartonfördertechnik. Knapp kommt ebenso wie SSI Schäfer aus dem Systemgeschäft und haben eine große Bandbreite an Produkten. Die AGVs sind bei uns echte AMRs (Autonomous Mobile Robots), heißen bei uns Open Shuttles und sind ebenfalls sehr wichtig in unseren Lösungen. Im Konzept Evo+ kombinieren wir Open Shuttles mit Lagertechnik und ent­wickeln die Produkte weiter. Auch Micro Fulfillment ist ein Thema für uns, Lösungen für die Feinverteilung im urbanen Raum beziehungsweise Lager mit beschränktem Platz.

mfl: Nimmt der Grad der Automatisierung stetig zu?
Koch: Ja, da es zum einen immer schwieriger wird, Mitarbeiter in der Intralogistik zu finden, zum anderen auch mehr auf die Gesundheit der Mitarbeiter dort geachtet wird. Gesetzliche Bestimmungen sorgen beispielsweise in skandinavischen Ländern dafür, das Gesamtgewicht welches der Mitarbeiter pro Schicht heben muss, zu limitieren. Auch im Tiefkühlbereich nimmt die Automatisierung zu. Also überall dort, wo die Belastung für den Mitarbeiter sehr hoch ist. Dennoch wird auch in vielen Jahren noch der Mensch kommissionieren.


Kugler: Ja, und das trotz des demographischen Wandels.


Schmidt: Der Fachkräftemangel ist gravierend, man bekommt ja selbst Staplerfahrer nicht mehr. Insofern steigt die Nachfrage an Automatisierung fast dramatisch. Von der vollautomatischen Lkw-Beladung bis zum Palettenhandling.


Koch: Die Hemmschwelle, in Automatisierungstechnik zu gehen, sinkt. Trotzdem ist es für ein kleines Unternehmen ein großer Schritt, aus einem rein manuellen Lager umzusteigen, das verändert ebenso viele interne Prozesse.


Stelzer: Wir dürfen den Aspekt nicht vergessen, dass die Prozesse in der Qualität und Geschwindigkeit wie sie heute gefordert wird, gar nicht mehr manuell abbildbar ist. Der Endkunde, der alles sofort geliefert haben will, trägt dazu bei. Eine Vollautomatisierung nach unserem Verständnis soll aber nicht den Menschen ersetzen, denn dieser kann immer noch mehr als eine Maschine. Aber sie soll die Arbeit für ihn erleichtern.


Kugler: Es gibt viele Internet-Unternehmen, die in den vergangenen Jahren stark gewachsen sind und die nun an den Punkt kommen, dass es manuell nicht mehr handhabbar ist. Diese Unternehmen wollen Konzepte für die Automatisierung von uns. Zunächst wird in Fördertechnik für die Kommissionierung investiert und dann in die Automatisierung der Lagertechnik.

mfl: Kommen die Kunden bereits mit konkreten Vorstellungen oder lassen sie sich erst mal ein Konzept erarbeiten?
Stelzer: Es gibt Kunden, die auf einer Messe einen Roboter gesehen haben und diesen haben wollen. Andere ­lassen uns erstmal planen. Auf beides müssen wir eingehen. Kunden, die genaue Wünsche haben, sind ab und zu die schwierigeren Kunden, da wir ­diesen ja nicht direkt sagen können, dass die Lösungen, an die wir denken, sinnvoller sind (schmunzelt).


Kugler: Es ist für den Kunden heute auch viel schwieriger, die zahlreichen Anbieter und Lösungen richtig einzuordnen, die Vielfalt ist mittlerweile enorm.


Schmidt: Umso schöner ist es doch, dass die Kunden uns und auch allen Unternehmen, die hier am Tisch sitzen, vertrauen. Der direkte Kontakt ist vorhanden und wir bieten ja auch Engineering an. Dafür braucht der Kunde kein Ingenieurbüro.


Koch: Man muss als Unternehmen genau abwägen, wie man vorgeht. „Cherrypicking“ verschiedener Komponenten führt häufig dazu, dass das Zusammenspiel im Gesamtsystem Schwierigkeiten bereitet. Am Ende trägt keiner die Gesamtverantwortung und zeigt mit dem Finger auf den anderen.


Kugler: Die Projekte, die man selbst komplett abdeckt, sind in der Regel diejenigen, die am besten und saubersten laufen.


Koch: Man ist auch anders gefordert als Unternehmen, als wenn man nur eine ­Komponente liefert.
Stelzer: Alle Produkte und Funktionen, die man aus eigener Hand liefern kann, sind aufeinander abgestimmt und können zu Höchstleistungen optimiert werden.

mfl: Was macht die Arbeit für Intralogistikspezialisten schwierig?
Koch: Die Geschwindigkeit, mit der die Logistik laufen muss, gepaart mit der zunehmenden Angebotsvielfalt und der Erwartungshaltung des Verbrauchers, der alles schnell geliefert haben will.

mfl: Welche Rolle spielt die Geschwindigkeit bei der Projektierung und Um­setzung?


Kugler: Ein widersprüchliches Thema. Der Kunde will es schnell haben, aber die Lieferzeiten in nahezu der kompletten Branche sind aktuell sehr lang. Selbst für kleine ­Projekte. Kein Kunde will hören, dass man erst in einem Jahr liefern kann. Also muss man sich so aufstellen, dass man diese dazwischenschieben kann. Das begrenzende Element kann auch das Personal sein, denn auch Mitarbeiter, die eine Anlage in Betrieb setzen können, sind ebenso Mangelware.


Schmidt: Von der Wartung der Anlage ganz zu schweigen. Geschwindigkeit bei Projektierung und Umsetzung sind inzwischen nicht selten ein USP. Im Vorteil ist, wer dem Fachkräftemangel rechtzeitig entgegen­gesteuert hat, beispielsweise durch höhere Ausbildungsquoten und intensive Zusammenarbeit mit Hochschulen, aber auch insgesamt durch eine hohe Attraktivität als Arbeitgeber.

mfl: Und der Aftersale? Kann man sich hier noch differenzieren?


Stelzer: Ja, sicherlich. Kunden zu behalten nach der Fertigstellung des Projekts und dass diese gern bei uns bleiben, darum geht es. Wenn Sie einen Kunden nach der Realisierung fallen lassen, spricht sich das schnell rum.


Schmidt: Der Customer Support trägt bei uns bis zu einem Drittel des Umsatzes bei, was seine Wichtigkeit unterstreicht. Und wir bieten unseren Kunden auch in diesem Bereich immer wieder neue Produkte an - beispielsweise im digitalen Bereich -, die sie unterstützen.


Kugler: Die Anlagen im Auge zu behalten, nachdem sie laufen, ist wichtig. Hier hilft uns die Softwareanbindung Galileo-IoT, wir haben alle Anlagen bei uns im Dashboard und können noch bevor etwas passiert, Empfehlungen geben. Das kommt gut an beim Kunden und wird eigentlich mit allen Anlagen, die wir neu verkaufen, gleich mitgebucht.

mfl: Welcher technologische Trend wird die größte Veränderung bringen? Ist es die Digitalisierung oder müssen wir eher in den Bereich der Materialien blicken?


Koch: Fliegen werden die Produkte auch in den kommenden Jahren nicht. Das Vernetzen und die Digitalisierung werden zunehmen. Auch als lernende Systeme Stichwort Künstliche Intelligenz. An der Technik als solche wird es sicherlich Verbesserungen geben, aber eine Revolution erwarte ich nicht.

mfl: Was hat Ihr Team im Köcher, Herr Schmidt?
Schmidt: Auch ich erwarte keine Revolution aber was wir bemerken ist, dass immer mehr Flexibilität benötigt wird. Stichwort Skalierbarkeit. Wenn manche Kunden das Wort Stetigfördertechnik nur hören, wird es schon schwierig (lacht).

mfl: „Stetig“ klingt aber auch wenig innovativ …
Schmidt: Dabei gibt es Anwendungen, in denen diese unschlagbar ist, was Preis und Leistung angeht.
Kugler: Und mit denen wir alle ja auch Geld verdienen (schmunzelt).
Schmidt: Das ist so, und wenn der Kunde dennoch mit einem „sexy“ AGV fahren will, kann man oft genug schnell vorrechnen, dass die Stetigfördertechnik für ihn besser ist.
Stelzer: Das eine wird das andere nicht ersetzen, es geht um die Kombination.

mfl: Ist es wirklich eine Art Natur­gesetz, dass an der Stetigförderung kein Weg vorbeiführt?
Koch: Komplexe Intralogistikprozesse funktionieren nur dann, wenn Sie an bestimmten Stellen einen Puffer bilden können. Überall dort, wo ich Puffer brauche, ist die Fördertechnik mit, sagen wir, fünf Paketen drauf günstiger als fünf Fahrzeuge mit je einem Paket.


Kugler: Bei Durchsatzleistungen mit zwei- oder dreitausend Behältern geht das aktuell nur mit Fördertechnik. Wir haben ein Modell in einer Vorlagerzone mal durchgerechnet: Demnach müsste ein AGV 3.000 Euro kosten, um vergleichbare Kosten zur Fördertechnik zu haben. Davon sind wir weit entfernt. AGVs sind perfekt für die Vernetzung von Produktion und Logistik – Routenzüge, Staplertransporte lassen sich perfekt damit abwickeln.


Stelzer: Im Hochdurchsatzbereich benötigt man einfach Stetigfördertechnik, und nur bei geringen Durchsätzen – auch in Kombination mit langen Transportwegen – oder stetig wechselnden Quellen und Zielen die AGVs sinnvoll.

mfl: Wie technikbegeistert sind die Kunden? Muss es immer das heißteste, inno­vativste sein? Lebt der „Spieltrieb“ noch?


Alle (unisono): Ja!


Stelzer: Es gibt durchaus Produkte, die Kunden regelrecht begeistern, nehmen wir beispiels­weise einen Roboter als Ersatz für einen Ware-zur-Person-Arbeitsplatz. Oder Open Shuttles. Das spürt man.


Schmidt: Es gibt Kunden, die experimentier­fähig sind und auch als Leuchtturm in ihrer Branche wahrgenommen werden. Andere ­warten ab, das lässt sich nicht verallgemeinern.
Kugler: Man muss neue Technologien aus­probieren und auch wir entwickeln diese ja auch nicht zum Spaß.

mfl: Sie klingen allesamt optimistisch, ­weshalb ich mich kaum nach der Konjunkturerwartung zu fragen traue. Ist die Zeit der vollen Auftragsbücher vorbei?


Koch: Wenn ich pro Jahr zehn Prozent Umsatzwachstum habe und erwarte, immer weiter zu wachsen, dann bin ich als Unternehmer un­realistisch. Wo es ein „rauf“ gibt, muss es auch ein „runter“ geben, das ist ganz natürlich.


Stelzer: Weil große Projekte naturgemäß längere Durchlaufzeiten haben. Aktuell ist die Situation absolut zufriedenstellend. Ich glaube also nicht an Panik-Szenarien.


Schmidt: Wir sind ebenso optimistisch und sehr diversifiziert aufgestellt, produktseitig wie auch territorial. Ein Familienunternehmen wie ­Beumer will gesund, überschaubar und steuerbar wachsen.


Kugler: 2008 konnten wir durch einen hohen Auftragsbestand die Krise quasi wegpuffern, ähnlich wird es sein, wenn wieder ein Abschwung kommt. Eine gewisse Konsolidierungsphase hat noch keiner Branche geschadet. In Zeiten der Hochauslastung besteht die Gefahr, Innovationen zu vernachlässigen.

mfl: Frau Stelzer, die Herren: Vielen Dank für das Gespräch.


Das materialfluss ROUND TABLE fand
am 17. Juli in der Niederlassung Haar von WEKA BUSINESS MEDIEN statt. Dass Bundeskanzlerin Angela Merkel am gleichen Tag Geburtstag feierte, war reiner Zufall, animierte die Teilnehmer und den Moderator Martin Schrüfer aber durchaus zu der einen oder anderen „Merkel-Raute“.

Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige

Newsletter bestellen

Immer auf dem Laufenden mit dem materialfluss NEWSLETTER

Aktuelle Unternehmensnachrichten, Produktnews und Innovationen kostenfrei in Ihrer Mailbox.

AGB und Datenschutz gelesen und bestätigt.
Zur Startseite