zuruck zur Themenseite

Artikel und Hintergründe zum Thema

Meinung

Walter Dorsch,

materialfluss ROUND TABLE: In der Prozesskompetenz liegt die Marge

Wie E-Commerce und die Evolution der Verkaufskanäle bis hin zum Omni-Channel die Intralogistik prägen, und welche Auswirkungen neue Trends haben, waren Themen beim Materialfluss Round Table zum Thema E-Commerce. Zwei Logistikexperten von SSI Schäfer und ein Hochschulexperte wagten einen Ausblick auf zukünftige Entwicklungen.

(v.l.n.r.): Martin Schrüfer und Susanne Frank (beide Materialfluss), Markus Spindler (TU München), Jakob Beer und Markus Schmermund (beide SSI Schäfer). Foto: Thilo Härdtlein © Thilo Härdtlein

Im Ambiente des legendären Stanglwirt, in Neufahrn vor den Toren Münchens, moderierte Chefredakteur Martin Schrüfer eine spannende Diskussionsrunde. Die Gesprächspartner Dr. Jakob Beer, Director Business Development Food Retail bei SSI Schäfer, Markus Schmermund, Vice President Wamas Enterprise Solution bei SSI Schäfer und Dipl.-Ing. Markus Spindler, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Fördertechnik, Materialfluss, Logistik an der TU München hatten unter anderem auch Antworten zum Stand der Technik und zu den Grenzen des derzeit Machbaren im Gepäck. In seiner Anmoderation lenkt Martin Schrüfer das Gespräch gleich in Richtung E-Commerce und will von der Runde wissen, welche Bedeutung das Thema für die Anforderungen an die Intralogistik in den einzelnen Marktsegmenten hat. Alle Augen richten sich auf Dr. Jakob Beer. Er kennt die Logistik rund um den Bereich Lebensmittel-Einzelhandel aus der täglichen Praxis. „E-Commerce im Lebensmittel-Einzelhandel steht heute ungefähr da, wo die meisten anderen Branchen vor 10 bis 15 Jahren waren“,  beschreibt der Food Retail Experte von SSI Schäfer die Branche. „Die meisten etablierten Einzelhändler mit Filialnetz sehen den E-Commerce häufig noch als Gefahr. Deshalb engagieren sie sich nur widerwillig in diesem Bereich, um den Anschluss nicht zu verpassen.“ Auf der anderen Seite gäbe es eine ganze Menge Start-up-Unternehmen, die den E-Commerce als Chance begriffen. „Die ganze Start-up-Branche muss das Potenzial des E-Commerce ausschöpfen, um nicht auszusterben. Es wird zur Konsolidierung kommen und der Unterschied zwischen denen, die am Markt bestehen und denen die nicht bestehen, ist zum großen Teil die Effizienz der Intralogistik-Prozesse“,  glaubt Beer.

Anzeige
„Durch die digitale Vernetzung der Wertschöpfungskette geht die Intralogistik-IT weit über das Lager hinaus.“ Markus Schmermund, SSI Schäfer

Deutliche Worte. Genauso sieht das Markus Schmermund. „Was die Intralogistik dort beeinflusst, ist ja grundsätzlich erst mal der Wechsel vom Produzenten- zum Konsumenten-Markt. Das prägt die Logistik per se und natürlich die Intralogistik in Bezug auf Artikelvielfalt, Lagerbestände und Losgröße 1. Schlagwort ist Automation nach Maß. Ausgerichtet am Geschäftsmodell des Kunden gilt es die Lösungen zu gestalten. Andere Schlagworte wie Flexibilität, Skalierbarkeit oder Modularität gewinnen an Bedeutung. Das bringt für die traditionellen Intralogistik-Unternehmen enorme Veränderungen, sowohl in der Regaltechnik als auch in der Fördertechnik oder in der Software. Um preislich attraktiv zu sein, muss man modular denken. Man kann nicht jedes Projekt von Grund auf neu beurteilen.“

Soeben bestellt, schon wieder zu klein

Ein wichtiger Aspekt für Anbieter von Logistiklösungen sei die gesamte Projektdurchlaufzeit, ergänzt Beer. Diese müsse bei E-Com bedeutend kürzer sein als bei herkömmlichen Geschäftsmodellen: „Sonst sei das neue Lager zu dem Zeitpunkt, an welchem es live gehe, vielleicht schon wieder zu klein – wenn man die Wachstumsraten in der Branche betrachtet. Auf der anderen Seite ist es nicht zielführend, eine zweistellige Wachstumsrate über mehrere Jahre in die Lagerdimensionierung einzuplanen, weil das Projekt sonst die finanziellen Grenzen sprenge. Wichtig ist daher, die Lösungsmodule so zu gestalten, dass sie mit dem Geschäft mitwachsen können, ohne dass etablierte Prozesse umgeschmissen werden müssen.“

Susanne Frank fragt nach. Wie kann man ein Start-up-Unternehmen, das erstmal manuell arbeiten möchte, davon überzeugen, dass Automation wichtig ist?
„Müssen wir gar nicht“,  so Beer, „weil wir bei SSI Schäfer nicht unbedingt automatisieren müssen. Uns steht die Bandbreite vom Regal bis zur High-Tech-Lösung zur Verfügung. Wenn wir mit Start-up-Unternehmen, speziell aus dem Lebensmittelbereich, über Automation reden, dann geht es fast immer um die Konsolidierung des Warenausgangs. Hier gilt es, eine Lösung zu finden, die den Druck auf den Ladebereich etwas rausnimmt. Das sind die Elemente, bei denen auch Start-ups realisieren, dass es bei einer bestimmten Durchsatzmenge manuell nicht mehr effizient zu gestalten wäre.“

Die Forschung schaut auf FTS

Bleibt in Anbetracht der Dynamik und immer kürzeren Realisierungszeiten überhaupt noch Zeit zum Forschen, will der Chefredakteur von Markus Spindler wissen. Für den Wissenschaftler ist die Trennung zwischen Distributionslogistik und Produktionslogistik, durch den E-Commerce, ziemlich klar. „Richtung Forschung schaut man natürlich auch, was man mit flexibleren Systemen machen kann, wie beispielsweise Fahrerlose Transportsysteme (FTS). Die Anforderungen sind durch die Losgröße 1 anders geworden. Auf einmal müssen sehr viele Sendungen durch das ortsfeste System geschleust werden, weil der Kunde seine Ware schnell haben möchte.“

Dreifach geballtes Wissen über E-Commerce und Supply Chains (v.l.n.r.): Markus Schmermund, Vice President Wamas Enterprise Solution bei SSI Schäfer, Dipl.-Ing. Markus Spindler, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Fördertechnik, Materialfluss, Logistik der TU München und Dr. Jakob Beer, Director Business Development Food Retail bei SSI Schäfer. © Thilo Härdtlein

Für die Intralogistik stellt sich die Herausforderung, dass die angebotene Lösung mit dem Geschäftsmodell des Kunden wächst, das heißt die nachhaltige Intralogistiklösung bietet austauschbare Komponenten für den unterschiedlichen Grad der Automation und Lagerkomplexität. SSI Schäfer verfügt über ein breites Portfolio unterschiedlichster Technologiebausteine, diese gelte es, modular zusammenzusetzen und auch wieder zu trennen, je nach dem Verlauf der Geschäftsentwicklung des Kunden, so Schmermund. Hierbei gilt es, sich mit den angebotenen Lösungen auf die wesentlichen Treiber Stückkosten, Durchlaufzeiten und Lagerbestände zu fokussieren.

„Um als Unternehmen überhaupt zu bestehen, brauchen Sie effiziente Intralogistikprozesse.“ Dr. Jakob Beer, SSI Schäfer

„Amazon ist ein typisches Beispiel dafür, wie die Schnittstelle zwischen manueller Arbeit und Automation funktioniert“,  bemerkt Beer. „Viele Prozesse erfolgen manuell, aber es gibt eine effiziente Schnittstelle zur Vollautomatisierung Richtung Warenausgang und genau da muss man bei schnellwachsenden Unternehmen ansetzen.“ Zustimmung kommt von Markus Spindler. „Es gibt viele Ansätze für mehr Automation. Technisch ist heute vieles möglich, zum Beispiel beim Picking. Die Wirtschaftlichkeit ist jedoch noch ziemlich weit weg, so dass der Mensch nach wie vor Aufgaben übernimmt, insbesondere das Kommissionieren von Einzelteilen.“

Markus Schmermund ist davon überzeugt, dass der Einsatz von Robotern in der Intralogistik mit dem Bedarf an Produktivitätssteigerung dann Sinn macht, wenn der Mensch mit dem Faktor Lohnkosten unattraktiv beziehungsweise die Abhängigkeit zu groß wird.

Beer sieht im Verpackungsdesign ein grundlegendes Problem beim automatischen Handling. „Wir müssen Verpackung automatisch handelbar machen“,  fordert der Food Retail-Experte. Wenn man einigermaßen gleichförmige Verpackungen hätte, könne man heute schon hocheffizient schnell kommissionieren. Sensorik, Bilderkennung und Mechanik entwickelten sich weiter, aber das sei häufig noch nicht schnell genug. Und wenn es dann schnell genug wäre, gäbe es den Business Case dafür nicht, weil die Technik einfach noch zu teuer sei. Man müsse die Sache von beiden Seiten angehen.

Markus Spindler glaubt nicht, dass sich kurzfristig im Verpackungsbereich etwas ändern wird. Man solle sich da nicht zu viel versprechen, warnt der Dipl.-Ing.

Was bedeutet überhaupt Prozesswissen?

Die Redaktion lenkt das Gespräch in Richtung Best Practices und hinterfragt den Begriff Prozesswissen. Schmermund sagt: „SSI Schäfer bietet als global agierendes Unternehmen die Möglichkeiten an, unterschiedliche Märkte und Ausprägungen von Unternehmensentwicklungen zu beobachten, zu analysieren und den Bedarf in Lösungen umzusetzen. Hierbei ist es entscheidend, die Wertschöpfung noch näher am Kunden umzusetzen. Dafür muss ich das Geschäftsmodell des Kunden kennen und verstehen, auf den Logistikprozess herunterbrechen und in unmittelbarem Zusammenhang die IT-Prozesse abbilden. In der Prozesskompetenz, die wir mit unserer branchenspezifischen Ausrichtung fortlaufend ausbauen, liegt der Hebel zur Wertschöpfung. Im Fashion-Bereich liegt der Fokus im Besonderen auf der Retourenabwicklung, da die in dieser Branche ausgeprägt hohe Retourenquote für den Kunden schmerzhaft ist. Die Qualität und die Variabilität in Punkto Automatisierungsgrad – Stichwort Automation nach Maß – unserer Anlagen und die intelligente Verknüpfung mit unseren Softwarelösungen bestimmen den Erfolg einer fortschrittlichen Intralogistiklösung.“

Für Beer ist es wichtig, zu verstehen, die verschiedenen Komponenten zu verknüpfen und die Prozesse so zu gestalten, dass man den maximalen Durchsatz erreicht. Wenn es um Dinge wie Same Day oder Same Hour gehe, würde sich die Spreu vom Weizen trennen.

„Es gibt viele Ansätze für mehr Automation, technisch ist heute vieles möglich, zum Beispiel beim Picking.“ Markus Spindler, TU München

Same Day / Same Hour – eine Herausforderung für die Logistiker oder die Grenze des Machbaren? „Sicher stellt Same Day / Same Hour eine Herausforderung dar, die wir als Intralogistiker zu lösen bereit sind, aber nicht die Grenze des Machbaren. Hierbei handelt es sich um eine von vielen Kundenerwartungen, die der Internethandel mit sich bringt. E-Commerce in all seinen Ausprägungen bis hin zum Omni-Channel verändert die Voraussetzungen für unsere Kunden. ‚Customer Centricity‘ bedeutet kleine Bestellmengen und höhere Bestellfrequenzen, um die individuellen Anforderungen der Konsumenten zufriedenzustellen. Durch die digitale Vernetzung der gesamten Wertschöpfungskette muss die Intralogistik-IT weit über das Lager hinausgehen und die Beschaffungs- und Distributionsseite bis hin zum Konsumenten integrieren. Unternehmen mit einer End-to-End Supply Chain reagieren schneller auf Konsumentenbedürfnisse. Die Antwort der Intralogistik auf den Wandel von etablierten bis hin zu kunden- und technologie-getriebenen Geschäftsmodellen ist eine übergeordnete Steuerungsinstanz zur Optimierung, Steuerung und Überwachung aller Daten- und Warenströme innerhalb der Supply Chain. Diese gewährleistet dem Kunden die Sicherstellung der Prozessführerschaft.“

… und das Liefertempo wird immer schneller

Spindler ist beeindruckt vom Entwicklungstempo. „Supermärkte gibt es seit Anfang 1900. Seit 1990 gibt es das Internet und E-Commerce. Das hat sich langsam entwickelt. Der Sprung zum Same Day ging relativ schnell. Amazon propagiert die 2-Stunden-Lieferung, kostenfrei. Die Frage ist, nutzen die Kunden das im Alltag? Nach meiner Erfahrung wird es noch recht wenig genutzt. An den Kosten liegt es meistens gar nicht unbedingt.“ Eine Prognose, ob es irgendwann einen breiten Einsatz geben wird, will Spindler nicht wagen.

„Wenn wir über Same Day und Same Hour reden, bedingt das ein Omni-Channel-Konzept“, gibt Jakob Beer, zu bedenken. „Man muss standortübergreifend denken, weil es unmöglich ist, den Kunden innerhalb von zwei Stunden aus einen 500 km entfernten Lager zu bedienen. Nach diesem Schritt ist es kein Intralogistikproblem mehr. Es ist dann ein Interlogistik- oder Supply Chain- Problem, welches wir in unserer Planung ebenfalls durchdenken müssen“,  so Beer abschließend.

  • Xing Icon
  • LinkedIn Icon
Anzeige
zurück zur Themenseite
Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige

Outdoor-FTS

Autonomer Gabelstapler für den Außeneinsatz

Während Indoor-FTS bereits seit vielen Jahren etabliert sind, stellen Regen, Schnee, Nebel oder wechselnde Lichtverhältnisse im Außenbereich eine besondere Herausforderung dar. Klassische Safety-Laserscanner stoßen hier an Grenzen. Neumaier Industry...

mehr...

FTS

Modulare Lösungen vermeiden Stillstand

Fahrerlose Transportsysteme werden in der Intralogistik im Zuge der zunehmenden Automatisierung immer wichtiger. Damit steigen die Anforderungen an deren Flexibilität, Verfügbarkeit und Zukunfts­fähigkeit. Melkus Mechatronic begegnet dieser...

mehr...
Jetzt Newsletter abonnieren