Kommissioniertechnik

Martin Schrüfer,

Pick-By-Vision im Kommen: Leichter in die Zukunft

Es ist erst vier Jahre her, als die Einführung von Google Glass auf breiter Front scheiterte. Die Technik war nicht ausgereift und es mangelte auch an Akzeptanz, sowohl im privaten, als auch insbesondere im industriellen Bereich. Doch die Entwicklung ist seither rasant fortgeschritten. materialfluss gibt einen Überblick über den Stand der Dinge und die Strategien dreier wichtiger Anbieter.

Heute sind bereits Datenbrillen auf dem Markt verfügbar, die ein deutlich höheres Datenvolumen verarbeiten können, deren Akkulaufzeit höher ist und deren Tragekomfort aufgrund eines deutlich verringerten Gewichts entscheidend verbessert wurde“, meint Holger Häring, Bereichsleiter Verkauf bei Logistik-Spezialist IGZ. Smart Glasses könnten heute daher wesentlich länger getragen werden, ohne dass sich Ermüdungserscheinungen oder auch Kopfschmerzen einschleichen würden. Speziell bei der Kommissionierung mit Datenbrillen und SAP EWM (SAP Extended Warehouse Management) hat IGZ bereits bei Pilotprojekten erfolgreich implementiert. Auch das Unternehmen Picavi teilt den Optimismus: „Die Datenbrille ist absolut einsatzfähig in der Intralogistik und überzeugt immer mehr Kunden. Jetzt geht es darum, einerseits noch mehr Auftraggeber zu gewinnen und anderseits unser Ökosystem weiterzuentwickeln. Mit letzterem bezeichnen wir die Hard- und Software rund um die Datenbrille, also den spezifischen Picavi-Ansatz für Pick-by-Vision“ erklärt Johanna Bellenberg, Director Marketing und Communications.

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„Die Info-Bereitstellung erfolgt zielgerichtet und auch die während der Arbeit mental zu erbringenden Anstrengungen sinken.“

Holger Häring Bereichsleiter Verkauf IGZ Ingenieurgesellschaft für logistische Informationssysteme mbH

Nischentechnologie – oder Allheilmittel?

Im topsystem Systemhaus ist man etwas vorsichtiger. „Pick-by-Vision ist aktuell noch immer eine Nischentechnologie. Grundlegende Anforderungen der Logistikbranche beispielsweise an die Robustheit der Hardware und Unterstützung des Mehrschichtbetriebs erfüllen Pick-by-Vision-Lösungen aktuell nur eingeschränkt“, meint Geschäftsführer Tim Just. Er sieht die Lösung in der Kombination der Pick-by-Vision- mit der Pick-by-Voice-Technologie: „Die Prozesssteuerung erfolgt damit völlig intuitiv per Sprache. Die Häufigkeit der visuellen Einblendungen, auf die sich die Mitarbeiter beim Einsatz einer reinen Vision-Lösung hauptsächlich konzentrieren müssen, wird deutlich reduziert. Wir sind überzeugt, dass sich Pick-by-Vision vor allem als Assistenzsystem bezahlt macht.“

Generell halten aber alle drei Anbieter Pick-by-Vision für eine gute Sache. Unter anderem, weil damit die Augmented Reality, sprich die erweiterte Realität, Einzug in die Intralogistik hält. Dies birgt Vorteile in sich: Umständliches Hantieren, etwa mit Zetteln oder mit mobilen Datenerfassungsgeräten, entfällt. Außerdem wird teure Lagertechniken eingespart, die Informationsbereitstellung erfolgt zielgerichtet und auch die während der Arbeit mental zu erbringenden Anstrengungen sinken. Darüber hinaus leisten Datenbrillen durch die Möglichkeit zur Visualisierung von Warn- beziehungsweise Sicherheitshinweisen einen Beitrag zur Unfallverhütung, etwa beim Staplerbetrieb. „Hervorragend eignet sich die Hands-free-Technologie für mittelgroße Sortimente mit mittlerem Datendurchsatz. Speziell im Online-Handel, wo eine durchgängige Prozessautomatisierung auf Ebene der Intralogistik längst nicht die Regel ist, können Datenbrillen Defizite ausgleichen, die beim zeitaufwändigen und fehlerbehafteten manuellen Handling entstehen“, weiß IGZs Experte Holger Häring.

Picavi sieht den Vorteil in der Abstimmung zwischen Mensch und Technik: „Pick-by-Vision ist bestens auf den Menschen, der 80 Prozent seiner Sinneseindrücke an jedem Tag über das Auge aufnimmt, und dessen Arbeitsweise im Lager abgestellt. Das sekundäre Sichtfeld versorgt den Werker mit allen relevanten Informationen, um seine Aufgaben im Lager schnell und fehlerfrei zu absolvieren. In immer komplexer werdenden logistischen Umgebungen stellt die Pick-by-Vision-Lösung mit ihrem Assisted-Reality-Ansatz die ideale Ergänzung zur kognitiven Intelligenz und Flexibilität des Menschen dar. In Nischen, denken wir, wird auch Pick-by-Light in einigen Projekten weiter genutzt werden“, meint Johanna Bellenberg.

„Wir sind sicher, dass Pick-by-Vision künftig die Kommissioniertechnik schlechthin sein wird.“

Johanna Bellenberg Director Marketing und Communications Picavi GmbH

Pick-by-Vision spielt seine Vorzüge also immer dann aus, wenn es um ein variantenreiches Artikelspektrum geht. „Das trifft im E-Commerce in den meisten Fällen zu, wenn wir beispielsweise an die Fashion-Branche denken. Die Kunden erwarten schnelle und zuverlässige Lieferungen ihrer Bestellungen – die Qualität in der Auftragsbearbeitung muss dementsprechend hoch sein“, erklärt Tim Just von topsystem. Das sei eine der entscheidenden Wettbewerbsvoraussetzungen im E-Commerce. Bekommt ein Kunde einen falschen Artikel geliefert, führt das zu einer erhöhten Retourenquote und zu Unzufriedenheit. Pick-by-Vision könne hier unterstützen und die Lieferqualität durch zusätzliche visuelle Informationen, wie Produktbilder auf dem Display einer Smart Watch oder im Sichtfeld des Kommissionierers beim Einsatz einer Datenbrille, deutlich erhöhen.

Datenbrille mit nur 40 g Gewicht

Die Zukunft lässt grüßen: Pick-by-Vision aus dem Hause Picavi. Foto: Picavi

Und was von diesen schönen neuen Dingen kann der Logistikleiter kaufen und warum sollte er das tun? Bei der Umsetzung von Kundenlösungen favorisiert IGZ derzeit gewichtsmäßig ausbalancierte Datenbrillen wie Vuzix M300 oder Epson Moverio BT-300, die sich ohne jegliche Middleware direkt an SAP koppeln lassen und nach Unternehmensangaben einfach und flexibel in der Handhabung sind. Mit 40 Gramm ist das Gewicht dieser Smart Glasses äußerst gering, ist das Unternehmen überzeugt. Bei Picavi geht die Eigenentwicklung rasant weiter. „Im ersten Halbjahr 2018 präsentierten wir unter anderem auf den Messen LogiMAT, CeMAT und Modex ein neues User-Interface sowie einige Hardwareverbesserungen, die vor allem die Kabelverbindung zwischen Brille und Picavi Power Control betrafen“, erklärt Johanna Bellenberg. Mit diesem Akku- und Bedienelement kann die Brille über fünf große Tasten bedient werden. Durch die robustere Kabelverbindung wurde die Alltagstauglichkeit weiter gestärkt. Das aktualisierte Interface zeigt dem Werker noch übersichtlicher, welche Aufgaben anstehen und wie er sie bestmöglich absolviert.

„Pick-by-Vision macht sich genauso wie Pick-by-Voice eine zentrale, kognitive Fähigkeit des Menschen zunutze.“

Tim Just Geschäftsführer topsystem Systemhaus GmbH

Bei topsystem verweist man dagegen stolz auf den Lydia Smart Assistant, mit dem Prozess- und Artikelinformationen auf jedem Smart Device mit Display angezeigt werden können. So ist es möglich, beispielsweise Tablets als zusätzliche Informationsquelle an Transportmitteln (Rollwagen, Staplern et cetera) anzubringen. Wichtige Artikel- und Auftragsinformationen werden auf dem Bildschirm visuell dargestellt und können je nach Bedarf einfach zusätzlich abgerufen werden. Neben dieser Neuerung im Vision-Bereich hat sich bei topsystem auch einiges innerhalb der Lydia Voice-Suite insgesamt getan: Im Release 8 wurde die Spracherkennung auf eine komplett neue technologische Basis gestellt, so dass Anwender noch mehr Möglichkeiten für ein zukunftsfähiges Voice-Warehousing erhalten. Die Technologie arbeitet mit neuronalen Netzen für die Spracherkennung und geht damit einen entscheidenden Schritt in Richtung künstliche Intelligenz. So bleibt der Eindruck, dass Pick-by-Vision – ob in Kombination mit Pick-by-Voice oder solitär genutzt – bei den Anwendungsgebieten eine Kommissioniertechnik mit viel Entwicklungspotential auf der technischen Seite ist.

Martin Schrüfer

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