Stapler & Komponenten
Technik-Trend Stapler - Verbesserung der Ergonomie beim Sitz durch Verringerung der Vibration
Die EU schreibt mit einer neuen Vibrationsrichtlinie strenge Grenzwerte bei Ganzkörperschwingungen vor. Das betrifft auch Staplerfahrer – und die Betreiber von Flurförderzeugen. Denn sie müssen die Vibrationen „in angemessenen Abständen“ messtechnisch erfassen.
Die gesetzlichen Bestimmungen sind eindeutig: Die EU hat 2002 eine Vibrationsrichtlinie (2002/ 44/EG) verabschiedet. Diese Richtlinie, die seit dem 9. März 2007 in Deutschland in nationales Recht umgewandelt ist, legt Höchstgrenzen für mechanische Schwingungen fest, denen der Mensch am Arbeitsplatz ausgesetzt ist. Dabei kommt es nicht auf einzelne Spitzenwerte an. Vielmehr wird ein „Gesamtvolumen“ an Schwingungen festgelegt, dem ein Arbeitnehmer täglich maximal ausgesetzt werden darf.

Erkrankungsgefahr bei Schwingungen
Diese Regelung beruht auf medizinischen Erkenntnissen: Wer bei der Arbeit ständig mechanischen Schwingungen ausgesetzt ist, für den besteht eine deutlich erhöhte Gefahr von Muskel-Skelett- Erkrankungen, aber auch von neurologischen und Durchblutungs-Störungen. Und obwohl die Arbeitsplätze mobiler Arbeitsmaschinen längst nicht mehr so spartanisch ausgestattet sind wie noch vor zehn oder zwanzig Jahren, sind Schwingungen nach wie vor an der Tagesordnung. Dies gilt für Stapler ebenso wie für Baumaschinen. Man schätzt, dass in der gesamten EU rund 7,5 Mio. Arbeitnehmer von dieser Regelung betroffen sind.
Um die Richtlinie einhalten zu können, hat Grammer die „VibroControl“ entwickelt. Hubert Wittmann, Produktmanager Offroad bei Grammer: „Mit dem Gerät lässt sich die tatsächliche Belastung des Bedieners einer Maschine leicht ermitteln und ständig überwachen: Man befestigt die Vibro- Control einfach am Fahrerarbeitsplatz und zeichnet während einer Acht- Stunden-Schicht permanent die auftretenden Schwingungen auf. Dann errechnet man die Schwingungsbelastung für den Fahrer.“ Wird der zulässige Grenzwert – der, nebenbei bemerkt, in Deutschland niedriger ist als z.B. in den Niederlanden – erreicht oder überschritten, muss der Betreiber Gegenmaßnahmen ergreifen. Hubert Wittmann: „Das kann der Einsatz von Fahrersitzen mit besserer Schwingungsreduzierung sein, eine Reduzierung der Fahrgeschwindigkeit, das Einebnen von Fahrbahnen oder auch die Anschaffung von neuen Arbeitsmaschinen mit besserer Schwingungsreduktion.“
Sitze im grünen Bereich Natürlich spielt der Sitz die Hauptrolle bei der Schwingungsdämpfung. Grammer empfiehlt für Stapler seine Produktfamilie Primo – zum Beispiel den Primo M, der mit 200 mm den niedrigsten Seat Index Point (SIP) unter den vollgefederten Sitzen erreicht, und den Primo XL mit niedrigaufbauender Luftfederung und einem SIP von 238 mm. Anordnung und Form der Griffe folgen hier einer Logik, die der Fahrer intuitiv erfassen und nachvollziehen kann. Zum Beispiel ist der Hebel zur Gewichtsschnelleinstellung unterhalb des Sitzkissens an der Vorderseite angebracht. Damit will man möglichst viele Fahrer animieren, den Sitz auf ihr tatsächliches Gewicht einzustellen – das ist nötig, denn Untersuchungen haben gezeigt, dass 80% der Staplerfahrer mit falsch eingestelltemGewicht unterwegs sind.

Beim Rückwärtsfahren unterstützt der Primo die Arbeitshaltung des Fahrers durch seine asymmetrische Form. Auf der linken Seite wurde bewusst kein Ellbogenfreiraum geschaffen, damit der Oberkörper bei Rückwärtsfahrten auf dieser Seite abgestützt wird. Im Bereich der Lendenwirbel unterstützt eine Lordosenstütze die natürliche Sitzposition. Die Lehnenhöhe lässt sich in 13 Stufen auf die passende Körpergröße einstellen. Eine Alternative präsentiert Savas mit seinem luftgefederten Columbus-Gabelstaplersitz: Er ist direkt mit eingebauter Schwingungsmessung und -anzeige lieferbar.
Wenn die visuelle Anzeige im Sichtfeld des Fahrers angebracht ist, informiert sie ihn unmittelbar über die Auswirkung seines Fahrverhaltens auf die Vibrationsbelastung. Durch die visuelle Anzeige mit orangefarbenen, grünen und gelben Leuchtdioden für die X-, Y- und Z-Achsen, die ununterbrochen aufleuchten, sieht der Fahrer sofort, wo starke Schwingungen entstehen. Er sieht auch, was er bewirkt, wenn er sein Fahrverhalten anpasst. Es ist sogar möglich, das Fahrverhalten des Fahrers über die Technik zu steuern.
Bei Rot fährt das Fahrzeug dann zum Beispiel automatisch langsamer. Allerdings: Mit dieser Anzeige kann man das Verhalten des Fahrers beeinflussen, die äußeren Bedingungen wie z.B. die Beschaffenheit des Bodens ändert man natürlich nicht. Savas hat darüber hinaus seine Berater mit einer Apparatur ausgestattet, die auf den Staplersitz gelegt wird und aus einer Messplatte mit einem Schwingungsmesser besteht. Der Fahrer befährt eine realistische Teststrecke, und das Messgerät gibt per RFIDSignal die gemessenen Schwingungen an ein Laptop.
Automatische Gewichtseinstellung
Für das Problem der oft vom Staplerfahrer vernachlässigten Gewichtseinstellung hat Savas ebenfalls eine Lösung gefunden: Das Unternehmen rüstet ab sofort alle Gabelstaplersitze miteiner automatischen Gewichtseinstellung aus – so ist gewährleistet, dass der Sitz optimal federt. Das wirkt sich positiv auf die Vibrationen aus, denn ein zu weich eingestellter Sitz führt zu einer viel höheren Vibrationsbelastung als ein hart gefederter Sitz. Allerdings ist der Sitz nicht das einzige Dämpfungselement im Stapler.

Die Bereifung spielt hier eine Rolle, und natürlich die schwingungsdämpfenden Elemente an Kabinen, Achsen und Hubmast, die inzwischen für die meisten Staplerhersteller zum Standard gehören. So einfach diese Komponenten auch aussehen, so komplex ist das Engineering. Fabian Selent, in der Entwicklung bei der Freudenberg Schwingungstechnik tätig: „Es gilt nicht das Lager an sich zu betrachten, sondern das Fahrzeug als System zu analysieren – von der Anregung der Schwingungen z.B. durch den Verbrennungsmotor oder durch Hydraulikaggregate bis zum Arbeitsplatz des Fahrers.
Motorlager und Fahrersitz sind bei der Auslegung ebenfalls entscheidende Merkmale. Wenn man nicht das komplette System im Blick hat, kann es zu Wechselwirkungen zwischen den Lagerungselementen kommen, die störende Resonanzen verursachen.“ Es überrascht nicht, dass der Freudenberg- Geschäftsbereich Schwingungstechnik, genau wie die Sitzhersteller, vermehrt Anfragen von Staplerherstellern zum Thema Vibrationen bekommt.
Fabian Selent: „Der Trend beim Gabelstapler geht klar in Richtung Sicherheit und Komfort, und da spielt – auch unabhängig von gesetzlichen Regelungen – die Reduzierung der Schwingungen eine wichtige Rolle.“ Die Staplerfahrer sind hier leider etwas benachteiligt gegenüber den Traktorfahrern. Die kaufen nämlich die Maschinen, die sie fahren, selbst und entscheiden sich z.B. häufiger für komfortablere Sitze mit Luftfederung oder Hydrolagern. Dabei lohnt es sich auch für den Arbeitgeber, in den Komfort seiner Mitarbeiter zu investieren. Diese Erfahrung machte z.B. BMW: Staplerfahrer, die die neuen Drehkabinenstapler von Jungheinrich fahren, haben seltener Rückenprobleme als ihre Kollegen, die mit konventionellen Staplern unterwegs sind.
Betreiber müssen messen

Nach Artikel 4 der EU-Vibrationsrichtlinie (2002/44/EG), die seit März 2007 in nationales Recht umgewandelt ist, müssen Arbeitgeber künftig in angemessenen Abständen die Vibrationen messen, denen die Arbeitnehmer ausgesetzt sind. Damit kommt eine neue Aufgabe auf die Betreiber von Staplerflotten zu – genauer gesagt zwei Aufgaben. Erstens muss man ein entsprechendes Messgerät beschaffen, zweitens muss man es regelmäßig einsetzen und Schlüsse aus den Messergebnissen ziehen.
Freudenberg & Co. Kommanditgesellschaft, www.freudenberg.de Grammer AG, D-92204 Amberg, E-Mail: [email protected], www.grammer.com Jungheinrich AG, E-Mail: [email protected], www.jungheinrich.de Savas Quality Seating, E-Mail: [email protected], www.savas.com









