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Artikel und Hintergründe zum Thema

Kolumne: Was Würmser wurmt

Anita Würmser,

Tattoo, Erbsünde, Hippster-Bart

So, so, IT-Nerds schaffen also die Spedition ab. Und zwar ganz schnell. Meinte ein Professor der TU Berlin kürzlich bei der 6. Nationalen Konferenz Güterverkehr und Logistik in Neuss. Gepierct und tätowiert sind sie, jung, und selbstverständlich genial – wie man sich den Nerd halt vorstellt. Man treffe sie vorzugsweise im Silicon Valley, wo sie längst am ultimativen Logistik-Algorithmus basteln. Weshalb neuerdings Medien, Professoren und Manager in der Logistik dorthin pilgern, sich lustige Hippster-Bärte wachsen lassen und Brillen aufsetzen, die man den eigenen Kindern mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nie zumuten würden. Wieder zurück hängt man dann gern die Krawatte an den Nagel, mit Start-ups ab und beschwört den Untergang von Irgendwem herauf. Die Spedition bietet sich da geradezu an, ist sie doch seit dem Sündenfall, als Spediteure im Tatort den bösen Buben gegeben haben, so etwas wie die Erbsünde der Logistik. Schuld, am Widerstand der Bevölkerung gegen Logistikzentren, Parkplätze oder Straßenbau, ganz sicher daran, dass die Jugend Deutschlands keine Lust auf Logistikberufe hat, ja sogar am schlechten Wetter.

Anita Würmser schrieb bis Ende 2020 exklusiv in LT-manager die Kolumne „Was Würmser wurmt“. Die Agenturinhaberin und Chefin des IFOY Awards und der Logistics Hall Of Fame hat viel zu sagen – und das nun in materialfluss. © privat

Die Logistiker, allen voran ihre Protagonisten, wollen sich selbst und der Branche ein neues Image geben. Hipper, digitaler, jünger. Fein. Doch woher kommt der plötzliche Hang zur Selbstverleugnung? Warum glaubt die Logistik-Community lieber an die Genialität der anderen, als an die eigene? Und warum sollen ausgerechnet Tattoo und Piercing als neues Maß für Innovationskraft, das Image einer Branche verbessern, deren zentrale Leistungsversprechen Sicherheit und Effizienz sind? Die Garantie für unverdorbene und günstige Produkte auf dem Teller, volle Läden und Regale, weltweite Konkurrenzfähigkeit, Arbeitsplätze, und für das gute Gefühl, dass im Hintergrund alles effizient organisiert und zuverlässig läuft. Tatsächlich forschen Speditionen intensiver denn je, entwickeln IT-Systeme, ja sogar Logistikhardware, was wiederum vor zehn Jahren noch als ziemlich abgedreht galt. Keine Spedition, geschweige denn Logistikdienstleister, war vor und wird in zehn Jahren so aufgestellt sein, wie heute. Viele werden die Digitalisierung tatsächlich nicht überleben. Nicht aus Mangel an Piercings und Tattoos, sondern an Angriffslust und weil sie zu lange an ihrem Kerngeschäft festhalten.

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Aber hallo: Deutschland ist Logistikweltmeister und allen gegenteiligen Behauptungen zum Trotz findet die Jugend im echten Leben Logistik zwar noch nicht so wahnsinnig wichtig, aber eigentlich ganz cool, wie eine Umfrage bei Studenten unterschiedlicher Fachrichtungen ergeben hat. Und man höre, und staune: Beim Meet the CEOs@CeMAT-Talk zwischen Top-Managern der Branche und mehr als 150 Studierenden im Juni in Hannover war ein Job in der Logistik sogar erste Wahl. Wo bleibt der Jubel?

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