Logistikdienstleister
Lagerautomation für Logistikdienstleister: Warum so langsam?
Schaut man sich das durchschnittliche Lager eines Logistikdienstleisters (3PL) an, findet man nicht nur ein bemerkenswert niedriges Level an Technisierung, sondern häufig auch überaus mittelmäßige Software und jede Menge Verbesserungspotenzial. Professor Jakob Beer zeigt in diesem Artikel, dass das kein Zufall ist, sondern ein reproduzierbares Ergebnis aus der vorliegenden Anreizstruktur sowie bestehenden organisatorischen und technischen Limitierungen. Doch die Blockade ist lösbar .
Wie steht es um die Lagerautomation bei Kontraktlogistikern? Das Ausmaß ist überschaubar. Dabei haben 3PLs gute Gründe, Automationstechnologie in Lagern einzusetzen: Die Margen sind auf Grund eines starken Wettbewerbs bei Ausschreibungen der Kundenprojekte häufig knapp kalkuliert, nicht selten wird bei Projekten sogar draufgezahlt, weil man sich verkalkuliert, und Arbeitskräfte sind an vielen Lagerstandorten schwer zu bekommen. Die Basis für ein hohes Interesse an Automation und anderen unterstützenden Technologien für den Lagerbetrieb ist also gegeben.
Tatsächlich verfügen sämtliche größeren Kontraktlogistiker über Abteilungen, deren Zweck das Erkunden neuer Technologien und die Begleitung der jeweiligen Standorte beim Erproben und Ausrollen derselben ist. Und doch basiert das 3PL-Standardprojekt in der Regel auf Palettenregalen, Fachbodenregalen und Staplern. Im Rahmen der Zusammenarbeit mit mehreren namhaften international tätigen Logistikdienstleistern haben sich sieben dominierende Gründe für die vergleichsweise geringe Verbreitung von Automationstechnologie bei Logistikdienstleistern herauskristallisiert, die im Folgenden beschrieben werden.
1. Kurze Vertragslaufzeit von 3PL-Projekten – lange Amortisationszeit für Automation
Eine große Diskrepanz besteht zwischen der Laufzeit der Kundenprojekte der Logistikdienstleister und der geschätzten Amortisationszeit für teure Automationstechnologie. Die Amortisationszeit ist abhängig von Art und Umfang der eingesetzten Technologie sowie von der Höhe der eingesparten Arbeitskosten. Als Daumenregel in der Automationsindustrie gilt für kleine bis mittelgroße Projekte, dass ein Return on Investment (ROI) nach drei bis fünf Jahren erreichbar ist.
Es gibt meines Wissens keine zuverlässigen Auswertungen darüber, wie gut diese Daumenregel ist. Bei der Berechnung des Business Case gibt es so viele unterschiedliche Annahmen wie Anwender. Tendenziell ist der ROI aber eher später als früher zu erwarten. Und genau dies ist der Show Stopper für viele Automationsprojekte in der Kontraktlogistik, denn die regelmäßig sehr kurzen Vertragslaufzeiten der Kundenprojekte – häufig nur zwei oder drei Jahre, selten länger – erlauben es dem 3PL somit nicht, Automationstechnologie wirtschaftlich sinnvoll einzusetzen. Das Problem beginnt jedoch schon früher.
2. Planung und Bepreisung von Automationslösungen dauern zu lang
Die Planung automatischer Systeme ist mitunter recht kompliziert. Je mehr unterschiedliche Teilbereiche der Materialfluss durchlaufen soll, desto komplizierter wird es. Wenn man es richtig machen will, erfordert die Systemplanung zunächst eine Analyse der Kundendaten. Nicht selten sind diese lückenhaft, sodass eine Vielzahl von Annahmen notwendig sind, die mit dem Kunden abgestimmt werden müssen.
Da die Kapazitätsgrenzen von Automationstechnologie meist rigide sind und nicht einfach erweitert werden können, kommt der Festlegung der Zielkapazität eine wichtige Rolle zu: Was tun, wenn das Wachstum doch stärker ausfällt als erwartet? Die Planung automatisierter Systeme kann eine Weile dauern, in der Regel mehrere Wochen, manchmal, etwa wenn verschiedene Varianten geplant werden, oder Annahmen oder Budgets spät im Projekt aktualisiert werden, auch mehrere Monate. Und dann ist noch kein Vertrag zwischen Auftraggeber (dem 3PL) und Auftragnehmer (dem Anbieter der automatisierten Lösung) verhandelt – auch dieser Prozess kann mehrere Wochen oder Monate in Anspruch nehmen. Wenn der Logistikdienstleister jedoch nur zwei bis drei Wochen Zeit hat, seinerseits auf eine Kundenausschreibung ein Angebot abzugeben, wird deutlich, dass die Einbeziehung automatisierter Lösungen in den Prozess häufig hoffnungslos ist. Sollte es dennoch möglich sein, innerhalb der Ausschreibungsphase die Automationstechnologie einzuplanen und zu bepreisen, muss man sich mit der nächsten Hürde auseinandersetzen.
3. Die Umsetzung von Automationsprojekten dauert zu lang
Die mal deutlicher, mal weniger deutlich ausgesprochene Erwartung vieler Kunden von Logistikdienstleistern ist, dass ein neues Projekt mit wenigen Monaten Vorlauf umgesetzt werden kann. Diese Erwartung passt nicht zu dem Aufwand und der Dauer der Umsetzung von Projekten mit Automationstechnologie. Ein automatisches oder teilautomatisches System ist in den meisten Fällen kundenspezifisch ausgelegt und selbst viele Komponenten, allen voran aber die Software zur Steuerung, sind nicht von der Stange.
Überhaupt kann die IT ein großes Problem sein, denn der projektspezifische Aufwand der Programmierung und Anpassung eines Warehouse Control Systems zur Verwaltung und Steuerung der automatischen Anlage ist nicht zu unterschätzen. Natürlich existiert die Basis dieser Systeme – dennoch fließen regelmäßig tausende von Arbeitsstunden in die kundenspezifische Anpassung. Gleichzeitig ist seit Jahren die Auslastung der IT-Abteilungen der Automationsunternehmen einerseits wegen hoher Nachfrage, andererseits aber eben genau wegen des hohen Anpassungsaufwands, sehr hoch, sodass kurzfristig häufig gar nichts geht. IT ist nicht das einzige Gewerk, das einer schnellen Projektumsetzung entgegensteht, aber sicher eines der dominierenden.
4. Preiswettbewerb unter den Logistikdienstleistern
Kunden von Logistikdienstleistern sehen gerne – und wünschen sich das manchmal explizit –, dass der Logistikdienstleister in seiner Lösung moderne Technologie einsetzt. Allerdings passt diese Präferenz nicht zum Ausschreibungs-induzierten Unterbietungswettbewerb bei den Angebotspreisen. Ausschreibungen sind der übliche Vergabemodus und der Angebotspreis ist üblicherweise das primäre Auswahlkriterium, allen Beteuerungen der Auftraggeber zum Trotz, dass man auf das Gesamtpaket schaue.
Das zwingt jeden Anbieter, äußerst knapp zu kalkulieren, denn der Wettbewerb ist zahlreich und stark. Nicht selten geht das auch mal schief, und der Gewinner der Ausschreibung verliert Geld mit dem Projekt. Und hier reden wir noch von manuell betriebenen Lagern! Planungs- und Kalkulkationsaufwand für automatisierte Systeme sind hoch, ebenso die Unsicherheit ob der Präzision der Kalkulation, und bis zu der Phase der detaillierten Feinkalkulation vor Abgabe eines Festpreisangebots bekommt man vom Automationsanbieter ohnehin nur einen nicht bindenden "Budgetpreis" mit einer Toleranz von bestenfalls plus/minus 10 Prozent, womit man als Logistikdienstleister, der in kurzer Zeit seinem Kunden ein bindendes Angebot abgeben muss, nichts anfangen kann, denn im Rahmen einer preisfokussierten Ausschreibung mit starkem Wettbewerb lässt sich diese Unsicherheit nicht einpreisen.
5. Die geringe Übertragbarkeit von Lösungskonzepten
Die Auswahl und Auslegung der Komponenten eines automatischen Lagersystems ist im hohen Maße kundenspezifisch und berücksichtigt unter anderem die Auftragsstruktur – also die Komposition aus Aufträgen, Auftragszeilen und Mengen –, die Durchsatzanforderungen, Art und Abmaße der Produkte und die Steilheit der ABC-Verteilung.
Je stärker ein System auf die Anforderungen eines Kunden ausgelegt wurde, desto unwahrscheinlicher ist die Möglichkeit der Nutzung des Systems für einen anderen Kunden nach Ende der – oft nur kurzen – Vertragslaufzeit. Mit anderen Worten: Ein fein ausgeplantes System muss sich innerhalb der Vertragslaufzeit mit einem Kunden amortisieren. Auch Multi-Klienten-Lager sind durch die Spezifizität der Lösungen abseits von generischen Standardkomponenten mit Automation nicht einfach zu bedienen.
6. Besitzverhältnisse von Logistikimmobilien
Verstärkt wird die Schwierigkeit dadurch, dass viele Logistikimmobilien für die Dauer eines Kundenvertrags lediglich gemietet werden. Mit Ausnahme von fahrerlosen Transportsystemen ist der überwiegende Teil der Automationstechnologie nicht dafür ausgelegt, umzuziehen oder abgebaut und danach anderswo oder in anderer Konfiguration wieder aufgebaut zu werden, von den Kosten dafür ganz zu schweigen. Die Nutzung gemieteter Immobilien schließt also einen erheblichen Teil der Automationstechnologie aus.
Nun gibt es auch viele Lager im Besitz von Logistikdienstleistern. Nicht selten werden diese jedoch je nach Bedarf ge- und verkauft, sodass sich die Situation nicht anders darstellt als bei Mietimmobilien. Um Kauf und Verkauf schnell und reibungslos durchführen zu können, orientiert man sich beim Bau der Lager an Quasi-Standards mit 12 Meter Hallenhöhe und 10.000 Quadratmeter Fläche oder einem Vielfachen davon. Jede Abweichung vom Standard, die aber für sinnvolle Automationskonzepte häufig notwendig wäre, senkt den Marktwert.
7. IT-Landschaft und IT-Ressourcen bei Logistikdienstleistern
Zum Schluss kommen wir nochmal auf das Thema IT zurück: Der Einsatz automatisierter Systeme erfordert eine Schnittstelle zum Lagerverwaltungssystem (LVS) des Logistikdienstleisters und manchmal auch weitergehende Anpassungen am LVS. Manche Logistikdienstleister nutzen ein LVS für alle Lager, manche haben einen Wildwuchs an LVS unterschiedlicher Anbieter, manche nutzen selbstentwickelte LVS. Selten kann man auf bestehende Schnittstellen aus früheren Projekten zurückgreifen und fast immer werden IT-Ressourcen auf Seiten des 3PL benötigt. Ein modernes Naturgesetz besagt, dass IT-Ressourcen immer knapp und niemals kurzfristig verfügbar sind. Und damit wäre dieser Aspekt auch ausreichend beschrieben.
Lösungsmöglichkeiten
Die nur langsam voranschreitende Technisierung in Lagern von Logistikdienstleistern hat also handfeste Gründe. Wichtig festzustellen an dieser Stelle ist, dass die Gründe in der Einflusssphäre unterschiedlicher Stakeholder zu finden sind – und am wenigsten mit fehlendem Interesse oder fehlenden Fähigkeiten der 3PL zu tun haben.
Die Gründe sind vielfältig, aber die wesentlichen Hindernisse liegen (a) bei den Kunden der Logistikdienstleister und (b) bei den Anbietern automatischer Lagerlösungen.
Wenn Kunden von 3PLs niedrigere Logistikkosten wünschen und von der Strahlkraft moderner Logistiklösungen auf Ihr Marken-Image profitieren wollen, sind ihre primären Hebel die Gewährung längerer Planungsphasen für und längere Vertragslaufzeiten mit ihrem 3PL. Die Nutzung von Ausschreibungen führt dazu regelmäßig zu Lose-lose-Situationen; eine Abkehr vom transaktionalen Charakter der Geschäftsbeziehung gäbe Logistikdienstleistern eine deutlich bessere Basis für Planung und Bau anspruchsvoller Lösungen.
Für Lösungsanbieter aus dem Bereich der Lagerautomation, die mit 3PLs arbeiten möchten – was auf vermutlich jeden Anbieter zutrifft, denn dieser Markt ist sehr groß –, besteht zum einen die Notwendigkeit der Straffung des Planungs- und Angebotsprozesses. Mit der herausragenden Ausnahme von Autostore sind die etablierten Anbieter von Logistikautomation mit ihren Prozessen auf einem für die 90er Jahre guten Standard.
Zum anderen – und das ist das größere Problem – muss auch die IT in der Gegenwart ankommen. Für Automationsprojekte werden regelmäßig viele Tausend Stunden Aufwand zur Anpassung existierender Software kalkuliert. Für sehr große Projekte beträgt der geschätzte Aufwand auch mal über 100.000 IT-Stunden. Für ein Lager wohlgemerkt, nicht für einen Flughafen oder ein Atomkraftwerk. Die großen Anbieter für Lagerautomation tun sich mit IT ähnlich schwer wie die großen Automobilkonzerne und man kann erwarten, dass jüngere Automationsunternehmen, deren Wurzeln in der IT-Welt liegen, die großen absehbar überholen. Bis dahin wird Automation in 3PL-Lagern auf Teillösungen beschränkt bleiben – ein AutoStore hier, ein paar AGVs dort – und man wird damit weiterhin unter dem Potential umfassender automatisierter Lösungen bleiben.










