Arvatos Marcus Karten im Interview

Marvin Meyke,

„Wir testen gezielt verschiedene Hersteller“

Wo geht die Reise hin in den Lagern der Logistikdienstleister? Welche Automatisierungsstrategie gewinnt? materialfluss fragte bei Marcus Karten, VP Global Business Development, Arvato Supply Chain Solutions, nach.

Marcus Karten, VP Global Business Development, Arvato Supply Chain Solutions © Arvato

materialfluss: Herr Karten, wie definiert sich Ihr Aufgabenfeld bei Arvato?
Marcus Karten: Im Fokus steht für mein Team und mich, die ­Logistik-Anforderungen unserer Kunden im Markt- und Wett­bewerbsumfeld zu verstehen, und ihnen mit entsprechenden Lösungen und Dienstleistungen zu helfen, ihrem Wettbewerb voraus zu sein. Dazu führen wir einen sehr engen Dialog mit unseren Kunden, ­spezifizieren mit ihm seine Anforderungen und koordinieren das Lösungsdesign in intensiver Zusammenarbeit mit unseren Logistik-Spezialisten.

mfl: Sie haben Ihr Ohr am Markt, wie halten Sie sich auf dem Laufenden über logistische Trends?
Karten: Über Messen wie die LogiMAT, die transport logistic oder den BVL-Kongress und die digitalen Kanäle. Dann über Kunden und Lieferanten. Wir halten den Kontakt zu den großen Herstellern in der Intralogistik und diese informieren uns natürlich auch proaktiv. Wir sind sehr offen für neue Unternehmen und Ideen und sehen uns vieles an. Die Zahl der Anbieter wächst beständig.

mfl: Was folgt nach dem Showcase auf einer Messe? Blicken Sie dann auf die Referenzinstallationen?
Karten: Wir verfolgen zwei Ansätze. Zum einen schauen wir, was auf dem Markt ist und was wir davon für unsere Zwecke anwenden können. Viel wichtiger ist aber, herauszufinden, was unsere Kunden wollen. Daraus ergeben sich Anforderungen für Lösungen von Anbietern, die wir in vielen Fällen bereits an anderer Stelle erprobt haben, oft aber auch völlig neue Lösungen. Beim Einsatz neuer Technologien, testen wir auch gezielt verschiedene Hersteller und wählen die Lösung, die den Kundenanforderungen am besten ­entspricht. Die Wiederverwendbarkeit ist dabei besonders wichtig. Was wir für den Kunden A am Standort A einsetzen, sollte im ­Idealfall auch für andere Kunden oder andere Standorte eine Lösung darstellen.

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mfl: Zuverlässigkeit, Drittverwendbarkeit und Performance – sind das die drei entscheidenden Faktoren?
Karten: Die Perfomance beziehungsweise die daraus resultierende Steigerung der Produktivität ist sicher eine der wesentlichen ­Kriterien für den erfolgreichen Einsatz von Automatisierung.
Das muss in einem Pilotprojekt bewiesen werden. Gleich zu Beginn schafft man das bei neuen Technologien selten, aber in einer ­definierten Anlaufphase muss die Entwicklung sichtbar werden.

mfl: Sie nehmen in Kauf, beim Kunden die Lösung noch mit- oder weiterentwickeln zu müssen?
Karten: Ja, bei Pilotprojekten nehmen wir das in Kauf. Das ist aber auch in Ordnung, auf ein fertig entwickeltes Projekt oder Lagersystem zu warten, kostet ebenfalls Zeit. Nehmen wir ein einfaches Beispiel mit einem FTS: Das können wir in einem Lager auch zunächst an einer Stelle testen, die nicht gleich den kompletten Ablauf gefährdet. Wenn das klappt, kann man damit nicht nur Abfallcontainer, sondern auch mal Inbound-Paletten transportieren lassen.

mfl: Welche Rolle spielt die Exklusivität? Wollen Sie auf dem, was Sie mitentwickeln, die Hand halten?
Karten: Die meisten Anlagen sind ja zu einem hohen Grad immer individuell, das Grundprinzip der Lösung ist aber meist das gleiche und steht damit dem Markt zur Verfügung. Exklusivität haben wir zum Teil auf Teilentwicklungen, die wir selbst beisteuern.

mfl: Wie groß ist Ihr Team?
Karten: Innerhalb des Teams Logistics Engineering haben wir eine mittlere zweistellige Anzahl an Mitarbeitern, die sich speziell mit Automatisierung beschäftigen, ein Teil davon intensiv mit Innovationen und neuen Technologien.

mfl: Arvato hat an verschiedenen Standorten unterschiedliche Logistiksysteme im Einsatz. Wäre es nicht einfacher, ein System quasi durchzudeklinieren?
Karten: Grundsätzlich streben wir natürlich einen möglichst hohen Grad an Standardisierung an. Ein Standard für alles ist aber nicht vollständig umsetzbar. Unterschiedliche Kundenanforderungen aber auch bauliche oder rechtliche Rahmenbedingungen stehen dem teils entgegen und erfordern entsprechend angepasste oder unterschiedliche Lösungen. In Pilotprojekten testen wir allerdings manchmal ganz gezielt unterschiedliche Lösungen um die jeweiligen Vor- und Nachteile zu analysieren.

mfl: Viele Systemintegratoren träumen vom „plug & play“ – kann das je Realität werden: Intralogistik aus dem Baukasten?
Karten: Das kommt drauf an, wie sie den Baukasten definieren. Der Teufel steckt wie immer im Detail, da wir von komplexen Systemen sprechen. Daher ist das „plug & play“ in der Tat sehr, sehr schwierig.

mfl: Welche großen Trends in der Automatisierung nehmen Sie aktuell war?
Karten: Was auffällt, ist die Vielfalt der Anbieter, zunehmend auch aus Asien. ­Diese Anbieter haben teilweise zum Beispiel in China bereits viel Erfahrung gesammelt. Das bedrängt die klassischen Anbieter. Zudem sehen wir, dass sich im Bereich der Data Analytics, wenn ­beispielsweise die Automatisierung an die Lagersoftware angebunden wird, noch viel machen lässt. Jederzeit volle Transparenz über die Prozesse zu haben, aber auch eine möglichst umfangreiche Sicht auf die Daten, ermöglicht mir, die Logistik vorausschauend zu gestalten und beispielsweise zuverlässigere Forecasts zu erstellen. Datenintelligenz mit der Automatisierungstechnik zusammenzubringen, das ist ein Trend, dem wir bei Arvato Supply Chain Solutions ebenfalls folgen.

mfl: Wo geht die Reise in Sachen Standardisierung hin?
Karten: Es gibt immer mehr Anbieter, die Hardware- und Softwarelösungen an­bieten, die dann aber auch mit dem jeweiligen WMS arbeiten müssen. Die Frage ist hier, ob es hier in der Zukunft Standardisierungsbemühungen geben wird.

mfl: Hat der E-Commerce-Boom die Automatisierungsstrategien verändert?
Karten: Ja, denn die für den E-Commerce typischen schnell steigenden Mengen an kleinen Aufträgen machen zunehmend, verbunden mit dem Arbeitskräfte­mangel, auch den Einsatz von Automatisierung erforderlich. Veränderungen der Kunden­erwartungen im E-Commerce ändern teils auch B2B Auftragsstrukturen. Der B2B Kunde ist kurze Lieferzeiten im privaten Bereich gewohnt und leitet daraus zunehmend die Erwartung ab, dass es auch bei B2B Lieferungen ähnlich schnell gehen muss und das aber bitte schön zu den gleichen Kosten. Cash-orientierte Unternehmen reduzieren ihre Bestände und bestellen häufiger kleine Mengen nach. In Teilbereichen nähert sich dadurch die Auftragsstruktur im B2B der ­Auftragsstruktur im B2C an. Heutige Automatisierungsstrategien müssen ­diese ­Entwicklungen berücksichtigen und genug Flexibilität für spätere Anpassungen bieten.

mfl: Herr Karten, danke für das Gespräch.


Mit Marcus Karten sprach Martin Schrüfer, Chefredakteur materialfluss.

Arvato Supply Chain Solutions:

Arvato Supply Chain Solutions ist ein Dienstleister im Bereich Supply Chain Management und E-Commerce. In den Geschäftsbereichen Telekommunikation, Hightech, Entertainment, Corporate Information Management, Healthcare, ­Consumer Products und Publisher betreuen weltweit rund 15.000 Mitarbeiter an 85 Standorten in 20 Ländern zahlreiche Kunden. Strategisches Ziel von Arvato Supply Chain Solutions ist es, das „internationale Supply Chain Management-­­Unter­nehmen mit der höchsten Kundenzentriertheit und dem stärksten Fokus auf Daten und IT“ zu sein. Das Unternehmen ist Teil von Arvato, einer 100-prozentigen Tochter des ­Bertelsmann-Konzerns.

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