Interview: Steffen Bersch, SSI Schäfer

Martin Schrüfer,

„Das Thema Nachhaltigkeit ist immer immanent“

Am 1. März übernahm Steffen Bersch beim Intralogistik-Spezialisten SSI Schäfer das Kommando. Exklusiv in materialfluss spricht der CEO im Interview mit Chefredakteur Martin Schrüfer über die Aufnahme des Unternehmens in die Initiative der „50 Sustainability & Climate Leaders“, Nachhaltigkeit im Unternehmen und seine ersten sieben Monate an der Spitze von SSI Schäfer.

Richtet das Unternehmen nachhaltig aus: Steffen Bersch, CEO von SSI Schäfer © SSI Schäfer

materialfluss: Herr Bersch, die Meldung, dass SSI Schäfer der Initiative „50 Sustainability & Climate Leaders“ beigetreten ist, ging einher mit einem Bekenntnis zu nachhaltiger Intralogistik. Was war der Auslöser?
Steffen Bersch: Grundsätzlich bin ich als ausgebildeter Biotechnologe der Auffassung, dass wir eine sehr deutlichen Klimawandel sehen. Dieser Klimawandel hat meiner Auffassung nach etwas mit einer teilweise unkontrollierten Ressourcennutzung zu tun. Da wir die ­Verantwortung für künftige Generationen und deren Leben tragen, müssen wir die Themen Klima und nachhaltiger Umgang mit Ressourcen in den Vordergrund rücken. Ich glaube, dass wir während der Corona-Zeit nochmal deutlicher mitbekommen haben, dass es Zeit zum Handeln ist. Das Thema Nachhaltigkeit war in den vergangenen Monaten zudem bei vielen Kundengesprächen auf der Agenda.

mfl: Worum geht es im Kern?
Bersch: Wir kombinieren wirtschaftlich effiziente und nachhaltige Logistiklösungen mit einem Fokus auf Energieverbrauch und CO2-Emmissionen und dem Senken von Kosten in der gesamten Lieferkette – und das bei gesunden Arbeitsbedingungen. Als Unternehmen mit 10.000 Mitarbeitern sind wir auch selbst in der Verantwortung. Die Initiative, der wir beigetreten sind, orientiert sich an den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen. Ein Unternehmen, das sich diesen Zielen verpflichtet fühlt, sollte eine Plattform finden, auf der sich das darstellen lässt. So sind wir zu den „50 Sustainability & Climate Leaders“ gekommen.

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mfl: Mit der Ankündigung ließ das Unternehmen verlauten, dass es seine „Stimme für nachhaltige, wirtschaftliche und zukunftssichere Intralogistik“ erheben wolle. Haben Sie das Gefühl, dass die Bedeutung der Nachhaltigkeit sinkt?
Bersch: Nein, das Gefühl habe ich nicht. Wir wollen vor allem den Wandel zu einer nachhaltigen und wirtschaftlichen Intralogistik ­fördern und Diskussionen in den Unternehmen anregen. Ich bin nicht nur als CEO von SSI Schäfer tätig, sondern auch als Beirat in anderen Unternehmen, teilweise auch in der Verpackungsindustrie. Das Thema ist immer immanent. Fragestellungen wie man beispielsweise konventionelle Verpackungen durch nachhaltige Verpackungen ersetzt, treiben die Industrie und die Händler um. Das bedeutet in der Konsequenz, dass auch wir als Intralogistikunternehmen uns damit auseinandersetzen müssen und Lösungen anbieten sollten.

mfl: Wie waren die Reaktionen auf die Ankündigung?
Bersch: Das Feedback war sehr gut, sowohl von Kunden als auch von den Medien. Ich hoffe nun, dass wir es schaffen, die effizienten Lösungen von SSI Schäfer mit technologischen Themen wie Energierückgewinnung, Software für Energieeffizienz, vorausschauende Wartung, recycelbare Materialien oder nachhaltige Gebäudetechnik und ergonomische Arbeitsbedingungen weiter voranbringen.

mfl: Taugt die Nachhaltigkeit als Alleinstellungsmerkmal in der Intralogistik? Soll sie das bei SSI Schäfer werden?
Bersch: Ich glaube nicht, dass die Nachhaltigkeit ein Alleinstellungsmerkmal ist, sondern dass man sie im Grundportfolio haben und beherrschen muss. Es geht immer darum, für den Kunden die ­optimale Lösung zu finden, dafür brauchen wir innovative Produkte. Dann geht es um eine hohe Leistungsbreite, so dass wir alles aus einer Hand anbieten können. Sprich: So wirtschaftlich produktiv und so zukunftsfähig wie möglich, damit wir die Stückkosten für den Transport eines Guts im innerbetrieblichen Prozess so gering wie möglich halten. Das Thema Nachhaltigkeit ist dabei wichtig, aber kein Alleinstellungsmerkmal.

mfl: An welcher Stelle wollen Sie privat Ihre eigene ­Nachhaltigkeit verbessern?
Bersch: Ich sehe das Thema als eine Art Marathon an und verändere Dinge nicht ad hoc. Ich sehe durch Initiativen wie die „Fridays For Future“-Bewegung, dass die nachkommende Generation hohe Erwartungen an unsere, derzeit unternehmerisch aktive Generation hat. Diese müssen wir umsetzen. Ich hinter­frage meinen Lebenswandel, bin dabei aber nicht dogmatisch. Es bringt ja nichts, jetzt jede Strecke mit dem Rad zu fahren, was mir als Münsteraner ja eh naheliegt oder über die Solaranlage zu reden, die bei mir eh schon ­installiert ist. Ich diskutiere diese Themen und versuche sie in unserem Leben umzusetzen, aber ich mache das nicht dogmatisch.

mfl: Herr Bersch, wir führen das Interview am 1. Oktober – Sie haben ab dem 1. März das Ruder übernommen – wie bilanzieren Sie die ersten sieben Monate?
Bersch: SSI Schäfer ist ein unglaublich tolles Unternehmen mit einem hohen technologischen Anspruch und einer ebenso unglaub­lichen Kundenfokussierung. Ich habe viele offene und engagierte Mitarbeiter kennenlernen dürfen, leider viele von ihnen nur auf dem Bildschirm. Ich hatte einen sehr angenehmen Start. Was die Corona-Pandemie angeht, war es natürlich ein sehr holpriger Start, da schnell Elemente von Krisenmanagement dazu kamen.

mfl: Sie waren also gleich mittendrin …
Bersch: Ja, aber es war auch hilfreich für mich, da viele Themen wie Gesundheits- und Sicherheitsmaßnahmen im Unternehmen bis zur Sicherung des Cashflows in dem Zuge nochmal sauber adressiert wurden. Ich glaube, dass das gesamte Managementteam, die Mitarbeiter, die Gesellschafter und nicht zuletzt unsere Kunden das gut hinbekommen haben.

mfl: Was war der wertvollste Rat, den Ihnen Ihr Vorgänger, Interims-CEO Dr. Helmut ­Limberg, mitgegeben hat?
Bersch: Er meinte: „Sie haben hier ein tolles Unternehmen, hinterlassen Sie einen bleibenden Eindruck.“ Herr Limberg hat eine tolle Vorarbeit geleistet seit Oktober 2019, so dass ich eine gute Grundlage hatte.

mfl: Damals haben die Gesellschafter und der Beirat der Hoffnung Ausdruck ver­liehen, dass die Unternehmensführung wieder nachhaltig besetzt ist …
Bersch: Ja, und der Eindruck soll natürlich in diesem Sinne positiv sein, den ich hinterlasse (lacht).

mfl: Wie haben Sie die für Sie neue ­Branche Intralogistik wahrgenommen?
Bersch: Die Prozesstechnik, aus der ich komme und die Intralogistik haben schon immer eine gute Wahrnehmung und das Potenzial, sich gut zu entwickeln. Die Themen in beiden Bereichen sind vergleichbar, was mir den Wechsel erleichtert hat. Damit meine ich das Streben unserer Kunden nach produktiveren, automatisierten Lösungen. Das gilt in beiden Branchen. In der Intralogistik ist man direkter am Kunden dran. Wenn diese Lösungen mal nicht funktionieren, hat man ein direkteres Feedback als bei der Prozesstechnik. Die Prozesstechnik war von der Regulation her höher, auf der anderen Seite ist dafür die Performance-Erwartung in der Intralogistik höher.

mfl: Welche Themen haben Sie in der ­neuen Tätigkeit zuerst bei sich und dem Unternehmen auf die Agenda gesetzt?
Bersch: Wir sehen mit SSI Schäfer ein Unternehmen, das seit einigen Jahrzehnten stark gewachsen ist. Das Unternehmen ist sehr gut aufgestellt. Zusammen mit dem Managementwechsel wurde der Prozess eingeleitet, die internen Strukturen des Unternehmens moderner und effizienter auszurichten, um die Leistung in Richtung der Kunden zu ver­stetigen und zu verbessern. SSI Schäfer hat innovative Produkte, ist breit aufgestellt und unglaublich erfahren. Dies gilt es nun weiterzuentwickeln.

mfl: Ist Konsolidierung das richtige Wort?
Bersch: Konsolidierung ist ein Wort, das sich negativ anhört.

mfl: Wie wäre es stattdessen mit „den Fokus auf die inneren Werte lenken“?
Bersch: Wenn Unternehmen oder ganze ­Branchen sehr stark wachsen, kommen sie immer an einen Punkt, an dem sie Synergien heben müssen. Unsere Märkte entwickeln sich, teils Corona-bedingt, aber grundsätzlich sehr positiv, so dass wir zwei Themen gleichermaßen gleichzeitig anzugehen haben: Wachstum und interne Synergien.

mfl: Wir haben vor wenigen Tagen erfahren, dass es keine gewohnte LogiMAT mehr geben wird und damit eine gute Gelegenheit, ein Produktfeuerwerk ­zu ­zünden. Wann gibt es wieder neue Produkte aus Ihrem Haus?
Bersch: Wir sind dabei, uns auch in diesem Bereich neu auszurichten und werden in ­Kürze neue Themen präsentieren. Speziell mit unserem Partner DS Automotion arbeiten wir aktuell an einigen sehr schönen neuen Lösungen im FTS-Bereich. Im Bereich Robotik und bei der Auftragsabwicklung und -erzeugung geht es um den Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Hinzu kommt das Thema Micro-Fulfillment-Center, das wir auch adressieren. Es gibt also viele technologisch relevante Themen, die wir derzeit weiterentwickeln und im nächsten Jahr bekannt geben.

mfl: Danke für das Gespräch.

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