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Round Table - E-Grocery

Eine Rechnung mit vielen Variablen

Wie sieht die Zukunft des Online-Handels aus? Verdrängt E-Grocery die Filialen der Supermarktketten und welche Rolle spielt künftig die Automatisierung? Um diese Fragen drehte sich ein Round Table von materialfluss im Rahmen der LogiMAT 2018 in Stuttgart.

Sie wissen viel über Food Logistics der Zukunft und geben dies gern weiter (v.l.n.r.): Dr. Jakob Beer, Elmar Issing (beide SSI Schäfer) und Prof. Dr.-Ing. Johannes Fottner (TU München) mit Klaus Hiemer und Martin Schrüfer (materialfluss). © SSI Schäfer

Im Laufe des Gesprächs kristallisierte sich heraus, dass Automatisierung eine immer größere Rolle auch bei der Abwicklung von E-Grocery-Aufträgen einnimmt. Gleichzeitig werden virtuelle Angebote ein Nebeneinander mit dem individuellen Einkaufserlebnis im Supermarkt vor Ort führen. Einen radikalen Verdrängungsprozess, so die Experten, wird es nicht geben.

Wie entwickelt sich der Online-Handel im Vergleich zum klassischen Filialgeschäft, wollte Martin Schrüfer zu Beginn wissen. Für Issing steht fest: „Die Filiale wird nicht sterben.“ Eine wichtige Rolle spielen die Anforderungen des E-Grocery, was aus Sicht der Automatisierung einen Wechsel vom Case Picking zum Piece Picking bedeute. Issing differenziert: „Kunden nutzten den Service, sich schwere und große Produkte nach Hause liefern zu lassen, schon länger. Den gleichen Service mit Lebensmitteln zu bieten, stellt die Logistik aber vor größere Herausforderungen – den kleinteiligen E-Grocery-Prozess kann man als Königsdisziplin der Intralogistik verstehen.“ Die Herausforderung besteht darin, Warengruppen unterschiedlicher Klassen und Temperaturbereiche sequenzgenau und tour-/auftragsbezogen bereitzustellen. Eine interessante Variante sieht er diesbezüglich in der Einrichtung von Pick-up-points oder Mini Stores. Der Kunde bestellt per Handy. „Kommissioniert wird teilautomatisiert, und der Kunde kann die Ware zu einem beliebigen Zeitpunkt abholen“, skizzierte er. Vorausgesetzt, es steht ein ausreichend dichtes Netz zur Verfügung.

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„Es wird ein hybrides Modell geben“

Auch Dr. Jakob Beer glaubt an ein Nebeneinander beider Angebote. „Es wird ein hybrides Modell geben“, sagte er. Filialen sieht er als Selbstbedienungslager, der Kunde bewege sich in einem dreidimensionalen Raum und übernehme die Kommissionierung selbst. Einer der wesentlichen Kostentreiber laut Beer ist die letzte Meile. Der Lieferant schaffe drei bis fünf Stopps in der Stunde. Jeder Halt koste aber einen zweistelligen Euro-Betrag. „Bei den bekannt niedrigen Margen im Lebensmitteleinzelhandel ist der Deckungsbeitrag der einzelnen Kundenbestellung dann schlimmstenfalls schon aufgezehrt“, meint er. Während früher die Distribution häufig als losgelöst von der Intralogistik verstanden wurde, seien beide bei E-Grocery aber eng verzahnt. Mit guten Prozessen und der richtigen Technologie im Lager ließen die Kosten der letzten Meile sich wesentlich beeinflussen, führt er aus. Eine Rolle spiele auch die Volatilität.

Auch Johannes Fottner sieht durch den Online-Handel kein drohendes Aus für die Filiale. „Die beiden Varianten werden sich nicht ersetzen. Sie nähern sich an und gehen wahrscheinlich Hand in Hand“, meinte er. Schließlich sei das Einkaufen ein Erlebnis und somit ein Mehrwert. Der Kunde suche die Abwechslung, die sich online nicht effizient darstellen lasse. Der Online-Handel habe in der Vergangenheit zusätzlichen Service ohne weitere Kosten bereitgestellt, um sich vom Wettbewerb zu unterscheiden. Als Beispiel nannte er den kostenlosen Retourenservice. Dabei sei es jedoch fraglich, dies aus Kostengründen auf Dauer aufrecht zu erhalten. „Allerdings hätten wir schwer zu kämpfen, um von dieser Leistung wegzukommen.“

Belastende Arbeiten durch Roboter ersetzen

Chefredakteur Martin Schrüfer wollte anschließend wissen, wo Technik eingesetzt werden kann, um Effizienzvorteile zu generieren. Aus Sicht von Elmar Issing ist das hochbelastende und unergonomische Case Picking zur Filialbelieferung heute nahezu vollständig automatisierbar. Im Piece-Picking-Bereich gibt es im Gegensatz dazu heute manuelle, hochentwickelte und kosteneffiziente Kommissionierlösungen. Wobei die Leistungsfähigkeiten des Menschen, seine kognitiven Fähigkeiten und Fertigkeiten durch den Einsatz von Roboterlösungen noch unerreicht sind. Vision-Systeme, Greifertechnologien und Sensorik gepaart mit Künstlicher Intelligenz entwickeln sich rasant und ermöglichen nach und nach auch wirtschaftliche und zunehmend flexible Systemlösungen.

Jakob Beer führt aus, dass beim automatisierten Piece Picking – so wie auch bei anderen Prozessen im Lager und auch in der Distribution – die Verpackung eine wichtige Rolle spiele. „Diese werden nach Marketing-Gesichtspunkten und nicht nach logistischen Aspekten gestaltet, und sie ändern sich oft“, beschrieb er. Wer erfolgreich automatisch Piece Picking betreiben wolle, müsse sich intensiv mit diesem Thema auseinandersetzen.

Wo macht Automation Sinn?

„Wo kann man Menschen bei ihrer Arbeit optimal unterstützen, wo ist Automation sinnvoll?“ sind nach Einschätzung von Johannes Fottner zentrale Fragen. Automatisierung um ihrer selbst willen mache keinen Sinn. „Es muss immer ein konkretes Ziel geben.“ Hochautomatisierte Produktionsstätten seien bereits Realität. Doch dies lasse sich nicht ohne Weiteres auf die Lagertechnik übertragen. „Wir müssen die Infrastruktur und Optimierungsgrößen wie Sequenzen oder Eigenschaften der Pakete sehr genau unter die Lupe nehmen“, forderte Fottner. Auch er sieht in der Gestaltung der Produkte ein besonderes Problem für die Logistik. „Hersteller ändern häufig die Verpackung. Damit stehen wir vor der Herausforderung, dass ein bereits geteachter Roboter auf eine veränderte Realität trifft.“ Um diese Thematik zu klären, müsse eine Rechnung mit vielen Variablen gelöst werden.

Weitgehend einig waren sich die Teilnehmer, dass Automation die Ergonomie am Arbeitsplatz verbessern, aber nicht ersetzen kann. So argumentierte auch Johannes Fottner. Die Arbeit mit den Händen ist eine vielschichtige Angelegenheit. „Wir brauchen fünf bis zehn Jahre, um diese Komplexität künstlich zu erschaffen. Was der Mensch mit den Händen macht, ist ganz einfach unfassbar.“

Software muss durchgängig sein

Um eine effiziente Automatisierung im Lager mit seinen sich ständig ändernden Rahmenbedingungen umzusetzen, ist eine flexible Software Voraussetzung. Angesprochen auf das System WAMAS von SSI Schäfer sagte Jakob Beer: „Mit unserer modularen Lösung haben wir bereits das Lager verlassen. Wir steigen nun beispielsweise auch in die Transportprozesse bei den Kunden ein.“ Damit werde SSI Schäfer zu einem größeren Teil des Liefernetzwerks. Doch damit sei das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht. Auch Elmar Issing erkennt die Notwendigkeit, tief in das Tourenmanagement des Kunden eingebunden zu sein. „Es muss ein durchgängiges System sein, um größtmögliche Effizienz zu erzielen.“ Johannes Fottner sieht den Menschen als integrativen Bestandteil in einer zunehmend digitalen Welt. Dabei gehe es durchaus darum, vollautomatische Roboter sinnvoll einzusetzen. Wichtig sei jedoch auch der Dialog. Industrie 4.0 bedeute das Wegfallen von Hierarchien. „Wir begeben uns in eine koordinative Ebene und müssen ein Kommunikationsprinzip schaffen, das verständlich ist“, argumentierte er. Um eine sinnvolle Kooperation zu ermöglichen, müsse geklärt sein, wer in einem System welche Zuständigkeiten besitzt. Dabei gebe es aber noch Probleme zu lösen. Sein Beispiel: „Im Lager arbeitet eine SPS ebenso wie Flurförderzeuge – aber beide sind nicht vernetzt.“ Innerbetrieblich würden in Zukunft immer heterogenere Systeme zum Einsatz kommen. „Diese müssen sich jedoch untereinander verständigen können.“

Klaus Hiemer

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