Interview
Die Nachfrage nach Fördertechnik ist da
Der Wirtschaftsingenieur Carsten Schmidt arbeitet bei SEH Engineering als Geschäftsführer Fördersysteme. Beim Besuch am Standort Ostrhauderfehn sprach er mit materialfluss-Chefredakteur Daniel Schilling über die Unterschiede von Hänge- und Bodenfördertechnik, neue Perspektiven und die Vorzüge Ostfrieslands.
materalfluss: Herr Schmidt, alles spricht von der Krise der deutschen Industrie, spiegelt sich das bei Ihnen wider?
Carsten Schmidt: Nein, das können wir aus unserer Sicht nicht so bestätigen. Es hat im letzten Jahr nach dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine eine Delle gegeben, die aber aktuell aufgeholt wird. Wir als SEH sind stark im Automotive-Bereich engagiert und dort ist die Umrüstung auf Elektromobilität in vollem Gange. Das hat zwingend Konsequenzen für die Fördertechnik, wenn zum Beispiel die Karosserie schwerer wird oder Batterien zur Montage befördert werden müssen.
mfl: Betrifft das die gesamte Fördertechnik?
Schmidt: Ja. Unser Highlight bei SEH ist sicher die Elektrohängebahn Skyrail, aber wir bieten auch andere Hänge- sowie die gesamte Palette an Bodenfördertechnik an, und die Nachfrage ist überall da.
mfl: Gegenwärtig stagniert die Zahl der E-Auto-Zulassungen.
Schmidt: Das ist richtig, aber vermutlich nur vorübergehend. Wichtiger für die Nachfrage nach Fördertechnik ist, dass jetzt die Anlagentechnik geordert wird, die in zwei bis drei Jahren in Betrieb gehen soll. Das ist ein langfristiges Geschäft.
mfl: Welche Perspektiven gibt es für SEH außerhalb der Automobilindustrie?
Schmidt: Ein sehr wichtiger Markt für uns ist bereits jetzt die Oberflächentechnik; der ganze Lackierbereich sowohl mit Pulver als auch Nasslackieren. Außerhalb der Industrie sind Krankenhäuser ein neuer Markt für uns; besonders die Versorgungsbereiche. Flughäfen sind ebenfalls für uns interessant; allerdings nur bestimmte Bereiche wie das Catering. Die Gepäckförderanlagen sind nicht unser Geschäft. Das Ziel für uns ist, dass wir künftig zur Hälfte für die Automobilindustrie arbeiten, zur Hälfte für andere Branchen.
mfl: Welche Vorteile hat eigentlich die Hängetechnik gegenüber der Bodenfördertechnik?
Schmidt: Der wichtigste Vorteil gerade auch für unsere kleineren Kunden ist die Skalierbarkeit: Bei einem Bodenförderer müssen Sie vom Start an die gesamte Fördertechnik installieren, auch wenn die Produktion noch gar nicht so weit gewachsen ist. Bei einer Hängebahn ist die Installation der Schienen in der Regel deutlich günstiger. Die Fahrzeuge können dann nachgekauft werden, sobald der Bedarf da ist. Ein weiterer Vorteil ist, dass wir Hängebahnen sehr flexibel in bestehende Anlagen integrieren können. Daran haben wir in den vergangenen Jahren sehr gearbeitet.
mfl: Können Sie das genauer erklären?
Schmidt: Wir nennen unsere Technologie Predictive Engineering. Dazu setzen wir 3D-Scans von nur vier Punkten in der Halle aus ein, um ein 3D-Modell der bestehenden Anlage zu erstellen, in das wir dann virtuell einen ersten Entwurf der Streckenführung einsetzen können. Wir sehen dann sehr schnell, wo Objekte der Hängebahn im Weg stehen. Auch der Kunde kann sich schon einmal einen ersten Eindruck von der Streckenführung in seiner Anlage machen. Das kommt sehr gut an bei unseren Kunden.
mfl: Wäre es nicht einfacher, die Konstruktionspläne der Halle zu verwenden?
Schmidt: In der Praxis verändern sich die Installationen in einer Werkshalle rasant schnell und es gibt viele Beteiligte. Das kann kein Bauplan so abbilden. Selbst unser Scan ist nach ein paar Wochen veraltet. Unser Entwicklungsprozess, die Arbeit unserer Ingenieure, wird dadurch von der Planung bis zur Inbetriebnahme der Anlage erheblich erleichert. Gleichzeitig erhält der Kunde mehr Planungs- und Investitionssicherheit.
mfl: Wie wichtig ist das Thema Energieeffizienz für Ihre Kunden?
Schmidt: Heute ist das für unsere Kunden ein wichtiges Thema. Das Thema kam aber erst vor etwa zwei bis drei Jahren auf. Vorher spielte das keine Rolle. Wir sehen, dass dort ein deutliches Umdenken stattgefunden hat. Die größten Einsparpotenziale gibt es naturgemäß bei Neuanlagen; besonders Skyrail hat hier viel zu bieten. Neuanlagen machen allerdings nur rund 10 Prozent unseres Geschäfts aus. Doch auch Bestandsanlagen lassen sich nachhaltig optimieren.
mfl: Ostrhauderfehn, Ostfriesland, Ihr Hauptstandort für Fördersysteme, ist wirklich hübsch, liegt aber etwas abseits der großen Städte. Wie finden Sie qualifizierte Mitarbeiter?
Schmidt: Danke für das Kompliment. Damit ist aber auch schon einer der Wege genannt: Viele Ostfriesen zieht es zwar zunächst in die Ferne, sie kehren dann aber zurück und bleiben der Region verbunden. Für uns wird immer wichtiger, Ingenieursnachwuchs an den regionalen Hochschulen zu gewinnen. Dafür engagiere ich mich auch persönlich. Außerdem bilden wir selbst aus. Wir möchten das Engineering unbedingt im eigenen Haus behalten und das ist bisher auch immer gelungen. Im Montagebereich arbeiten wir auch mit langjährigen externen Partnern, aber die Verantwortlichen kommen immer von uns. Das verlangen auch unsere Kunden.










