Aus materialfluss 10/2019

Vom Erfinder zum Vorreiter

Paul Vahle ist seiner Zeit einen Schritt voraus, und das bereits 1912. Wie das gleichnamige Unternehmen die Geschichte der Intralogistik geprägt hat und wie der Weg bis zur Vorreiterrolle in der Branche verlief, lesen Sie im historischen Beitrag.

Die Elektrifizierung der deutschen Industrie, die mit der zweiten industriellen Revolution in den 1880er-Jahren begonnen hatte, steckt noch in den Kinderschuhen. Paul Vahle ist in dieser Zeit Leiter der Elektroabteilung bei Hoesch in Dortmund. Als ­solcher muss sich der findige Ingenieur mit den ständigen ­Unterbrechungen der Stromversorgung und den damit ein­hergehenden Produktionsstillständen und Unfällen herumschlagen. Vahle tut das offenbar auch in seiner Freizeit – mit einigem Erfolg: Bereits 1912 ersinnt er mit der Stromschiene eine Möglichkeit, elektrisch getriebene Schienenfahrzeuge und andere bewegliche Stromverbraucher zuverlässig mit Strom zu versorgen. Noch im gleichen Jahr lässt der geschäftstüchtige Tüftler seine Erfindung patentieren und gründet das Unternehmen, das bis heute seinen Namen trägt: Paul Vahle GmbH & Co. KG. Bis zum Erscheinen der 1. Ausgabe von Materialfluss dauert es ab hier übrigens noch 57 Jahre.

Ob Paul Vahle ahnt, dass seine Erfindung einmal einen entscheidenden Beitrag für die Entwicklung der industriellen Produktion und der Mobilität ganzer Gesellschaften leistet, ist nicht überliefert. Er stirbt 1926, nur 14 Jahre nach der Unternehmensgründung und lange bevor sich das Potenzial seiner Produkte voll entfalten kann. Die Geschäfte führt zunächst seine Frau Helene weiter, die die Verantwortung für den Betrieb 1932 schließlich ihrem Sohn Paul Werner Vahle überträgt. Das Unternehmen wächst in dieser Zeit langsam, aber beständig und zählt 1936 schließlich 30 Mitarbeiter. Allerdings beginnen am 1. September 1939 mit dem Angriff Deutschlands auf Polen schwere Zeiten. Paul Werner Vahle wird eingezogen und gerät im weiteren Verlauf des Kriegs in Gefangenschaft, aus der er erst 1949 freikommt. Die Geschäfte führt derweil wiederum eine Frau weiter: Maria Vahle, Paul Werners Ehefrau.

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Der Aufwind von Wiederaufbau und Wirtschaftswunder weht schließlich auch durch die Betriebshallen des im Dortmunder Stadtteil Brackel ansässigen Unternehmens. Bereits 1950, im Jahr des Neubeginns, beläuft sich der Umsatz auf 1,2 Millionen DM. Das Unternehmen floriert. Ende der 1950er-Jahre wird es endgültig zu eng auf dem alten Werksgelände. Die Verhandlungen mit den Dortmunder Stadtoberen über zusätzliche Flächen für eine Erweiterung bringen allerdings nicht das gewünschte Ergebnis. Kurzerhand verlegt Vahle 1958 seinen Unternehmenssitz ins benachbarte Kamen. Mit der Umsiedlung beginnt ein erfolgreiches Jahrzehnt. Einer der Gründe ist die Erfindung des Seecontainers durch Malcom P. McLean, die ab 1956 die Logistik revolutioniert und die globalen Warenströme anschwellen lässt. Einen weiteren Sprung macht die Entwicklung mit der Einführung des Hoch­regallagers in den 1960er-Jahren. Eines der ersten in Deutschland wird 1962 von Bertelsmann in Gütersloh errichtet.

Für eine sichere Energieübertragung setzt man auch dort auf die hochwertigen Produkte des Marktführers aus Kamen. Ein Jahr später nimmt Vahle die SicherheitsschleifleitungTyp KSL ins Programm. Das anhaltende Wachstum führt dazu, dass die Produktion in diesen Jahren erneut an ihre Grenzen stößt, sodass das Unternehmen 1965 erneut baulich erwitert. Die so gewonnenen Kapazitäten sind allerdings schnell erschöpft. Schon zu Beginn der 1970er-Jahre – die Erstausgabe von Materialfluss ist gerade erschienen – wird das Kamener Werk abermals ausgebaut. Gleichzeitig sorgen neue Produkte wie die Leichtmetallschiene für steigenden Umsatz. 1971 verlässt der einmillionste Meter Kunststoffschleifleitung das Werk. In diese Zeit fällt auch ein prestigeträchtiger Auftrag für den Erfinder der Stromschiene: Die Ausrüstung der Magnetschwebebahn Transrapid auf der Teststrecke im Emsland. Als Folge der Entwicklung von Elektrohängebahnen konzipiert Vahle zudem die U10-Stromschiene – der Verkaufsschlager in der Automobilfertigung.

In der Intralogistik, die übrigens erst ab 2003 so heißt, ist in den 1980er- und 1990er-Jahren vieles im Fluss. Konzepte wie Just-in-Time aus dem Hause Toyota, Quick Response (QR) und Efficient Consumer Response (ECR) rücken die Material­beschaffung in den Fokus und steigern die Effizienz der Warenversorgungssysteme erheblich. Im Zuge dessen gewinnt auch die Datenübertragung an Bedeutung. Vahle hat ein waches ­Auge auf dieser Entwicklung und reagiert 1995 mit der Übernahme der Schlitzhohlleiter-Datenübertragung SHL (heute SMG) von der Deutschen Aerospace AG. Drei Jahre später entwickelt Vahle in Zusammenarbeit mit der TU Braunschweig das Contactless Power Supply (CPS) zur induktiven Energieübertragung.

Die ganzheitliche Betrachtung der Wertschöpfungskette logistischer Aufgaben – die „Supply Chain“ – hat sich um die Jahrtausendwende vollends durchgesetzt. Es geht um die Ana­lyse und Optimierung des kompletten Wertschöpfungszyklus’, vom Rohmaterial bis zur Übergabe des Produktes an den Endabnehmer. Seine Vorreiterrolle im Bereich Intralogistik stellt Vahle 2017 mit der Gründung des Geschäftsbereichs Automation unter Beweis. Ziel ist die Entwicklung, Produktion und ­Lieferung hochwertiger Antriebs- und Steuerungssysteme mit dem Folus auf der induktiven Energieübertragung. Die Vahle Automation GmbH im Hauptquartier im Österreichischen Schwoich bei Kufstein wird eröffnet. Nicht zuletzt dies zeigt, dass das Kamener Unternehmen seinen Pioniergeist auch im Verlauf von mehr als 100 Jahren nicht verloren hat. Paul Vahle würde es gefallen.

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