Aus materialfluss 6/2020

"IT ist kein Selbstzweck"

Seit Anfang 2020 ist Johannes Meißner neu in der Geschäftsführung von Witron. Der Ingenieur mit Fachgebiet Nachrichtentechnik kommt aus der IT des Unternehmens und startete vor mehr als 30 Jahren seine Karriere bei dem Oberpfälzer Unternehmen. Verändert sich mit der Berufung eines IT-Verantwortlichen die Strategie von Witron?

Johannes Meißner ist Mitglied der Geschäftsführung von Witron. © Witron

materialfluss: Ein IT-Verantwortlicher als neuer Geschäftsführer, läutet Ihre Berufung in die Geschäftsführung neue Zeiten bei Witron ein, weg von der Physik hin zur IT?

Johannes Meißner: Ich habe die IT mitverantwortet, bin aber ­studierter Ingenieur mit Schwerpunkt Nachrichtentechnik. Also bleiben wir nah an der Physik (lacht). Im Ernst: In der Vergangenheit waren wir sehr nahe an der Hardware, haben in den Anfängen Steuerungen selbst entwickelt. Unser Schwerpunkt bewegt sich ein wenig weg von der Hardware, aber der Kontakt und das Verständnis darf uns nicht verloren gehen. IT ist kein Selbstzweck, wir müssen uns immer fragen, warum und wofür wir die Anwendungen ­entwickeln und wie das Zusammenspiel mit der Physik aussieht. ­In der öffentlichen Diskussion dominieren viele IT-Hypes die ­Diskus­sionen. Oft geht aber vielen Unternehmen der Kundenfokus dabei verloren.

mfl: Bleibt also alles beim Alten?

Meißner: Auch mit der oben erklärten Bewegung in unseren ­Entwicklungsschwerpunkten sind wir mitten in der Neuausrichtung unserer IT-Strukturen. Konkret heißt das: Wir arbeiten an neuen User Interfaces, investieren in Usability, nutzen Webanwendungen, bauen Plattformen und nutzen Cloud-Dienste. Wichtig ist, dass wir das mit unseren Kunden gemeinsam tun. Ein Beispiel: Mein erstes Projekt war in den USA und wir haben vor mehr als 20 Jahren ein Lagerverwaltungssystem entwickelt, das heute noch in mehr als 40 Standorten im Einsatz ist, immer gewartet und modernisiert wurde und zukünftig möglicherweise in einer privaten Cloud arbeitet.

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mfl: Zurück nochmal zur Hardware – Witron setzt seit einigen Monaten auf Beckhoff-Steuerungen, warum?

Meißner: Wir sehen in der PC-basierten Steuerung die Zukunft. Wir erhalten ein offenes Entwicklungsumfeld, wir können unsere ­Softwareentwicklungen nutzen.

mfl: IT und Steuerungswelten rücken zusammen – sind Hochsprachen die Zukunft auch in der Steuer- und Regelungstechnik?

Meißner: Die Welten verschwimmen. Die Steuerung sendet Daten in eine Cloud. IT, Office und Shopfloor bedingen sich gegenseitig, darum werden Hochsprachen an Bedeutung gewinnen, auch um Webapplikationen anzudocken, die Flexibilität zu erhöhen und außerdem bilden Hochschulen nur noch selten Studierende in der IEC 61131-Entwicklung aus. Sie wird nicht verschwinden, aber Hochsprachen gewinnen in unserer Steuerungswelt an Bedeutung.

mfl: Welche Sprachen nutzen Sie bei Witron?

Meißner: C++, C# , .net sowie Sprachen für Web- Mobilanwendungen wie Xamarin/REACT. Datenbanksprachen wie PL/SQL sind ebenso wichtig.

mfl: Nutzen Sie Open Source-Software?

Meißner: Die aktuelle Strategie besteht eher darin, die Witron-Anwendungen durch zusätzliche Konnektivität nach außen weiter zu öffnen. Wir sind gerade dabei, erste Schritte zu gehen, diskutieren neue Anwendungen vor allem in unserer End-to-End-Plattform, um Teilnehmern der Supply Chains Applikationen entsprechenden Zugriff und Steuerungsmöglichkeiten an die Hand zu geben. Wir wollen beispielsweise in Zukunft den Filialen Micro Services zur Verfügung stellen, die auch uns die Arbeit im Logistikzentrum erleichtern.

mfl: Ein viel diskutiertes Thema in der IT von Logistikzentren ist die Middleware, wenn ich mehrere Anbieter im Lager habe. Warum tun sich Witron und die anderen Anbieter so schwer, Schnittstellen zu entwickeln?

Meißner: Das Problem ist, dass einige Kunden selber an der Middle­ware basteln. Wenn wir eine Middleware haben, die nur Verbindungen zwischen Systemen schafft, dann funktioniert das meistens noch gut. Nur werden diese Middleware-Anwendungen dann oft um zusätzliche Funktionen und Logiken erweitert und dann wird es unübersichtlich und manchmal sogar chaotisch. Viele müssen dann drei Systeme pflegen – bspw. unser System, das Wettbewerbssystem und die Middleware. Wir müssen vorher die Prozesse sauber ­auf­setzen, Schnittstellen schaffen und nutzen. Doch oft werden diese Themen beim Anwender nicht zu Ende diskutiert und es entsteht Wildwuchs. Ich sage aber auch: Wenn man mehrere Systeme mit­einander, auch über eine schlanke Middleware, führt, dann wird der Anwender trotzdem nicht das Optimum herausholen.

mfl: Ihre Komponentenlieferanten wie Beckhoff, Lenze oder Sick sollen offene Schnittstellen mitbringen, Sie als Intralogistiker knausern mit der Offenheit?

Meißner: Ja, das stimmt. Wir werden in den nächsten Jahren offene Systeme erleben, Schnittstellen bereitstellen, auch um Anwen­dungen aus der Supply Chain Zugriff zu erlauben. Das Zauberwort heißt Plattform. Sie müssen aber auch bedenken, dass in vielen ­Fällen wir mittlerweile das Lager technisch managen und operativ fahren. Das Feedback aus dem technischen und operativen Betrieb fließt so in unsere Anwendungen, um sowohl Anlage als auch Betrieb weiter zu optimieren. Der Trend wird ­weiter zunehmen.

mfl: Aber Daten will der Kunde.

Meißner: Ja, das ist ein riesiges Thema. Wir müssen die Supply Chain Ebenen verbinden, brauchen mehr Konnektivität und ­tauschen via MQTT/RESTful http-Daten für die Steuerung und Analysen aus.

mfl: Vielen Dank für das Gespräch!

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